Stadt und Land um die Mitte des 17. Jahrhunderts

In wenigen Fragen gehen die Meinungen der Historiker so weit auseinander wie beim Urteil über die Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Die nationalistisch gefärbte Geschichtsschreibung des vorigen und der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts stellte ihn als die größte Katastrophe eines ganzen Jahrtausends dar. Für sie spielten die Schwächung der kaiserlichen Zentralgewalt, das zeitweise Ausscheiden des Reiches aus der Weltpolitik und der wachsende Einfluss, den die Friedensverträge von 1648 dem Ausland auf die deutschen Angelegenheiten gaben, eine entscheidende Rolle. Ist aber die Betrachtung der Geschichte aus dem Blickwinkel des Machtstaates zeitgemäß? Auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg mit sich brachte, wurden von der nationalistischen Geschichtsschreibung beklagt. Galten ihr doch die Verhältnisse der Vorkriegszeit teilweise als Ideal. Waren sie es aber wirklich? Dazu gesellten sich Klagen über das Zunehmen ausländischer Kultureinflüsse, vor allem aus Frankreich. Waren seine Folgen aber für Deutschland tatsächlich negativ? Heute wird anerkannt, dass französische Kultur die deutsche Geisteswelt außerordentlich bereichert hat. Es wird auch gesehen, dass die politischen Umwälzungen nicht nur negative Aspekte hatten. Statistische Angaben zu den Kriegsfolgen
In der älteren Literatur wird der Dreißigjährige Krieg auch oft undifferenziert als die materielle Katastrophe schlechthin dargestellt. Nun sollen die Verluste, die er forderte, durchaus nicht verniedlicht werden. Nur müssen wir viel mehr Schattierungen in das Bild bringen, als das die älteren Darstellungen in der Regel taten. Generelle Aussagen sind nicht möglich. Der Krieg wütete in den einzelnen Teilen des Landes unterschiedlich hart und lang. Schleswig-Holstein und Niedersachsen zum Beispiel wurden wenig betroffen, während die Bevölkerungsverluste in anderen Regionen 50 Prozent erreichten oder vielleicht sogar überschritten, wie in Württemberg. Dabei kosteten die Seuchen mehr Menschenleben als die Kriegshandlungen. Die Pestwelle von 1634 bis 1640 konnte sich wegen der verstärkten Wanderungsbewegungen durch Flüchtlinge und Soldaten schnell ausbreiten. Die gebietsweise schlechte Ernährungslage förderte die Ausbreitung der Seuche. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch vor dem Krieg schätzungsweise die Hälfte der deutschen Bevölkerung periodisch von Hungersnot bedroht war. Wenn wir die Bevölkerungszahlen vor und nach dem Krieg vergleichen, dann ist schwer zu entscheiden, wie viele Menschen durch Krieg und wie viele durch Pest umkamen. Wir wissen heute, dass die Bevölkerungsverluste auch nicht immer mit der Zahl der Toten identisch sind, denn Krieg und Seuchen setzten große Flüchtlingswanderungen in Gang, die statistisch sehr schlecht erfasst sind. Teilweise hat der Krieg auch nur einen sozialen und wirtschaftlichen Strukturwandel beschleunigt, der bereits im 16. Jahrhundert vorhanden war und zu Bevölkerungsverschiebungen führte. Deshalb ist nicht jedes verlassene Dorf, jede Wüstung, die wir 1648 finden, eine Folge des Dreißigjährigen Krieges. Das Zahlenmaterial ist sehr lückenhaft, teilweise auch noch nicht ausreichend erforscht. In manchen Fällen geben die Quellen auch ein falsches Bild. Sie können verfälscht worden sein, um dadurch Steuererleichterungen oder sonstige Hilfe zu erhalten. Andere Quellen berichten nur nach dem Hörensagen und übertreiben unbewusst. So haben wir es bei Quellen und Interpretationen oft mit lückenhaften und einseitigen Darstellungen, ungeprüften Berichten und unzulässigen Verallgemeinerungen zu tun. Die Tendenz geht heute dahin, die Verluste nicht mehr als allgemein so katastrophal anzusehen wie bisher, so schlimm sie im Einzelfall auch waren. Am härtesten wurden die Gebiete an den Durchzugsstraßen der Heere getroffen, und hier wieder die ländlichen Bezirke mehr als die Städte; denn die bäuerlichen Milizen waren den Berufssoldaten und den Räuberbanden fast immer unterlegen. Die Dörfer hatten also durch Plünderungen mehr als die Städte gelitten, die Großstädte weniger als Kleinstädte. Allen Städten aber war gemeinsam, dass der Krieg ihr wirtschaftliches und soziales Gefüge zutiefst erschüttert hatte. Das gilt auch für jene, die ihn äußerlich unbeschadet überstanden oder sogar von ihm profitierten. Teils waren neu entstandene Probleme schuld, teils hatte der Krieg schon früher vorhandene Strukturschwächen verschärft. Gebot der Stunde: Mobilisierung aller Energien für den Wiederaufbau
Der Krieg hatte alte Gewerbe zerschlagen (beispielsweise Bergbau und Metallverhüttung), denen nun der Zugang zu Rohstoffen oder Absatzmärkten fehlte. Auch wurden Produktionsstätten durch direkte Kriegseinwirkung vernichtet und gesuchte Fachkräfte wanderten aus gefährdeten Gebieten ab. Andererseits hatte der Krieg rüstungswichtige Gewerbe gefördert und neue Wege und Märkte geöffnet, wie z. B. zwischen den norddeutschen Städten und den Niederlanden. Insgesamt ging Deutschland geschwächt aus dem Krieg hervor: die Bevölkerung war erheblich dezimiert, die Wirtschaft lag darnieder, viele Einzelbürger, Reichsstädte und Fürsten waren hoffnungslos verschuldet, die Währungen zerrüttet. Kaiser, Reichsorgane und Fürsten versuchten deshalb, Ordnung in die Finanzen zu bringen. So wurde vom Reichstag 1654 ein Höchstzins von fünf Prozent angeordnet, was bei der damaligen Kapitalknappheit viel zu niedrig war. Außerdem wurden aufgelaufene Zinsen auf ein Viertel zusammengestrichen, die Kündigung von Privatdarlehen auf drei Jahre ausgesetzt, sowie die Rückzahlungsfristen gestreckt. Erst ab etwa 1675 normalisierten sich die Kapitalmärkte. Die Beseitigung der sichtbaren Schäden dauerte in stark betroffenen Gebieten etwa 50 Jahre. Magdeburg hatte 1683, also 35 Jahre nach Kriegsende, bei 1030 bewohnten Häusern noch 443 Ruinen aus dem Krieg. Die Geburtenzahlen stiegen nach Friedensschluss stark an, sanken aber nach wenigen Jahren wieder. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war in den meisten Gebieten die Bevölkerung wieder so groß wie vor dem Krieg. Im Krieg waren die Straßen meist verfallen. Daneben erschwerten die im Krieg stark erhöhten Finanzzölle den Handel, denn sie wurden wegen der Geldnot der Städte und Fürsten nach 1648 meist nicht wieder gesenkt. Erst um 1670 wurde der Vorkriegsstand in Handel und Gewerbe wieder erreicht. Aber schon 1677 begann Frankreich mit der planmäßigen Verwüstung der Pfalz, und neue Kriege belasteten Teile Deutschlands, wie zum Beispiel das Vordringen der Türken, dessen Höhepunkt die Belagerung von Wien 1683 war. Diesen negativen Punkten standen auch positive gegenüber: Die Fürsten sahen ihr Land nicht mehr als zufällige Summierung wirtschaftlich voneinander unabhängiger Landstücke unter einheitlicher politischer Leitung an, sondern als gewerbliche Einheit. Sie versuchten daher, den Strukturwandel in ihrem Sinne zu steuern. Das Ziel hieß: Stärkung der Fürstenmacht durch Vereinheitlichung und Förderung der Wirtschaft. Als Mittel dienten Maß-, Münz- und Gewichtsreformen, die den Wirrwarr wenigstens ansatzweise einschränkten und damit Voraussetzung für die großen Reformen des 19. Jahrhunderts waren. Binnenzölle baute man ab und verstärkte dafür die Grenzzölle. Auch sie behinderten zwar den Handel, doch entstand wieder eine Vorstufe für die Reformen des 19. Jahrhunderts. Landeszünfte unter staatlicher Kontrolle ersetzten die autonomen Stadtzünfte. Sie milderten meist die Einschränkungen, denen die alten Zünfte die Handwerker unterworfen hatten. Von den Fürsten ins Leben gerufene Landzünfte achteten auf Qualitätssteigerung beim Dorfhandwerk. Rohstoff- und Arbeitskräftepolitik kamen hinzu – aber all diese Maßnahmen wären ohne die energischen Aufbauleistungen aller Gesellschaftsschichten sinnlos gewesen. Das Kernstück der fürstlichen Aktivitäten lag bei Gewerbe-, Handels und Verkehrspolitik. Manufakturen entstanden; gelegentlich waren sie mit technischen Lehranstalten verbunden, die für die Verbreitung von Kenntnissen sorgten. In der Physik trat das Experiment seinen Siegeszug an; die praktischen Ergebnisse ließen nicht auf sich warten. Die Technik machte jetzt erstmals größere Schritte über den Stand der Antike hinaus. Pfiffige Erfinder aber auch Scharlatane sammelten sich an den Höfen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand auf allen Gebieten der Technik eine deutschsprachige Fachliteratur, zunächst unter dem Einfluss Italiens, später Frankreichs. Sie sorgt für schnelle Verbesserung der Produktionsmethoden und für die Verbreitung neuer Ideen. Die Arbeitsteilung, erstmals in den Manufakturen verwirklicht, erhöhte die Produktivität des Gewerbes. Da die Fürsten aus militärischem und wirtschaftlichem Interesse Postwesen und Straßennetz verbesserten, beschleunigten sich die ökonomischen Abläufe. Neue Wagentypen, größere und schnellere Schiffe erhöhten die Transportkapazität. Auch der Ausbau der Binnenwasserstraßen begann nach dem Vorbild Frankreichs (Bau des Spree-Oder-Kanals 1662-1668). All diese Maßnahmen erfolgten noch nicht systematisch und aufeinander abgestimmt, sondern man tat jeweils das, was aus der Lage des Augenblicks heraus als geeignet erschien, die Kasse des Fürsten aufzubessern. Nach der fürstlichen Rechnungskammer benannte man deshalb auch diese Art der Politik als Kameralwissenschaft oder Kameralismus. Hat der Kameralismus die Wirtschaft wirklich gefördert? Manche Autoren bezweifeln es und meinen, alle Entwicklungen wären ohne ihn noch schneller gekommen, weil der durch den Krieg verursachte Wandel durch Beseitigung einiger überkommener Strukturen so viele neue Wege freigelegt habe, dass neue Entwicklungen fast von selbst eingetreten wären. Die Mehrzahl der Historiker ist aber der Ansicht, der Kameralismus habe den Gang der Dinge durchaus gefördert, wie sich an der Entwicklung der fürstlichen Städte ablesen lasse, während die selbstständigen Städte im allgemeinen eine negative Entwicklung genommen hätten. Eindeutig haben kameralistische Maßnahmen jedenfalls die selbstständigen Städte in ihrer Bewegungsfähigkeit immer mehr eingeengt, sie immer mehr unter die Botmäßigkeit der Territorialherren gezwungen, bis schließlich nur noch wenige von ihnen als Freie Reichsstädte übrigblieben, Reste einer vergangenen politischen Ordnung. Einzelne konnten ihre Position behaupten, weil besondere Umstände sie begünstigten, wie z. B. Hamburg, Frankfurt und Bremen die Verkehrslage. Pieter de Hooch: Mutter und KindMutter und Kind. Die beiden Räume spiegeln gediegenen bürgerlichen Wohlstand: warme Bettvorhänge, Pelzjacke, Bettwärmer aus Messing und Ölgemälde. Der Maler Pieter de Hooch zeigt häufig Intérieurs. Städtische Gesellschaft im Umbruch
Der Krieg hatte tüchtigen Soldaten und wendigen Geschäftsleuten die Chance zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg gegeben. Das galt in besonderem Maße für die Juden. Wilde Spekulationen mit Waren, Grundbesitz und Krediten ließen riesige neue Vermögen entstehen. Bekannte alte Häuser dagegen verschwanden, weil sie ihre wirtschaftliche Basis verloren oder sich den veränderten Bedingungen nicht anpassen konnten. So mussten die Fugger ihr Bankgeschäft 1650 schließen. Aktive Unternehmer nutzten dagegen die Gunst der Stunde und entwickelten Rüstungsbetriebe oder stießen in Versorgungslücken, die durch Störung alter Handelsverbindungen entstanden waren. Der Umschichtung im Besitzbürgertum stand wachsendes Massenelend gegenüber. Im Durchschnitt dürfte um die Mitte des Jahrhunderts die Hälfte aller Stadtbewohner ohne Besitz gewesen sein. Bettelei war an der Tagesordnung. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen lag bei etwa 40 Jahren. Schon im 16. Jahrhundert hatte sich die soziale Lage der unteren Schichten verschlechtert. Der Dreißigjährige Krieg verschärfte diesen Trend. Nicht erst die Industrielle Revolution schuf die sozialen Probleme der Neuzeit. Wenn in manchen Städten schon bald nach dem Krieg wieder Kleiderordnungen erlassen wurden (wie in Nürnberg 1657), die den Aufwand begrenzen wollten, dann dürfen wir dies nicht unbedingt als Indiz dafür sehen, dass der Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten überhand nahm. Es ist wohl vielmehr ein Anzeichen dafür, dass versucht wurde, die ins Wanken geratenen Standesgrenzen zu stabilisieren und dadurch etwas von der ›alten‹ Welt zu retten. Die Neureichen scheinen solche Bestrebungen kräftig unterstützt zu haben, da ihre gesellschaftlichen Ideale nach rückwärts orientiert waren. Im großen und ganzen können wir in den Städten jener Zeit sechs verschiedene soziale Schichten feststellen: alten Stadtadel, aufsteigenden Stadtadel, Mittelstand, vor allem größere Kaufleute – Handwerker und Kleinhändler – Stadtarme, wie Arbeitslose, Bettler, Schausteller, Hausierhändler usw. BänkelsängerinBänkelsängerin. Im 17. Jahrhundert war holländische Malerei in Europa beispielgebend. Auch der Darmstädter Hofmaler johann Christian Seekatz malte ländliche Motive im niederländischen Stil. Dortmund, Schloss Kappenberg. Die fürstlichen Residenzen Keimzellen neuen Wohlstands
Wenn wir auf einer politischen Landkarte Deutschlands die Ergebnisse des Krieges anschauen, dann sehen wir die starke Zersplitterung des Reiches in viele quasi-souveräne Staaten. Während sich einerseits das Reich auflöst, festigen sich die fürstlichen Territorien. Dabei erkennen wir als wichtigsten Faktor zunächst die Entwicklung zentraler Behörden in den Landeshauptstädten. Von hier aus wird das Land jetzt verwaltet, während der Fürst des Mittelalters noch durch sein Land zog, um die auftauchenden Probleme in der Regel an Ort und Stelle zu lösen. Damit bekommt die Residenzstadt zahlreiche neue Funktionen, entsteht als neuer Typ. In ihrem Zentrum steht das Schloss des Fürsten, dazu kommen die Bauten der neuen Behörden. Es entsteht die regelmäßig geplante Barockstadt. Ihre volle Entfaltung erfährt sie wegen der wirtschaftlichen Kriegsfolgen erst im 18. Jahrhundert, doch sehen wir die ersten Ansätze schon bald nach dem Dreißigjährigen Krieg: Bau des Poppelsdorfer Schlosses in Bonn, des Schlosses in Herrenhausen bei Hannover, Erweiterung der Schlösser in Celle und Mainz, um nur einige Beispiele zu nennen. Durch Bautätigkeit und Mäzenatentum befruchten die Fürsten Kultur und Aussehen ihrer Residenzen. Da aus technischen Gründen die volle Zentralisierung der Verwaltungen noch nicht möglich war, entstanden in den meisten Territorien Nebenresidenzen. So wurde Deutschland schließlich mit einer Fülle von Klein- und Mittelzentren überzogen, deren Entstehung wir bis heute den großen kulturellen Reichtum unseres Landes mit verdanken. Ein Teil des Adels schloss sich eng an die Fürsten an und trat in Offizierskorps und Beamtenschaft ein. Auch er bereicherte die Residenzen durch seine Bautätigkeit. Die stehenden Heere, die wir ab 1680 überall finden, schufen dann noch den Typ der Garnisonstadt mit Kasernen, Zeughäusern und Rüstungsbetrieben, vor allem in Form der Manufaktur. Dieser neue Unternehmenstyp produzierte noch gemäß den überkommenen handwerklichen Methoden, aber schon nach den Gesetzen der rationelleren Arbeitsteilung. Als fürstlich privilegierter Privatbetrieb oder als staatlicher Regiebetrieb erzeugte die Manufaktur standardisierte Rüstungsgüter oder Luxuserzeugnisse für die fürstliche Hofhaltung. Die Porzellanmanufakturen von Ludwigsburg, Meißen oder Nymphenburg zeugen heute noch davon. Manchmal entstand die Garnisonstadt in Verbindung mit der Residenz, manchmal aus strategischen Gründen unabhängig von ihr, immer aber von starken Befestigungen umgeben – eine Folge der leistungsfähig gewordenen Artillerie. Da der Aufwand für Heer, Verwaltung und Hofhaltung groß war, prägte er das Bild der fürstlichen Residenz- und Garnisonsstädte entscheidend. Aber auch deren gesellschaftliche Struktur wurde wesentlich bestimmt, denn neben Handwerker, Kaufleute und Patriziat traten nun Beamte, Offiziere und Soldaten als neue gesellschaftliche Schichten. Durch ihre Verbindung zum Hof gaben sie und ihre Lebensweise vielfach ein Vorbild ab, und auch als Wirtschaftsfaktor waren sie von großer Bedeutung für die übrigen Bürger der fürstlichen Städte. Ein bereichernder Faktor für das Wiederaufleben von Gewerbe, Handel und Konsum in den Städten waren die ausländischen Glaubensflüchtlinge, besonders die aus Frankreich kommenden Hugenotten. Sie stammten meist aus Städten und siedelten sich in neu gegründeten Vierteln deutscher Städte an (z. B. in Erlangen und Kassel). Ihre Bedeutung lag nicht in ihrer Zahl, sondern darin, dass sie unbekannte Kenntnisse und Fertigkeiten, wie Handschuhmacherei und Strumpf-Wirkerei, und neue Produktionsverfahren mitbrachten, zum Beispiel den Akkordlohn bei scharfer Arbeitsteilung. Aber auch ihre Wirkung auf die Wirtschaftsgesinnung und auf die städtische Kultur ist nicht zu verkennen. Wirtschaftliche Emanzipation: Chancen für Teile der jüdischen Bevölkerung
Schon vor dem Krieg hatte die Zahl der Juden zugenommen. Sie wohnten damals vorwiegend in geschlossenen städtischen Gettos. Kirche und Zunftordnung unterwarfen sie starken beruflichen und gesellschaftlichen Einschränkungen, denn wer nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, konnte auch nicht Glied der bürgerlichen Gesellschaft werden. Das begann sich im Krieg zu ändern. Noch im 17. Jahrhundert galt das kirchliche Verbot, das Christen untersagte, für Kredite Zinsen zu verlangen. So konzentrierten sich die Geldgeschäfte in den Händen der Juden, die diesem Verbot der Kirche nicht unterlagen. Zum Teil sehr ansehnliche Geldvermögen konnten sich so bei ihnen konzentrieren. Als nun der Dreißigjährige Krieg und dessen Folgen die deutschen Fürsten in ständig wachsende Geldnot stürzten, suchten diese Hilfe bei jüdischen Geldverleihern. Es entstand die Schicht der »Hoffaktoren«, d. h. jüdischer Bankiers, die die Organisation und Finanzierung des Staatskredites übernahmen. Auch als Heereslieferanten wurden manche Juden im Krieg unentbehrlich, da sie infolge ihrer weit gespannten internationalen Beziehungen oft Rüstungsgüter schneller und in größeren Mengen besorgen konnten als andere Geschäftsleute, die allen möglichen rechtlichen und religiösen Einschränkungen unterlagen. So entstand in den Städten der Fürsten eine wohlhabende und einflussreiche jüdische Oberschicht. Sie war nicht mehr an die Gettos gebunden und passte sich teilweise in den Lebensgewohnheiten den christlichen Mitbürgern an. Den Fürsten war sie unentbehrlich. Der Wiener Hof schuldete zum Beispiel im Jahr 1700 alleine seinem Oberhoffaktor Samuel Oppenheimer die für damalige Zeiten ungeheuere Summe von etwa sieben Millionen Gulden! Der Einfluss der Hoffaktoren war entsprechend groß. So gelang es im Dreißigjährigen Krieg einigen reichen Juden in den Adelsstand aufzusteigen und die Fürsten auch im Interesse ihrer ärmeren Glaubensgenossen zu beeinflussen. Als Folge verbesserte sich die Stellung der Juden in den fürstlichen Territorien von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Anders sah es in den Reichsstädten aus. Vor allem in den Kleinstädten wuchs die Judenfeindschaft im und nach dem Krieg. Schuld waren die sozialen Krisen, und verschärft wurde die Stimmung durch die Einwanderung von Ostjuden, die von der ansässigen Bevölkerung als besonders wesensfremdes Element empfunden wurden, zumal Ausländer als Folge des Krieges allgemein nicht beliebt waren. Aus den meisten Reichsstädten wurden die Juden daher während des 17. Jahrhunderts völlig verdrängt und gezwungen, in die fürstlichen Territorien oder auf die Dörfer auszuwandern. Auf dem Land zogen sie vor allem den Handel mit Vieh und Ackerbauprodukten an sich, wobei ihre weit gespannten Beziehungen hilfreich waren. Dadurch entstand ein zäher Antisemitismus auf dem flachen Lande, da viele Bauern ihre wirtschaftlichen Probleme als Schuld der jüdischen Händler ansahen. IdylLändliches Idyl. Trappen, begehrtes Federwild, waren schwer zu fangen. Man benutzte Tierattrappen zur Tarnung. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Die Lage der Bauern
Während die Fürsten der städtischen Wirtschaft große Aufmerksamkeit schenkten, interessierten sie sich für die Landwirtschaft nur wenig. Die Nahrungsmittelproduktion erholte sich nach dem Krieg schnell. Es war also nicht nötig, sie besonders zu fördern. Wie in den Städten bewirkte der Krieg auch auf dem Land starke soziale Umschichtungen. Verarmte Freibauern sanken zu Tagelöhnern ab, Angehörigen des Landproletariats gelang es, in den Bauernstand aufzusteigen. Die Produktion stieg bald schneller als die Bevölkerung, die Agrarpreise waren daher niedrig. Die Akzise, eine im Krieg eingeführte Art von Umsatzsteuer, belastete die Bauern, da sie bei dem Überangebot an Nahrungsmitteln von den Erzeugern nicht auf die Verbraucher abgewälzt werden konnte. So spitzte sich die Lage der Bauern langfristig zu, vor allem östlich der Elbe, wo die Grundherren Inhaber der niederen Gerichtsbarkeit und der Polizeigewalt waren. Die Rechtsstellung der Bauern wurde schlechter, sie wurden gezwungen, ihre Leistungen an den Adel zu steigern. Über die Abgaben hinaus konnte der Adel die Bauern auch indirekt ausbeuten, wie durch Ausnützung von Mühlen-, Back-, Brau- und Brennmonopolen oder durch Vorkaufsrechte für die Erzeugnisse der Bauern. Neben diesen negativen Bildern dürfen wir nicht übersehen, dass es auch Inseln bäuerlichen Wohlstands gab, wie in Südbayern, Hessen, Schleswig-Holstein und weiteren kleineren Gebieten, und dass es den Bauern in manchen Ländern möglich wurde, sich von den landesherrlichen Diensten freizukaufen, so in Kurbaiern ab 1665/1668. Der durch reich gewordene Offiziere und Kriegsgewinnler vermehrte Landadel passte sich den veränderten Gegebenheiten besser an als die Bauern, wurde dadurch als Konkurrent überlegen und kaufte den sehr billigen Boden auf. Vor allem in Ostdeutschland entstanden Großgüter. In Baiern entwickelten die finanzkräftigen Klöster beträchtlichen Großgrundbesitz. In der Landwirtschaft entstanden mit der sogenannten »Hausväterliteratur« die ersten Fachbücher; wesentliche technische Neuerungen gab es aber noch nicht. Allerdings brachten einwandernde Glaubensflüchtlinge, vor allem Hugenotten, neue Produkte mit, besonders im Obst- und Gemüsebau. Die Kartoffel (im Elsass ab 1623, in Westfalen ab 1640 bekannt) spielte noch keine wirtschaftliche Rolle. Insgesamt kann man sagen, dass die Landwirtschaft sich von den Kriegsfolgen schneller erholte als die Städte, dass sie jedoch mehr dem Herkömmlichen verhaftet blieb, so dass jenes Sozialgefälle zu entstehen begann, das erst in unserer Zeit abgebaut wurde. Betrachten wir zusammenfassend Stadt und Land um die Mitte des 17. Jahrhunderts, dann kommen wir zu dem Schluss, dass jene wirtschaftlichen und sozialen Strukturen entstanden, die das Bild der Städte bis weit in das 19. Jahrhundert hinein bestimmten. Auf dem Land dagegen blieben die alten Zustände noch weitgehend erhalten, wobei sich die Rechtsstellung der Bauern tendenziell verschlechterte.

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Info 14.12.2017 16:05
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