Österreich und die Türken

Die erste Wiener Türkenbelagerung von Wien durch die Osmanen fand vom 27. September bis zum 14. Oktober 1529 statt, wobei sich die Verteidiger der Stadt gegen die Belagerer behaupten konnten. Seit das osmanische Reich, das aus einer kleinen Kernzelle, aus dem Stammverband eines Turkstammes in Anatolien, entstanden war, im 14. Jahrhundert nach Europa übergriff und im Laufe des Spätmittelalters den gesamten Balkanraum eroberte, war man sich in Mitteleuropa der Gefahr, die von dieser expansiven Kraft im Osten ausging, dunkel bewusst. Die Eroberung des Restes des ehemals mächtigen byzantinischen Reiches, der Stadt Byzanz oder Konstantinopel durch die Türken im Jahre 1453 machte die europäische Öffentlichkeit hellhörig. Österreich war mit den Türken erstmals durch die Einfälle türkisch-tatarischer Streifscharen nach Kärnten und Krain im 15. Jahrhundert konfrontiert. Diese Einfälle leichter Reitertruppen gingen so blitzschnell vor sich, dass die herkömmliche Kriegsführung der langsamen Adelsaufgebote versagte. Die Bauern des ungeschützten Landes, das der Verwüstung und Plünderung preisgegeben war, kündigten ihren Grundherren im Kärntner Bauernaufstand 1478 die Treue auf, da sie sahen, dass diese nicht imstande waren, sie gegen die hereinbrechenden Feinde zu schützen. So sehen wir schon bei dieser ersten Begegnung der Osmanen mit den österreichischen Ländern, dass die Auswirkungen der osmanischen Expansion auf Österreich nicht nur solche sind, die man der äußeren Geschichte zurechnen kann, sondern dass wir auch mit inneren Rückwirkungen auf Österreich rechnen müssen. Ungarn verliert seine Selbstständigkeit
Jedoch waren die habsburgischen Länder im 15. Jahrhundert noch nicht das Hauptkampfgebiet, sondern nur Schauplatz gelegentlicher Streifzüge kleinerer Reiterscharen. Erst mit der Beseitigung des selbstständigen ungarischen Königtums, das bis dahin wie ein Schutzwall vor den habsburgischen Ländern gelegen hatte, in der Schlacht von Mohács 1526, in der der junge König Ludwig II. Jagiello fiel, kam es durch das Inkrafttreten der Erbverträge, die dieses Haus mit den österreichischen Habsburgern geschlossen hatte, zu einem Erbanfall Ungarns an die Habsburger. Nur ein Teil Ungarns, nämlich Westungarn, konnte militärisch behauptet werden, aber mit Ungarn erbte Österreich auch die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Osmanen, die bis weithin ins 18. Jahrhundert ein Hauptproblem der österreichischen Geschichte blieb. Die Kämpfe in Ungarn, die aus der Doppelwahl des österreichischen Erzherzogs Ferdinand I. und des ungarischen Kandidaten Johannes Zápolya hervorgingen, riefen auch das osmanische Reich auf den Plan. Der besonders tüchtige Sultan Kanûni Süleyman, der Gesetzgeber oder der Prächtige oder der Große, unter dem das Osmanische Reich nicht nur seine weitest gestreckten Grenzen erreichte, sondern der auch im Inneren für eine große Blüte seiner Länder sorgte, stieß im Jahre 1529 bis Wien vor. Die Türken belagerten diese Stadt allerdings vergeblich und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein drei Jahre darauf unternommener Vorstoß, der wieder der Stadt Wien galt, wurde schon von der kleinen Festung Güns (Köszeg, Ungarn), das von dem tapferen Nikolaus Juricic verteidigt wurde und der Belagerung durch das osmanische Heer standhielt, aufgehalten. Die darauffolgenden Jahre waren von dem Ringen um die Gestaltung Ungarns bestimmt, wobei es den Habsburgern gelang, einen schmalen Streifen Westungarns von den heute im slowakischen Raum gelegenen sogenannten oberungarischen Bergstädten im Norden bis zur adriatischen Küste im Süden zu behaupten. Der ungarische Thronkandidat Johann Zápolya und seine Nachfolger hielten ihrerseits Siebenbürgen, und in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts schließlich setzten sich die Osmanen selbst in Mittelungarn fest und schufen eine türkische Verwaltungsprovinz. Diese Situation der territorialen Dreiteilung Ungarns hielt sich bis nun weit über ein Jahrhundert – bis zur Zeit nach der zweiten Wiener Türkenbelagerung von 1683. Türkische Erfolgsgarantien: Ideologie und Kriegstaktik
Im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung vom Krieg, die sich in Mittel- und Westeuropa verbreitet hatte, haben die Osmanen ausgehend von der Ideenwelt des Islams, der dem frommen Muslim den ständigen heiligen Krieg gegen die Ungläubigen, den Djihad, vorschreibt, ihre säkularen, machtpolitischen Expansionsbestrebungen religiös-ideologisch überhöhen und motivieren können. Es entstand durch diese spezielle Auffassung vom Krieg einerseits und durch die für Steppenvölker so typische Kriegstechnik der kleinen, leicht bewaffneten und sehr beweglichen Reitertrupps andererseits an der Grenze zum Habsburgerreich eine ständige Unruhe. Trotz einer Serie von immer wieder verlängerten Waffenstillständen – Friedensverträge mit Ungläubigen konnte es nicht geben – herrschte an der Grenze andauernd Kleinkrieg, der nur selten jenes Ausmaß annahm, dass wir ihn auch im modernen Sinne als Krieg bezeichnen können. Zu den religiös-ideologischen Grundsätzen der Osmanen und zu der für einen Militärstaat wie das osmanische Reich immer notwendigen Expansionspolitik trat als auslösendes Element dieser Kämpfe immer wieder die Macht- und Beutegier einzelner Befehlshaber der Grenze, die auf eigene Faust Beutezüge ins Land des Kaisers unternahmen, hinzu. Die Kriegsführung auf beiden Seiten war eine überaus grausame, eine auf Beute und Einschüchterung, auf Terror und Zerstörung ausgerichtete. Selten werden diese Ereignisse des täglichen Kleinkrieges an der Grenze durch große kriegerische Aktionen unterbrochen. Ferdinand I. war es 1562 gegen Ende seiner Regierungszeit gelungen, einen Waffenstillstand mit dem osmanischen Reich zu vereinbaren, doch musste der Kaiser an den Sultan ein jährliches »Ehrengeschenk« – eine feine Umschreibung des Wortes Tributzahlen. Dieser von dem Türkenreisenden und Wissenschaftler Augier Ghiselain de Busbecque abgeschlossene »Friede von Konstantinopel« wurde allerdings schon unter Ferdinands Sohn und Nachfolger Maximilian II. türkischerseits nicht mehr verlängert. Im Jahre 1565 spitzten sich die ständigen Kämpfe an der Grenze zu, und zum letzten Male zog der greise Sultan Süleyman im Jahre 1566 ins Feld, allerdings wurde auch diesmal Wien, das Fernziel aller osmanischen Kriegszüge, nicht erreicht. Vor der Festung Szigetvár in Ungarn, die von Niklas Zrínyi verteidigt wurde, starb Sultan Süleyman während der Belagerung. Durch seinen Tod war der Kriegszustand zwischen Österreich und der Hohen Pforte wieder in den Bereich der kleinen Aktionen an der Grenze zurückgesunken. Kleiner und großer Krieg Rudolfs II.
Im Jahre 1592 erst entwickelte sich wieder aus einem Grenzkonflikt mit dem Pascha von Bosnien eine länger dauernde Kriegshandlung, die als der lange Türkenkrieg Rudolfs II. bezeichnet wird. Dieser Kampf, der bis zum Jahre 1606 dauerte, war in seiner Endphase im alltäglichen Kriegsgeschehen kaum von den ›Friedensjahren‹ mit ihrem ständigen Kleinkrieg zu unterscheiden. Alle Ereignisse, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, liegen in den ersten Jahren des Kampfes, so die Schlacht bei Sisak (ehemalige Jugoslawien) 1593, die einen großen Sieg der kaiserlichen Truppen unter Ruppert von Eggenberg gegen den Pascha von Bosnien brachte und der Verlust der Festung Raab (Györ, Ungarn), die als »Schlüsselfestung der Christenheit« galt, im Jahre 1594. Der Hauptmann von Raab, Ferdinand von Hardegg, der die Festung übergeben hatte, wurde von einem kaiserlichen Kriegsgericht dafür zum Tode verurteilt und öffentlich als »abschreckendes Beispiel« für einen Verräter hingerichtet. 1595 wurde Gran (Észtergom, Ungarn) von den Kaiserlichen eingenommen, und 1598 schließlich eroberten Adolf von Schwarzen-berg und Nikolaus Pálffy Raab wieder zurück, was Rudolf II. als heldenhafte Großtat seiner Person stilisieren, von den Künstlern seines Hofes verherrlichen und propagandistisch ausgestalten ließ. Finanzierung und Organisation der Türkenabwehr
Die Schlachten und Belagerungen des Türkenkrieges im 16. Jahrhundert sind sicher weniger bedeutend als ihre Rückwirkungen auf die österreichischen Länder. Der österreichische Landesfürst, der seit der Spätzeit Ferdinands I. auch die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches innehatte, war durch die ständige Bedrängnis durch die Osmanen genötigt, den Ständen in den einzelnen Territorien und natürlich auch im Reich Zugeständnisse für ihre militärische und finanzielle Hilfe zu machen. Diese Zugeständnisse bewegten sich vor allem auf dem damals politisch bedeutsamen Gebiet der konfessionellen Auseinandersetzungen. Die Stände, deren adelige Vertreter zu einem großen Teil Protestanten waren, forderten Religionsfreiheit und Religionsausübung nach ihrem Bekenntnis, was die Habsburger zugestehen mussten, um Türkenhilfe zu erhalten. Die Technik des kleinen Krieges, die von den Osmanen so perfekt beherrscht wurde, fand im kaiserlichen Bereich ihre Nachahmung bei der Organisation der Militärgrenze, die eine Reaktion auf die Idee des ständig andauernden Heiligen Krieges war. Man siedelte an der Grenze zum Osmanenreich Wehrbauern – vorwiegend slawische Flüchtlinge – an, die von aller Grundherrschaft und allen Abgaben befreit, persönlich frei und waffenfähig waren und sich grundlegend von allen anderen Bauern Mitteleuropas unterschieden und somit für diese ein utopisches, wünschenswertes Gesellschaftsmodell verkörperten. Der Eindruck der Bedrohung durch die Osmanen, die sicherlich dank der perfekten Militärorganisation des osmanischen Reiches groß war, wurde von seiten des Kaisers und der in seinem Sinne tätigen Publizistik noch verstärkt. Man schürte die Türkenfurcht, um eine Solidarität der Stände gegen die Türken zu erreichen und damit die konfessionellen Konflikte hintanzuhalten. Eine Fülle von Türkenflugschriften und Flugblättern zeichnet ein hartes und grausames Bild von diesem »Erbfeind aller Christenheit«, dem man alle teuflischen Eigenschaften zuschrieb und den man im religiösen Sinn als eine Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit interpretierte, die man nur durch Buße und Besserung abwenden konnte. Diese propagandistische Ausformung des Türkenbildes hat sich lange auch in der wissenschaftlichen Literatur gehalten und wurde erst in allerjüngster Zeit durch ein gerechteres, den Tatsachen entsprechenderes Bild verdrängt. Ein fast sechzigjähriger Friede und die zweite Belagerung Wiens
Der »Friede« von Zsitvatorok 1606, der erstmals ein neues Verhältnis zwischen Sultan und Kaiser, der nun als gleichrangig angesehen wird, schuf, war ein Waffenstillstand, der immer wieder verlängert wurde. Durch die Geschicklichkeit der österreichischen Diplomatie konnte es gelingen, dass die kritische Zeit, die vor allem durch die Gefahr eines Zweifrontenkrieges im Dreißigjährigen Krieg gekennzeichnet ist, gut überstanden wurde. Zwischen 1606 und 1663 herrschte also Ruhe zwischen den beiden feindlichen Mächten. Im osmanischen Reich wurde am Ende dieser Periode unter den Köprülü-Veziren eine Reform durchgeführt, die den inneren Verfall bremste. Zentralpersonen dieser Köprülü-Restauration waren Mohammed und Achmed Köprülü und später deren Schwiegersohn Kara Mustafa. Es waren die Verhältnisse Siebenbürgens, wo es zu Thronstreitigkeiten kam, in die sowohl der Kaiser als auch der Sultan eingriffen, die einen erneuten bewaffneten Konflikt hervorriefen. Im Jahre 1663 erwuchs aus den siebenbürgischen Wirren ein Türkenkrieg, der im Jahre 1664 in der Schlacht bei Mogersdorf/Sankt Gotthard gipfelte. In dieser Schlacht gelang es dem Feldherrn Raimund von Montecuccoli mit Hilfe der Reichstruppen und in diesem Falle auch französischer Hilfe – sonst hatte der französische König eher auf Seiten des Sultans gestanden – die Türken beim Flussübergang vernichtend zu schlagen und damit den ersten Sieg über ein türkisches Hauptheer zu erringen. Der Krieg endet mit dem »Schandfrieden« von Eisenburg (Vasvár, Ungarn), in dem Österreich seinen Sieg diplomatisch nicht nützen konnte. Die Reaktion darauf war die Magnatenverschwörung des ungarischen Hochadels, die von den Habsburgern blutig niedergeschlagen wurde. Noch einmal gelang es dem erstarkten osmanischen Reich, Wien, die Stadt des Goldenen Apfels, das Ziel aller Expansionspläne der Pforte, zu erreichen. Jedoch zeigte sich dabei auch die eigentliche Wende in der Machtkonstellation. Kara Mustafa belagerte 1683 zwar Wien, doch die Entsatzschlacht auf dem Kahlenberg brachte einem polnisch-deutschen Heer unter Johann Sobieski und Karl von Lothringen den großen Sieg, der mit einer Verfolgung der Osmanen nach Ungarn hinein in den nächsten Jahren ausgewertet wurde. Die kaiserlichen Truppen drangen unaufhaltsam in Ungarn vor und eroberten das Land für Kaiser Leopold I. Hand in Hand mit der Eroberung ging eine Neubesiedlung dieser Gebiete, eine der größten bevölkerungsmäßigen Verschiebungen dieser Epoche. Die Eroberung Ungarns in den auf die zweite Türkenbelagerung folgenden Feldzügen ist vor allem mit dem Namen eines großen Feldherrn, mit dem Namen des Prinzen Eugen von Savoyen verbunden, der in der siegreichen Schlacht von Zenta diesen ersten Feldzug der Jahre 1683 bis 1699 zum Abschluss brachte. Es kam zu Friedensverhandlungen im Ort Karlowitz (Sremski Karlovci, ehemalige Jugoslawien) auf der Basis des Besitzstandes von 1699. Der Kaiser bekam Ungarn, sowie die Moldau und die Walachei bis zur Maros, Temesvár (Timisoara, Rumänien) blieb den Türken. Die Osmanen versuchen nach einer Phase der inneren Erholung den Frieden von Karlowitz zu revidieren, ihr schwächster Gegner war Venedig. Sie griffen daher das venetianische Morea auf dem Peloponnes an. Der Kaiser, im Westen gebunden, reagierte sehr zurückhaltend, schließlich aber kam es doch zur Kriegserklärung und der Prinz Eugen wurde wieder Oberbefehlshaber. Text der Zeit
Markgraf Hermann von Baden über die Schlacht am Kahlenberg 1683

Der Tag kam [12. September]. Die Feinde fuhren nicht allein fort, von ihren Schanz werken aus die belagerte Stadt heftiger als je zu beschießen, sondern sie führten auch uns gegenüber weitere Verstärkungen heran und postierten ungefähr 1200 Janitscharen [Elitetruppen] hinter den Zaunplanken eines Weingartens am Fuß des Gebirges und begannen als erste auf die Unsrigen zu schießen, die ihnen mit wohlgezielten Kanonen- und Musketenschüssen antworteten. Der König von Polen [Johann III. Sobieski], der sein Lager am rechten Flügel hatte, kam um diese Zeit in unser Lager, um von da aus das feindliche Lager zu besichtigen, dessen Lage wegen der hohen Aufschüttung, mit der es umgeben war, und wegen der Wälle, die von weitem wie regelrechte Verschanzungen aussahen, überaus günstig erschien. Währenddessen nahm der Angriff der Türken gegen unsere am Fuß des Gebirges [...] postierten Bataillone an Heftigkeit derart zu, dass Prinz Ludwig von Baden [...] zur Unterstützung vorrückte. Als Markgraf Hermann von Baden von der Höhe aus, wo er mit dem König von Polen und anderen Generalen stand, seinen Neffen durch die Übermacht der Feinde [...]in einen gefährlichen Kampf verwickelt sah, stieg er an die Spitze der übrigen Infanterie, der er in Eile den Befehl gab, ihm zu folgen, von der Höhe herab [...]. Die Wut des Kampfes verdoppelte sich, und ungeachtet des feindlichen Feuers, das an dieser Stelle am heftigsten war, zwang man die Feinde, nachdem man die Planken, die ihnen als Schutz dienten, mit dem Degen in der Faust erstürmt und zerschlagen hatte, zum Rückzug; Prinz Ludwig hatte zu diesem Zweck sogar einen Teil seiner herangeführten Dragoner absitzen lassen. Einige sächsische Infanteriebataillone, die sich beim tapferen Zurückschlagen des feindlichen Angriffs freien Durchbruch talwärts nach rechts hin erkämpft hatten, wurden bei dieser Attacke vom Angriffsgeist und Schneid ihrer Offiziere mitgerissen; ihnen folgte die Masse der baierischen, fränkischen und der übrigen kaiserlichen Truppen. Als der Feind sah, dass man ihm mit lautem Jubelgeschrei direkt auf den Leib rückte, wich er, unfähig dem Feuer unserer Kanonen standzuhalten, ins Tal zurück und überließ uns auch diese Anhöhe, auf der unsere Generale Halt zu machen beschlossen, um die Ankunft der Polen zu erwarten [...]. Man wartete dort mehr als eine halbe Stunde mit großer Ungeduld [...], mit einem Mal sah man die kleinen Fähnchen auftauchen, die die polnische Kavallerie an ihren Lanzen trägt. Da erhob sich ein so gewaltiges Geschrei bei unseren Truppen, dass sogar die uns gegenüberstehenden Türken von der Aufregung angesteckt erschienen. Die Feinde hatten den Anmarsch der Polen auch bemerkt und warfen ihnen einen Teil der unserem linken Flügel gegenüberstehenden Truppen entgegen. Diesen schickte der König [...] einen Teil seiner Husaren auf den Hals, die mit gesenkter Lanze und verhängtem Zügel auf sie einstürmten und sie beim ersten Stoß zurückwarfen. Als sie aber durch die Truppen aus dem Lager Verstärkung erhielten, wandten die Polen den Rücken und jagten in wilder Flucht zurück, den Ihren entgegen, von den säbelschwingenden Feinden mit Getöse und scheußlichem Geheul verfolgt. Als die Polen die Verstärkung erreichten, die der König ihnen schickte, hielten sie an und setzten nun wieder den Türken nach, die sich eilig vor ihnen in Sicherheit brachten. Nachdem dieses Reiterspiel sich zum großen Vergnügen der Zuschauer noch ein drittes Mal wiederholt hatte, zwangen die Polen die Feinde schließlich, ihnen diese Anhöhe zu überlassen. [...] Dieser Kampf [...] rief unter den Feinden völlige Verwirrung hervor: Der Großwesir, der die missliche Lage, in der er sich befand, nicht offenbar werden lassen wollte und deshalb bis zu diesem Augenblick in den Laufgräben geblieben war, um von dort aus die wütende Beschießung der Stadt fortzusetzen, erschien in Person auf dem Schlachtfeld; als er aber sah, dass schon alles halb verloren war, übergab er den Befehl dem Wesir von Budapest und kehrte wieder in die Laufgräben zurück, ohne Zweifel in der Absicht, einen Versuch zur Rettung seiner Geschütze zu machen, wurde aber durch die schlechten Nachrichten, die er erhielt, daran gehindert. Er zog sich kurze Zeit später in Eile auf Petronell zurück, um dort die Flüchtlinge seiner Armee zu sammeln und ihren Rückzug zu sichern. – Die Polen bildeten, nachdem sie die Höhe gewonnen hatten, eine Schlachtreihe mit uns, und die ganze Armee, die nun eine beträchtliche Frontlänge aufwies, rückte unmittelbar auf den Feind los, der auf der einzigen noch zwischen uns und seinem Lager befindlichen Höhe Aufstellung genommen hatte [...]. Als wir heranrückten, machten sie gewaltigen Lärm und stürzten sich, den Säbel in der Hand, in wildem Haufen auf uns, gerade als wollten sie sich mitten unter unsere Bataillone werfen. Da sie aber dem Feuer nicht standhalten konnten, gerieten sie durcheinander und mussten sich [...] in Verwirrung zurückziehen [...]. Der Zugang zum Lager war steil und äußerst schwierig, sowohl von unserer Seite wie von der den Polen zugekehrten. Dieser wurde, weil sie dem großen Lager mit dem Zelt des Großwesirs am nächsten lag, äußerst hartnäckig verteidigt; als aber der Wesir von Budapest [...] unseren linken Flügel ins Lager eindringen sah und befürchten musste, dass er umzingelt würde, gab er das Lager mit der gesamten darin befindlichen Artillerie den Polen preis, die dem großen Lager am nächsten waren, infolgedessen als erste eindrangen und den größten Teil der reichen Beute an sich brachten. Die Türken am höchsten Punkt des Lagers machten Miene, als wollten sie Widerstand leisten; als sie aber die deutschen Truppen vorrücken sahen, machten sie sich nach und nach aus dem Staube und überließen ihr Lager der Plünderung.
Der Bericht stammt von Markgraf Hermann von Baden (1628-91), der als kaiserlicher Feldmarschall entscheidenden Anteil an dem siegreichen Ausgang der Schlacht hatte.
Aus: Philipp Roeder von Diesburg: Des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden Feldzüge wider die Türken. Karlsruhe 1839. Bd. I.
Mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Schulbuchverlages München. Wien - KonstantinopelDie Türkenkriege Österreichs 1671-1739 Österreichische Siege, Friedensschlüsse und die allmähliche Normalisierung der Verhältnisse
Er siegte 1716 bei Peterwardein (Petrovaradin, ehemalige Jugoslawien) und belagerte daraufhin erfolgreich die Festung Temesvár, wodurch dem Kaiser der Banat gewonnen wurde. Im Jahre 1717 schließlich eroberte Prinz Eugen mit der kaiserlichen Armee die Festung Belgrad, eine spektakuläre Tat, die auch in einem bekannten Volkslied besungen wird. Dieser große Erfolg des Prinzen Eugen führte zur Einleitung von Friedensverhandlungen, die im Dorf Passarowitz (Požarevac, ehemalige Jugoslawien) stattfanden. Der Kaiser gewann nun auch die Moldau und die Walachei bis zur kleinen Aluta und den Temesvárer Banat. Die Habsburgermonarchie erreicht mit diesem Friedensschluss vom 21. Juli 1718 ihre größte Ausdehnung. Das eigentliche »Zeitalter der Türkenkriege« ist damit beendet. Nicht beendet ist selbstverständlich die weitere militärische Auseinandersetzung Österreichs mit den Osmanen, deren weitere Stationen hier nur ganz kurz angedeutet werden können. Nach einem unglücklich verlaufenden Türkenkrieg, den Karl VI. gegen das osmanische Reich führte und der 1739 mit dem Frieden von Belgrad endete, verlor Österreich einige Randgebiete wieder an die Türken. Viel größer allerdings war der Prestigeverlust, den Österreich dabei erlitt. In der darauffolgenden Zeit geht ein Einstellungswandel vor sich – schon der Türkenkrieg Josephs II. steht nicht mehr in der alten Tradition des Glaubenskampfes gegen den »Erbfeind aller Christenheit«, sondern ist eine politische Auseinandersetzung wie die Kriege gegen andere Staaten auch; eine neue sachlich-säkulare Machtpolitik am Balkan begann. Mit dem Ende der Türkenkriege war allerdings der weitere kulturelle Kontakt und Austausch, der immer auch neben dem Kriegsgeschehen abgelaufen war, nicht beendet. Nachdem das osmanische Reich seine Expansionskraft und Gefährlichkeit verloren hatte, tritt ein besonders intensiver Kulturaustausch auf vielen Gebieten ein. Türkendrama, Türkenliteratur und Türkenmode erreichen eine große Blüte, selbst die Musik bemächtigt sich türkischer Stoffe – man denke nur an Mozarts »Entführung aus dem Serail« – aber auch musikalischer Elemente der türkischen Musik, die das Vorbild der österreichischen Militärmusik wird. SultanDer Friede von Zsitvatorok stellte ein neues, gleichrangiges Verhältnis zwischen Kaiser und Sultan dar. Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Abschließend kann man, die so lang dauernden Auseinandersetzungen zwischen Österreich und den Osmanen betrachtend, sagen, dass sie in zwei Phasen zerfiel: in eine Phase der Expansion des osmanischen Reiches und in eine offensive Phase der österreichischen Politik, die 1683 eingeleitet wird und die zu einer starken Vergrößerung des österreichischen Territoriums auf Kosten der Türken führte – eine Expansion, die den habsburgischen Ländern schließlich den Aufstieg zur Großmacht in Europa brachte.

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Info 22.11.2017 17:25
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