Die Kunst des Barock

Der Barockstil entstand in Rom. Dieser Satz stimmt zweifellos für Architektur und Skulptur. Als »Geburtstag« des barocken Rom darf der 18. November 1593 gelten, der Tag, an dem das vergoldete Gipfelkreuz auf der eben vollendeten Kuppel von Sankt Peter aufgerichtet wurde. Doch die Barockkunst ist mehr als ein auf Italien begrenzter nationaler Stil. Betrachtet man die Barockarchitektur, sind neben Rom insbesondere Paris und im deutschen Sprachraum Süddeutschland und Österreich zu den Brennpunkten eines künstlerischen Schaffens geworden, das uns im Rückblick als der letzte europäische Stil erscheint, in dem alle künstlerischen Äußerungen von einer einheitlichen formenden Kraft geprägt wurden. Ähnliches gilt für die Plastik. In der Malerei bilden die Niederlande und Holland sowie Spanien weitere gewichtige Zentren barocker Kunst. Schwülstig, manieriert oder einfach schiefrund?
Definitionen und Kennzeichen

Jeder dieser Kunstkreise ist für sich betrachtet eigenständig; alle sind dennoch miteinander verwandt und durch vielerlei Beziehungen verbunden, ergeben insgesamt ein Ganzes, das zusammen erst den Begriff des europäischen Barock rechtfertigt. Die römische Kunst bildet dabei das Fundament, auch den Anfang der zeitlichen Entwicklung. Sie wird seit etwa 1630 zum direkten Anlass und vor allem auch zum Maßstab für die Barockarchitektur in Frankreich. Die späte, aber reife Blüte des Stils in den Ländern des alten Deutschen Reiches knüpft dann nicht nur an Italien, sondern auch an Frankreich an. Der deutsche Barock ist in der Spätzeit, als in den anderen Ländern die Kunstbestrebungen erlahmten oder neuen Tendenzen folgten, im Kirchen- und Schlossbau zum krönenden Abschluss der gesamten Entwicklung geworden. Der Name »Barock« kommt aus dem Goldschmiedehandwerk. Dort bezeichnet man mit »barocco« eine schiefrunde Perle. Im ausgehenden 18. Jahrhundert, im Zeitalter von Rationalismus und Aufklärung wurde »barock« zum abwertenden Ausdruck für alles Schwülstige, Überladene und Absonderliche. Am Anfang des 19. Jahrhunderts zeichnete sich – etwa bei Goethe und Wieland – ein aufkeimendes Verständnis für den Barockstil ab. Doch solche Ansätze gingen bald in der Begeisterung für die italienische Renaissance unter. Nun betrachtete man den Barock als die späte Phase der Renaissance, als deren Verfall, Entartung und Niedergang. Erst seit etwa 1860 fand die Barockzeit – und zwar zunächst bei den Künstlern – wachsenden Respekt, gerechtere und eigenständige Würdigung. Wie erleben wir Barock heute? Auf steil abfallendem Felsen, hoch über dem Fluss gelegen, mit geschlossener Baumasse weithin sichtbar und allseits herrschend, bekrönt das doppeltürmige Stift Melk die Donaulandschaft. Vielgliedrig entfalten sich die Stiftsgebäude. Wie eine Kulisse steigen drei Architekturmotive hintereinander auf, durch Gliederung und Bewegung zu einem Bild größter künstlerischer Einheit gefügt. Symmetrisch erheben sich, durch Kolossalpilaster, geschweifte Fensterbekrönungen und plastischen Zierat ausgezeichnet, die beiden Eckpavillons der langfluchtigen Gebäudeflügel. Zwischen ihnen lagert, niedrig und die Waagerechte betonend, ein konvex sich vorwölbender Terrassenbau, dessen Mitte sich in einem Triumphbogenmotiv öffnet. Dieser weitgespannte Bogen markiert die Mittelachse der gesamten, in sich symmetrischen Klosteranlage. Zurückgesetzt erhebt sich über diesen niederen Vorbauten die Kirchenfassade, deren Doppeltürme mit der alles überhöhenden Kuppel einen sonoren Dreiklang bilden. Großzügige Massenbeherrschung, strengste Gliederung bei symphonisch festlichem Reichtum, ordnende Beherrschung der umgebenden Landschaft, das ist Barock. Ein eigenartiges Lichtphänomen zieht den Besucher der Abteikirche Weltenburg an der Donau zum Hochaltar. Aus blendender Helle, deren Herkunft sich nicht ermessen lässt, reitet dort zwischen den gewundenen Marmorsäulen der heilige Georg heran. Von dem Glanz des Hintergrunds heben sich Roß und Reiter kräftig ab, ebenso die Begleitfiguren der Szene, der sich aufbäumende Drache und die entsetzte Jungfrau, zu deren Rettung der heilige Ritter heransprengt. Sinnliches und Übersinnliches ist hier zu einem Bühnenbild von vollendeter Illusion verschmolzen, Schlussakkord des halbdunklen Kirchenraums. Gestaltungsprinzipien der Barockzeit: Bewegung, Hell und Dunkel, Licht und Schatten
Die beiden Beispiele lassen mehrere Grundtendenzen der barocken Kunst deutlich werden. Der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin hat die Grundelemente des Barockstils auf einige wichtige und bezeichnende Begriffe zurückgeführt. Da ist zunächst der Begriff der »Bewegung«, der sich in diesem Zeitalter in allen Kunstgattungen verfolgen lässt. Was darunter in den Bildkünsten, Malerei und Plastik, zu verstehen ist, lässt sich gut anschaulich machen, indem man zwei Reiterstandbilder vergleicht: Um 1485, auf dem Höhepunkt der italienischen Renaissance, schuf Donatello für die Piazza di San Antonio in Florenz das Reiterstandbild des Condottiere Gattamelata. Hier steht das Pferd im rechten Winkel zur Kirche, die Breitenansicht ist betont, das Denkmal entfaltet sich sinnvoll in der reinen Profilansicht. Demgegenüber zeigt das überlebensgroße Reiterbild des Großen Kurfürsten, von Andreas Schlüter konzipiert und heute vor dem Schloss Charlottenburg in Berlin aufgestellt, den rein barocken Typus. Es stand auf der Brücke zwar ebenfalls rechtwinklig zur Fahrbahn, dennoch war es nicht möglich, das Pferd in der reinen Seitenansicht zu sehen. Die Schönheit dieses barocken Reiterbildes lag nicht zuletzt darin begründet, dass sich für den Betrachter beim Gehen über die Brücke eine Fülle von Ansichten abwickeln. Der Ausgeglichenheit der Renaissanceplastik ist hier die dramatische Bewegtheit gegenübergestellt; der Körper von Tier und Mensch wird selbst zum Träger der Bewegung. Zudem wird der Körper von den Malern und Bildhauern der Barockzeit gerne in einem Übergangsstadium gezeigt, das sowohl die vorhergehende wie die nachfolgende Wendung sichtbar werden lässt. In der Architektur äußert sich das Prinzip der Bewegung in dem deutlichen Aufzeigen von Kraftlinien, im Gegeneinander von konträren Linien und Raumteilen. Der Bau wird nicht als ein in sich ruhender Körper empfunden wie in der Renaissance, sondern als ein lebendiger, wachsender, sich dehnender Organismus. Deshalb scheinen sich die Seitenvoluten barocker Fassaden gegen die Masse des Giebels zu stemmen, schwingen die Kirchenfassaden zwischen den flankierenden Türmen nach vorn, wölben sich dem Ankommenden entgegen, beanspruchen den Freiraum. Oder aber sie weichen gleichsam vor dem andrängenden Straßenraum zurück und bilden dadurch tiefe Schattenschluchten in den Straßenfronten. Bewegung bedeutet auch in der Architektur eine Vielzahl möglicher und gewollter Ansichten: Die weitläufigen Schlossanlagen von Nymphenburg in München, Doppelturmfassade und Kuppel des Fuldaer Doms, die Fassade der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen erscheinen dem, der auf sie zugeht, in immer neuen, nicht zufälligen, sondern wohlüberlegten Zusammenhängen. Mit dem Begriff der Bewegung hängt in der Baukunst auch die Auffassung von Masse zusammen. Die Wand wird nicht mehr als flächige Begrenzung des Raumes und des Baukörpers aufgefasst. Eingestellte Säulen, Vor- und Rücksprünge, Risalite und Nischen machen fühlbar, dass der Bau aus kräftigem Mauerwerk besteht, das plastisch gegliedert wird. Dadurch wird zugleich ein Hell-Dunkel-Kontrast in der Architektur betont. Wechselndes Tageslicht lässt plastisch geformte Architektur wie in stetiger Bewegung erscheinen. Ein ähnliches Prinzip der Lichtführung ist in der Malerei zu beobachten. Schlachtlichter stellen die Figuren in einen scharfen Kontrast zum dunkleren Hintergrund und steigern die dramatische Bewegung der Szene. In der Plastik zerklüften tiefe Faltenzüge die Oberflächen der Figuren und beziehen damit das Spiel von Licht und Schatten in die künstlerische Wirkung des Kunstwerkes bewusst mit ein. Das Prinzip der Bewegung führt in der barocken Architektur schließlich dazu, dass in den kompliziert gegliederten Kirchenbauten der Spätzeit der Raum selbst in Schwingung versetzt zu sein scheint. Verbunden mit dem »Zweischalensystem«, bei dem schmale Umgänge den eigentlichen Raum umfangen, führt dies zu der Möglichkeit, einen Innenraum zu gestalten, der sich grundsätzlich von der äußeren Erscheinung des Bauwerks unterscheidet; diese Möglichkeiten haben besonders die Mitglieder der Architektenfamilie Dientzenhofer und am großartigsten Balthasar Neumann in Vierzehnheiligen und in der Abteikirche Neresheim bei Aalen zu nutzen gewusst. Die Bewegung, die uns als ein wichtiges Moment der barocken Kunst begegnet, hat in der Frühzeit einen schweren, oft fast dumpfen Rhythmus. Im Laufe der Entwicklung wird sie eiliger und leichter, lichter und heiter. Ebenso liebten Maler und Publikum in der frühen Barockzeit die vollen, dunklen Töne, liebten Künstler und Kunstbetrachter den schweren, vergoldeten Stuck, in der Spätzeit schätzte man dagegen den Silberton oder das farbig abgetönte Ornament. SchlossbautenBarock Schlossbauten Architektur, Malerei und Plastik verschmelzen zum Gesamtkunstwerk
Der Hochaltar von Weltenburg, bei dem architektonische Formen, Plastik und Malerei sich zu einer untrennbaren Einheit verbinden, zeigt noch zwei weitere grundsätzliche Wesensmerkmale barocker Kunst: Architektur, Plastik und Malerei verschwistern sich in den Kirchen und Schlössern dieser Epoche zu einem Gesamtkunstwerk, wie dies den Künsten in einem gleichgroßen Grad der Verschmelzung in keinem der anderen großen Stile des Abendlandes gelungen ist. Diese harmonische Einheit konnte nur entstehen, weil gerade in der Barockzeit jede Kunstgattung auch Elemente der Schwesternkünste in sich aufgenommen hat. Die Architektur der Zeit, die mit Säulen, Lisenen, Gesimsen und Voluten, mit plastischen Bauteilen also, arbeitet, ist auch ihrem ganzen Wesen nach plastisch bestimmt. Demgegenüber gewinnen Denkmäler und Brunnen, an sich Aufgaben der Bildhauerkunst, eine bis dahin unbekannte architektonische Bedeutung, da sie Plätze oder Räume gestalten und formen. Die Malerei, eigentlich eine Kunst der Fläche, entwickelt in den Deckengemälden einen zunächst vor allem durch architektonische Formen geprägten Illusionismus, indem die Maler die gebauten Räume durch täuschend ›echt‹ wirkende Scheinarchitekturen erhöhen und erweitern. Freude an Prachtentfaltung durch Verwendung wertvoller Materialien, wie polierter oder imitierter Marmor, von vergoldetem und versilbertem Stuck, von kostbarem Gerät, Erzeugung von Lichtreflexen durch raffiniert angeordnete Fenster sind weitere Kennzeichen der Barockkunst. Im Schlossbau, dem Kirchenbau gleichrangig, wird diese Freude am Kostbaren gesteigert durch reiches Mobiliar, durch spiegelndes Parkett und glitzernde Spiegelwände. Vor allem aber ist der Barock eine Kunst der Fantasie. Gewiss gibt es in den Bildern der barocken Maler und Bildhauer eine sogleich erkennbare Beziehung zu der uns geläufigen Erfahrung der natürlichen Umwelt, gewiss ist barocke Kunst allenfalls im Ornament eine abstrakte Kunst. Aber selbst bei den »Realisten« des 17. Jahrhunderts zeigt sich deutlich die Kraft der Verwandlung, die ohne Fantasie undenkbar ist. Sie belebt die antiken Mythologien und einen Wunderglauben, der Himmel und Erde zu umfassen vermag. Daraus erwächst eine illusionistische Kunst, die auch übersinnliche Ereignisse und seelische Erfahrungen sinnlich erfassbar werden lässt. Egid Qurin Asams heiliger Ritter Georg in Weltenburg, Paul Trogers Fresko »Die Aufnahme Mariens in den Himmel« im Dom zu Brixen sind hierfür charakteristische Beispiele. Beide Kunstwerke bilden keine Situationen oder Ereignisse ab, die auch das leibliche Auge zu sehen vermöchte. Sie machen vielmehr in hinreißender Weise ein inneres Erleben sichtbar, das zuvor nur die Vorstellungskraft visionär wahrnehmen konnte: Geistige Ereignisse werden durch das Kunstwerk dem Auge erschlossen und sinnlich nachvollziehbar. Kunst und Künstler im Zeitalter von Gegenreformation und Absolutismus
Hauptauftraggeber der Künstler waren in der Barockzeit Kirche und Fürsten. Die sogenannte »Gegenreformation« bildet für die Entstehung des Barockstils gewiss eine Voraussetzung, nicht aber eine Bedingung und sicherlich keine Ursache. Bis etwa 1670 hatte die kirchliche Kunst einen strengen, zwar großzügigen, aber unlebendigen Charakter. Erst dann füllte sich alles mit Leben und mit festlich-freudiger Bewegung. Man darf deshalb wie Peter Meyer im Barockstil den »Ausdruck einer gefestigten Autorität« sehen, »die nicht mehr um Anerkennung kämpft, sondern sich breit entfaltet«. Auch die staatlichen Mächte begannen in steigendem Maße für sich zu werben, wobei sich ideelle, politische und wirtschaftliche Interessen mit künstlerischen Bestrebungen verbanden. Die Kunstpflege der Fürsten ging nicht nur auf Betonung der eigenen Macht und Befriedigung der eigenen Bedürfnisse aus, sondern förderte in merkantilistischem Geiste das gehobene Handwerk, bodenständige Werkstätten und Manufakturen. So unterstützten die Äbte von Wessobrunn die Ausbildung ihrer Klosteruntertanen zu den in ganz Europa gerühmten, geschätzten und beschäftigten Stuckateuren. Die Fürstbischöfe von Würzburg gaben für ihre Residenz 1 564000 Gulden aus, der baierische Kurfürst Max Emmanuel für seine großen Lustschlösser acht Millionen Gulden. Von den süddeutschen Stiften steht Melk mit 900000 Gulden Bauausgaben an erster Stelle, es folgen Klosterneuburg bei Wien mit 700000 Gulden und Ottobeuren mit 576000 Gulden. Für alle die großen und kleineren Bauherren gilt, was Lothar Franz von Schönborn einmal über die eigene Bauleidenschaft sagte: »Das Bauen ist eine Lust und kostet viel Geld, aber einem jeden Narren seine eigene Kappe gefällt«, und ein andermal: »Wie könnten die Künstler und anderen Handwerksleute, die doch Gott auf dieser Erde haben will, bestehen, wenn er nicht zugleich Narren werden ließe, die sie ernähren täten.« KirchenbaukunstBarock Kirchenbaukunst Nach überstandener Kriegs- und Türkengefahr: Barockkunst in Deutschland
Von einem »deutschen« Barock kann erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts gesprochen werden. Allzu schwer lastete auf Deutschland noch der Dreißigjährige Krieg, nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch durch die Unsicherheit, wie die politische und religiöse Entscheidung fallen werde. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen sich die Verhältnisse zu klären, und als es 1683 beim siegreichen Entsatz von Wien gelang, Deutschland wenn auch nur für kurze Zeit zu einen, als in den folgenden Jahren die Türkengefahr gebannt war, erfolgte damit auch ein künstlerischer Aufschwung in einer Stärke, wie ihn das Land seit der Reformationszeit nicht mehr erlebt hatte, und der nach seinem Abklingen in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet der bildenden Kunst nie wieder erreicht wurde. Während sich in Frankreich alle Macht und damit auch die künstlerischen Aktivitäten im wesentlichen auf Paris und Versailles konzentrierten, lag in der politischen Zersplitterung Deutschlands für die Künste eine große Chance. Hier gab es nicht nur Wien als die eine Hauptstadt des Reiches! Jeder Fürst versammelte um sich einen Kreis von Künstlern, der ihm eine Nachahmung des französischen Vorbildes ermöglichen sollte. So entstehen die großangelegten Residenzen in Karlsruhe, Stuttgart und Würzburg. In Sachsen verband August der Starke ausgeprägtes Herrscherbewusstsein mit einer fantastischen Liebe zur Pracht, die sich mit Kunstverständnis und einem erlesenen Geschmack vereinte. In Berlin entstanden am Anfang des 18. Jahrhunderts die großartige Schlossanlage durch Andreas Schlüter für den ersten König von Preußen und später unter Friedrich IL, dem Großen, das reiche Kunstleben in Potsdam. In Baiern verband sich höfischer Prunk mit einer tiefen Frömmigkeit. Hier fanden sich Herrscher und Volk in dem Bemühen, der Verehrung des Heiligen und der Heiligen in reichen Stiftungen und kostbaren Spenden Ausdruck zu verleihen. Zudem kam die barocke Kunst der angestammten Freude des Altbaiern an Farbe und Festen, an Umzügen und am Theaterspiel entgegen . Diese schon südlich anmutende Vorstellungskraft verbindet sich im fränkischen Barock mit dem tieferen Sinn des Nordens. FassadengestaltungBarock Fassadengestaltung Architektonische Meisterleistungen
Bis um 1700 blieben nicht nur das Bauen, sondern ebenso die Malerei, die Bildhauerkunst und die Stuckarbeiten vorwiegend eine Sache vor allem der italienischen, in geringerem Umfang auch der französischen und der niederländischen Künstler, die hier einwanderten. Dann traten zunehmend Deutsche auf den Plan, von denen wenigstens die in Prag und Bamberg tätige Familie Dientzenhofer, Balthasar Neumann, Johann Michael Fischer und Domenikus Zimmermann als die wichtigsten Baumeister und Architekten genannt werden müssen. Der Kirchenbau der Zeit hat seine reichsten und reifsten Leistungen in den katholisch verbliebenen Ländern Süddeutschlands hervorgebracht. Anliegen aller Baumeister war die Verschmelzung der Raumteile, die mit ihren geschwungenen Wänden, gebrochenen Gesimsen und ovalen Kuppeln dem Auge immer neue Blickerlebnisse gewähren. Dies um so mehr, da über diese komplizierte Architektur ein wahrer Rausch an Farben und Formen ausgeschüttet wird, mit goldglänzenden Kapitellen, marmorprunkenden Säulen und Pilastern, mit Blumengehängen, Engelputten und den Gestalten der Heiligen an Altären und Kanzeln sowie mit den Heiligenscharen der Deckengemälde, die mit kühnen Architekturkulissen oder Himmelsblicken die abschließenden Gewölbe optisch ins Unendliche aufreißen. Einige hervorragende Beispiele des deutschen Kirchenbaues dieser Zeit sind die Wallfahrtskirchen Kappel bei Waldsassen von Georg Dientzenhofer, erbaut 1685-1689, Vierzehnheiligen von Balthasar Neumann, begonnen 1742, und Steinhausen von Domenikus Zimmermann, erbaut 1727-1733; die Stiftskirchen von Michael Beer in Kempten (1652-1666), Stift Haug in Würzburg (1670-1691) von Antonio Petrini, die Dreifaltigkeitskirche in Salzburg von Johann Bernhard Fischer von Erlach, 1694-1702 erbaut, die Theatinerkirche in München, begonnen 1663 von Agostino Barelli, 1690 durch Enrico Zuccalli vollendet, die Kirche Sankt Nikolaus auf der Kleinseite in Prag, 1701-1711 und 1739-1752 von Christoph und Kilian Ignaz Dientzenhofer erbaut. Einem ähnlichen Bedürfnis nach Prunk und Pracht folgen die Schlossbauten. Der Wille, sie schon in ihren äußeren Dimensionen zu Abbildern der fürstlichen Macht werden zu lassen, führte dazu, dass sie am Rande oder außerhalb der beengenden Stadtgrenzen entstehen, so die Schlösser Nymphenburg bei München, Ludwigsburg bei Stuttgart, oder dass ganze Städte auf sie hin orientiert werden wie etwa Mannheim oder Karlsruhe. Nach dem Vorbild von Versailles ordnen sich die Schlösser vielfach weite Teile des Umlandes unter, das in den weitläufigen, streng geordneten Parkanlagen zu einer Kunstlandschaft verwandelt wird. In den zahllosen Sälen, Zimmern und langfluchtenden Korridoren der Schlösser entfalten Malerei und Plastik ein farbiges Gepränge, das sich von einer pathetischen Feierlichkeit in der Frühzeit auf die verspielte Leichtigkeit des Rokoko hin entwickelt. Zu den überragenden Leistungen der profanen Baukunst gerade in Deutschland zählen die Treppenhäuser der Schlösser, etwa in Pommersfelden bei Bamberg, das Lucas von Hildebrandt nach einer Idee des Bauherrn, des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn zu gestalten hatte. Den Höhepunkt bilden die Treppenhäuser in Schloss Bruchsal, in Brühl und vor allem in der Residenz zu Würzburg, sie alle erdacht und gebaut von Balthasar Neumann. Er hatte auch einen grandiosen Treppensaal für die kaiserliche Hofburg in Wien geplant, der alle denkbaren Dimensionen übertreffen sollte. Die Verwirklichung dieses genialen Baugedankens musste wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Preußen unterbleiben. St. GeorgAus strahlender Helle reitet Sankt Georg über dem Hochaltar auf den Drachen zu. Ostchor der Klosterkirche St. Georg und St. Martin in Weltenburg, um 1750 von den Gebrüdern Asam erbaut und ausgestattet. Plastik und Malerei für Fürsten und Kirche
Die deutsche Barockplastik steht wie die Malerei überwiegend im Dienste von Kirchen- und Schlossbau. Nur selten gewinnt sie so viel Eigenständigkeit wie in dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten von Andreas Schlüter, geschaffen 1697-1703. Die Bildhauer, oft zugleich Stuckateure, die den bildsamen Gips auch zum Werkstoff großfiguriger Arbeiten benutzten, variieren immer wieder das Thema: die in Bewegung sich entfaltende, heiter diesseitige oder in religiöser Verzückung sich auslebende Gestalt. Hier sind vor allem die Brüder Asam, dann Ignaz Günther in Baiern, Franz Xaver Feuchtmayr in Schwaben, und Balthasar Permoser zu nennen, der aus Baiern stammte, nach einem Aufenthalt in Italien und in Österreich nach Dresden kam, um im Auftrag August des Starken die Plastik des Zwingers in Dresden zu schaffen. Die Malerei findet ihre Aufgaben zumeist im Rahmen des barocken Gesamtkunstwerks. An der großartigen Entfaltung des Tafelbildes, die sich im übrigen Europa mit Namen wie Rubens, van Dyck, Rembrandt oder Velasquez verbindet, hatte Deutschland keinen Anteil. Lediglich in der Frühzeit hatte Adam Elsheimer (1578-1610), der aus Frankfurt am Main stammte, Teil an dieser Entwicklung. Bezeichnenderweise ging er nach Rom, wo er jung verstorben ist. Die schönste Frucht der Barockmalerei in Deutschland war das Deckenfresko, das von den Italienern übernommen und seit Beginn des 18. Jahrhunderts neben diesen zunehmend von deutschen Künstlern geschaffen und geprägt wird. Mit raumsprengenden Visionen auf Kirchengewölben oder mit hinreißenden Allegorien in den Prunksälen der Schlösser feiert auf diesen riesigen Deckengemälden die Illusion Triumphe. Die Kunst der Maler Johann Michael Rottmayr, etwa in Schloss Pommersfelden, Matthäus Günther und Johann Zick und vieler anderer gipfelt in den Arbeiten des Cosmas Damian Asam, z. B. in Weltenburg und Weingarten. Die Freskokunst in Deutschland findet ihren strahlenden Höhepunkt mit einem Werk von internationaler Bedeutung: 1750 beruft der Fürstbischof von Würzburg den venezianischen Maler Giovanni Battista Tiepolo, dass er den weitgespannten, von Balthasar Neumann kühn gewölbten Räumen des Kaisersaals und des Treppenhauses seiner Residenz durch die Kunst seiner Malerei die Vollendung schenke. Hier malt Tiepolo neben den historischen Geschehnissen aus der Geschichte des Fürstbistums im Kaisersaal im Treppenhaus des Schlosses die weltumspannende Allegorie der vier Erdteile, die Europa huldigen, dem als Land der Kultur und Kunst auch Apoll sich zuwendet. Der zarte, silbrige Farbton der Fresken, die heitere Atmosphäre der Allegorie wie der historischen Bilder zeigt, dass wir hier an der Schwelle zum Rokoko stehen. Ähnlich hat auch Cosmas Damian Asam von der anfänglichen Schwere und Dichte der Farben die Malerei in eine lichtere Welt hinübergeführt. Höhepunkt, Vollendung und der Übergang zum Rokoko
Fast gleichzeitig werden um 1745 die drei Kirchenbauten begonnen, deren Dreiklang die barocke Baukunst in Deutschland in einem machtvollen Akkord beschließen: Die Abteikirche Ottobeuren, nach einer Planänderung seit 1748 von Johann Michael Fischer (1692-1766) ausgeführt, die Wallfahrtskirche in der Wies, 1745-1754 von Domenikus Zimmermann (1685-1766) errichtet, und die Abteikirche Neresheim, gebaut 1745-1792 nach den Plänen Balthasar Neumanns (1687-1753), die er 1745 gezeichnet hatte. Die Abteikirche Ottobeuren, ein basilikaler Raum mit mächtiger Vierungskuppel, die sich genau über der Mitte des Langhauses wölbt, unterscheidet sich in zwei wichtigen Punkten von dem in anderen Bauten Baierns und Schwabens geltenden Ideal: Im Grundriss finden sich statt der fließenden Übergänge einfachere und strengere geometrische Linien; ebenso ist die Grenze zwischen Wand und Decke durch ein fortlaufendes Gesims gebildet, so dass sich in ihm der Grundriss klar widerspiegelt. Die Architektur ist also im Begriff, sich wieder den Traditionen der klassischen Renaissance zuzuwenden. Der Bau strahlt bei aller Pracht der Ausstattung eine majestätische Ruhe aus. Das Gegenteil scheint in der Wieskirche Zimmermanns beabsichtigt. Der Hauptraum bildet hier ein Oval, über dem acht freistehende Doppelsäulen ein Spiegelgewölbe tragen, sie sind durch einen schmalen Umgang von der Außenwand getrennt. Im Osten schließt sich ein tiefer Altarraum an, dessen Außenmauern durch Emporen verschleiert sind. Dieser Auflösung des Raumes entspricht die üppige Dekoration in den reichsten Rocailleformen. Zimmermanns Ovale und Fischers Synthese von Langhaus und Zentralbau sind die Parallelen zu Neumanns Raumschöpfung in Neresheim. In seiner majestätischen Erscheinung, in der sich in ruhigem Ebenmaß dennoch stetig steigernden Abfolge der Kuppeln hin zur mächtigen Dominante, nämlich der von monumentalen Freisäulen getragenen Vierung, die einem in sich selbst ruhenden Tempel gleicht, erklingt diese Architektur wie eine Fuge. Neumanns Zeitgenossen waren ja auch die Tonschöpfer Händel und Bach! Das Eigentümliche dieser Architektur liegt in der Verbindung einer einheitlichen Raumbildung mit dem bewegten Rhythmus der Wandarchitektur, in der genialen Verknüpfung von Wandpfeiler- und Emporenkirche mit dem Zentralbaugedanken. Schon der Verfasser des berühmten »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler« Georg Dehio sagte deshalb, lange bevor die Barockbaukunst allgemeine Anerkennung und gerechte Würdigung erfahren hatte: »Die Barockarchitektur nicht nur Deutschlands, sondern Europas, hat weniges, was sich mit ihm [d. h. Balthasar Neumann] messen kann. Der Vater des Barock, Michelangelo, hat in Neumann einen kongenialen Enkel gefunden, ebenso in der Größe der Konzeption, wie in der Nichtachtung der gewohnten Harmoniegesetze.« WieskircheMalerei und Stukkatur spielen in vollendeter Harmonie zusammen: Johann Baptist Zimmermann schuf nach 1740 das Innere, sein Bruder Domenikus das Äussere der Wieskirche bei Steingaden. Stilelemente der Renaissance- und Barock-Baukunst
Altan(e): Auf Stützen ruhender Balkon.
Arabeske: Ornament mit Blatt- und Rankenelementen.
Arkade(n): Aneinanderreihung von Bogen. Solche Bogengänge, oft mehrgeschossig und zu Arkadenhöfen gestaltet, spielen vor allem seit der Renaissance eine Rolle.
Atlant, Atlas: Gebälk oder andere Gebäudeteile tragende Figur.
Anika: Niedrige Wand über dem Hauptgesims oder zwischen zwei Gesimsen eines Gebäudes, oft das Dach verdeckend.
Balustrade: Geländer oder Brüstung aus bauchigen Säulchen.
Bandelwerk: Ornament aus flachen Bändern.
Beschlagwerk: Ornament in Form schmiedeeiserner Arbeiten.
Bosse: Baustein mit rau belassener Oberfläche.
Ehrenhof: Der von einem Mittelbau und zwei Seitenflügeln eingeschlossene Hofraum, vor allem bei Barockschlössern.
Empore: Tribünen- oder Galerie-Raum in der Wand eines Raumes, z. B. über Seitenschiffen in Kirchen.
Fresko: Mit Wasserfarben auf den frischen Kalkputz gemalte Darstellung. Die Farbe verbindet sich beim Abbinden des Kalkes fest mit dem Untergrund.
Frontispiz: Giebeldreieck im Mittel-Risalit eines Bauwerks oder Titel-Kupferstich in einem Buch.
Galerie: Umgang mit Arkaden oder langer, schmaler Repräsentationsraum, vorwiegend in Barockschlössern, mit Fensterfront.
Gesims: Balkenförmig aus dem Bauwerk hervortretender Bauteil, die Waagerechte betonend. Gurtgesims: Gesims zwischen zwei Geschossen. Kranzgesims: Vorspringendes Abschlussgesims unter dem Dach. Verkröpft es Gesims: Voll um Gebäudeecken herumgeführtes Gesims.
Gurtgesims: siehe Gesims
Gesprengter Giebel: Nicht geschlossener oder in seiner Mitte zurückspringender Giebel, vor allem auch über Fenstern der Barockzeit.
Groteske: Rankenornament.
Herme: Männliche Oberkörper-Figur als Gebälkträger.
Kassettendecke: Decke mit kastenförmig vertieften Feldern, entstanden durch Überschneidung von Balken oder Gurtbändern, meist mit Profilen und Ornamenten verziert; häufig seit der Renaissance.
Kartusche: Zierrahmen, ornamental gestaltetes Feld.
Kolonnade: Säulengang.
Kolossalordnung: Säulen- der Stützengliederung über mehrere Stockwerke hinweg.
Konkavbewegung: Zurückschwingender Bauteil.
Konvexbewegung: Nach vorn schwingender Bauteil.
Kranzgesims: siehe Gesims.
Kuppel: Die Kuppel überwölbt als Teil einer Kugel unterschiedlichste Räume verschiedener Grundrisse. Die Anpassung an die mehrseitigen und mehreckigen Räume, die überwölbt werden, erfolgt durch Eckzwickel (sphärische Dreiecke) der Kugel selbst (Hängekuppel) oder, falls der zu überwölbende Grundriss größer als der Fußkreis der Kuppelkugel ist, durch die Zwickel einer unterlegten zweiten größeren Kugel, sogenannte Pendentifs (Pendentifkuppel). Zwischen Zwickel und Kuppel kann ein Tambour eingeschoben sein. Die Kuppel gewinnt seit der Renaissance in vielfältiger Form kennzeichnende Bedeutung für die Baukunst.
Laterne: Türmchenförmiger, zylindrischer Aufbau auf der Kuppel als Lichteinlass.
Loggia: Offene Galerie oder Säulenhalle, seit der Renaissance stärker verbreitet.
Ochsenauge: Rundes oder ovales Fenster in Barockbauten.
Pavillon: Kleines freistehendes und offenes Gebäude (Laube, Tempelchen etc.).
Pilaster: Flache, einer Fassade oder Wand vorgelegte Pfeiler.
Portikus: Portalvorbau mit Säulen oder Pfeilern.
Postament: Unterbau, Sockel.
Putten: Kinderfiguren in unterschiedlichsten Gewandungen und Funktionen als Bauplastik und freistehende Bildhauerarbeiten während Barock und Rokoko.
Risalit: In voller Höhe bis zum Dach vorspringender Fassadenteil.
Rocaille: Muschelförmiges, meist halbplastisches Bau-Ornament vor allem im Rokoko.
Rollwerk: Bänderförmiges Ornament, vorwiegend auch in der deutschen Renaissance.
Rustika: In der Oberfläche rau belassene Quadersteine, leicht vorspringend.
Scheinarchitektur: Durch Malerei und Stuckaturen etc. vorgetäuschte Architekturteile, die vor allem im Barock Räume und Ausmalungen illusionistisch erweitern.
Segmentgiebel: Giebel eines Gebäudes oder Verblendung über einem Fenster in Form eines Kreisabschnitts.
Stuck, Stuckatur: Masse aus Gips, Kalk und Sand, leicht formbar und schnell härtend. Plastischer Bauschmuck, Säulen etc. werden vor allem in Barock und Rokoko vielfach aus Stuck gestaltet.
Tambour: Zylindrischer Unterbau einer Kuppel.
Volute: Schneckenförmig eingerolltes Bauelement auf Gesimsen und Giebeln in Renaissance und Barock.
Zentralbau: Von einem Mittelraum gleichmäßig nach allen vier Seiten ausgreifendes Bauwerk, im Idealfall mit gleichlangen Achsen aller Bauteile, oft von einer Kuppel überwölbt. Seit der Renaissance zu hoher Blüte entwickelt.
Zweischaligkeit: Auflösung der ›Raumbegrenzung‹ durch einen ›Umgang‹ um den Zentralraum, erreicht durch weitgehende Auflösung der inneren ›Schale‹ mittels Arkaden, Säulen- und Pfeilerstellungen in sorgfältiger Abstimmung mit der von Fenstern durchbrochenen Außenwand.
Zwerchgiebel: Giebel der vor allem in der Renaissance großen Dachflächen vorgesetzten Dachhäuschen.

Forum (Kommentare)

Monster 08.11.2016 um 15:32:27 Uhr.
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