Die Mode im 17. Jahrhundert

Burgund, das Land zwischen Deutschland und Frankreich, hatte im 15. Jahrhundert nicht nur eine gewichtige politische und kulturelle Mittlerrolle gespielt, sondern auch über rund siebzig Jahre hinweg die Mode in den beiden Nachbarländern beeinflusst. Die halblange Schoßjacke, die gezattelten, d. h. ausgezackten Ärmel, der Glockenrock und die Mütze mit der Sendelbinde wurden für die Herrenmode des 15. Jahrhunderts ebenso kennzeichnend wie das hochgegürtete Schleppenkleid und die tüten- oder hörnerförmigen Hüte und Hauben für die Damenmode. Um die Wende des 16. Jahrhunderts begann sich dann aber ein Wandel anzubahnen. Die engen Kleider der burgundischen Mode wurden aufgeschlitzt, Landsknechte und Bürger suchten sich mit bunten Wämsern und Pluderhosen gegenseitig auszustechen, gesetzte Herren aus Adel und Bürgertum schritten würdevoll in der Schaube, dem langen ärmellosen Mantel, einher. Nur die Frauen wussten noch nicht so recht, wofür sie sich entscheiden sollten und traten meist viel bescheidener als die Herren auf; ein paar Puffen in den Ärmeln, ein hoher Hemdansatz mit Faltenkrägelchen oder gar das Goller, der kurze Schulterkragen mit Aufschlägen, gehörten dabei schon zu den modischen Feinheiten. Spanien diktiert den Modestil: Teuer, steif und unbequem
Aber solche Unsicherheit dauerte nicht lange; denn mit dem jungen König aus Spanien kam von 1530 an auch die spanische Mode nach Deutschland. Rund ein Jahrhundert lang bestimmte sie dann Aussehen und Auftreten der modebewussten Kreise des gehobenen Bürgertums und des Adels, jener Schichten also, die es sich finanziell leisten konnten, mit der Mode zu gehen; denn diese war aufwendig und dementsprechend teuer. So rasch wie sie gekommen waren, verschwanden nun die unbequemen Pluderhosen der Herren oder rutschten zumindest über das Knie hinauf und bildeten dann die ausgestopften Polsterhosen. Dementsprechend schön und auffallend musste das Bein zur Geltung kommen, das nun wieder, wie im 15. Jahrhundert, in Strumpfhosen oder Trikots steckte, auf deren sorgfältigen Sitz größter Wert gelegt wurde. Ansonsten liebten die Herren aber die Wülste, die alle Körperformen verbargen oder unförmig erscheinen ließen. Besonders typisch war dabei der »Gänsebauch«, ein vorstehendes ausgestopftes Koller. Und was den Herren recht war, konnte den Damen nur billig sein. So bevorzugten sie den »Weiberspeck«, ein dickes Kissen um die Hüften, das selbst der zierlichsten Dame eine tonnenförmige Gestalt verlieh und den Rock von der Hüfte an erst einmal breit abstehen ließ, bevor er dann senkrecht nach unten fiel. Bei den Herren vervollständigte ein kurzes Mäntelchen die modische Tracht. Zwar wurde daneben auch die zu Beginn des Jahrhunderts so beliebte Schaube getragen, in erster Linie allerdings von Gelehrten und Geistlichen. Auch das altbewährte Barrett verschwand bzw. blieb nur noch Kopfbedeckung der Geistlichen. Der modebewusste Herr dagegen trug einen hohen Hut mit schmaler Krempe. Wichtigstes Attribut der spanischen Mode aber wurde bei Herren wie Damen gleichermaßen die sogenannte Kröse, der unförmige große Kragen. Er war aus einem kleinen Krägelchen hervorgegangen und hatte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sehr rasch ein Eigenleben gewonnen. Leinenstreifen wurden erfinderisch in verschiedener Manier bearbeitet, gefältelt, mit Draht versteift, gerollt, schichtweise übereinander gelegt mit verschiedenen Mitteln gestärkt, bis das endgültige Produkt fast die Größe eines Mühlsteins erreichte und den Kopf fein säuberlich vom Körper zu trennen schien. Nicht nur, dass so ein unförmiges Rad eine steife Körperhaltung und einen langsamen Gang erzwang, sondern es erschwerte auch das Essen, und die Herrschaften benötigten Löffel und Gabeln mit besonders langen Stielen, um ihre Speisen verzehren zu können. Die Kleidung verlor jetzt an Farbigkeit. Zwar wurde in Deutschland das spanische Schwarz nicht übermäßig geschätzt und, wo es nur anging, durch etwas lebhaftere Farben ersetzt, aber die Zeit des Mi-Parti und der grellen, bunten Gewänder war endgültig vorüber. An Stelle der Farbe trat die übertriebene Qualität der Stoffe. Wer es sich nur leisten konnte, verwendete kostbare Samte, Seiden und durchwirkte Brokatstoffe. Teuer, steif und unbequem – das waren drei wesentliche Kennzeichen der spanischen Mode. Um so mehr ist es zu verwundern, dass sie sich in Deutschland an die achtzig Jahre hielt. Der Schnitt von Schuh und Hose
Ein Wandel vollzog sich dann im ersten Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges, erfasste anfangs aber nur die Herrenmode. Bei den Damen dagegen hielten sich der spanische Schnitt und seine modischen Attribute wie etwa Halskrause und Weiberspeck viel länger. Vielleicht war der Krieg daran schuld, dass es die Männer plötzlich bequemer haben wollten. Die spanische Mode hatte sie geradezu in eine enge zweite Haut gezwängt. Nun sahen einige Kleidungsstücke fast schlampig an ihnen aus, besonders die wieder längere Hose, deren Beine über die Knie hinabrutschten und mit schärpenartigen Bändern zusammengeschnürt wurden. Natürlich gab es auch Varianten. Wir begegnen ihnen bei den in Deutschland nie so recht heimisch gewordenen »Rheingravenhosen« (Rhingraves), die eher einem Röckchen glichen und unten einen breiten Spitzenbesatz aufwiesen, und ebenso bei jenen sackartigen Hosenungetümen, die an die Landsknechtshosen erinnerten und wie diese von bramarbasierenden (soviel wie »prahlerisch«) Kriegern bevorzugt wurden. Mit dem Wandel der Hose veränderte sich auch der Schuh, und die eleganten flachen Modelle der spanischen Mode traten hinter den Schaftstiefeln zurück, die anfangs bis zum Knie hinaufgezogen, später wieder bis zur Wade verkürzt, tulpenförmig erweitert und mit oft sehr teuren Gamaschen verziert wurden. Die modebewussten unmilitärischen Stutzer bevorzugten dagegen hohe Hackenschuhe, während der biedere Bürger bei seinen einfachen flachen Schuhen blieb. Hosenmode 17. JahrhundertHosenmode im Wandel. Dreiviertellange, bequeme Hose. Stahlstich nach einem Gemälde von Antonis van Dyck. Etwas langsamer und unauffälliger als bei der Hose vollzog sich der Wandel in der Bekleidung des Oberkörpers. Nach wie vor begegnen wir, vor allem bei den Soldaten, dem Ärmelwams und dem darübergezogenen ärmellosen Koller. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts kehrten sich dann aber deren Funktionen um, das Wams verlor seine Ärmel und wandelte sich zur Weste, während aus dem Koller der Ärmelrock wurde, der fortan zunehmend das modische Bild des Mannes beherrschte. Am deutlichsten fällt das Verschwinden der Kröse ins Auge, an deren Stelle der über das Wams herabfallende Leinenkragen trat, wie wir ihm so häufig auf den Bildern von Offizieren des Dreißigjährigen Krieges begegnen. Auch hier setzte sich sogleich der Modeteufel fest und verlockte die Stutzer mit prachtvollen und entsprechend teueren Spitzen. Bart, Haar und Perücke
Spielplätze für Gestaltungstrieb und Modemut

Die neue Kragenform erlaubte auch eine neue Haar- und Bartmode. Die steife Kröse hatte das Stutzen von Haar und Bart erzwungen, nun aber konnte beides wieder lang getragen werden. Für den Bart boten sich verschiedene Möglichkeiten, und der Satiriker Moscherosch zählt gleich achtzehn auf, die vom langen Spitz- und Knebelbart bis zum Schnurrbart reichen. Mit ingrimmigen Worten lässt Grimmelshausen einmal seinen Simplizissimus die Bart- und Haartracht eines Offiziers beschreiben: »Ich wusste nicht, ob er ein Er oder eine Sie wäre; denn er trug Haar und Bart auf Französisch, zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe herunterhängen wie Pferdeschwänze, und sein Bart war so elend zugerichtet und verstümmelt, dass zwischen Maul und Nasen nur noch etlich wenig Haar so kurz davongekommen war, dass man sie kaum sehen konnte.« Letzter modischer Schrei wurde die französische Sitte, das Haar links lang, rechts aber kurz zu tragen. Wer keine Naturlocken besaß, kräuselte es mit der Brennschere. Was nutzte aber die schönste Brennschere, wenn das Haar dünn wurde? Dieses Missgeschick passierte dem etwa fünfunddreißigjährigen Ludwig XIV., und daraus entwickelte sich eine neue Modevariante, die ein Jahrhundert lang die Herren- wie Damenmode beeinflusste: die Perücke. Ursprünglich war sie nur als Haarersatz gedacht und sollte dementsprechend dem echten Haar ähneln, doch bald erhielt sie eigenständigen modischen Charakter. Blonde Perücken waren besonders beliebt, da sie an Löwenmähnen erinnerten. Aus diesem Typus entwickelte sich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts die Staats- oder Allongeperücke, die mit gewaltiger Lockenfülle über die Schultern bis auf den Rücken herabfiel. Was ursprünglich nur eine höfische Sitte war, entwickelte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer Leidenschaft, die weite Bevölkerungskreise erfasste. Nicht nur Fürsten und Adelige, auch vornehme Bürger und solche, die es sein wollten, trugen ihre Perücken. Sie gehörten zur Tracht der Gelehrten, Studenten sahen sie als Zeichen neuer Würde, und in Danzig erbaten sich sogar Gymnasiasten vom Magistrat das Recht, Perücken tragen zu dürfen. »Kaum gelangte so mancher arme Schlucker, ein hungerichter Dinten-Schlecker, zu einem Dienstlein, da muss gleich ein guter Teil der Besoldung auf eine Staats-Peruquen verwendet werden, auch wenn im Hause alles fehlt, Weib und Kind notleiden«, klagte ein Benediktinerpater, und er hatte gar nicht so unrecht; auch führte die allgemeine Perückensucht zu Rohstoffmangel und entsprechender Verteuerung. An Stelle von Menschenhaar musste Ziegen- und Pferdehaar als Ersatz herhalten, und eine gute Echthaarperücke konnte bis zu tausend Taler und mehr kosten! Zur Ausstattung des Herrn fehlte als Tüpfelchen auf dem i nur noch der Hut, dessen Form zwar verschiedentlich wechselte, der aber im allgemeinen entsprechend den lockigen Haaren oder der Perücke wieder groß und breitkrempig wird, geschmückt vor allem mit mächtigen Straußenfedern. Die Bürger bevorzugten den einfachen schwarzen Filzhut, vielleicht, um Bescheidenheit zu demonstrieren. Die mannigfachen Wirkungen der Damenmode
Langsamer zwar, aber ebenso sicher, wandelte sich unter französischem Einfluss und Vorbild auch die Damenmode. Noch bis weit in das 17. Jahrhundert hinein sehen wir auf den zeitgenössischen Bildern die Damen mit Mühlsteinkröse und großen Hüftpolstern. Als dann letztere allmählich verschwanden, wurde der Rock hochgehoben und an der Taille festgehakt, was wiederum einen Blick auf die Unterröcke freigab, trugen doch die vornehmen Damen deren mindestens drei und manchmal sogar bis zu zwölf! Auch das Mieder änderte sich. Die enge und steife Verschnürung des ganzen Oberkörpers wurde aufgehoben und blieb nur noch für die Taille bestehen, hob dafür aber die Brust und gab sie deutlich den Blicken der Männerwelt frei, da auch der Halsausschnitt tiefer und weiter wurde. Die inkonsequenten Schönen schränkten allerdings das verlockende Angebot sogleich wieder ein, indem sie den Ausschnitt durch einen Kragen aus Battist oder Spitzen bedeckten. Zu den auffallendsten Neuerungen an den Kleidern gehörten die weit geschnittenen Ärmel. Prinzessin Marie von OranienGeschnürte Brust, gelocktes Haar. Nichts ist an Prinzessin Marie von Oranien dem Zufall überlassen: »Natur« war im 17. Jahrhundert nicht gefragt. Ölgemälde von Willen van Honthorst. Diese verhältnismäßig bescheidene Damenmode änderte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts und wurde eleganter und auffallender. Der obere Rock bauschte sich nun auch hinten an der Taille und lief dann in einer Schleppe aus, die verhüllenden Spitzenkrägen kamen wieder außer Mode, und das Dekolleté setzte sich endgültig durch. Das führte natürlich zu energischen Protesten strenger Sittenrichter. So untersagte schon 1662 der Rat von Braunschweig den Frauen und Jungfrauen »die ärgerlich und schändlich entblößten Brüste«, und beweist uns damit nur, dass diese Mode sich nicht allein auf die adeligen Damen beschränkte, sondern weite Teile des Bürgertums erfasst hatte. Was die Damenkleider an Einfallsreichtum der Formen ein wenig vermissen ließen, ersetzten sie durch entsprechende Kostbarkeit des Materials: Gold- und Silberbrokat, diverse Seidenstoffe, Samte, moirierter Taft, Scharlach, alles natürlich in sich stets ändernden Modefarben, die aufs erfindungsreichste mit seltsamen Namen belegt wurden. Da gab es »Nönnchenbauch« und »Jungfernsteiß« als Farben, aber auch für schamhafte deutsche Damen schön französisch umschrieben die »merde de oie« oder sogar »caca Dauphin«. Auch der Frisur kam eine gewichtige Aufgabe zu. In der spanischen Zeit war sie hochtoupiert gewesen, nun fielen die Haare zu beiden Seiten des Gesichts in langen Locken herab und wurden rückwärts zu einer Art Nest geflochten. Seit der Mitte des Jahrhunderts schnitt man sich Simpelfransen, locker in die Stirn gekämmte Haare, manchmal wurden auch die langen Locken zurückgenommen und in zwei festen Tuffs über die Ohren gelegt. Modebewusste junge Damen trugen
»Hurluberlu«, d. h. die ganze Frisur wurde mühevoll in kleine Löckchen gedreht. Seit 1684 kam die »Fontange« auf, eine hochgesteifte Haube, besser gesagt, ein steiler Aufbau aus Spitzen und Bändern. Bei der Hauben-und Hutmode war dem Erfindungsreichtum der Frauen aller Stände überhaupt keine Grenzen gesetzt. Wenn man beispielsweise die zeitgenössischen Bilder des Böhmen Wenzel Hollar ansieht, der gern Modeillustrationen lieferte, staunt man gelegentlich über höchst kühne und kunstfertige Kreationen; jedoch dominierte bei den Bürgerfrauen die einfache Haube. Hollars Bilder zeigen auch häufig Damen, die Masken tragen. Diese Sitte, die bis ins zweite Drittel des Jahrhunderts weit verbreitet war, beschränkte sich keineswegs auf den Karneval. Die Damen nutzten sie vor allem in der kalten Jahreszeit, um den Teint zu schützen. Doch diente sie auch dazu, das Inkognito zu wahren. »Wenn ein Frauenzimmer geschwind ausgehen und nicht viel anziehen will, nimmt es die Maske über den Kopf, dass nichts als die Augen herausgucken, und geht so incognito. Wenn aber ein Bekannter kommt oder einer, dem sie affection bezeugen wollen, nehmen sie die Maske herunter.« Behördlich und mit Ironie gegen Herrn Alamode aus Frankreich
So gingen Herren wie Damen, Adelige wie Bürger »alamode«, wie der zeitgenössische Ausdruck für die Überbetonung des französischen Einflusses in der Mode und in anderen Bereichen lautete. Schnell hatte man auch einen Sündenbock und nannte ihn den »Herrn Alamode«, gelegentlich auch den »Kleiderteufel«, und ging ihm gleich von zwei Seiten ans Leder. Einmal griffen »teutsche« Sittenrichter heftig zu, zum andern schritten besorgte Behörden eifrig ein. Auf Fliegenden Blättern wurden übertrieben karrikierende Modebilder mit Spotttexten verbreitet, die uns immerhin einige Rückschlüsse auf das modische Bewusstsein verschiedener Bevölkerungsschichten erlauben. So heißt es beispielsweise in einem zeitgenössischen Spottgedicht von Lauremberg und Rachel. Text der Zeit
Hans Michael Moscherosch Kritik der »Sprachmengerei«

Welches unvernünftige Tier ist doch, das dem andern zu Gefallen seine Sprache oder Stimm nur änderte? Hast du je eine Katze dem Hund zu Gefallen bellen, einen Hund der Katz zu lieb mauchzen hören? Nun sind wahrhaftig in seiner Natur ein Teutsches festes Gemüt und ein schlipferiger welscher Sinn anders nicht als Hund und Katze gegeneinander geartet, und gleichwohl wolltet ihr unverständiger als die Tiere ihnen wider allen Dank [ohne jeden Vorteil] nacharten? Hast du je einen Vogel blärren, eine Kuh pfeiffen hören? Und ihr wollet die edle Sprache, die euch angeboren, so gar nicht in obacht nehmen in eurem Vaterland. Pfui dich der Schand! Fast jeder Schneider will jetzund leider
Der Sprache erfahren sein und redt Latein.
Wälsch und Französisch, halb Japonesisch,
Wann er toll und voll, der grobe Knoll. Der Knecht Matthies spricht bonae dies [Guten Tag],
Wann er Gut Morgen sagt und grüßt die Magd;
Die wendt den Kragen, tut ihm Dank sagen,
Spricht Deo gratias [Gott sei Dank], Herr Hippocras. Ihr bösen Teutschen, man sollt euch peutschen,
Dass ihr die Muttersprach so wenig acht.
Ihr lieben Herren, das heißt nicht mehren,
Die Sprach verkehren und zerstören. Ihr tut alles mischen mit faulen Fischen
Und macht ein Mischgewäsch, ein wüste Wäsch,
Ich muss es sagen, mit Unmut klagen,
Ein faulen Hafenkäs, ein seltsams Gefräs. Wir hans verstanden mit Spott und Schanden,
Wie man die Sprach verkehrt und ganz zerstört.
Ihr bösen Teutschen, man sollt euch peutschen,
In unserm Vaterland; pfui dich der Schand! Warum das Reisen in fremde Länder angestellt sei, das ist den meisten zwar aus den Büchern [...] bekannt, können davon zierlich reden und prächtig sprechen; die mehrere aber haben ihr Absehen vornehmlich dahin, wie sie ein welsches Kleid, welsche Gebärden, welsches Haar, welschen Überschlag, welches Wams, welsche Hosen, welsche Strümpfe, welsche Stiefel, welschen Mantel, welschen Degen, welsches Gehenk mit nach Haus bringen mögen; und das Ärgste ist, oft die Franzosen gar im Herzen. Ein alter Greis pulvert sein Haar, will das [...] Frauenzimmer dabei überreden, seine Haare wären nicht Alters halben grau, sondern er hätte sie mit dem Cyperpulver also Geruchs wegen gepulvert [...]. Desgleichen tut auch eine alte Närrin [...]. Die lieben Jungfrauen, so noch im besten Alter sind und sich ihrer kernhaften lieben schwarzen Haare nicht zu schämen, sondern zu erfreuen hätten, tun desgleichen, machen ihre Haare auch grau, die doch nimmer wissen, noch bedenken, warum jene Alten solchen Schmink anfangs erdacht haben [...]. Dann da tragen sie Hutschnüre von Seide, von Gold, von Silber, von Atlas, von Daffat [Taft]; dann gestickt, dann geschlagen, dann geflochten; dann rund, dann aus Fäden, dann breit, dann viereckig, dann von Haaren, dann von Rosshaaren, von Jungfrauenhaaren, von weiß nicht was. Dann Umschläge oder Überschläge [...] einen Ellen breit, dann ein halbes Viertel breit, dann vorne zugleich, dann mit Zipfeln spannenlang. Dann Stiefel, dann Schuhe, dann Degen, dann Wehrgehenke, dann Sporen, dann Wams und Hosen, dann Hüte und Strümpf dann Nestel und Bänder, dass sich zu verwundern [...]. Wo findet man einen, der eine rechte selbstständige Farbe lieben und tragen will, als Schwarz, Weiß, Blau, Gelb oder Grün? Sondern neue, halbscheinende Farben, die halb blau, halb weiß, halb schwarz, halb gelb, halb Grün sind [...]. Alamode macht mir bang
Weil der Deutschen Untergang
In der Neuensucht
Seinen Anfang sucht.
Denn was haben will ein Schein,
Muss nur alamode sein:
Darnach sieht die Welt,
Wer sich also stellt,
Der wird vorgezogen heut.
Sind wir nicht elende Leut’?
Ein fromm Biedermann
Kommt bei niemand an,
Alamode helf ihm dann
Sonst er nicht fortkommen kann,
Diese Narrenplag
Machet, dass ich sag:
Alamode bringt uns noch
Unter ein fremd’ Reich und Joch.
Übel laut’ es zwar,
Doch es ist so wahr
Und bleibt bei dem ersten Klang,
Dass der Deutschen Untergang
In der Neuensucht
Seinen Anfang sucht.

Aus: »Gesichte Philander von Sittewald«. II. Teil von Hans Michael Moscherosch (1601-1669). Der aus dem Elsass stammende Dichter schildert in den »Gesichten« die Zeitverhältnisse und übt satirische Kritik. Die Sittenrichter wetterten ganz allgemein gegen den modischen Einfluss Frankreichs, ohne dabei jedoch zu differenzieren und zu beachten, dass diese Moden schon aus finanziellen Rücksichten nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung mitgemacht werden konnten. Wir begegnen den behördlichen Kleidervorschriften auch in anderen Ländern in ähnlichem Umfang, vor allem in den protestantischen. Wenn es in einer Nürnberger Kleiderordnung von 1657 heißt: »Die leidige Erfahrung bezeugt, dass fast von allen Ständen, sowohl Mannsais Weibspersonen, gantz verächtlich und freventlich die übermäßige Pracht in Kleidern und Neuen Trachten dergestalt unverantwortlich aufs Höchste getrieben worden ist, dass fast kein Stand von dem andern unterschieden werden möge«, so machen solche Worte besonders augenfällig, dass es weniger um das Eindringen neuer modischer Formen, auch nicht allein um den Luxus ging, sondern vielmehr der gefährlichen Gleichmacherei der Mode entgegengetreten werden sollte, mit deren Hilfe sich Standesunterschiede dort leichter vertuschen ließen, wo wenigstens die finanziellen Mittel dafür vorhanden waren. So ängstlich die Behörden in den deutschen Territorien und Städten auch vorgingen und dabei bemüht waren, selbst die geringsten modischen Vergnügungen in den unteren Schichten zu unterbinden, so wenig konnten sie letzten Endes das Einströmen neuer modischer Formen und Vorbilder im Zuge eines durch den Dreißigjährigen Krieg geschaffenen leichten west-östlichen Kulturgefälles und damit auch eine gewisse Internationalisierung der Mode aufhalten.

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Info 14.12.2017 16:08
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