Was ist Geschichte?

Das Wort Geschichte hat im Deutschen wie in den meisten europäischen Sprachen einen merkwürdigen Doppelsinn. Es meint die Vergangenheit, Ereignisse, Prozesse, Zustände der Vergangenheit – und zwar vornehmlich und eigentlich der menschlichen Vergangenheit (von dem Sonderfall der »Geschichte der Natur« – des Kosmos, der Erde, der Lebewesen – wollen und können wir hier absehen). Das ist die eine, die »objektive«, auf Objekte, auf Gegenstände bezogene Bedeutung des Wortes Geschichte. Zugleich meint das Wort aber auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die »Erkundung« – das ist der erste Sinn des ursprünglich griechischen Wortes Historie – und, vor allem, die Darstellung dieser Vergangenheit, das ist das »subjektive« Element. Der Vorgang, Vergangenheit zu vergegenwärtigen, und das, was da vergegenwärtigt wird, die Vergangenheit, heißt beides Geschichte, und beides sind unlöslich miteinander verbunden. Dieser Doppelsinn und diese Verbindung sind nicht zufällig. Denn vergangenes Geschehen, vergangene Zustände hören auf, ein Chaos zu sein, gewinnen einen Zusammenhang, ja, eine Bedeutung und werden das, was wir eine Geschichte nennen, erst, indem sie von Zeitgenossen oder Nachgeborenen erinnert oder vergegenwärtigt werden. Erst im Bewusstsein wird das Vergangene zu einem geordneten, einem wirksamen Ganzen. Nicht alles, was je passiert ist, ist Geschichte, sondern nur das, was als ein Moment in einem wirksamen Ganzen erkannt werden kann: Wir unterscheiden das Objektive und das Subjektive, aber wir können es nicht voneinander trennen. Geschichte und Geschichtsschreibung
Solche zugleich geschehene und erinnerte, dargestellte Geschichte ist Geschichte jeweils einer Einheit: einer Stadt, eines Landes, eines Volkes, eines Wirtschaftszweiges, einer Kirche, einer Institution. Im Grenzfall ist es einmal die Geschichte eines einzelnen, eine Biographie, oder zum anderen die Summe oder das Ganze aller solcher Geschichten, die Geschichte der europäisch-abendländischen Welt, die Geschichte der Menschheit, auch manchmal einfach als »die« Geschichte bezeichnet – oder ein Teilstück daraus. Jede einzelne Geschichte, die kleine wie die große, Stückwerk oder Ganzes, bezieht sich auf einen bestimmten Zeitraum. Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende, und sie begibt sich im Schema der ablaufenden Zeit. Der Historiker, der eine Geschichte erzählt, oder der Zeitgenosse, der Geschichte vergegenwärtigt, zählt sozusagen die Zeit, weist allen Geschehnissen ihren Platz in ihrer Zeit zu. Ohne die Daten, die Chronologie, wie wir gelehrt sagen, geht es nicht, dass sie bei manchem Schulmeister zu einem leeren Gerüst verkümmert ist, sollte niemand schrecken. Geschichte hat es eben mit dem Ablauf der Zeit, mit dem Ablauf der Zeiten, der immer anderen Zeit zu tun, und zwar natürlich mit der Zeit, die vergangen ist. Die erinnerte und dargestellte Geschichte nimmt die Vergangenheit von der jeweiligen Gegenwart der Menschen, die sich erinnern, die darstellen, in den Blick. Anderes haben wir nicht – nicht das Auge Gottes und nicht das Auge der Menschen vor 100 Jahren oder der vor 1000 Jahren. Das ist der Ausgangspunkt, das ist der Standpunkt, die Perspektive, von da aus wird Vergangenheit erinnert und vorgestellt. Indem wir uns mit der geschehenen Geschichte beschäftigen, stellen wir einen Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart her, von diesem Bezug auf die Gegenwart können wir nicht absehen. Das ist zuletzt deshalb so, weil nicht nur die Natur, nicht nur die Politik oder die Gesellschaft, sondern auch die Geschichte unser Dasein und Schicksal, das Dasein und Schicksal des Menschen, des einzelnen wie der sozialen Gruppen, in einer jeweiligen Gegenwart in einem kaum zu unterschätzendem Maße bestimmen. Wir fangen niemals von vorne an. Wir befinden uns in einer bestimmten Lage, in vorgegebenen Selbstverständlichkeiten, vor vorgefundenen Problemen und Alternativen, in sozialen Gruppen, politischen Institutionen, in einem religiösen oder kulturellen Milieu. Wir leben in Wertvorstellungen, die unsere möglichen Ziele und die verwendbaren Mittel bestimmen. Wir können das ändern wollen und vielleicht auch ändern, aber davon müssen wir ausgehen, das sind die Faktoren, die eine geschichtliche Lage, die Lage jedes Menschen, ausmachen. Wenn wir unsere »Lage« mit anderen Lagen zu anderen Zeiten und bei anderen Völkern vergleichen, dann gewahren wir die spezifische Eigenart unserer Lage, ja, wir gewahren, dass auch wir selbst, geprägt durch diese Faktoren, eine/soziale, kulturelle und politische Eigenart besitzen, die uns und zugleich unsere Möglichkeiten ausmacht. Lage und Eigenart, die uns bestimmen, sind historisch geworden, sie sind Ergebnis der bisherigen Geschichte unserer Lebenswelt. Wir sind Produkte unserer Geschichte, und wenn wir es mit der Vergangenheit zu tun haben, so gehen wir eben darum von unserer Gegenwart aus. Erinnerung und Tradition
Die vergangene Lebenswelt nun ist uns sowohl in der kollektiven, von den Alten weitergegebenen Erinnerung wie auch in der Tradition, den aus der Vergangenheit in die Gegenwart hereinragenden Wirklichkeiten, Bauwerken, Institutionen, Sitten zum Beispiel, gegenwärtig. Wie es früher war und was früher geschehen ist, das reicht über Erinnerung und Tradition in unsere Gegenwart hinein. Und alle Völker haben darum immer ein gewissermaßen natürliches, alltägliches Verhältnis zu ihrer Vergangenheit, sie leben mit einem – stark vereinfachten, verkürzten – Bild ihrer Geschichte, im Mythos, im Denkmal, in den Erzählungen vor aller Wissenschaft. Geschichte ist lebendige Tradition. Dabei wird natürlich die Vergangenheit nach den Bedürfnissen einer Gegenwart zurechtgerückt, die lang zurückreichende Erinnerung will und kann nicht mehr präzise und objektiv sein, die forterzählten oder fortgeschriebenen Erinnerungen können es erst recht nicht. Die Wissenschaft, die sich der Vergangenheit zuwendet, verfährt anders. Sie verlässt sich nicht auf fortgeschriebene und forterzählte Überlieferung, sondern auf die Zeugnisse der Vergangenheit selbst: die Quellen. Sie sammelt und sichtet Quellen und analysiert und interpretiert sie, und all unsere Aussagen über die Vergangenheit müssen sich an den schriftlichen und nichtschriftlichen Zeugnissen der Vergangenheit, großen Mengen von Zeugnissen, bewähren. Dabei ist zum Beispiel herausgekommen, dass die Menschen anderer Zeiten nicht, wie wir zunächst naiv meinen, so waren wie wir, sondern anders, dass sie anders dachten, fühlten, handelten. Die Wissenschaft von der Geschichte befreit uns von unserem Vorurteil über die Vergangenheit, von den Umdeutungen, den interessegeborenen Legenden, sie lässt uns die vergangene Wirklichkeit als das sehen, was sie selbst war, sein wollte und sein konnte. Die Geschichtswissenschaft sucht der Vergangenheit gerecht zu werden, sie von den Verzerrungen der parteilichen Deutungen freizuhalten, sie sucht, wie wir sagen, ein objektives Bild der Vergangenheit zu geben. Die Wissenschaft kann dieses Ziel nie vollständig erreichen, auch Historiker sind, wie wir gerade uns noch einmal bewusst gemacht haben, Menschen ihrer Zeit, und was sie von der Vergangenheit, dieser unendlichen Masse, darstellen, ist immer und notwendig ein Ausschnitt und eine Auswahl, geprägt durch den Standpunkt der Historiker in der Zeit. Aber die Historiker streben nach Objektivität, und sie können sich ihr annähern, sie unterscheiden zwischen guten und schlechten, das heißt »wahreren« und weniger »wahren«, vollständigeren und einseitigeren Darstellungen der Vergangenheit. Sie können alte Zeiten, die uns schwer zugänglich sind oder die wir missverstehen, uns begreiflich machen. Sie haben bewiesen, dass die Menschen anderer Zeiten anders waren als wir heute sind, dass man nicht einfach nur von alten Geschichten erzählt, sondern, um sie erzählen zu können, begreifen muss, dass andere Menschen anders dachten, fühlten, handelten. Die Historiker können ein Stück Objektivität, wahre Darstellung der Vergangenheit erreichen, und man soll sich von Leuten, die die Geschichte unter der Vorgabe der Wissenschaftlichkeit für eine Parteimeinung auszunutzen suchen, nicht ins Bockshorn jagen lassen. Warum betreibt man Geschichte?
Warum soll man überhaupt solche wissenschaftlich angeleitete Geschichte betreiben, auf der Schule zum Beispiel und mit Steuergeldern? Oder: Wenn wir die Frage, was man soll oder nicht soll, beiseite lassen, was ist das Interessante, was ist der Nutzen, der Sinn einer Beschäftigung mit der Geschichte? Wozu studiert man Universalgeschichte? Fragte Schiller, was ist der Nutzen (und auch der Nachteil) der Geschichte für das Leben? – so hat Nietzsche das klassisch formuliert. Ist Geschichte nicht das ewig Vergangene, das Gestrige, das uns in einer vom Wandel und der Zukunft beherrschten Welt nichts mehr angeht, oder gar uns bedrückt und am Fortschritt hindert? Ist Geschichte nicht der alte Hut einer abgelegten Bildung, für die alles, was es gibt und gegeben hat, gleich interessant und damit in einem tiefen Sinn gleichgültig war? Geschichte ist hauptsächlich Unfug (und darum überflüssig), hat der alte Henry Ford gemeint, die spontanen Revolutionäre sind der gleichen Ansicht, und viele »normale« Menschen meinen, ohne das so klar zu formulieren, Ähnliches – zumal wenn sie schlechte Erfahrungen mit Geschichte in der Schule gemacht haben oder wenn sie an Bücher über Geschichte geraten, die langweilig oder superkompliziert sind. Nun, von einer der Antworten auf die Frage nach dem Nutzen haben wir schon gehört. Wir brauchen Geschichte, um unsere Lage zu verstehen, oder anders: um uns in unserer Gegenwart zu orientieren. Und sich orientieren heißt nicht nur wissen, warum die Dinge so sind, wie sie geworden sind, sondern auch, welche Möglichkeiten des Handelns und Veränderns, der Zielsetzung und der Mittelwahl wir haben und welche nicht. Andersherum gesagt: ohne Geschichte verstehen wir unsere Gegenwart nicht und können nicht sinnvoll auf die Zukunft hin handeln. Warum Deutschland geteilt war und warum wenig beliebt, warum es hier andere Parteien gibt als in Italien oder Frankreich, warum wir ein parlamentarisches System haben und keine direkte Demokratie und warum ein Verfassungsgericht, warum eine Marktwirtschaft und ein System der sozialen Sicherung, das anders funktioniert als anderswo, zum Beispiel in England, das »kann man nur historisch erklären«. Diese Alltagswendung ist für viele der großen Fragen unserer Gegenwart notwendig. Wir können sodann aus der Geschichte auch da, wo sie uns nicht unmittelbar betrifft, lernen: lernen über Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns in gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen, lernen über die unbeabsichtigten Folgen allen menschlichen Tuns, über das Missverständnis von Absichten und Folgen, von guten Absichten und bösen Folgen vor allem. Wir lernen über das Leben. Nicht freilich so, wie die Alten meinten: dass Geschichte einen Vorrat von Rezepten, von beispielhaften Handlungen, die zu wiederholen wären, böte. Denn gerade aus der Geschichte haben wir gelernt, dass die Verhältnisse jeweils anders sind. Aber indem wir vergangenes Handeln in seinen Zusammenhängen und Folgen analysieren und begreifen, lernen wir doch: Wir schulen unser Augenmaß. Und schließlich lernen wir aus der Geschichte, das was anders ist als wir, alt und fremd, zu verstehen, das hilft uns im Umgang mit so vielen gegensätzlichen und ungleichzeitigen Gesellschaften, Völkern und Einzelbereichen in der einen Welt von heute, in der wir leben. Geschichte und Selbst Verständnis
Aber es gibt mehr als solchen Nutzen für die Gegenwart. Der verstandene Fremde, sei es alt, sei es fern, bestürzt und bereichert uns, es relativiert so unsere natürliche Selbstgewissheit. Menschen haben auch anders als wir leben, eine Welt aufbauen und leiden können. Ohne solche Erfahrung des Andersseins werden wir das Eigene, was wir selbst sind, nicht begreifen können. Aber zugleich – wir haben es gesagt -vergegenwärtigt Geschichte unsere eigene Vergangenheit selbst. Und mit beiden, dem Fremden wie dem Eigenen, bringt sie uns zu unserer eigenen Identität. Wenn wir sagen sollen, wer wir sind, erzählen wir unseren Lebenslauf. Als Gruppe, als Generation, als lokale, regionale, nationale, als soziale, als konfessionelle, als kulturelle, als ideologische, als parteiliche Gruppe, haben wir wiederum eine Identität, der wir im Lebenslauf der Gruppe, und das heißt in ihrer Geschichte, inne und sicher werden. Geschichte befestigt unsere Identität, die wir zum Leben brauchen. Auch das Zufällige, das nicht weiter Ableitbare, das uns bedrückt, wird, indem es Teil der erzählten Geschichte wird, eingebaut in unser Leben, aufs Vertraute, auf unseren Platz bezogen. Geschichte ist immer auch eine Bewältigung des Zufälligen im historischen Ablauf. Das Eigene und das Fremde – darin liegt die eigentümliche Doppelfunktion der Beschäftigung mit Vergangenheit: Geschichte vermittelt uns, indem sie uns mit dem Eigenen in Beziehung setzt, Sicherheit, indem sie uns dem Anderen und Fremden gegenüberstellt, vermittelt sie Unsicherheit, sie beruhigt und sie beunruhigt zugleich. Sie erweist die menschlichen Möglichkeiten, das Umgestalten können unserer Welt, und sie erweist zugleich unsere Grenzen, die Endlichkeit und die Fehlbarkeit unseres Tuns. Die Beschäftigung mit Geschichte ist darum in einem direkten und mehr noch in einem indirekten Sinn nützlich, und sie hat zugleich und in eins damit etwas herrlich Unnützes, was nicht in den Zwecken und Zwängen unseres Lebens aufgeht. Geschichte ist nicht das Abgelebte, das Museale, nicht einfach das uns Bedrängende und Bedrückende und Lähmende. Im Umgang mit Geschichte erfahren wir an den anderen etwas von dem, was man Sinn nennen mag, etwas davon, dass das Leben und zuletzt eben auch unser Leben in Zusammenhängen des Nutzens nicht aufgeht. Historische Gesetze
Geschichte hat es mit der Vergangenheit des Menschen zu tun. Es geht nicht, wie in der Physik, um gleichförmige, wiederkehrende Ereignisse oder Ereignisreihen, die menschliche Vergangenheit ist dadurch charakterisiert, dass sie unwiederholbar und unumkehrbar, dass sie einmalig ist. Natürlich, es gibt Vergleichbares, es gibt typische Abläufe, modellartige Situationen -aber auch das ist eindeutig und klar unterschieden von den wiederkehrenden Abläufen unter Naturgesetzen, die Physiker, Astronomen oder Chemiker zum Gegenstand haben. Der Historiker kann im Idealfall wie solche Naturwissenschaftler erklären, warum die Dinge so gekommen sind, wie sie gekommen sind. Aber er kann anders als der Naturwissenschaftler nicht sagen, wie sie zu einem zukünftigen Zeitpunkt, morgen oder übermorgen, sein werden. Er kann nicht voraussagen. Denn da es für ihn um menschliches Handeln geht, schlägt hier ein Stück dessen ein, was wir menschliche Freiheit nennen. Die Situation ist offen, die menschlichen Individualitäten stehen, so sehr sie in dem Zusammenhang von Geschichte und Gesellschaft gebunden, ja determiniert sind, unter solchen allgemeinen Gesetzen, aus denen folgt, wie sie handeln werden. Und die Regeln der Wahrscheinlichkeit helfen uns nicht weiter vor dem komplexen Zusammenhang, den wir Geschichte nennen, in den unzähligen Handlungen zusammenkommen. Es gibt insbesondere kein Gesetz der Geschichte, wie es Gesetze des Sonnensystems gibt, kein Gesetz, das den Verlauf der Geschichte erklärt und darum die Zukunft prognostizierbar macht. Ein solches Gesetz kann es nicht geben, denn es würde voraussetzen, dass wir das Ende der Geschichte schon haben und kennen. Erst dann hätten wir ein geschlossenes System, in dem sinnvollerweise von Gesetzen geredet werden kann. Historiker können durchaus Aussagen über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, ja auch über Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten in der Zukunft machen, Propheten und Prognostiker können sie nicht sein. Die Versuche der Anhänger des Fortschrittsglaubens oder des Marxismus, ein Gesetz der Geschichte zu konstruieren und sich dann darauf zu berufen, sich als Vollstrecker solcher Gesetze zu legitimieren, sind verfehlt. Das sind Theorien, die eine subjektive Entscheidung, zum Beispiel für den Sieg des Kommunismus, zu einem angeblichen Gesetz der Weltgeschichte erheben – es sind Ideologien. Der geschichtliche Prozess
Geschichte, die es mit der menschlichen Vergangenheit zu tun hat, hat es mit der Totalität des menschlichen Lebens zu tun. Geschichte ist, so wie wir sie heute kennen und darstellen, mehr, viel mehr, als die Summe der Haupt- und Staatsaktionen, die sich den Zeitgenossen und den Nachgeborenen ins Gedächtnis eingegraben haben. Solche einschneidenden Aktionen und Ereignisse sind nicht unwichtig, sie markieren Entscheidungen und setzen Veränderungen in Bewegung. Aber sie sind nur im Zusammenhang mit der ganzen Fülle des gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen, religiösen und kulturellen Leben zu begreifen. Neben der Kette der Ereignisse gehören die Zustände und die Prozesse, in denen die Zustände entstehen und sich verändern, gleichgewichtig zur Geschichte – neben dem Großen das unendlich viele Kleine, aus dem sich alles menschliche Leben zusammenfügt, und an dem allein wir es greifen können. Zu diesen Zuständen und Prozessen gehören die Institutionen, eine Verfassung, eine Stadt, ein Recht, das Bodeneigentum, eine Sitte usw., und gehört das, was wir heute Mentalität nennen, die un- oder halb Bewussten Normen, die das Verhalten der Menschen, ihre Erwartungen und Handlungen, ihre Gefühle und Phantasien prägen. Oder anders gesagt: Gegenstand der Geschichte ist der handelnde und der leidende, Aktionen und Ereignisse erfahrende, ertragende oder erduldende Mensch im Gefüge seiner politischen, seiner sozialen und ökonomischen, seiner religiösen und kulturellen Institutionen. Geschichte ist mehr als die Geschichte der Herrschenden, wie das heute oft heißt, mehr als die Geschichte der Sieger – seien es die Sieger von damals, von heute oder von morgen, das wissen wir heute gut genug. Aber freilich, Geschichte schließt die Geschichte von Herrschaft und Siegen ein, weil sie wesentlich das Schicksal der Vergangenheit, der vergangenen Generationen geprägt haben. Geschichte ist mehr als politische Geschichte, ist Wirtschafts-, Sozial-, Kulturgeschichte, denn der Mensch ist uns nur als gesellschaftlicher Wesen in seinen ökonomischen und kulturellen Bezügen gegeben, die Politik im Zeitalter der Massen ist von solchen Bezügen nicht zu trennen. Aber Geschichte ist dennoch auch und nicht zuletzt politische Geschichte. Geschichte und Kultur
Geschichte hat es mit der Kultur des Menschen zu tun. In der ständigen Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt, mit der Natur, im Versuch, seine Bedürfnisse zu befriedigen, seine Umwelt zu meistern, mit seiner Mitwelt zurechtzukommen, hat der Mensch ein ganzes System von Hilfsmitteln und Einrichtungen geschaffen, eine Art zweiter Natur, die wir Kultur nennen. Hilfsmittel, das heißt Techniken und Praktiken, die durch besondere Methoden überliefert, weitergegeben und erhalten werden, Einrichtungen und Regelungen, wie Familienordnungen und Rechtssysteme, die das natürliche instinktgeleitete oder auf Reize reagierende oder lernende Verhalten des menschlichen Lebewesens überlagern – das sind Schöpfungen des Menschen, die ihn wiederum prägen und formen. Sie sind Ausdruck einer bestimmten Lage und eines bestimmten Wollens, und zugleich Voraussetzung jeder neuen Lage und jeder neuen Disposition zum Wollen. Der Mensch, und zwar der Mensch in einer geschichtlichen Zeit und einer jeweiligen Gesellschaft, wir können auch sagen: einer historischen Gesellschaft, setzt ein System von Hilfsmitteln und Einrichtungen zur Lebensbewältigung aus sich heraus, es wird objektiv, es wird, wie wir eben sagen, ein System, ein System von Werken, Geräten wie von Rechtsordnungen, die dem Menschen gegenüberstehen und die der Historiker als die Kultur einer Vergangenheit greifen kann. Zu diesem System der Kultur gehört ein umfangreicher Bestand von Handlungen und Ausdrücken, die wir symbolisch nennen können, weil sie nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar, symbolisch eben, der Lebensbewältigung oder der Entlastung von Lebensbewältigung dienen, dafür aber ganz unersetzlich sind. Sprache, Religion, Kunst sind vorzügliche Beispiele. Diese symbolischen Ausdruckssysteme nehmen in den komplexen Gesellschaften zu, die die sogenannten Hochkulturen hervorgebracht haben, Gesellschaften, die arbeitsteilig das Leben meistern und darum die Funktionen in der Lebensbewältigung differenzieren und ausgestalten, den Raum jenseits der unmittelbaren Nöte vergrößern. Hier sprechen wir dann in einem ausgezeichneten und engeren Sinne von Kultur. Kultur ist dann die Summe von »hohen« menschlichen Leistungen, Leistungen, die als eine kunstvolle Umwelt den Menschen zugleich wieder formen – zu Menschen der Kultur, zu Menschen mit Kultur. In dieser Art Kultur wird in besonderem Maße das Norm- und Wertgefüge, der Ausdrucks- und Symbolgehalt geschaffen, überliefert, rezipiert und verwandelt, das unser Verhalten bestimmt. Kultur ist dabei nicht nur das, was im Museum und in Bibliotheken überliefert ist, die Erträge, das objektiv greifbare Werk, das Material Gelungene einer Vergangenheit und darum ein Sonderbereich der Geschichte sozusagen, ein Überbau und ein Bildungsgut – Kultur ist ein gar nicht auszublendendes Element jeder Geschichte, unserer wie der fremden, das uns oder jede frühere Generation umgibt und prägt. Darum gehören Geschichte und Kultur des Menschen notwendig zusammen, gehört zur Beschäftigung mit der Geschichte des Menschen die Beschäftigung mit der Kultur. Und hier ist es wiederum so, wie wir es oben von der Herrschaft gesagt haben: Kultur ist mehr als die Leistungen einer Elite, Kultur ist auch Volkskultur, auch Massenkultur. Aber ohne hohe Kultur kann Volks- und Massenkultur nicht verstanden werden, auch hohe Kultur ist, wie immer man sie ästhetisch oder sonst wie werten mag, ein unverlierbarer Bestand der Geschichte.