Was ist Mensch?

Stellen Sie sich vor, die Namen in einem Großstadttelefonbuch wären die Ihrer Vorfahren in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge. Der erste Name wäre Ihr eigener, der zweite der Ihres Vaters, der dritte der Ihres Großvaters usw. Wenn Ihre Vorfahren in gerader Linie auf diese Weise über die ganze Menschheitsgeschichte (etwa 750 000 Jahre) zurückverfolgt werden könnten, würden die Namen etwa 100 fünfspaltige Seiten einnehmen. Allerdings ständen alle Vorfahren, die während der eigentlich geschichtlichen Zeit lebten, aus der wir schriftliche Zeugnisse haben, auf der ersten Seite. Und die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse wären in der Lebenszeit der letzten sieben Generationen (200 Jahre) entstanden. In der zweiten Spalte unten tauchte der Name Ihres Vorfahren aus der Eisenzeit auf (um 700 v. Chr.). Das Pferd als Nutztier wäre seit den Vorfahren in der vierten Spalte der ersten Seite bekannt, der Vorfahr in dieser Spalte unten hätte etwa zur Zeit der ersten Stadtgründungen gelebt (um 5500 v. Chr.). Am Ende der zweiten Seite hätten Vorväter gelebt, die den Hund als Haustier kannten (um 15 000 v. Chr.). Die Vorfahren auf den übrigen 98 Seiten lebten alle in kleinen Gruppen. Von Ihnen wissen wir kaum etwas. Auf diese Weise kann man sich die Zeitverhältnisse im Ablauf der Menschheitsgeschichte vorstellen. Was macht den Menschen zum Menschen?
Wodurch unterscheidet sich der Mensch von seinen Vorformen und vom Affen? Werkzeuggebrauch, aufrechter Gang und hoch entwickelte Denkfähigkeit – vermutlich in engem Zusammenhang mit der Sprache – sind für ihn eigentümlich. Auch manche Tiere verwenden Gegenstände als Werkzeuge, aber der Mensch erfindet sie. Sprache kann es auch bei Vorformen des Menschen gegeben haben, über einfache Begriffe als Voraussetzung von Sprachverständnis verfügen nicht nur Affen, sondern auch Hunde. Affen können sogar die Taubstummensprache erlernen. Aber allein der Mensch verwendet die Sprache zum Ausdruck abstrakter Sachverhalte. Nur bei ihm gibt es begriffliches Denken, und keiner der uns bekannten Hominiden (Menschenaffen) geht ausschließlich aufrecht auf zwei Beinen. Charakteristisch für den Menschen ist auch eine verlängerte Kindheit. Sie zeigt sich schon im körperlichen Wachstum. Bis zum Alter von fünf Jahren vollzieht sich das Wachstum des Kindes rasch, dann verlangsamt es sich bis zur Pubertät. Die Beziehungen zu den Eltern sind während der gesamten Kindheit stark. Im Übrigen hat das Spiel eine große Bedeutung für Entwicklung und Kulturerwerb des Kindes. In der psychosexuellen Entwicklung des Kindes gibt es zwei Hauptphasen. Die erste dieser Phasen liegt in der frühen Kindheit: Das Kleinkind richtet alle Liebes- und Zärtlichkeitsregungen auf seine Eltern als die wichtigsten Bezugspersonen. Der Erste, der die »infantile Sexualität«, das Auftreten von Teiltrieben des späteren Sexualtriebes während der frühen Kindheit, beschrieb, war Sigmund Freud (1856-1939). Die Furcht vor dem Vater als mächtigem männlichem Konkurrenten entsteht, so Freud, etwa im Alter von vier oder fünf Jahren als sogenannter Ödipuskomplex und spielt eine entscheidende Rolle bei der Persönlichkeitsbildung. Bei manchen Menschen bleibt dieser Ödipuskomplex in der späteren Entwicklung bestehen und kann im ungünstigen Fall sogar das Sexualverhalten des Erwachsenen stören. Die merkwürdige Erscheinung, dass eine Erlebnis- oder Verhaltensweise, die irgendwann zum ersten Mal auftritt, ihre eigentliche Bedeutung aus einer viel früheren Lebensperiode erhält, wird »Antizipation« genannt. Dazu kann es auf folgende Weise kommen: Wenn man sich einen Primaten vorstellt mit fortgeschrittener Hirnentwicklung und langer Abhängigkeit von der Mutter, die dazu führt, dass das Junge nahe bei der Mutter im väterlichen Revier und Machtbereich aufwächst, und wenn man sich weiter vorstellt, dass dabei allmählich die Sexualorgane an Bedeutung gewinnen, so ist eine soziale Krise nur zu verständlich. Das Junge muss nahe bei der Mutter bleiben, um zu überleben, und muss zugleich den Konflikt mit dem Vater vermeiden, weil sein Penis beim Vater Rivalitätsgefühle auslöst. Dieser Konflikt erklärt die Bedeutung des »Phallus« (der beim Mann im Vergleich zu anderen Primaten ungewöhnlich groß und damit fast zwangsläufig ebenso sehr »Rangabzeichen« wie Zeugungsorgan ist). Ähnliche Erscheinungen sind allerdings auch bei sozial lebenden Tierarten zu beobachten. Bei den meisten Säugetierjungen kommen »sexuelle« Spiele vor, in denen sie das spätere Paarungsverhalten lernen. Gewöhnlich gehen sie mit Machtkämpfen und dem Finden der sozialen Stellung des Individuums in der Gruppe einher. Wirkliches Sexualverhalten tritt erstmals in der Pubertät auf, also mit der Produktion von Sexualhormonen und der Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Bei allen in Gruppen lebenden Säuger arten lässt sich um diese Zeit Konkurrenz- und Aggressionsverhalten der männlichen Jungtiere untereinander beobachten, und häufig verlassen die jungen Männchen den Familienverband oder werden von ranghöheren Männchen vertrieben. Die Besonderheiten der psychosexuellen Entwicklung des Menschen zeigen sich auch noch auf andere Weise. So können z. B. beim Menschen alle möglichen Dinge und Situationen eine erotische Bedeutung erhalten. Infolge seiner großen Lernfähigkeit werden nämlich seine angeborenen Verhaltensmuster, die sowieso nur noch in Resten vorhanden sind, durch Erfahrung umgeformt. Ererbtes und Erlerntes
Ungelöst ist noch immer die Frage, welche Merkmale oder Fähigkeiten beim Menschen anerzogen, d. h. erlernt sind, und welche angeboren. Die Suche nach Instinkten, also angeborenen Verhaltensmustern (wie z. B., wenn Hühner vor einem Raubvogel flüchten, obwohl sie zuvor noch nie einen gesehen haben), hat die Humanpsychologie lange Zeit beschäftigt. Es gibt beim Menschen keine Instinkte im eigentlichen Sinne, angeboren sind lediglich bestimmte Reflexe, d. h. einfache Reaktionen, die schon beim Säugling beobachtet werden (Schlucken, Hinwendung zur Nahrungsquelle usw.). Selbstverständlich sind die körperlichen Geschlechtsmerkmale abhängig von der Wirkung bestimmter Hormone und ebenso angeboren wie alle biologischen Merkmale, aber »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« als Rollenmerkmale im gesellschaftlichen Sinn sind so gut wie vollständig erlernt, und die biologischen Anlagen können durch Erziehung bzw. Erfahrung völlig verändert werden, Unter allen Lebewesen ist der Mensch allein schlechthin auf Lernen angewiesen. Das Hauptproblem bei jeder Diskussion des Verhältnisses von Anlage und Umwelt ist Umfang und Einfluss sozialer Erfahrungen. Anlagemäßig vorhanden sind beim Menschen nicht starre Instinktmuster, sondern vielmehr »Lücken«, in denen erst durch soziales Lernen feste Verhaltensweisen entstehen. Ganz wie ein unbeschriebenes Blatt ist der Mensch, im Gegensatz zur behavioristischen Auffassung, allerdings nicht, die Bereitschaft zu sozialen Reaktionen besitzt er angeborener maßen wie übrigens auch andere sozial lebende Tiere. (Einem Hund etwa kann man kooperatives Verhalten andressieren, einer Katze dagegen nicht.) Als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier wurde von früheren Philosophen die »moralische Gesinnung« angenommen. Damit ist aber nicht eine fertige menschliche Eigenschaft gemeint. Ihre Wirksamkeit, etwa als Schuldgefühl, ist gewiss ein wesentliches Kennzeichen des Menschen, angelegt ist jedoch nur die Fähigkeit zum Erwerb von Normen und Werthaltungen. Mit welchen Normen dieser Freiraum im Einzelnen gefüllt wird, hängt von kulturspezifischen Lernerfahrungen ab (man vergleiche nur einmal völlig unkriegerische und hochaggressive Kulturen). Zwei Arten des Denkens
Ein weiteres Merkmal des Menschen ist die Entwicklung zweier verschiedener Systeme der Informationsverarbeitung. Eines davon operiert logisch, das andere »sinnbildlich«. Bekannt ist das erste System, das uns z. B. befähigt, diese Zeilen zu lesen. Das Zweite folgt ganz anderen Gesetzen. Es ist die ältere menschliche Denkweise: Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte waren die Deutung der Erfahrung durch vorgegebene Denkmuster sowie der verbale und zeremonielle Ausdruck dieser Denkmuster in Mythen, Riten und später in schriftlichen Dokumenten die wichtigsten Formen menschlicher Selbstverwirklichung die gesamte Lebensführung war damals vorwiegend gefühlsbestimmt Man war nicht imstande, die Welt zu verändern, vielmehr fasste man sie quasi als übermächtige Person auf. Erst viel später verschafften Sprache und Logik der Menschheit neue, zum Teil sogar unheilvolle Möglichkeiten zur Bewältigung der Wirklichkeit. Ein gewisses Gleichgewicht zwischen den beiden Denkweisen mag bei den Alchimisten bestanden haben, die mit Ehemischen Verfahren Gold herstellen wollten, aber dabei ebenso mit magischen Zeichen umgingen. Der bedeutende Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961), der die Mythen psychologisch zu deuten suchte, nannte solche Zeichen »Archetypen«. Sie haben keinen klar umrissenen Inhalt, sondern stellen außerlogische Deutungsmuster dar. Höchstwahrscheinlich spiegeln sie Eigentümlichkeiten unseres Nervensystems, sie bestimmen, was und wie wir wahrnehmen. So ist z. B. der Kreis, den manche Menschen beim Meditieren mit geschlossenen Augen vor sich sehen, einerseits durch den Bau der Netzhaut bestimmt, andererseits aber auch eine Art Koordinatensystem der inneren Erfahrung, das wir immer dann anwenden, wenn ein Sachverhalt der äußeren Welt (Bau des Atoms, Sonnensystem, Universum) entsprechende Merkmale aufweist (»Mandala«). Die Wissenschaft hat stets versucht, solche nichtlogischen Deutungsmuster von sich fernzuhalten. Das ist nicht einfach, weil das Außerlogische auch die Quelle aller neuen Ideen ist. Außerdem tritt es in Kulturen ohne Mythen auch ungebeten auf, teils harmlos (wenn z. B. jemand »menschliche Gefühle« für sein Auto entwickelt), teils gefährlich (etwa in der Verehrung Adolf Hitlers als »rettender Held«). Der »sinnbildliche« Aspekt der Wirklichkeit, der im Zustand gedanklicher Klarheit vom logischen Denken unterdrückt wird, ist und bleibt Bestandteil unseres Menschseins. Er hat auch seine spezifischen Entdecker: Jogis, Schamanen und Künstler. Allerdings wissen wir heute, dass wir das sinnbildliche Denken streng logisch begrifflich untersuchen können. Wir sollten dies auch tun, um zu erkennen, ob es vielleicht doch mehr ist als primitive Unlogik. Ich-Bewusstsein und Entrückung
Eine andere wichtige und allgemeine Erfahrung, die wohl nur dem Menschen eigentümlich ist (obwohl wir dies nicht sicher wissen), ist das Bewusstsein unser selbst, die für jeden Menschen offenbare Tatsache, dass er »Ich« ist. Diese Einsicht entwickelt sich in der Kindheit, sie kann durch mystische und andere Erfahrungen zeitweise aufgehoben werden, wenn jemand etwa ein starkes Erlebnis der Grenzenlosigkeit und der Einheit mit allen Dingen hat. Vielleicht kommen solche aktuellen Erlebnisse dadurch zustande, dass das sinnbildliche Denken das logische überflutet. Tatsache ist, dass Zustände des Verlusts der Ichhaftigkeit sehr eindrücklich erlebt werden, sie haben daher stets eine große Rolle bei der Entstehung von etwas spezifisch Menschlichem gespielt, nämlich bei der Religion. In der Religion wendet sich das Ich an das Unaussprechliche oder wird von ihm heimgesucht, und das können, je nach Kultur verschieden, Vorfahren, Gott oder Götter oder auch das Universum sein. Bestimmte Menschen, nicht nur in primitiven Kulturen, haben Techniken der Selbsterfahrung oder der Bewusstseinserweiterung entwickelt, (so etwa durch Tanzen, Trommeln, Meditation, Fasten, Yoga oder auch durch den Genuss berauschend wirkender Pflanzen). Durch diese Techniken wird die Ichhaftigkeit aufgehoben, die Antwort des Unsagbaren deutlicher vernehmbar. Für die Frage, ob es sich bei Ausgrabungsfunden um Zeugnisse einer menschlichen Kultur oder um vormenschliche Relikte handelt, ist nicht der Gebrauch von Werkzeugen oder Feuer entscheidend, vielmehr lassen nur Kunstgegenstände, rituelle und Kultgeräte sowie bestimmte Bestattungsformen eindeutig auf menschliche Reste schließen. Unterschiede zwischen den Menschen
Die menschliche Art ist vielgestaltig: Es gibt Unterschiede von Rasse zu Rasse, aber auch innerhalb einer Bevölkerungsgruppe. Auch die geistigen Fähigkeiten sind sehr verschieden. Die Intelligenz – hier verstanden als eine Reihe geistiger Fertigkeiten – eines Newton überragt offenbar die eines Durchschnittsbürgers. Die Diskussion über die Bedeutung von Anlage und Umwelt für die Intelligenz hat zu völlig entgegengesetzten Auffassungen geführt, die teilweise zur Rechtfertigung politischer Standpunkte herhalten mussten. Diskutiert wird vor allem das Verhältnis genetischer und ethnischer Bedingungen von Unterschieden in den menschlichen Fähigkeiten (besonders den geistigen Fähigkeiten, die mit Hilfe von Intelligenztests messbar sind). Dabei wurden auch pseudowissenschaftliche Thesen vertreten. Es führt etwa die Beobachtung, dass Nachkommen von Afrikanern, Chinesen und Engländern in den USA, auch wenn sie unter scheinbar gleichen Kulturbedingungen aufwachsen, im Durchschnitt unterschiedliche Intelligenzleistungen aufweisen, keineswegs zwingend zu dem Schluss, dass diese Unterschiede erblich bedingt sein müssten. Denn erstens leben die drei Gruppen nicht in derselben Kultur, sondern in sehr verschiedenen Kulturen, die nebeneinander existieren und die durch unterschiedliche Lern- und Lebenschancen gekennzeichnet sind. Zweitens: Selbst wenn sich dabei zeigen sollte, dass Abkömmlinge von Afrikanern, deren ursprüngliche Kultur logisches Schlussfolgern nicht kennt, sich im statistischen Durchschnitt als geistig wenig wendig oder zum logischen Denken kaum fähig erweisen, die Nachkommen von Europäern und Chinesen dagegen als geschickt und damit intelligenter (oder auch umgekehrt), könnte man nicht eindeutig feststellen, was an diesen Unterschieden anlagebedingt und was erfahrungsabhängig ist. Allenfalls könnte man daraus schließen, dass die westliche, schlussfolgerndes Denken betonende Kultur und damit auch die auf diese Kultur bezogenen Tests wichtige menschliche Fähigkeiten vernachlässigen. Wer rassistische Ungereimtheiten über zwischenmenschliche Unterschiede verkündet oder pseudowissenschaftliche Untersuchungen durchführt, um die »natürliche« Überlegenheit bestimmter Menschengruppen zu beweisen, zeigt, dass er von der heutigen Biologie des Menschen nicht viel versteht. Hitler etwa unterschied sich zweifellos in etwa ebenso vielen Merkmalen von einem rothaarigen Iren wie von einer Zigeunerin, die er als »minderwertig« betrachtete. Was über die Unterschiede zwischen den Menschen unter Verwendung des Wortes »Rasse« geschrieben wird, ist zum Teil unsinnig. (Es gibt übrigens nur sehr wenige menschliche »Rassen« im biologischen Sinne. Um z. B. auszudrücken, dass die Chinesen in Gesichtszügen und Haar bestimmte gemeinsame Merkmale aufweisen, ist die Bezeichnung »ethnische Gruppe« ausreichend und angemessen.) Jede Betrachtung der interindividuellen Unterschiede der Menschen muss zwei Faktoren berücksichtigen: einerseits ihre genetische Verschiedenheit, auf der anderen Seite ihre Beeinflussbarkeit durch soziale Erfahrungen. Der Begriff »Intelligenz« sollte – von Grenzfällen abgesehen – nur mit dem zweiten dieser beiden Faktoren in Zusammenhang gebracht werden. Die Fähigkeit zur Veränderung durch soziales Lernen ist allen Menschen angeboren.