Ehrenplätze (Nero) – Anekdote

Unter der Regierung des Kaisers Nero kamen friesische Gesandte nach Rom, um über Landerwerb zu verhandeln. Da der Kaiser seine Entscheidung hinauszögerte, hatten sie Zeit genug, die Sehenswürdigkeiten der Weltstadt kennenzulernen. Die kaiserlichen Beamten gaben den Germanen einen Führer mit, der ihnen die Macht und Größe Roms zeigen sollte. Sie besuchten auch ein Theater, in dem ein prächtiges Schauspiel aufgeführt wurde.
Aber die Friesen empfanden wenig Freude bei der Vorstellung, weil sie der Luxus und die Verschwendung an die Armut und Not ihres Volkes erinnerten. In der Pause betrachteten sie die Einrichtung des Theaters. Die Führer erklärten ihnen, wo die Sitze der Ritter und die Sessel der Senatoren standen. Dort seien auch die Ehrenplätze für die Gesandten der Völker, die wegen ihrer Tapferkeit von den Römern Freunde genannt würden. Da erhoben sich die Friesen von den hinteren Plätzen, die man ihnen zugewiesen hatte, schritten stolz durch die Sitzreihen der Ritter und nahmen auf den Ehrensesseln Platz. »Kein Volk der Erde«, sagten sie dabei, »ist tapferer und treuer als die Germanen.« Die Platzanweiser wagten nicht, gegen die selbstbewussten Gäste einzuschreiten.