Alarich erobert Rom – Anekdote

Nach seinem Abzug von Rom verhandelte Alarich mit dem Kaiser Honorius über eine friedliche Ansiedlung der Westgoten in Italien. Sie kamen zu keiner Einigung. Da zog der Gotenkönig mit seinem Heer von Neuem vor Rom. Mit Gewalt konnte er die Stadt nicht nehmen; deshalb ersann er eine List.
Alarich suchte aus seinem Heer 300 tapfere Jünglinge aus und sagte zu ihnen: »Ich werde euch zum Schein vornehmen Römern als Sklaven zum Geschenk machen. Verhaltet euch gegen eure Herren gehorsam und dienstbereit, dass sie nicht misstrauisch werden. Nach einer Woche aber versammelt euch unauffällig am Salarischen Tor, überwältigt die Wächter und lasst uns in die Stadt.«
Nun erklärte Alarich durch Gesandte dem römischen Senat: »Ich bewundere eure Tapferkeit; sie zwingt mich abzuziehen. Ich will euch einige junge Sklaven schenken, damit ihr mich in guter Erinnerung behaltet.«
Die Römer, die nichts Böses ahnten, ließen die Jünglinge in die Stadt ein. Diese gewannen das Vertrauen ihrer Herren, die von der Stadtmauer aus beobachteten, dass die Goten sich zum Abmarsch rüsteten. Die »Sklaven« handelten, wie ihnen befohlen war. Sie überfielen die ahnungslosen Wächter und öffneten ihren Landsleuten das Tor. Die Goten fanden keinen Widerstand, plünderten die Häuser, schonten jedoch Kirchen und Tempel und das Leben der Einwohner.
Die Kunde von der Einnahme der Hauptstadt des weströmischen Reiches (im Jahre 410) machte auf die Menschen der damaligen Zeit tiefen Eindruck, doch nicht auf den schwächlichen und kindischen Kaiser Honorius. Von ihm erzählte man folgendes: Ein Diener, der die Aufsicht über den Hühnerhof hatte, meldete ihm: »Rom ist verloren!« Da sagte er: »Aber sie hat ja eben noch aus meiner Hand gefressen!« Er besaß nämlich eine Henne von besonderer Schönheit, die er Roma nannte. Als er den Irrtum merkte, erklärte er erleichtert: »Ich fürchtete schon, meine Lieblingshenne sei ums Leben gekommen.«