Königliche Taten und Worte (Karl der Große) – Anekdote

Als Kaiser Karl siegreich von einem Feldzug heimkehrte, besuchte er die von ihm errichtete Schule, um die Knaben zu prüfen. Da zeigte es sich, dass die Söhne einfacher Eltern fleißig und strebsam waren und etwas wussten. Sie stellte er zu seiner Rechten. Die Schüler vornehmer Abkunft aber hatten ihre Zeit meist mit Spiel und Nichtstun verbracht; sie konnten nichts. Er stellte sie zu seiner Linken und redete sie also an: »Ihr Hochgeborenen, ihr Fürstensöhne, ihr Zierpuppen und Gecken, ihr vertraut auf Abkunft und Reichtum und habt die Arbeit in den Wissenschaften vernachlässigt. Ich gebe nicht viel auf euren Adel und eure kostbare Kleidung. Wenn ihr nicht schleunigst das Versäumte nachholt, habt ihr nichts Gutes von mir zu erwarten.«
Darauf wandte der Kaiser sich nach der anderen Seite, wo die Fleißigen standen.
»Habt Dank, meine Söhne«, sprach er, »dass ihr meinen Befehl zu eurem Nutz und Frommen ausgeführt habt. Vollendet eure Ausbildung mit Eifer, dann werde ich euch reiche Bistümer und Klöster verleihen. Denn in meinem Reich soll nicht der Adel der Geburt, sondern der Adel der Leistung gelten!« »Als der siegreiche Karl nun nach langer Abwesenheit nach Gallien heimkehrte, ließ er die Knaben, welche er dem Clemens anvertraut hatte, vor sich kommen und hieß sie ihre Briefe und Gedichte vorzeigen. Da brachten ihm die Knaben von geringerer und die von niedriger Herkunft die ihrigen über alle Erwartung mit jeglicher Würze der Weisheit gesüßt, die vornehmen aber wiesen ganz nichtige und unnütze Ware vor. Karl also, der sehr weise König, tat nach dem Vorbild des ewigen Richters; er sonderte die guten Arbeiter aus, stellte sie zu seiner Rechten und redete sie solchergestalt an: »Habt vielen Dank, meine Söhne, dass ihr meinen Befehl zu euerm Frommen nach Kräften auszuführen bemüht gewesen seid. Jetzt also bestrebt euch, die Vollendung zu erreichen, dann werde ich euch gar herrliche Bistümer und Klöster geben, und ihr werdet immer hochgeehrt in meinen Augen sein.« Darauf wandte er sein Angesicht mit großem Unwillen zu den Linksstehenden, erschütterte ihr Gewissen mit flammendem Blick und stieß mit furchtbarem Hohn, mehr donnernd als redend, diese Worte gegen sie aus: »Ihr hochgeborenen, ihr Fürstensöhne, ihr zierlichen und hübschen Leutchen, die ihr vertraut auf eure Abkunft und euern Reichtum, meinen Befehl und euern Ruhm hintansetzend, habt ihr die Wissenschaften vernachlässigt und im Wohlleben mit Spiel, Nichtstun und leerem Treiben die Zeit verbracht.« Und nach diesem Eingang hob er sein erhabenes Haupt und die nie besiegte Rechte zum Himmel und rief, gleich einem Wetterstrahl, seinen gewohnten Schwur: »Beim Herrn des Himmels! Ich gebe nicht viel auf euern Adel und euer hübsches Aussehen, wenn auch andere euch anstaunen mögen; und dessen seid versichert: wenn ihr nicht eiligst euere frühere Nachlässigkeit durch sorgsame Anstrengung wiedergutmacht, so habt ihr vom Karl nie etwas Gutes zu erwarten.« Die Adeligen am Hof Karls kleideten sich in seidene Gewänder, die mit Purpur und bunten Streifen verbrämt waren, hüllten sich in kostbare Marder- und Hermelinpelze und schmückten sich mit Pfauenfedern. Karl selbst war einfach angezogen; im Winter trug er meist einen Schafspelz. Überraschend sagte er an einem nasskalten Dezembertag, als er mit seinem Gefolge aus der Messe kam: »Wir wollen so, wie wir sind, auf die Jagd gehen, bis wir etwas erbeuten.«
Lange durchstreiften sie den Wald. Die kostbaren Gewänder der feinen Leute wurden von Ästen und Dornen zerrissen, vom Regen durchnässt und vom Blut der Tiere beschmutzt. So kehrten sie zurück.
Der Kaiser setzte sich gleich zu Tisch, und niemand hatte Gelegenheit, sich umzuziehen. Auch am nächsten Tag mussten alle in der zerlumpten und hässlichen Kleidung erscheinen. Die Höflinge schämten sich und klagten über den großen Verlust an Geld, den sie an einem Tag erlitten hatten.
Da zeigte ihnen der Kaiser seinen Schafspelz und sprach:
»Ihr törichten Menschen! Welches Pelzwerk ist nun kostbarer und nützlicher, meines hier, das einen Schilling gekostet hat, oder eures da, das ihr mit Goldstücken bezahlt habt?«
Niemand antwortete dem Kaiser, alle sahen zu Boden.
Da aber Karl, der rüstigste unter den rüstigen Franken, eine Zeitlang in der Gegend verweilte, um nach dem Hinscheiden des Bischofs ihm einen würdigen Nachfolger zu setzen, sagte er an einem Festtag nach der Feier der Messe zu den Seinigen: »Um nicht, in Müßiggang hinlebend, der Trägheit zu verfallen, lasst uns auf die Jagd gehen, bis wir etwas erbeuten, und lasst uns alle in der Kleidung ausziehen, die wir jetzt anhaben.«
Es war aber ein kalter Regentag, und Karl selbst hatte einen Schafspelz an von nicht viel größerem Wert als jener Rock des heiligen Martin, mit welchem angetan dieser mit bloßen Armen Gott das Opfer unter göttlichem Beifall dargebracht haben soll. Die übrigen aber gingen, da Festtage waren und sie von Padua kamen, wohin eben Venezianer von jenseits des Meeres alle Reichtümer des Ostens gebracht hatten, gekleidet in Häute phönizischer Vögel, mit Seide eingefasst, dann geziert mit der Hals- und Rückenhaut und den Schwanzfedern der Pfauen und mit tyrischem Purpur oder orangefarbenen Streifen verbrämt, andere in Marder und Hermelinfelle gehüllt: so durchstreiften sie den Wald, und zerfetzt von Baumzweigen und Dornen, vom Regen durchnässt, auch durch das Blut der Tiere und die frisch abgezogenen Felle beschmutzt, kehrten sie zurück. Da sprach der listige Karl: »Keiner von uns ziehe seinen Pelz aus, bis wir schlafen gehen, damit er auf unserm Leib besser trocknen könne.« Nach diesem Befehl sorgte jeder mehr für seinen Leib als für sein Kleid und suchte sich überall ein Feuer, um sich zu wärmen. Bald aber zurückkehrend und im Dienste des Herrn bis tief in die Nacht verweilend, wurden sie endlich nach Haus entlassen. Und da sie nun anfingen, die feinen Felle oder noch dünneren Seidenstoffe auszuziehen, machte sich das Brechen der Falten und Nähte weithin hörbar, wie wenn man dürres Holz zerbricht, und sie seufzten und jammerten und klagten, dass sie so viel Geld an einem einzigen Tag verloren hatten. Vom Kaiser aber erhielten sie den Befehl, sich ihm am nächsten Tag wieder in denselben Pelzen vorzustellen. Das geschah, und da nun alle nicht in schönen Gewändern glänzten, sondern von Lumpen und farbloser Hässlichkeit starrten, sprach der verständige Karl zu seinem Kämmerer: »Nimm jetzt meinen Pelz in die Hand und bring ihn uns vor Augen.« Unversehrt und glänzend weiß wurde er gebracht, und er nahm ihn in die Hand, zeigte ihn allen Anwesenden und sprach: »O ihr törichtesten aller Menschen, welches Pelzwerk ist nun kostbarer und nützlicher, meines hier, das ich für einen Schilling gekauft habe, oder eure da, die nicht nur Pfunde, sondern viele Talente gekostet haben?«
Da schlugen sie die Augen nieder und vermochten nicht seinen schrecklichen Anblick zu ertragen.

Forum (Kommentare)

Info 19.10.2017 - 09:05
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.