Der Stumme Sänger (Karl der Große) – Anekdote

Einmal kam der Kaiser auf einer Reise zu einer großen Kirche, und ein wandernder Priester, der Karls Zucht nicht kannte, trat ungerufen in den Chor ein; er hatte aber niemals etwas dergleichen gelernt und blieb stumm und dumm mitten unter den Sängern stehen. Der Vorsinger erhob seinen Stab und drohte ihm, wenn er nicht singen wolle. Da wusste er nicht, was er tun sollte, noch wohin sich wenden, denn hinauszugehen wagte er nicht, drehte also den Hals im Kreise umher und machte den Mund weit auf, um so gut er konnte, die Art der Singenden nachzuahmen. Niemand vermochte das Lachen zu unterdrücken, der tapfere Kaiser aber, den auch größere Dinge nie aus seiner ruhigen Fassung brachten, tat, als ob er seine gezwungenen Gebärden nicht bemerkte, und erwartete in aller Ordnung das Ende der Messe. Darauf rief er den Armen zu sich, denn ihn dauerten seine Anstrengungen und seine Angst, und tröstete ihn mit den Worten: »Hab vielen Dank, guter Mann, für deinen Gesang und deine Müh.« Und um ihn in seiner Armut zu unterstützen, befahl er, ihm ein Pfund Silber zu geben. Beim Tod eines Bischofs erkor Kaiser Karl zum Nachfolger einen seiner Kapläne, der nach Abkunft und Gelehrsamkeit dafür geeignet erschien. Beim Festmahl, das der Erwählte zur Feier seiner Erhöhung veranstaltete, vergaß er, »von Speisen übersättigt, voll Weines und ganz betrunken«, zur nächtlichen Mette zu kommen. Vergeblich wartete also der Kaiser darauf, dass sein Günstling nach der Lektion das Responsorium sänge. Da stimmte es ein von allen sonst gering geschätzter Geistlicher an, und da auf Befehl des Kaisers die anderen mitsangen, um ihren Bruder zu unterstützen, brachte er das Responsorium wohl hinaus. Danach musste er seinem Herrn berichten, wie er es geschafft hatte. Der Kaiser setzte alsbald den pflichtvergessenen neuen Bischof wieder ab und verlieh das hohe Amt dem bisher so gering geachteten Bruder.

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Info 18.01.2018 05:07
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