Kain und Abel (Anonym) – Anekdote

Einer der großen Künstler aller Zeiten hatte sich einmal vorgesetzt, ein Bild aus der Geschichte der ersten Menschen zu malen: die Brüder Kain und Abel in ihrem Widerstreit. Nun pflegte er, wann immer es galt, eine Gestalt aus vergangenen Tagen darzustellen, unter den Mitmenschen Umschau zu halten, bis er einen gefunden hatte, der seiner Vorstellung entsprach. Eines Tages nun erblickte er einen Jüngling so kindlichen und rechtschaffenen Gemüts und mit einem unschuldigen Antlitz, welches die Unschuld einer reinen Seele widerspiegelte, dass er bei dem Anblick beglückt ausrief: Hier habe ich das Urbild für den sanften Abel!
Und er machte sich sogleich ans Werk und bildete die Figur so edel und gut, wie sie im Leben war.
Nun galt es für den Meister, das Gegenbild zu finden, den bösen Kain. Aber das war kein leichtes Ding, und Jahre um Jahre suchte er vergeblich. Freilich, da waren der Bösewichter genug, die ihm den Eindruck machten, sie wären auch eines Brudermordes fähig; und unter diesen auch mehr als einer, dem der Trotz zuzutrauen gewesen wäre, mit dem Kain dem Schöpfer zu antworten sich erkühnte: Soll ich meines Bruders Hüter sein?! Aber er fand keinen, der jenem unglücklichen Frevler geglichen hätte, welcher in der Verzweiflung seines Herzens ausrufen sollte: Zu groß ist meine Schuld, als dass sie vergeben werden könnte! Zehn Jahre, sagt man, hat der Meister gesucht. Dann fügte es der Zufall, dass er auf einen Landstreicher stieß, dessen Erscheinung ihn bannte. In dem verwüsteten Gesicht des Fremden stand alles zu lesen, was einmal in den Zügen eines Kain geschrieben sein musste: Eifersucht, Hass, Mordlust und Trotz, aber auch Trübsal, Herzeleid und Reue. So lud er den Obdachlosen in sein Haus und gedachte ihn zu malen und sein Gemälde zu vollenden. Als aber der Unglückliche der Leinwand gegenüberstand und das Abbild des sanften Jünglings sah, brach er in Tränen aus. Der Meister stutzte, starrte den Weinenden an und erschrak. – In diesem Augenblick öffnete Kain den Mund und sprach: »Der hier vor dir steht, hat schon einmal, vor zehn Jahren, vor dir gestanden. Damals hast du mich als den unschuldigen Abel gemalt, und inzwischen bin ich zum Kain geworden!«

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Info 23.11.2017 19:30
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