Der Aufrichtige (Friedrich Wilhelm I.) – Anekdote

Zieten, vom Alten Fritz eines Karfreitags zur Mittagstafel geladen, entschuldigte sich: an diesem hohen Feiertag ginge er immer zum Abendmahl und bliebe danach gern allein. Einen Tag später, wieder nach Sanssouci geladen, fragte Friedrich mitten im heiteren Gespräch nach Tisch: »Nun, Zieten, wie ist Ihm das Abendmahl bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi auch ordentlich verdaut?«
Nach dem Gelächter ringsum stand Zieten auf, verbeugte sich vor dem König und sprach mit klarer, fester Stimme:
»Eure Königliche Majestät wissen, dass ich im Kriege keine Gefahr gefürchtet und überall, wo es darauf ankam, mein Leben für Sie und das Vaterland gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie befehlen, so lege ich mein graues Haupt gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der ist mehr als Sie und ich, mehr als alle Menschen, das ist der Heiland und Erlöser, der für Sie wie für mich gestorben und uns alle mit seinem Blut teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung, im Leben und im Tode. In der Kraft dieses Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren Eure Majestät diesen Glauben, dann unterminieren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt. Das ist gewisslich wahr. Halten zu Gnaden.«
Die Tafelrunde war totenstill geworden, jeder saß regungslos da. Auch der Alte Fritz war sichtlich ergriffen, stand auf und sagte:
»Glücklicher Zieten! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Halte Er ihn fest – es soll nicht wieder geschehn.«
Danach hob der König die Tafel auf und nahm Zietens Arm:
»Komme Er mit in mein Kabinett.«

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Info 11.12.2017 08:20
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