Die Bauern können warten (Joseph II.) – Anekdote

Im Jahre 1784 reiste Joseph II. durch Böhmen, das damals unter einer Missernte zu leiden hatte. Der Kaiser befahl deshalb, aus anderen Landesteilen Getreide herbeizuschaffen.
Vor dem Tor einer kleinen Stadt sah er viele Wagen mit Korn auf ihre Abfertigung warten. »Warum warten die Leute?« fragte der Kaiser, der durch seine einfache Kleidung unerkannt blieb, einen Amtsschreiber. »Sie warten nicht allein«, entgegnete dieser, »auch die Leute in der Stadt warten sehnsüchtig auf die Austeilung des Korns. Aber der Herr Amtmann hat große Gesellschaft und ist nicht zu sprechen.« Joseph ritt in die Stadt und ließ sich durch den Schreiber bei dem Amtmann melden.
»Wer sind Sie?« redete der ihn an.
»Leutnant in kaiserlichen Diensten.«
»Womit kann ich dem Herrn Leutnant dienen?«
»Damit, dass Sie die Bauern, die schon so lange warten, abfertigen.«
»Die können auch noch länger warten! Aber was gehen Sie denn die Bauern an?«
»Sie sind Menschen wie wir auch, und man sollte sie nicht unnötig plagen. Sie haben einen weiten Heimweg.«
»Ihre sittlichen Grundsätze, Herr Leutnant, interessieren mich nicht. Ich weiß schon, was ich zu tun habe.«
»Dann muss ich Ihnen eröffnen, dass Sie hier nichts mehr zu tun haben. Der Amtsschreiber, der ein Herz für die Leute hat, soll Ihre Stelle einnehmen; Sie sind entlassen!«
Bei diesen Worten gab der Kaiser sich zu erkennen und ließ den Amtmann und seine Gäste in Bestürzung zurück.