Besuch bei Madame (Mme. de Maintenon) – Anekdote

Als sich Peter der Große 1717 in Paris aufhielt, wo ihm u.a. auch der 1710 geborene, 1715 König gewordene Ludwig XV. vorgestellt wurde, hatte er den Wunsch, die fromm gewordene Maitresse Ludwigs XIV., Madame Maintenon, kennenzulernen, die das berühmte Stift St. Cyr bei Versailles gestiftet hatte.
Er ließ sich deshalb bei Madame Maintenon melden und bekam zur Antwort: sein Besuch würde ihr zur besondern Ehre gereichen, wenn sie nicht krank läge und sich fast außerstande befände, Besuche anzunehmen. »Das hat nichts zu bedeuten«, versetzte der Zar, »ich will ihr nicht beschwerlich fallen, aber sehen muss ich sie und ihr meine Hochachtung bezeugen, denn diese Frau hat allzu viel Verdienste um den König und das Reich, dem sie sehr viel Gutes und niemals was Böses, außer an den Hugenotten durch Einfalt und Aberglauben, getan hat.«
Er fuhr auch wirklich noch desselben Tages nach dem Stift St. Cyr, um die Maintenon zu besuchen. Da er sie nun im Bette fand, an welchem die Vorhange vorgezogen waren, zog er dieselben sacht auf, grüßte die Kranke sehr freundlich, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett, entschuldigte sich, dass er ihr vielleicht ungelegen käme, mit dem Kompliment: da er alles Merkwürdigste zu Paris und Versailles zu sehen gekommen sei, er nicht habe vorbeigehen können, um auch sie zu sehen und ihr seine besondere Hochachtung zu bezeugen. Seine Majestät, die kein Auge von ihr ließen, fragten sie hierauf, was ihre Krankheit sei.
»Mein Alter ist meine Krankheit«, antwortete sie mit schwacher Stimme.
»Dieser Krankheit sind wir alle unterworfen, wenn wir lange leben«, versetzte der Zar, stand wieder auf, wünschte ihr gute Besserung, begab sich hinweg und ließ sich im Stift herumführen, um dessen schöne Anlage und Einrichtung zu übersehen.

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Info 19.10.2017 - 09:12
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