Beglücktes und Enttäuschendes Kind (Mozart) – Anekdote

Mozart begegnete der Kaiserin Maria Theresia, als er sechs Jahre alt war. 1762 reiste Vater Mozart mit seinen beiden Kindern Wolfi und Nannerl von Salzburg nach Wien, und kaum einen Monat später waren sie die Sensation der Stadt. Sie gaben Konzerte und spielten in den Häusern der Aristokraten; und dann erreichte sie eines Tages der kaiserliche Befehl, vor Ihrer Majestät aufzutreten. Eine prächtige Kutsche, von zwei schneeweißen Lipizzanern gezogen, brachte sie ins Schloss Schönbrunn, und dort spielte das göttliche Kind in einem traulichen, rotgoldenen Salon der Kaiserin auf dem Spinett vor.
Nach dem Konzert legte Wolfi Mozart, der sich seines Erfolges und der Bedeutung der kaiserlichen Audienz wohl bewusst war, seine kleinen Arme um Maria Theresias Hals und fing an, sie zu küssen. Die Kaiserin küsste Mozart lächelnd wieder und lud Vater und Kinder ein, an einer gemütlichen »Jause« mit heißer Schokolade, Schlagsahne und einer Menge erlesener Torten teilzunehmen. In den nächsten vier Wochen holte die Hofkutsche Wolfi und Nannerl täglich ab; sie wurden bald große Freunde der Prinzen und Prinzessinnen, teilten mit ihnen das Spielzeug und tobten gemeinsam im Schloss herum.
Einmal rutschte Mozart auf dem polierten Boden aus, und da er sich an einem höchst zarten Körperteil wehgetan hatte, begann er zu weinen. Aber die kleine Prinzessin Marie Antoinette lief zu ihm hin, hob ihn auf und trocknete seine Tränen. Wolfi sah sie an und sagte: »Danke, Mitzerl, danke, du bist sehr nett zu mir – und ich verspreche dir, wenn ich groß bin, werde ich dich heiraten …«
Ein Jahr später wurde Mozart in Versailles vorgestellt. Er spielte dort auf einem goldenen Spinett vor Madame Pompadour und dem ganzen Hof. Aber der höfliche, lauwarme Beifall am Ende des kleinen Konzerts muss ihn enttäuscht haben – vielleicht hat er sich auch an seinen Trick bei der österreichischen Kaiserin erinnert -, jedenfalls schaute er die Dame auf dem Ehrenplatz an und begann ohne Zögern, seinen Wiener Auftritt zu wiederholen. Er legte seine kleinen Arme um den Hals der Madame Pompadour und versuchte, sie zu küssen. Aber Jeanne Pompadour hatte kein Verständnis für Kinder und schob Mozart mit einer mürrischen Bewegung fort.
Er sah sie trotzig an. »Wer sind Sie, dass Sie mich nicht küssen wollen«, sagte er, »wissen Sie nicht, dass mich die Kaiserin geküsst hat?«
Die Pompadour zuckte mit keiner Wimper. Sie sah das freche Kind von oben bis unten an und verließ den Saal.

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Info 22.09.2017 - 08:12
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