Der unbekannte Zuhörer (Haydn) – Anekdote

Einmal fuhr Haydn durch die Kärntnerstraße; während sein Wagen wegen eines Hindernisses halten musste, vernahm er aus der Wohnung eines ihm befreundeten Grafen Musik; sie stammte aus einer seiner Symphonien. Schnell stieg er aus, ging in den ersten Stock hinauf, da sich im Vorzimmer kein Diener zeigte, trat er in den nächsten Raum ein. Hier stellte er sich neben die Tür, um das Hausorchester gut verfolgen zu können.
Der Meister sah an diesem Tag nicht sonderlich vornehm aus; er kam von Eisenstadt und trug nach seiner Gewohnheit eine etwas abgenützte Kleidung. Auch die Perücke war nicht gepflegt und der Hut nur noch ein Bedeckungsrequisit.
Haydn lauschte. Plötzlich donnerte eine Stimme hinter ihm:
»Was hat der Herr da zu schaffen?«
Haydn antwortete: »Ich will nur ein wenig zuhören.«
»Hier ist kein Ort zum Zuhören! Geh der Herr seiner Wege!«
Danach musterte der Diener den Unbekannten, nahm ihn am Arm und sagte entschieden: »Der Herr hat genug gehört! Pack Er sich jetzt, sonst wird ihm die Tür gewiesen!«
Auf Haydn macht diese Drohung keinen Eindruck. Er greift in die Tasche und beruhigt den Diener mit einem Geldstück. Der Beschenkte wartet eine Weile, drängt dann aber von Neuem: »Jetzt muss der Herr aber weggehen, ich darf ihn wahrhaftig nicht länger da stehen lassen.«
Haydn will es noch einmal mit Geld versuchen, da öffnen sich die Türen, die Musiker entdecken den Meister, der Hausherr erscheint auch, und allgemeine Heiterkeit beendet den Streit zwischen dem hartnäckigen Komponisten und dem treuen Diener.