Ein offenes Wort (Napoleon I.) – Anekdote

Als Napoleon 1806 die Spitzen der Berliner Körperschaften vorgestellt wurden, fand sich ein Mann, der Haltung bewahrte: Jean Pierre Errnan, der greise Prediger der französisch-reformierten Gemeinde, die in Berlin, seit der Große Kurfürst die Hugenotten aufnahm, bestand. Auf Napoleons Bemerkung, er, Erman, freue sich gewiss, den Kaiser der Franzosen in Berlin begrüßen zu können, sagte Erman:
»Sire, ich wäre nicht wert des Kleides, das ich trage, noch des Königs, dem ich diene, wenn ich nicht den tiefsten Schmerz empfände, Sie an dieser Stelle zu sehen.«
Und damit nicht genug. Als Napoleon sich in gehässigen, beleidigenden Äußerungen gegen die Königin Luise erging, fiel Erman ihm ins Wort: »Sire, das ist nicht wahr!«
Ringsum Erschrecken. Doch Napoleon, obwohl betroffen, übte keine Vergeltung für die Zurechtweisung, die ihm hier widerfuhr. Jahre später, als der Hof nach Berlin zurückgekehrt war, ging die Königin Luise während des Ordensfestes mit ihrem Weinglas auf Erman zu:
»Ich kann mir die Genugtuung nicht versagen, mit dem Ritter auf sein Wohl anzustoßen, der, als alles schwieg, den Mut hatte, eine Lanze für die Ehre seiner Königin zu brechen.«