Lektüre (Kaiser Franz, Metternich) – Anekdote

Dem Staatskanzler Fürsten Clemens Metternich wurde oft die Ehre zuteil, an den Quartettabenden des Kaisers Franz teilzunehmen. Franz spielte das Cello, Metternich übernahm die Violine. Mit dem Zusammenspiel wollte es nicht immer klappen, es musste aber auch niemand zuhören. Nach Beendigung der musikalischen Darbietungen fragte der Kaiser seinen Kanzler, ob er jemals gerne Romane gelesen habe. Er freute sich, als dieser verneinte, und machte ihm den Vorschlag: »Suchen Sie doch nach einem interessanten Roman, den jeder für sich lesen soll. Vielleicht werden wir beide Vergnügen daran finden.«
Metternich wählte ein damals vielgelesenes Buch aus. Schon beim nächsten Zusammentreffen fragte der Kaiser lebhaft:
»Nun, interessiert Sie unser Roman?«
»Ich muss Eurer Majestät gestehen, dass ich es nicht über die zwölfte Seite gebracht habe,« gab der Kanzler ehrlich zu.
»Ah, da sind Sie tapferer als ich«, gestand der Kaiser, »ich habe schon bei der achten Seite ausgespannt.«