Kaiserlicher Patient (Franz Joseph I.) – Anekdote

Franz Joseph, vorletzter Kaiser der k. u. k. Monarchie in Wien, erfreute sich bis ins hohe Alter einer vortrefflichen Gesundheit.
Sein Hofarzt Kerzl hatte einen leichten Dienst. Seine Aufgabe bestand darin, an jedem Morgen sehr frühzeitig sich bei Majestät zu melden und ebenso höflich wie kurz und knapp nach der allerhöchsten Gesundheit zu fragen. Als Antwort – gewissermaßen – wurde ihm dann feierlich eine erstklassige Havanna, an bestimmten Tagen zur Abwechslung auch eine Virginia überreicht. Anschließend und solange er diese kaiserliche Zigarre rauchte, hatte er sich zu setzen und mit dem Kaiser zu plaudern: übers Wetter, über dieses und jenes Zeitgeschehnis, insbesondere über das, was sich gestern im schönen Wien gerade begeben hatte.
Als Franz Joseph bereits ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde Kerzl eines Morgens bei der Anmeldung vom Leibdiener mit ernstem Gesicht abgewiesen:
»Majestät bedauern lebhaft, den Herrn Hofrat heute Morgen nicht empfangen zu können. Majestät fühlen sich nicht ganz wohl und sind zum Plaudern nicht aufgelegt.«