Milchbrocken (Moltke) – Anekdote

Als Moltke in Ragaz zur Kur weilte, lockte ein schöner Tag ihn weiter als sonst zum Spaziergang. Er stieg den Weg unter dem waldigen Guschakopf hinan, freute sich an dem zackig umhegten Anblick des breiten Tals in seiner reichen Bewohntheit, an den Prätigauer Bergen und an dem nahen Calanda. So kam er schließlich hinauf in das Dorf Valens, wo er sich auszuruhen und zu stärken einen behaglichen Wirtsgarten fand.
Zur Enttäuschung des Wirtes, der selber herauskam, den einzigen Gast zu bedienen, bestellte er nur ein großes Glas Milch, ein Stück Weißbrot und einen Suppenteller mit Löffel. Als ihm das trotz der Enttäuschung auf einem weißen Tischtuch sauber angerichtet war, hätte er sich dem Genuss des einfachen Mahles hingeben können, wenn der Wirt – ein schmächtiger Mann mit schwarzem Vollbart – nicht gewohnt gewesen wäre, seine Gäste zu unterhalten, die ihm von Ragaz heraufzukommen pflegten.
»Der Herr ist zur Erholung hier?« begann er, um die Grundtatsache des Gespräches festzulegen.
»Ja!« sagte Moltke einsilbig und griff nach seinem Weißbrot, es andächtig auseinanderzubrechen.
»Sie haben gutes Wetter getroffen. Apropos: Wohnen Sie in Ragaz?«
»Ja!« sagte Moltke und begann, das Brot in seinen Teller zu brocken.
»Es sollen viele Fremde dasein in diesem Sommer?«
»Ja!« sagte Moltke und goss die Milch auf die Brocken in seinem Teller.
»Der berühmte Feldmarschall von Moltke soll auch zur Kur in Ragaz sein?«
»Hm!« räusperte sich Moltke und rührte mit dem Löffel in seiner Brockenmilch.
»Haben Sie etwa den Feldmarschall schon gesehen?«
»Ja!« konnte Moltke wieder Antwort geben, und er begann, sein Mahl einzunehmen.
»Wie sieht er aus?«
»Wie ein Mensch: wie Sie oder ich!« sagte Moltke, wischte mit der Serviette die Milch vom Mund und hob seinen Blick ein wenig lächelnd zu dem Frager.
Der aber hatte genug von dem Milch löffelnden Schweiger: »Hoho!« lachte er los, »dass er nicht aussieht wie ich, weiß ich selber. Und Ihnen wird er schon recht nicht ähnlich sein!«
Als er seine Grobheit so höflich an den Mann gebracht hatte, wie er sich selber insgeheim lobte, ging der Wirt, noch ein paarmal befriedigt sein Hoho! Lachend, ins Haus, den langweiligen Gast bei seinen Milchbrocken zu lassen.