Lacrimae Christi (Heine) – Anekdote

Den steinreichen James Rothschild in Paris und den geistreichen und dazu spottsüchtigen Heinrich Heine verband eine aus Anziehung und Abstoßung seltsam gemischte und gewürzte Freundschaft. Immerhin war der verhätschelte Dichter des »Buches der Lieder« der einzige Literat, den der König der Geldmagnaten seines Umgangs würdigte, und der einzige Sterbliche, dessen geistige Überlegenheit er sich gern oder ungern gefallen ließ. In der Gesellschaft mit edlen Weinen schäumte und spritzte das Hin und her ihrer Neckereien und Anzapfungen wie Sektperlen umher. Als bei festlicher Gelegenheit in froher Geberlaune eine Flasche Lacrimae Christi nach der anderen aus dem bankherrlichen Keller heraufgeholt wurde, witzelte der Herr Baron: »Was für ein verrückter Name doch für einen so entzückenden Wein
Und den Mann der beißenden Feder kitzelte auch hier schon wieder sein spritziger Widerspruchsgeist: »Aber nein! Ich finde im Gegenteil den Namen berückend und höchst originell dazu. Ist es nicht eine geradezu grandiose Vorstellung: Christus, Tränen vergießend, weil die Juden so göttlich begnadete Weine trinken?« Rothschild soll sich über diese hinreißende Deutung königlich amüsiert haben.