Mit fremden Federn geschmückt (Kerner) – Anekdote

Es war im Jahre 1828, als mir eine ganz eigene und beinah unglaubliche Überraschung widerfuhr.
Da hielt ein Gesangverein vor meinem Hause, der Vorsitzende kam zu mir herauf und fragte mich, ob ich der bekannte Dichter Kerner wäre. »Ja«, entgegnete ich so bescheiden wie möglich.
»Wir sind nämlich«, begann der Mann, indem er sich ehrfurchtsvoll vor mir verneigte, »ein bayrischer Liederkranz aus der Gegend von Würzburg, und ich habe meine Ferien benutzt, um einmal meinen Sangesbrüdern Ihr schönes Schwabenländle zu zeigen. Und wollen wir nicht an Weinsberg vorüber, ohne dem großen Sohn der Stadt ein Ständchen zu bringen und ihm vor seinem Haus eins seiner schönsten Lieder zu singen.«
»Es wird mir gewiss eine seltene Freude sein«, erwiderte ich nicht ohne Stolz und stellte mich, nachdem sich der Mann unter erneuten devoten Verbeugungen verabschiedet hatte, erwartungsvoll ans offene Fenster.
Im Nu schloss sich der Kreis der Sänger um seinen Dirigenten, der sich erst kräftig räusperte, dann feierlich seinen Arm erhob – und nu? Was stimmen sie an? »Lützows wilde Jagd: Was glänzt dort am Walde im Sonnenschein?« – Erschüttert über diese Verwechslung mit dem längst gefallenen Freiheitssänger, ließ ich die Huldigung schweigend über mich ergehen. Doch als der letzte Ton verklungen und ich mich dankend verneigte, schrien sie auch schon begeistert:
»Unser verehrter Dichter, er lebe hoch! – hoch! – hoch!«
Und zogen dann stolz von dannen. – Ich aber ließ mich ruhig mit fremden Federn schmücken, denn manchmal lohnt sich’s kaum, seine Mitbürger noch aufzuklären!
Justinus Kerner