Der Brief (Geibel) – Anekdote

Der Dichter Emanuel Geibel, der in den Tagen seines höchsten Ruhmes als der Herold des Deutschen Reiches galt und alt und jung bekannt war, erhielt eines Tages folgenden Brief:
Hochverehrter Herr Geibel!
Wir haben heute Ihr Gedicht »Frühlingshoffnung« zu Ende gelernt. Vor acht Tagen haben sechs nachsitzen müssen, weil sie’s nicht konnten. Daran haben Sie wohl nicht gedacht, als Sie das Gedicht machten? Trotzdem sind Sie noch einer von den kurzen Dichtern! Schiller ist am längsten, der ist aber erst in der obersten Klasse.
Der Lehrer sagt, das Gedicht sei sehr schön, es gibt aber so viele schöne Gedichte, und wir müssen sie alle lernen. Wir möchten Sie darum bitten, machen Sie nicht noch mehr Gedichte. Kriege gibt es auch immer mehr, und wir müssen sie lernen. Erdkunde ist besser, da kann man immer nach der Karte sehen, aber die Gedichte und die Kriege sind am schlimmsten. Und dann hat jeder Dichter auch noch ein Geburts- und ein Todesjahr. Bei Ihnen brauchen wir noch kein Todesjahr zu lernen. Wir wünschen Ihnen ein recht langes Leben!
Es grüßt herzlich die Klasse S der Blücher-Schule