Der größere Dichter (Andersen) – Anekdote

Es war im Sommer des Jahres 1834, als sich in Rom zwei Dichter-Stipendiaten aus Dänemark begegneten: der lange, magere H. C. Andersen und der kleine, dicke und vierschrötige Henrik Hertz. Eines schönes Tages gingen beide durch einen Orangenhain, wo die leuchtenden Früchte so hoch hingen, dass nur Andersen sie erreichen konnte. Während er einige davon pflückte, sagte er zu Hertz:
»Da siehst du es wieder, kleiner Hertz, ich bin doch der größere Dichter von uns beiden!«
Als sie sich dann kurz darauf auf einem schmalen Pfad befanden, wo die Klippe auf einer Seite steil abfiel, wurde es Andersen schwindelig, und er fürchtete für sein kostbares Leben. Er schwankte ein wenig, als sie an eine besonders schmale Stelle kamen. Ängstlich griff er nach Hertz’ Arm und sagte:
»Hier ist gerade noch Platz für zwei. Geh du an der Außenseite, Hertz!« Der aber lachte laut über die Ängstlichkeit seines Begleiters und spottete nun: »Ha, ha, kleiner Andersen, hier bin ich aber der größere Dichter von uns beiden!«