Antiquarisch (Balzac) – Anekdote

Balzac hatte einen ärgerlichen Tag. Seine Gläubiger hatten ein kaum vollendetes Romanmanuskript pfänden lassen. Missmutig nahm er seinen Stock und spazierte nach dem linken Seineufer, wo die Buchhändler ihre Verkaufsstände aufgeschlagen hatten. In den Bücherkisten kramend, entdeckte er einen in rotes Leder gebundenen Band, durchblätterte ihn genau und fragte den jungen Verkäufer nach dem Preis. »Hundert Francs, mein Herr, es ist eine überaus seltene Ausgabe.«
»Was, Sie wagen es, hundert Francs für ein solches Schundwerk zu verlangen?« fuhr Balzac den Verkäufer an. »Um dieses einen Bandes willen hätte Voltaire den Galgen verdient!«
Verwundert blickte der Verkäufer den ihm unbekannten Kunden an. »Vielleicht wissen Sie nicht«, sagte er, »dass diese Ausgabe der Pucelle seinerzeit verbrannt wurde. Es konnten nur sehr wenige Exemplare gerettet werden. Hundert Francs ist wahrhaftig ein Spottpreis dafür!«
»So also preist ein Sohn der Grande Nation ein Werk eines Ketzers an«, grollte Balzac. »Glauben Sie, unerfahrener junger Mann, dass es einen echten Patrioten gibt, der dieses Pamphlet in die Hand nehmen könnte, ohne schamrot zu werden?«
Der Verkäufer machte große Augen. »Ich überlasse es Ihnen für sechzig«, meinte er eingeschüchtert.
»Fünfzig, keinen Centime mehr!« – »Tut mir leid!« sagte der Verkäufer.
»Ich werde mit Ihrem Patron selbst sprechen«, lenkte Balzac ein, »wir sind alte Bekannte.«
Er klemmte das Buch unter den Arm, überquerte die Straße und betrat die Boutique des Buchhändlers. Herzlich begrüßte er den Antiquar: »Monsieur Dambrun, was glauben Sie, was ich Ihnen da bringe? Eine höchst seltene Ausgabe der Pucelle von 1786 mit entzückenden kleinen Kupferstichen. Sie ahnen nicht, wie schwer ich mich davon trenne!«
Der Antiquar prüfte das Exemplar eingehend und meinte: »Wahrhaftig ein schönes Exemplar. Wenn ich nicht irre, habe ich ein zweites Exemplar am Lager. Ich biete Ihnen sechzig Francs.«
»Ihr Angebot, Monsieur Dambrun, erfüllt mich mit Trauer«, erwiderte Balzac betrübt. »Ist Frankreich so tief gesunken, dass seine Söhne die größten Geister nicht mehr würdigen? Für dieses Kunstwerk bieten Sie mir lumpige sechzig Francs?« »Das Buch ist ja recht gut erhalten«, gab der Buchhändler zu. »Nun denn, ich will Ihnen achtzig Francs geben, damit wir gute Freunde bleiben.«
Balzac steckte die Goldstücke nachlässig ein und entfernte sich.
Auf der Straße winkte er dem jungen Verkäufer. »Ihr Patron will nichts nachlassen. Hier haben Sie Ihre sechzig Francs, junger Freund. Adieu!«
Der Verkäufer nahm das Geld und verbeugte sich. Balzac aber bereitete sich mit dem Überschuss einen sorglosen Tag.