Der Brief (Brahms) – Anekdote

Von allen Anhängern, Bewunderern und Schülern um Johannes Brahms war sein Biograf Max Kalbeck wohl der Treueste der Treuen. Wie ein Ebenbild des Gottes Wotan wandelte er durch die Straßen Wiens, ein Riese mit rötlichem Bart, einem breitrandigen weichen Filzhut und – ob Sommer oder Winter – einem wallenden Radmantel. Er schrieb oder sprach kaum je von etwas anderem als Brahms und trieb seine Anbetung bis zu einem Punkt, da sie ebenso rührend wie lächerlich wirkte. Brahms duldete ihn in seiner Umgebung, war manchmal geschmeichelt, zuweilen gelangweilt und oft verärgert.
Als einmal bei einer Tischunterhaltung ein musikalisches Problem diskutiert wurde und Kalbeck sich dazu in einer langen gelehrten Abhandlung hören ließ, unterbrach ihn Brahms irritiert vor allen Anwesenden mit einem scharf zurechtweisenden: »Halten Sie den Mund, Sie Schafskopf. Was zum Teufel verstehen Sie denn von diesen Dingen?«
Kalbeck wurde totenblass, behielt jedoch seine Fassung. Ohne ein Wort der Erwiderung stand er auf und ging hinaus.
»Was sagen Sie zu dieser unglaublichen Beleidigung?« wollte der Wotanriese ein paar Tage später von Richard Specht, einem andern Mitglied des Brahmsschen Freundeskreises, wissen, als der ihn zufällig traf. »Was ich mir alles gefallen lassen muss. – Diesmal aber, das schwöre ich Ihnen, ist es das letztemal gewesen. Das lasse ich ihm nicht durchgehen! Ich habe ihm einen Brief geschrieben und ihm erklärt, was ich von seinem unhöflichen und groben Benehmen denke. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn als sittliche Gefährdung für Wien ansehe, für einen abstoßenden und scheußlichen Charakter, der lieber dahin zurückgehen sollte, wo er hergekommen ist!«
»So«, erkundigte sich Specht, der diese Geschichte in seinem Buch über Brahms berichtet, äußerst erstaunt, »und was hat Brahms geantwortet?«
»Geantwortet?« sagte Kalbeck naiv. »Was heißt hier geantwortet? Sie denken doch wohl nicht im Ernst, dass ich einen solchen Brief abgeschickt haben könnte?«