Künstlertränen (Bruckner) – Anekdote

Anton Bruckner kam, Tränen in den Augen, nach dem zweiten Akt der »Parsifal«-Erstaufführung aus dem Bayreuther Festspielhaus. Franz Liszt sah ihn, näherte sich ihm freundlich und erkundigte sich voller Mitgefühl: »Mein lieber Doktor Bruckner, hat das große Werk Sie so tief gerührt?«
»Gerührt?« fragte Bruckner überrascht. »Ach, Unsinn! Aber hier treiben sich Hunderte von Taschendieben herum, und einer dieser Schurken hat mir meinen ledernen Geldbeutel gestohlen, der mein ganzes Geld enthielt, und jetzt kann ich nicht einmal meine Hotelrechnung bezahlen.«
Und von neuem flossen Tränen über seine alten Wangen. Liszt wandte sich ab; er langte mit der Hand in seine Brusttasche und gab ihm mit einem Ausdruck äußerster Verachtung, ohne ihn nur anzusehen, seine eigene Brieftasche.