Heilsame Ohrfeigen (Lovis Corinth) – Anekdote

In der Singstunde des Königsberger Gymnasiums war es um die müde Mittagsstunde so langweilig, dass selbst der Musiklehrer einnickte. Plötzlich schrak er hoch. »Ludwig, sag die Tonleiter auf!« befahl er noch etwas benommen. Der Junge nahm das Notenpapier zur Hand und leierte irgend etwas so gedankenlos herunter, dass der Lehrer ihm voller Unwillen das Blatt aus der Hand riss. Über und über war es voll von Kritzeleien; in seinem Zorn quittierte der Lehrer sie mit Ohrfeigen.
Darauf wurde er wohl erst ganz wach und betrachtete nun das Notenblatt genauer. Auf der Rückseite prangte er selber, ein Porträt des Lehrers! Leicht hingeworfen war es – und dabei ein kleines Meisterwerk. Der Lehrer war auf einmal gar nicht mehr unwillig.
»Was willst du werden?« fragte er den Jungen sehr wohlwollend.
»Soldat«, kam schnell die Antwort.
Darauf der Lehrer ebenso schnell: »Jung, werde doch Porträtmaler«, faltete das Papier zusammen und steckte es in die Westentasche.
»Noch nie waren mir Ohrfeigen so angenehm gewesen«, schließt jener Ludwig, den die Mutter im Dialekt des heimatlichen Tapiau »Lue« nannte, seinen Bericht.
Er nannte sich später: Lovis Corinth.