Ausländer in Wien – Anekdote

Ich war in einem Wiener Vorort bei Freunden gewesen und hatte die letzte Straßenbahn versäumt. Das machte mir nicht viel aus, denn ich wusste, dass genügend viele Leute aus Theater, Konzert oder Varieté mit Autotaxis heimfuhren und dass deren Lenker die willkommene »Fuhr« gern übernehmen würden.
Tatsächlich tauchte schon nach wenigen Minuten am Ende der Hauptstraße ein Taxi auf. Ich gab, als es vorbeirollte, das Zeichen zum Halten. Der Fahrer aber rief mir nur ein kurzes »Bin besetzt!« zu und fuhr weiter. Doch nach etwa zehn Metern hielt er an und winkte mir. Und als ich, mich beeilend, näher kam, sagte er:
»Der Herr sagt, Sie können mitfahren!«
Ich stieg ein. In einer Ecke saß ein jüngerer Mann, mit dem dem sich nun folgender Dialog entspann:
Ich: »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich in die Stadt mitzunehmen.«
Er: »I am very sorry, I can’t speak a word German.«
Ich: »It’s very kind of you to take me to the town.«
Er antwortete, und wir kamen ins Gespräch. Er klagte mir sein Leid: Er war amerikanischer Student, und es war ihm unmöglich, in Wien Deutsch zu lernen. »In meinem Hotel spricht alles englisch«, erzählte er. »In meinem Restaurant, wo ich esse, und in dem Kaffeehaus, in dem ich meine Zeitungen lese, ebenfalls. Mein Professor hält für uns Amerikaner englische Vorlesungen. Und nun steigen Sie, ein wildfremder Mensch, in den Wagen – und sprechen auch englisch! Ich kann in Wien nicht Deutsch lernen!«
Besser als dem bedauernswerten amerikanischen Studenten ging es anderen nach Wien gekommenen Ausländern: Es waren vornehmen Familien entstammende junge Leute aus aller Welt, die in das altberühmte Wiener Theresianum kamen – wie schon der Name sagt, eine Gründung der großen Kaiserin Maria Theresia – und hier europäische Kultur und Bildung – und Deutsch lernten. Und sie lernten es so gut, dass sie es ihr Leben lang nicht vergaßen und mehr als einmal Gelegenheit fanden, es dort anzuwenden, wo man es am wenigsten erwartet hatte.
Einer von ihnen war der Khedive von Ägypten Abbas II. Hilmi Pascha, einer der Vorgänger König Faruks. Er kannte kein größeres Vergnügen, als deutsche Besucher sich zuerst mit Französisch, Englisch und arabischen Brocken abmühen zu lassen und ihnen plötzlich fließend in ihrer Muttersprache zu antworten. Und doppelt groß war das Vergnügen, wenn der Gast ein Österreicher war wie etwa der englische General Slatin Pascha, ein gebürtiger Wiener, der denn auch entsprechend verblüfft war, aus dem Munde des ägyptischen Herrschers waschechtes Wienerisch zu hören.
Wohl nicht minder verblüfft war ein mir befreundeter österreichischer Seeoffizier, der mit seinem Boot die damals noch türkische Insel Samos anlief und, diplomatischem Gebrauch folgend, an Land ging, um dem türkischen Gouverneur, der den prunkvollen Titel »Fürst von Samos« führte, seine Aufwartung zu machen. Der Würdenträger unterbrach ihn bereits nach den ersten französischen Worten mit abwehrender Handbewegung.
»Mit mir können Sie ruhig deutsch reden«, erklärte er mit sichtlicher Genugtuung. »Ich bin im Theresianum erzogen.«
Wohl die tollste Geschichte aber passierte, wie mir von verlässlicher Seite erzählt wurde, einem österreichischen Offizier, dem es während des Ersten Weltkrieges gelungen war, aus russischer Gefangenschaft nach China zu entfliehen.
Abgerissen, halb verhungert, auf wunden Füßen schleppte er sich durch eine chinesische Stadt. Niemand verstand ihn, niemand zeigte das geringste Interesse an ihm. Er hatte keine Ahnung, wo er das nächste österreichische Konsulat zu suchen hatte, ja wusste nicht einmal, wie die Stadt hieß, in der er sich befand.
Schon überlegte er, ob es nicht gescheiter wäre, wieder über die Grenze zu schleichen und sich der nächsten Kosakenpatrouille zu ergeben, um wenigstens wieder Nahrung und Obdach zu haben. Da drang plötzlich der Ruf an sein Ohr:
»Ja Lixl (Felix), wie kommst denn du daher?«
Er fuhr herum. Deutsch – sogar wienerisch – und sein Name! Er blickte rundum, aber was er sah, waren ausnahmslos Chinesen – nirgends ein Europäer – Fangen schon die Hungerhalluzinationen an? »Lixl«, klang es abermals. »Siehst mich denn net? Da bin ich!«
Wieder sah er um sich – und sah einen vornehmen Chinesen, der ihm aus einer reichen Sänfte eifrig winkte.
Und erkannte einen Kameraden aus dem Theresianum, einen chinesischen Prinzen, mit dem er eng befreundet gewesen war.
Womit natürlich seine Not ein Ende hatte.

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Info 24.09.2017 - 03:26
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