Der Unbestechliche – Anekdote

In rasender Fahrt erreichte Hugo Stinnes, der unterwegs den Schofför zu immer größerer Eile angetrieben hatte, einen kleinen Bahnhof, kaufte eine Karte und begab sich sofort zu dem Bahnhofsvorsteher, der, weil es mitten in der Nacht war, mutterseelenallein in seinem Zimmer schlief.
»Wann kommt der Eilzug nach Essen hier durch?« fragte der Kohlenkönig.
»Um 2.14 Uhr
»Was verlangen Sie, wenn Sie den Zug anhalten, damit ich einsteigen kann?«
»Ich bin nicht bestechlich«, sagte der Beamte, der langsam aufwachte.
Der Kampf der beiden dauerte sieben Minuten, doch der Bahnhofsvorsteher blieb dabei, dass er sich durch kein Geld der Welt dazu bringen lassen werde, den Eilzug anzuhalten.
Schließlich brauste der Zug heran. Stinnes eilte auf den Bahnsteig und winkte mit Hut und Stock. Und siehe da, der Zug verlangsamte seine Fahrt und blieb zuletzt mitten auf dem Bahnhof stehen.
Befriedigt stieg Hugo Stinnes ein, wandte sich noch einmal zu dem Bahnhofsvorsteher um und sagte:
»Sehen Sie! Es ist auch ohne Sie gegangen.«
»Möglich«, erwiderte der Beamte, hob seinen Stab, gab das Zeichen zur Abfahrt und rief dem am Fenster stehenden erstaunten Stinnes nach:
»Die Aufregung war nicht nötig, mein Herr. Der Eilzug hält sowieso fahrplanmäßig hier.«