Dichtung deutscher Frühzeit – Hildebrand und Waltharilied

Aus dem einzigen erhaltenen Heldenlied – Hildebrandslied – auf deutschem Boden, aufgezeichnet im 9. Jahrhundert in althochdeutsch-sächsischer Mischsprache im Kloster Fulda:
Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun aenon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
Sunufatarungo: iro saro rihtun,
garuntun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa do sie to dero hiltiu ritun.
Hiltibrant gimahalta, her uuas heroro man,
ferahas frotoro, her fragen gistuont
fohem uuortum, hwer sin fater wari
fireo in folche …
Die neuhochdeutsche Übersetzung
Ich hörte sagen,
dass sich die Herausforderer einzeln trafen,
Hildebrand und Hadubrand, zwischen den beiden Heeren.
Sohn und Vater sahen nach ihrem Panzer,
schlossen ihr Kettenhemd, gürteten ihr Schwert
über ihre Brünnenringe, die beiden Helden, als sie zum Kampf anritten.
Da hob Hildebrand an, denn er war höher an Jahren,
ein Meister der Menschen, und gemessenen Wortes
begann er zu fragen, wer da sein Vater wäre,
der Führer im Volke … Wessobrunner Gebet
Das Wessobrunner Gebet, um 800 in baierischer Mundart im Kloster Wessobrunn bei Weilheim aufgezeichnet:
Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meîsta
Dat éro ni uuas noh úfhimil
noh paüm, noh pereg ni uuás,
ni. .. nohheínig, noh súnna ni sceín,
noh máno ni líuhta, noh der máreo séo.
Do dar niuuiht ni uuás énteo ni uuénteo,
enti do uuas der eíno almáhtico cót,
mánno míltisto, enti dar uuarun auh mánake mit ínan coótlihhe geísta …
Neuhochdeutsche Übersetzung
Das erfragte ich unter Menschen als größtes Wunder,
dass weder Erde war, noch der Himmel,
noch Baum, noch Berg nicht waren
noch sonst etwas, noch die Sonne nicht schien,
noch der Mond nicht leuchtete, noch der Meersee.
Da war nichts, war Ende und Wende nicht,
und da war der eine allmächtige Gott,
der Männer mildester und da waren auch mit ihm manche gute Geister … Waltharilied
Aus dem Waltharilied, einem um 930 von dem Mönch Ekkehard in St. Gallen in lateinischen Hexametern verfassten Heldenepos, das die Geschichte von Walther und Hildegunde erzählt (Zweikampfszene zwischen Walther und Hagen, im Versmaß):
Aber sobald der Krieger die Stücke des Schwertes erblickte, Zürnte und tobte er sehr in allzu gewaltigem Zorne, Schleudert, seiner nicht Herr, das Heft, dem entfallen die Klinge, War es auch ausgezeichnet durch Gold und künstliche Arbeit, Weit in die Ferne sogleich, die traurigen Trümmer verachtend. Doch indes er gerade die Hand so weit in die Luft streckt, Schlägt sie Hagen vom Arm, des gelegenen Hiebes sich freuend. Mitten im Wurf fiel jetzt zu Boden die tapfere Rechte, Die dereinst gefürchtet von vielen Völkern und Fürsten Und vordem erglänzte durch ungezählte Trophäen. Aber der herrliche Held, nicht gewohnt zu weichen dem Unglück, Wusste mit starkem Mute die Schmerzen des Fleisches zu tragen Und verzweifelte nicht und keine Miene verzog er, Schob den verstümmelten Arm nun sogleich hinein in den Schildrand, Griff mit dem unverletzten sodann alsbald zu dem Halbschwert, Das er, wie ich erwähnt, sich rechts an die Seite gegürtet, Bittere Rache sogleich an dem grimmigen Feinde zu üben. Hagens rechtes Auge zerstört sein Hieb und die Schläfe Schneidet er auf, und zugleich die beiden Lippen zerspaltend, Schmettert er zweimal drei der Zähne dem Feind aus dem Munde …