Karls Kulturprogramm

Das Tempo der weiteren Literaturentwicklung ist nicht erklärbar ohne Gestalt und Leistung des Frankenkönigs Karls des Großen. Er war es, der mit einem großangelegten Kulturprogramm letztlich auf die innere Verbindung von heimischer Tradition, Christentum und antiker Bildung abzielte (»Karolingische Renaissance«). Wie er sich »Kaiser, der das römische Reich regiert« betiteln ließ, so war er von der Vorstellung durchdrungen, dass die Franken auch das kulturelle Erbe des Römerreiches zu verwalten hätten. Um diesem Ziel näherzukommen, konzentrierte er die führenden Köpfe von Wissenschaft und Bildung an seiner Hofschule in Aachen und an geistigen Zentren wie Fulda, so z. B. den Franken Einhard, den Angelsachsen Alkuin, seinen Schüler, den Franken Hrabanus Maurus und den Langobarden Paulus Diakonus. Er kümmerte sich intensiv um die Kenntnisse der Geistlichen, denen er in zahlreichen Erlassen eine grundlegende Ausbildung zur Pflicht machte, und er hoffte durch deren Vermittlung eine Hebung der allgemeinen Volksbildung zu erreichen, berühmtester Erlass Karls in diesem Zusammenhang ist die »Admonitio generalis« (allgemeine Ermahnung) von 789. Die darin enthaltenen Forderungen wirkten sich in einer verstärkten Zuwendung der geistlichen Kulturträger zur Volkssprache aus. Auf dem Boden dieser Bestrebungen des Kaisers gediehen nicht nur die zahlreichen Übersetzungsversuche religiöser Gebrauchstexte, sondern erwuchs auch ein so bedeutendes Werk wie die kurz vor 800 entstandene Übersetzung des »Isidor«: Bischof Isidor von Sevilla hatte im 7. Jahrhundert die Schrift »De fide catholica contra Iudaeos« (wörtlich: »Vom katholischen Glauben gegen die Juden«) verfasst, die nun, wohl im Umkreis Alkuins, des damaligen Bischofs von Tours, ins Deutsche übertragen wurde: das erste Beispiel eines theologischen Werks in deutscher Sprache. Frappierend an dem erhaltenen Teilstück aber ist nicht nur, dass der unbekannte Verfasser theologische Fragen in deutscher Sprache angemessen darstellen kann, er praktiziert auch eine logisch durchdachte Orthographie, die sich von der unsystematischen Rechtschreibung seiner Zeitgenossen klar abhebt. Deshalb fällt auch die Zuordnung des »Isidor« zu einem Dialekt recht schwer. Zeugnisse der alten Stabreimdichtung
Neben diesen christlichen literarischen Texten ist in der Dichtung bis hinein ins 9. Jahrhundert die althergebrachte Art, in Stabreimen zu schreiben, lebendig. Wenn auch inhaltlich vielfach schon von christlichen Vorstellungen überlagert, lässt sich doch noch der heidnische Nährboden erkennen. Das gilt z. B. für das sogenannte »Wessobrunner Gebet« aus dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts. Man bezeichnet damit ein kurzes Textstück, dessen erster, neun Zeilen langer Teil den Anfang eines Schöpfungsgedichts in Stabreimen darstellt, der zweite ist ein althochdeutsches Prosagebet. Der für uns interessante erste Teil ist nun keineswegs bloß eine Wiedergabe des biblischen Schöpfungsberichts, sondern zeigt auffällige Ähnlichkeit mit einer entsprechenden Schilderung in der nordischen »Edda«. Beide dürften auf eine angelsächsische Vorlage zurückgehen, die vielleicht in Fulda eingedeutscht wurde. Aufregender noch ist die Sachlage beim sogenannten »Muspilli« aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts, das den Weltuntergang in etwas ungelenken Stabreimen schildert. Das Titelwort ist dem Text entnommen, wo es etwa soviel heißt wie »Weltzertrümmerung«. Erklärt ist es bis heute nicht völlig. Sicher handelt es sich um einen heidnischen Begriff, der in dem christlich geprägten Gedicht seine geheimnisvolle Ausstrahlung behalten hat. Höhepunkt des »Muspilli« ist der Kampf des Elias mit dem Antichrist und schließlich das Erscheinen des Weltenrichters. Das Werk ist als Mahnung an die Menschen gedacht, Tod und Weltgericht nicht zu verdrängen. Man nimmt als Verfasser einen gelehrten Mann aus Fulda an: Er wollte seinen Zeitgenossen ins Gewissen reden, und für diese Predigt bediente er sich überkommener Formen (Stabreim, Langzeile) ebenso wie auch inhaltlich einheimischer Vorstellungen.

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Info 18.11.2017 13:11
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