Deutsche Sprachkunst nach Karl dem Großen

Die Entstehungszeit des »Muspilli« fällt etwa mit dem Ende von Karls Regierungszeit zusammen. Unter seinem frommen Nachfolger Ludwig wären wohl die bildungspolitischen Impulse des Vaters verkümmert, hätten nicht die Männer aus dem Kreis um Karl seine Ideen weitergetragen. Die führende Gestalt ist jetzt Hrabanus Maurus, Leiter der Gelehrtenschule und Abt von Fulda. Unter ihm wird Fulda zum geistigen Mittelpunkt der Zeit. Vielfache Anregungen gehen von ihm aus: Manches, was er in der Volkssprache aufzeichnen lässt, wäre sonst vielleicht verlorengegangen. Man kann mit gutem Grund sagen: alles, was im zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts an wichtigen literarischen Werken entsteht, hängt irgendwie mit Fulda und seiner Gelehrtenschule zusammen. Das gilt besonders für den »Tatian«, neben dem »Isidor« die zweite Übersetzung, die nicht bloß der geistlichen Alltagspraxis diente. In dieser »Evangelienharmonie«, d.h. der Verschmelzung der vier Evangelien zu einem zusammenhängenden Bericht, ist der Versuch gemacht, das Leben Christi in deutscher Sprache darzustellen. Das Original geht auf den Syrer Tatian, der im 2. Jahrhundert gelebt hatte, zurück. Der Text lag den Mönchen in Fulda in lateinischer Übersetzung vor und wurde um 830 ins Ostfränkische übertragen. Der »Tatian« dokumentiert, dass die Bildungsarbeit nach Karls Tod nicht zum Erliegen kam. Freilich übersetzte das Team der Mönche recht wörtlich-schülerhaft, der Abstand zum »Isidor«-Übersetzer ist groß. So beruht die Bedeutung des »Tatian« weniger auf seinem literarischen Eigenwert als auf seiner Vermittlerfunktion: er dürfte ohne Zweifel auf die folgenden Darstellungen des Lebens Jesu, den »Heliand« und die »Evangelienharmonie« Otfrids, eingewirkt haben. Das »Heliand« genannte große Versepos entstand um 830 im Altsächsischen, also außerhalb des Althochdeutschen im altniederdeutschen Sprachraum, im Norden des Reichs. Mit seinen etwa 6000 Versen ist es das weit umfangreichste Werk der ganzen Epoche. Darstellung des Lebens Christi wie der »Tatian«, unterscheidet sich das altsächsische Epos doch von ihm nicht nur durch die Verwendung des Verses (wir haben noch einmal ein intaktes Stabreimgedicht vor uns), sondern auch durch die Christusauffassung: Christus wird als der siegreiche Himmelskönig dargestellt, die Apostel als seine Gefolgsleute. Der Verfasser will offenbar den eben mühsam dem Frankenreich einverleibten Sachsen christliche Vorstellungen auf eine Weise nahebringen, die ihnen durch ihr eigenes Gefolgschaftswesen vertraut ist. Die zentrale Stellung, die der Bergpredigt zugewiesen wird, zeigt andererseits, dass germanischem Denken zuliebe keineswegs die entscheidenden Aussagen des Christentums an den Rand gedrängt werden. Im »Heliand« haben wir es im übrigen nicht mit einem Heldenlied alten Zuschnitts zu tun, sondern mit einem Leseepos, das sich an der antiken epischen Tradition orientiert. Wie diese arbeitet es mit rhetorischen Mitteln, bietet kunstvolle Abwechslung in der Wortwahl, kennt die schmückenden Beiwörter und neigt zu komplizierten Satzgebilden. Alles ist aber dem volksmissionarischen Ziel untergeordnet, schließlich war der Vorrede zufolge Ludwig der Fromme selber der Auftraggeber. Als Verfasser eines solchen Werks kommt nur ein gelehrter, wortgewaltiger Mann infrage, der in oder um Fulda zu suchen sein dürfte – möglicherweise Hrabanus Maurus selbst.