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Anfänge der deutschen Endreimdichtung

Der »Heliand« ist die letzte bedeutende Dichtung, die den Stabreim souverän handhabt. Von nun an wird der Endreim, der sich aus der lateinischen Hymnendichtung des Mittelalters heraus entwickelt, zu einem neuen Kennzeichen dichterischer Sprache: Er bleibt es bis heute. Hand in Hand geht die Übernahme der regelmäßigen Abfolge von betonter und unbetonter Silbe. Das wichtigste Zeugnis für die Endreimdichtung dieses Zeitraums ist die »Evangelienharmonie«, auch »Krist« genannt, des Hrabanus-Schülers Otfrid von Weißenburg. Deutsche Endreimdichtung setzt also um die Mitte des 9. Jahrhunderts ein, und unvermittelt begegnet uns in Otfrids Werk schon um 860-870 ein Höhepunkt der neuen Kunstgattung. Der Mönch aus dem Elsässer Kloster verfasst sein gelehrtes Werk in der Mundart, die im südlichen Rheinfranken gesprochen wurde. In seiner Vorrede rechtfertigt er die Verwendung der Volkssprache: Gott könne in jeder Sprache gelobt werden, auch in einer »verhunzten« (lingua corrupta). Dies war wohl so ernst nicht gemeint, zumal im ersten Kapitel Otfrid sein eigentliches Ziel deutlich nennt: die fränkische Sprache ebenbürtig neben die klassische zu stellen. Dieses Selbstbewusstsein des deutschen Autors spiegelt sich auch im gelehrten Aufwand: vier Widmungen, eine Vorrede, Beiziehung von Kommentaren, Verweis auf Quellen und zahlreiche unterschiedliche Auslegungen der biblischen Texte. Der Gelehrsamkeit steht die Selbstständigkeit, mit der Otfrid aus den Evangelien auswählt, in nichts nach. Das letzte der fünf Bücher bildet den Höhepunkt: in ihm werden Auferstehung, Himmelfahrt und Jüngstes Gericht dargestellt. Die eingestreuten Auslegungen und die Betonung der Weltenrichterfunktion zeigen klar, dass Otfrid den Leser vor allem moralisch erschüttern, die fränkische Oberschicht durch die christlichen Heilswahrheiten aufrütteln wollte. Wenn auch Otfrid seinen Anspruch, in fränkischer Mundart den alten Sprachen Gleichwertiges an die Seite zu stellen, nicht in jeder Hinsicht einlösen kann – oft findet er nur mühsam den passenden Reim, häufig schimmert hinter seinem Satzbau das Lateinische deutlich durch -, finden wir doch im Umkreis seines »Krist« keine vergleichbare zeitgenössische Leistung. Die Lücke in der deutschen Literatur bis zur Zeit der Salier
Als nach dem Ende der Karolinger (911) für etwa eineinhalb Jahrhunderte die literarische Produktion in der Volkssprache fast ganz zurückging und das Latein noch einmal zur beherrschenden Literatursprache wurde, führte man das Konzept Karls des Großen zunächst nicht weiter: Unter den Ottonen (ab 936) gewann die Geistlichkeit wieder stark an Einfluss, die kulturelle Bindung an die Antike wurde intensiviert: Aus der ottonischen Zeit ist kein deutsches Gedicht erhalten. Als einziger Autor aus dem gesamten Zeitraum, der wenigstens deutsche Übersetzungen für die Schulstube anfertigte, tritt uns Notker Labeo von St. Gallen (950-1022) entgegen. Mönch und Lehrer an der dortigen Klosterschule, zugleich Gelehrter von Rang, verfasste er eine stattliche Reihe Übersetzungen antiker und christlicher lateinischer Texte. So übertrug er z. B. den spätantiken »Trost der Philosophie« des Boethius, eine Komödie des Terenz, die »Bucolica« Vergils, die Psalmen usw. Seine Übersetzungen haften nicht kleinlich am Wort, sondern bemühen sich um das Textverständnis, das er oft durch sachliche und sprachliche Erläuterungen erleichtert. So wachsen sich seine Übertragungen oft zu Kommentaren aus: das pädagogische Moment dominiert. Die deutsche Sprache handhabt er meisterhaft, bei ihm ist sie bereits den alten Kultursprachen gleichrangig. Darin erweist sich, dass die Anregungen der karolingischen Epoche nicht ohne Folgen blieben – wenn auch Notkers Gestalt in ihrer Zeit noch eine Ausnahme bildet.

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