Freizeitgestaltung und Arbeit

Jeder Mensch versteht unter Freizeit etwas anderes. Für den einen ist Freizeit identisch mit Ausruhen, für den anderen mit anstrengendem Training in einer Lieblingssportart. Fest steht nur, dass Freizeit einen bestimmten Zeitraum ausmacht und nicht mit speziellen Tätigkeiten zusammenhängt, aber eine besondere geistige Einstellung zu den verschiedensten Tätigkeiten erfordert. Freizeit zu definieren, mag erhebliche Schwierigkeiten bereiten, in ihrer Bewertung herrscht dagegen Einmütigkeit. Freizeit ist unerlässlich für das Individuum und damit auch für die Gesellschaft, zu der es gehört. Dem einzelnen verschafft sie Entspannung nach dem Alltagsstress: Sie weckt seine schöpferischen Kräfte, z. B. in Bildungseinrichtungen, und lässt die Monotonie des Werktags vergessen, sie gibt auch Raum für gesellschaftliche Aktivitäten in sozialen und politischen Institutionen. Da die wichtigste Funktion der Freizeit wohl die Regeneration des »verbrauchten« Menschen ist, bieten viele Firmen ihren Arbeitnehmern Freizeiteinrichtungen aller Art an, in zahlreichen Ländern gibt es staatliche Freizeitanlagen »zum Wohle des Volkes«. Freizeit und Arbeit
Zwischen Freizeitbeschäftigung und Arbeit gibt es mehr Berührungspunkte und Überschneidungen, als man zunächst annehmen möchte. Es ist zwar naheliegend, Freizeit als das Gegenteil von Arbeit oder auch als den Zeitabschnitt zu betrachten, der nach der Arbeitszeit verbleibt doch entfällt diese Unterscheidung für viele Berufsgruppen. Im bäuerlichen Leben sind Arbeit und Freizeit fast nie genau zu trennen. Auch im Tageslauf von Handwerkern und Künstlern bleibt die Grenze zwischen beiden Bereichen fließend. Die Bewertung von Freizeit und Arbeit hängt vom einzelnen ab. Die einen veranschlagen den Wert der Freizeit höher als den der Arbeit, etwa weil ihr Beruf monoton oder anstrengend ist, andere bevorzugen die Arbeit, weil sie ihnen Freude macht, sie ausfüllt, wieder andere legen auf Ausgewogenheit beider Bereiche Wert. Symptomatisch für unsere Epoche ist jedoch, dass viele Arbeitnehmer materielle Werte sehr hoch schätzen und deshalb bereitwillig ihre kostbare Freizeit gegen bezahlte Überstunden eintauschen. Die Freizeit und ihre Kosten
Der Mensch hat heute tatsächlich mehr Freizeit als frühere Generationen, obwohl der Zeitgewinn meist überbewertet wird allein der Weg zum Arbeitsplatz ist heute oft sehr lang. Umfangreich ist das Angebot, diese neugewonnene freie Zeit auszufüllen. Private und staatliche Unternehmen bemühen sich um den Freizeitkunden, der aus allen Einkommensklassen stammt. Bereiche, die für eine Oberschicht reserviert wären (exklusive Sportarten, Auslandsreisen), gibt es kaum noch. Freizeit ist das große Geschäft geworden, das leider allzu oft die tatsächlichen Bedürfnisse der Erholungsuchenden ignoriert. Da der Bereich der Freizeitgestaltung bzw. freier Tätigkeit nicht präzise abzugrenzen ist, lassen sich auch die Summen, die dafür aufgewendet werden, nicht genau berechnen. Fest steht nur, dass sie stetig steigen, allerdings muss man einen Teil der Zuwachsrate der weltweiten Inflation zuschreiben. Auf einem einzigen Sektor gibt es verbindliche Angaben: bei Kauf und Unterhalt der Motorfahrzeuge. Hier sind die Ausgaben stärker und schneller gestiegen als in allen anderen Bereichen. Obwohl die Freizeitgestaltung mehr und mehr kommerzialisiert wird, gibt es doch noch viele Formen häuslicher Entspannung und Erholung, die nicht der Organisation von außen bedürfen, allerdings bevorzugen Jugendliche Freizeiteinrichtungen »außer Haus«. Bei der Entspannung daheim steht das Fernsehen an erster Stelle, sein Wert für das Familienleben ist aber schwankend. Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte man die freie Zeit meist außerhalb der Familie. Seit 1950 führte das Fernsehen die Familie wieder zusammen. Um 1960 setzte in Amerika eine neue Phase ein (Europa folgte 1970): Die Haushalte erwerben mehrere Fernsehgeräte, die Familie ist wieder zersplittert, denn jeder sieht sein »eigenes« Programm. Sinnvolles Planen notwendig
Zur Freizeitgestaltung werden oft Mittel benötigt, an denen es im Allgemeinen mangelt, z. B. Grund und Boden, für Parks und Sportplätze, Wasserflächen für Schwimmbäder und andere Wassersportanlagen. Wir müssen sorgsam mit diesen Mitteln umgehen und uns damit abfinden, dass Freiheit, als die Freizeit begriffen wird, kaum noch ohne Planung möglich ist. Finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand brauchen aber auch die künstlerischen Bereiche (Oper, Ballett, Orchester u. a.). Andererseits werden immer mehr Stimmen laut, die in dieser Subventionierungspolitik eine Bevormundung des Bürgers sehen. Man plädiert dafür, Auswahl und Finanzierung der Freizeitbeschäftigungen der unmittelbaren Entscheidung des Bürgers zu überlassen. Zwei wichtige Fragen gelten der künftigen Entwicklung: Welche Formen wird die Freizeit annehmen, und wie viel Zeit wird dafür zur Verfügung stehen? In den Jahren mit starker wirtschaftlicher Zuwachsrate war man überzeugt, die Arbeitszeit könnte für viele Menschen bis zum Jahr 2000 auf 30 Wochenstunden gesenkt und der Urlaub auf mehrere Monate erhöht werden. Das verlangsamte Wachstum hat diese Hoffnungen jedoch gedämpft. Besonders in den USA heißt es heute: »weniger Freizeit – härter arbeiten«. In der Bundesrepublik fordern die Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzung, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Ob dadurch die Arbeitslosigkeit langfristig beseitigt werden kann, bleibt fraglich.