Spiel und warum Sportspiele?

Fast alle höheren Lebewesen spielen, und doch bereitet die Definition des Begriffs Spiel Schwierigkeiten. Zumindest lassen sich zwei Grundelemente feststellen: die Tätigkeit um ihrer selbst willen, ohne Bezug zum Ernstverhalten, sowie die sportliche Betätigung als unbewusstes Üben für den Ernstfall (sich verstecken, jagen, den anderen übertreffen, kämpfen, fliehen). Das Spiel bei Tier und Mensch
Im Spiel der Jungtiere sind beide Elemente enthalten, sie bilden Teile des Lernprozesses. Das Jungtier lernt in den reinen Bewegungsspielen die eigenen physischen Fähigkeiten kennen. Die »Jagd« auf Blätter trainiert der Katzenjunge für die spätere Mäusejagd, der Jungfuchs findet beim Balgen seinen Platz in der Familienhierarchie. Bei erwachsenen Tieren herrscht das erstgenannte Element vor: Spiel als Freude an der Tätigkeit selbst. Es ist vor allem bei geselligen und lebhaften Tieren (Delphin, Otter) zu beobachten. Allerdings betreiben es auch erwachsene Tiere noch gelegentlich als Übung – alte Katzen jagen gern Blätter. Meist wird das Spiel aber beim älteren Tier abgewandelt in rituelle Verhaltensweisen mit sozialer Funktion, so u. a. in der Liebeswerbung. Da jedoch im Ritus noch andere Elemente enthalten sind, z. B. der Gruppenzusammenhalt bei der Werbung der Primaten, ist der Begriff Spiel hier umstritten. Auch das Spiel des Menschen enthält diese beiden Grundelemente, doch sind ihre Ausformungen dank der menschlichen Gabe zur Selbstbeobachtung und Soziabilität weit komplizierter als beim Tier. Der Säugling erforscht wie das Jungtier im Spiel die eigenen physischen Fähigkeiten. Sobald aber Wechselbeziehungen mit der Umwelt vorhanden sind, werden Phantasie- und Rollenspiele wichtig. Das Kind erfährt, welche Rollen ihm in der Gesellschaft zugedacht sind und welche Werte es akzeptieren soll. Da sich Affen nicht äußern können, wissen wir nicht, ob nur die Menschen Phantasiespiele treiben können. Diese Spiele erfüllen eine wichtige Funktion: Sie lehren uns, unsere seelischen Kräfte zu beherrschen. So wird das Kind im Indianer- und Cowboyspiel keineswegs zu echter Gewalttätigkeit ermuntert, vielmehr eignet es sich dabei die Als-ob-Grundregel des Spiels an, d. h. es lernt, dass gespielte Aggressivität nicht wirklich tötet. Während das Spiel aber für das erwachsene Tier nur noch zweitrangig ist, nimmt es im Leben des erwachsenen Menschen einen wichtigen Platz ein, denn es ermöglicht soziale Kontakte, entspannt und befreit von Langeweile. Warum Sportspiele?
Für das Bedürfnis nach Sportspielen halten die Psychologen mehrere Erklärungen bereit. Eine Theorie besagt, der Spieler befreie sich so von seinen Aggressionen. Entfällt diese Möglichkeit, kann es zu Verhaltensstörungen kommen, ein Zustand, der gelegentlich bei Berufssportlern zu beobachten ist, die nicht mehr aktiv sind. Andere »Spieler« – vom Rennfahrer bis zum Spielbankbesucher – setzen sich bewusst Gefahren und Aufregungen aus, sie sind süchtig nach höchster Erregung und nachfolgender Entspannung. Schließlich ist das Sportspiel auch Ausdruck der Freude am Wettkampf, es befriedigt das Bedürfnis, die Grenzen der eigenen körperlichen und seelischen Belastbarkeit zu erfahren. Über die Psychologie des Zuschauers lassen sich nicht so eindeutige Aussagen machen. Fest steht zwar, dass der Zuschauer das Gefühl der Gruppen Zugehörigkeit erfährt, aber die zunehmenden Gewalttätigkeiten in den Fußballstadien offenbaren, dass passive Teilnahme am Spiel aufgestaute Aggressivität weniger abbaut als fördert. Breiten Raum nimmt im Erwachsenenleben das Spiel in Verbindung mit der Sexualität ein. Im Vergleich mit dem eindeutig auf Paarung zielenden Liebesspiel der Primaten ist es hochdifferenziert. Es vermittelt Einsichten in die eigene Geschlechtsrolle, aber auch in die Probleme der Paarbildung und der Dominanz. Puritanische Gesellschaften lehnen Rollen-, Liebes- und Unterhaltungsspiele oft strikt ab, Freude am zweckfreien Spiel und an Emotionen, die durch das Spiel ausgelöst werden, sind mit ihrer Lebensphilosophie unvereinbar. Der Hindu macht dagegen das Spiel und die Freude daran bewusst zum Bestandteil des Lebens, das für ihn nur Spiegelbild der heiteren Götterwelt ist. Die moderne Psychiatrie sieht im freien und spontanen Spiel den Beweis für Angstfreiheit, das Akzeptieren der eigenen Körperlichkeit und die Fähigkeit zu schöpferischer Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. Sport und Gesellschaft
Spiel in Gestalt von Sport und Sportspielen lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu, in der es betrieben wird. Darin ist es der Kunst, dem Theater und der Literatur verwandt. Die Sportarten der vorindustriellen Gesellschaft entsprangen fast immer Tätigkeiten, die auch im Alltag, im Ernstfall, ausgeübt wurden. So weisen Bogenschießen, Lanzenstechen und andere Kampfspiele auf das Jagd- und Kriegshandwerk als Quelle hin, Jagen, Rudern und Segeln sowie auch Skifahren gehen eher auf das Beschaffen und den Transport der Nahrung zurück. Der Sport der Industriegesellschaften unterliegt zwei Einflüssen: Der technische Fortschritt manifestiert sich in neuen Sportarten, z. B. Fallschirmspringen, Autorennen. Die steigende Zahl von Mannschaftskämpfen, bei denen vereinbarte Regeln strikt eingehalten werden müssen, reflektiert dagegen – und beeinflusst ihrerseits – Struktur und Wertvorstellungen unserer modernen Massengesellschaft.