Heinrich VI. – Kaiserkrönung und erste Schwierigkeiten

Im Frühling des Jahres 1189 versammelte sich in Regensburg das Kreuzfahrerheer, mit dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa, um sein Lebenswerk zu krönen, das Heilige Land für die Christen zurückgewinnen wollte. Bei ihm waren zwei seiner Söhne, von denen Friedrich, der jüngere, dazu ausersehen war, den Vater zu begleiten. Der ältere, Heinrich VI., der bereits als kleines Kind zum König gekrönt worden war, empfing aus der Hand des Vaters die Reichskleinodien. Er sollte während der Abwesenheit des Vaters die Regentschaft und nach dessen Tod die Herrschaft im Reich antreten. Nachdem der alte Kaiser ›sein Haus bestellt‹ hatte, brach er zur letzten großen Fahrt auf, von der weder er noch sein Sohn zurückkehren sollte. Eine zwiespältige Persönlichkeit
Heinrich VI. (1190-1197), damals knapp 25 Jahre alt, war längst zu einem erfahrenen Politiker herangereift, der sich in allen wichtigen Fragen mit dem Vater einig wusste. Das war aber auch alles, worin sich die beiden glichen. Heinrich war von Gestalt allenfalls mittelgroß, mager und schwächlich, sein Gesicht nachdenklich, hager und bleich. Nichts hatte er von der gewinnenden Art seines Vaters, nichts von dessen kriegerischem Talent. Heinrich VI. war politischer Denker und Planer von ungewöhnlich scharfem Verstand, Dichter von Liebesliedern, aber auch außergewöhnlich rücksichtslos, wenn es galt, einen Vorteil zu nutzen. Bereits im ersten Regierungsjahr hatte der junge Herrscher Gelegenheit, seine Gaben unter Beweis zu stellen. Heinrich der Löwe hielt im Herbst 1189 die Gelegenheit für günstig, unter Bruch seines Eides aus der Verbannung zurückzukehren und einen Teil seines ehemaligen sächsischen Herzogtums zurückzuerobern. Doch die Attacke des alten Löwen – so störend sie auch war – wurde für Heinrich VI. in dem Augenblick zur Nebensache, als im November 1189 König Wilhelm II. von Sizilien mit 36 Jahren kinderlos verstarb. Seine rechtmäßige Erbin war Konstanze, die Tante des Verstorbenen und Gemahlin Heinrichs VI., und ihre Erbansprüche galt es jetzt durchzusetzen. Die Hoffnung, dieses Erbe einst für die staufische Dynastie zu gewinnen, mochte Barbarossa schon gehabt haben, als auf seine Initiative hin im Januar 1186 in Mailand die Ehe zwischen dem 19jährigen Heinrich und der um elf Jahre älteren normannischen Prinzessin aus Sizilien geschlossen worden war. Dass allerdings dieser Erbfall schon nach knapp drei Jahren eintreten sollte, konnte damals keiner ahnen. Zunächst schienen jedoch die glänzenden Aussichten auf das Reich im Süden in weite Ferne zu rücken, weil eine stauferfeindliche Partei in Sizilien mit päpstlicher Duldung Tankred von Lecce, einen Halbbruder des verstorbenen Königs, auf den Thron hob. Finanzielle Unterstützung fand Tankred bei seinem Schwager, dem englischen König Richard Löwenherz, der sich eben auf dem Weg ins Heilige Land befand und in Messina überwinterte (1190/91). Angesichts dieser bedrohlichen Koalition schloss Heinrich VI. eilends Frieden mit Heinrich dem Löwen, um freie Hand für einen Italienzug zu haben, der um so dringender geboten war, als seine Kaiserkrönung in Rom noch ausstand. Der Weife durfte einen Teil seiner Eroberungen behalten, musste aber – was im Mittelalter nicht unüblich war – einen seiner Söhne als Geisel dem König ausliefern. Heinrichs VI. erster Italienzug stand unter ungünstigen Vorzeichen. Finanzielle Schwierigkeiten verzögerten zunächst den Marsch, und während Heinrich VI. und Konstanze noch auf dem Weg nach dem Süden waren, starb Papst Clemens III., der die Krönung zugesichert hatte. Der Nachfolger, Cölestin III., ein uralter, in allen Winkelzügen der Politik erfahrener Kardinal, weigerte sich zunächst, die Krönung vorzunehmen. Erst als König Heinrich VI. Bereitschaft zeigte, das kaisertreue, verbündete Städtchen Tusculum, eine Gegnerin Roms, der Wut der Römer preiszugeben, lenkte Cölestin III. ein. Die Krönung fand statt, und Tusculum wurde zerstört. Die Bedenkenlosigkeit, mit der Heinrich VI. hier seine Anhänger opferte, erregte unter den Zeitgenossen Entsetzen. Dass er damit, wie ein Zeitgenosse bemerkte, »leider das Ansehen des Kaisertums« schädigte, scheint ihn wenig gekümmert zu haben, denn für ihn galt es jetzt, Unteritalien und Sizilien in den Griff zu bekommen, wo entscheidende (Adels-)Gruppen seine Gegner waren. Doch dieser Feldzug endete katastrophal. Schon vor Neapel scheiterte der Kaiser, und als dann in seinem Heer eine Seuche ausbrach, an der er selbst so schwer erkrankte, dass sich das Gerücht von seinem Tod verbreiten konnte, war an eine Fortsetzung des Kampfes nicht mehr zu denken. Zu allem Unglück geriet Kaiserin Konstanze in die Gefangenschaft einiger apulischer Ritter, aus der sie erst auf päpstliches Gebot wieder freikam. Doch damit nicht genug. Angesichts der Niederlage vor Neapel ließ der Papst die Maske fallen und belehnte Tankred von Lecce mit dem Königreich Sizilien, ohne Konstanzes Ansprüche wenigstens formal zu respektieren. Inzwischen hatte der Sohn Heinrichs des Löwen das kaiserliche Heer verlassen und war nach Deutschland vorausgeeilt, um gegen den Kaiser den Aufruhr zu schüren, was ihm um so leichter fiel, als dieser mit einem Mordfall in Verbindung gebracht wurde, der ganz Nordwestdeutschland gegen ihn mobilisierte. Löwenherz in der Falle
Nahezu hoffnungslos erscheint die Lage Heinrichs VI., bedenkt man die Zahl und die Stärke seiner Gegner. Die nordwestdeutsche Opposition und Heinrich der Löwe mit seinen Söhnen durften auf die Unterstützung durch Richard Löwenherz rechnen, der wiederum mit Tankred verschwägert und verbündet war. Vor allem aber ermutigte der Papst alle Gegner des Kaisers, denn ihm drohten enorme Macht- und Einflusseinbußen von einer Vereinigung Deutschlands mit Sizilien, geografisch und politisch eine Umklammerung des Kirchenstaates. Nur einen Fürsten gab es, der, wenn auch aus ganz anderen Gründen, Heinrichs VI. Gegnerschaft gegen Richard Löwenherz teilte, und das war König Philipp II. August von Frankreich. Die beiden Herrscher beschlossen entgegen allem Brauch und Recht, den englischen König bei der Heimfahrt vom Kreuzzug in Palästina abzufangen und sich seiner Person zu politischen Zwecken zu bedienen. Um den französischen Häschern nicht in die Falle zu gehen, versuchte Richard Löwenherz, als Pilger verkleidet, höchst abenteuerlich über Deutschland in die Heimat zu gelangen. Dabei geriet er ungewollt nach Österreich und damit auf das Gebiet des Babenberger Herzogs Leopold V., des Mannes, der ihn am meisten hasste. Ihn hatte Richard aufs schwerste beleidigt, indem er nach der Eroberung Akkons den Befehl gab, die Fahne Leopolds V. in den Kot zu treten und den Österreichern ihren gerechten Beuteanteil zu verweigern. Der Zufall fügte es, dass Richard Löwenherz erkannt wurde, obwohl er alles tat, um nicht aufzufallen. In Knechtsgestalt briet er eigenhändig sein Hühnchen überm Feuer, aber er hatte vergessen, seinen kostbaren Ring vom Finger zu ziehen. Daran erkannte ihn einer der Diener Leopolds V., der auch vor Akkon gelegen hatte, und meldete seine Entdeckung dem Herzog. Man darf dem Chronisten, der diese Geschichte überliefert, glauben, wenn er weiterfährt, dass Leopold V. sich sehr »über die Anwesenheit des Königs« freute und den hohen Gast in ein enges Verlies werfen ließ, um ihm die Beleidigungen zu vergelten. Der Kaiser kommt zu Geld
Heinrich VI. nutzte die Gunst der Stunde geschickt. Er kaufte dem Österreicher den kostbaren Gefangenen, der auf der Burg Dürnstein saß, kurzerhand ab und ließ ihn auf die Reichsburg Trifels in der Pfalz bringen, um ihm dort den Prozess als Reichsfeind zu machen. Obwohl die Öffentlichkeit über dieses Verfahren gegen einen Kreuzfahrer empört war, presste der Kaiser den englischen König durch immer neue Forderungen unbarmherzig aus. Mit der Drohung, ihn an Frankreich oder an seinen Bruder Johann, der den englischen Thron beanspruchte, auszuliefern, zwang er Richard Löwenherz schließlich, sein Reich gegen einen hohen Zins von ihm zu Lehen zu nehmen, sein Bündnis mit Tankred von Lecce zu lösen und eine Summe von 150 000 Mark Silber, d. h. über 35 000 Kilogramm (!), zu bezahlen. Als diese Bedingungen erfüllt waren, wurde Richard Löwenherz im Februar 1194 aus der Haft entlassen. Im folgenden Jahr starb Heinrich der Löwe, der alte Gegner des staufischen Hauses. Eine staufisch-welfische Hochzeit und Ausgleichsbemühungen von Richard Löwenherz entzogen der innerdeutschen Opposition jede Grundlage. Das Silber aus Englands Schatztruhen erlaubte es dem Kaiser, bereits im Mai 1194 zu einem zweiten Zug nach Italien aufzubrechen, und diesmal unter günstigen Vorzeichen.