Großmachtpläne Heinrichs VI.

Tankred von Lecce war im Februar 1194 gestorben, und sein Nachfolger, Wilhelm III. war noch im Kindesalter. Mühelos wurde deshalb von den kaiserlichen Truppen der Kirchenstaat besetzt, Süditalien fiel ohne nachhaltigen Widerstand, und der Sieg bei Catania über das sizilianische Heer öffnete Heinrich VI. den Weg nach Palermo, der Hauptstadt des Reiches im Süden. Der Einzug des Kaisers in die festlich geschmückte Stadt gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Damit die rauen Krieger aus dem Norden angesichts des Reichtums dieser Stadt nicht übermütig wurden, bedrohte er jede Disziplinlosigkeit mit dem Verlust der Hände. Er selbst, der Kaiser, nahm sich aus den normannischen Schätzen den Krönungsmantel König Rogers II. um ihn unter die Reichskleinodien einzureihen. Am Weihnachtstag des Jahres 1194 ließ sich Heinrich in Palermo zum König von Sizilien krönen, und am 26. Dezember, dynastisch nicht weniger wichtig, gebar ihm Konstanze, damals bereits vierzigjährig, den erhofften Thronerben, der nach seinen beiden gekrönten Großvätern den Namen Friedrich Roger erhielt. Als Kaiser führte er später den Namen Friedrich II. Die strenge Disziplin der Truppen und die zunächst recht glimpfliche Behandlung des jungen Königs Wilhelm deuten darauf hin, dass Heinrich VI. eine Politik kluger Zurückhaltung zu betreiben gedachte. Er suchte der sizilianischen ›Nationalpartei‹ (d. h. Antistaufische Verfechter süditalienischer Selbstständigkeit) auch in anderen Fragen, so bei der inneren Verwaltung des Reiches, entgegenzukommen. Es ließ sich indessen nicht vermeiden, dass Deutsche an wichtige Schalthebel der Macht gelangten und dass Sizilianer weichen mussten. Mancher normannische Adelige wurde auch von seinen Gütern vertrieben, um einem Deutschen Platz zu machen. Ehe Heinrich VI. nach Deutschland zurückkehrte, stellte er die Weichen für die geplante Vereinigung Siziliens mit dem Reich. Auf einem Reichstag in Bari setzte er seine Gemahlin Konstanze als Regentin über das Königreich Sizilien ein und gab ihr einen seiner Vertrauten zur Seite. Sein Bruder Philipp und die Reichsministerialen Heinrich von Kalden und Markward von Annweiler erhielten Schlüsselpositionen in Italien. Vermutlich um die gleiche Zeit beschäftigte sich Heinrich VI. auch mit dem Gedanken an einen neuen Kreuzzug. Der Kreuzzug von 1189 hatte nach dem Tod Barbarossas mit einem Misserfolg geendet, Jerusalem und die anderen heiligen Stätten waren noch immer in der Hand der Moslems, und Heinrich VI. war auch aus machtpolitischen Gründen am östlichen Mittelmeerraum interessiert. Die Heirat seines Bruders Philipp mit einer byzantinischen Prinzessin bot zugleich den Gesandten Heinrichs VI. die Gelegenheit, den Kaiser Alexios III. unter Druck zu setzen und ihn zur Zahlung des ungeheuerlichen Jahrestributs von 16 Goldtalenten (entspricht ca. acht Zentnern) zu zwingen. Angesichts von so viel Rücksichtslosigkeit beeilten sich die Könige von Kilikien und von Zypern, ihre Reiche von Heinrich VI. zu Lehen zu nehmen. Einmischungsversuche in die Staatenwelt des westlichen Mittelmeerraumes rundeten diese Politik ab. Doch bevor Heinrich VI. das Wagnis eines Kreuzzugs unternahm, baute er die staufische Hausmacht in Deutschland systematisch aus. Dann suchte er die Frage der Nachfolge zu klären: Die deutsche Krone sollte, wie die Krone Siziliens, nach Heinrichs Plänen erblich werden. Um dieses neue und bisher unerhörte Gesetz, wie es ein Zeitgenosse nennt, den Fürsten – die ja mittlerweile ihre Position bei der Königswahl enorm hatten verbessern können – schmackhaft zu machen, bot der Kaiser ihnen die Erblichkeit der Fürstenlehen und den Verzicht auf das Spolienrecht. Ein Reichstag in Würzburg 1196 stimmte seinem kühnen und modernen Erbreichsplan zunächst auch zu und votierte damit für eine kontinuierliche Reichspolitik, aber auch für Entmachtung der Fürsten bei der Königswahl. Doch der Widerstand niederrheinischer und westfälischer Fürsten und die ablehnende Haltung des listenreichen greisen Papstes Cölestin III. führten schließlich dazu, dass der Plan im Oktober 1196 scheiterte. Heinrich VI. musste sich damit begnügen, dass die Fürsten seinen zweijährigen Sohn zum deutschen König wählten. Immerhin war dem staufischen Haus damit wenigstens für die nächste Generation die Krone gesichert, und im übrigen mochte sich Heinrich VI., der damals erst wenig über dreißig Jahre alt war, mit der Hoffnung auf eine spätere, günstigere Gelegenheit trösten. Indessen war die Vorbereitung für den Kreuzzug in vollem Gang. In den Hafenstädten Unteritaliens und Siziliens versammelten sich die Kreuzfahrer, und die Flotten von Genua und Pisa lagen bereit. Ein Vorauskommando war bereits unterwegs, als ein Ereignis eintrat, das zeigte, wie labil Heinrichs VI. Herrschaft in Sizilien noch war und wie feindselig die Normannen den Deutschen gegenüberstanden. Eine nationalsizilianische Bewegung unter den normannischen Großen führte zu einer Verschwörung, die es sich zum Ziel setzte, den Kaiser zu ermorden, sich der Deutschen zu entledigen und einen einheimischen König auf den Thron zu erheben. Zeitgenössische Beobachter deuten an, dass von dieser Verschwörung nicht nur der Papst, sondern sogar die Kaiserin selbst wusste. Der Kaiser wurde jedoch gewarnt und entwich in die treue Stadt Messina, wo er auch den Soldaten des Kreuzfahrerheeres nahe war. Der Aufstand wurde rasch niedergeworfen, und dann erfolgte ein furchtbares Strafgericht über jene, die lebend in Gefangenschaft gerieten. Angeblich ließ der Kaiser in seiner Rachsucht seine Opfer schinden, pfählen und verbrennen und dem Gegenkönig – im Beisein der Kaiserin – die angemaßte Krone an den Schädel nageln. So festigte er zwar im Augenblick seine Herrschaft, indem er Entsetzen verbreitete, er festigte aber auch den Hass der normannischen Barone gegen die deutsche Herrschaft und alles, was deutsch war – eine überaus problematische Entwicklung, wie sich bald zeigen sollte. Als scheinbar wieder Ruhe eingekehrt war, Kirchhofsruhe, suchte der Kaiser, wie er es häufig zu tun pflegte, Entspannung bei der Jagd. Die Augusttage waren glühend heiß, die Nächte ungewöhnlich kalt. Da erkrankte der Kaiser, vielleicht an Malaria, vielleicht an Ruhr, und wurde nach Messina gebracht. Nach ein paar Wochen, in denen auch immer wieder Hoffnung aufkeimte, starb er, knapp zweiunddreißigjährig, am 28. September 1197. Seine letzte Ruhe fand er im Dom von Palermo.

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Info 18.12.2017 00:20
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