Die Katastrophe von 1197 und 1198

Der Historiker Karl Hampe (1869-1936) nennt den frühen Tod Heinrichs VI. »die furchtbarste Katastrophe der mittelalterlichen Geschichte Deutschlands«. Katastrophal waren jedenfalls die Folgen für die staufische Herrschaft in Italien. Zwar hatte der Kaiser auf dem Sterbebett versucht, durch testamentarische Verfügungen die Kontinuität der Herrschaft und die Rechte Konstanzes und seines Söhnchens Friedrich in Sizilien zu wahren, indem er vor allem Nachgiebigkeit gegenüber dem Papst empfahl. Aber die folgenden Ereignisse gingen über die letzten Anordnungen des Sterbenden hinweg. Der Papst, die Normannen, die lombardischen Städte – zu viele Gegner des Kaisers lauerten darauf, sich aus der Hinterlassenschaft in Italien zu bedienen. Unsicher waren die Verhältnisse auch in Deutschland. Zwar hatten die Fürsten den jungen Friedrich zum König gewählt, aber gekrönt war der Knabe, der im fernen Sizilien lebte, noch nicht. Zudem erhob in diesem Augenblick der Krise wieder die welfische Partei das Haupt, sodass ein erneuter Bürgerkrieg zu befürchten war. Schon nutzten hier und dort Glücksritter die unsicheren Zeiten, indem sie bei den ersten noch unbestätigten, verfrühten Gerüchten vom Tod des Kaisers den Frieden brachen und zu plündern begannen. Viele Menschen in Deutschland erfüllte eine böse Ahnung von kommendem Unheil. So berichtet ein Chronist aus Köln, dass an der Mosel »ein riesiges Gespenst in Menschengestalt« erschienen sei, angeblich Dietrich von Bern, und für das Reich »viel Elend und Unglück« prophezeit habe. Wenige Monate nach Kaiser Heinrich VI. starb auch Papst Cölestin III. Er hatte es noch erlebt, wie sich nach dem Tod des Kaisers die Normannen auf Sizilien, an ihrer Spitze die Kaiserin Konstanze, gegen die Herrschaft der Deutschen erhoben und die verhassten Fremden, darunter Heinrichs VI. Vertrauten Markward von Annweiler, von der Insel vertrieben. Der Aufstand war auch auf dem Festland in vollem Gange, da bestieg am 8. Januar 1198 Innozenz III. den päpstlichen Stuhl. Er erkannte und ergriff sogleich die Chance, die sich ihm nach dem Tod des Kaisers und angesichts der Auflösung der staufischen Herrschaft bot. Er baute nach und nach den Kirchenstaat in Mittelitalien aus, bis er sich von Meer zu Meer quer über die Halbinsel spannte. Um möglichst für alle Zukunft eine Umklammerung des päpstlichen Territoriums wie unter Heinrich VI. zu verhindern, unterstützte Innozenz III. die Sonderentwicklung, die sich in Sizilien anbahnte. Konstanze durchtrennte alle Verbindungen zum Deutschen Reich. Für Friedrich verzichtete sie auf die Rechte, die aus der Wahl von 1196 resultierten, und ließ ihn 1198 zum König von Sizilien krönen. Kurz vor ihrem Tod (November 1198) machte sie Innozenz III. zum Vormund über Friedrich. Damit übernahm der Papst die Regentschaft über ein Reich, das ohnehin unter seiner Lehnsoberhoheit stand. Vorübergehend schien es, als müsste Innozenz III. noch einmal um die Herrschaft über Sizilien bangen. Heinrichs VI. ehrgeiziger Paladin Markward von Annweiler kehrte im Einvernehmen mit der staufischen Partei 1199 nach Sizilien zurück. Es gelang ihm, den größten Teil der Insel einschließlich Palermo zu erobern und sogar den kleinen König Friedrich in seine Gewalt zu bringen. Erst als Markward 1202 starb, zerfiel die deutsche Herrschaft auf Sizilien völlig. Auf dem Festland hielten sich hier und dort noch staufische Stützpunkte, spärliche Reste von Heinrichs VI. glanzvollem Reich im Süden. Wie gelähmt, fast widerstandslos hatte es die staufische Partei, deren Macht in Deutschland zwar bestritten, aber im wesentlichen ungebrochen war, hingenommen, dass Italien so schnell verloren ging. Der Grund dafür war die Doppelwahl des Jahres 1198, nach Heinrichs VI. frühem Tod das zweite katastrophale Ereignis innerhalb eines Jahres. Die staufisch gesinnten Fürsten zeigten keine Neigung, an der Wahl von 1196 festzuhalten und Friedrich von Sizilien erneut zum König zu wählen. Sie entschlossen sich statt dessen, den jüngsten Sohn Barbarossas, Philipp von Schwaben, zu erheben, der sich, selbst ohne Ehrgeiz, bereit erklärte, für seinen Neffen die Regentschaft zu übernehmen. Gegen ihn fanden sich die alten Gegner des staufischen Hauses zusammen, die Welfen, die niederrheinische Opposition und schließlich auch Richard Löwenherz, der die Demütigung von Dürnstein und Trifels noch nicht verwunden hatte. Ihr Kandidat war der dritte Sohn Heinrichs des Löwen, der 16jährige Graf Otto von Poitou, der am englischen Hof aufgewachsen, im Reich wenig begütert war und nur dank Richard Löwenherz sich Graf von Poitou nennen durfte. Beide Bewerber wurden gekrönt, aber beiden Krönungen hafteten Formfehler an, weshalb der ›rechtmäßige‹ König nicht zu ermitteln war: Otto IV. wurde am richtigen Ort, nämlich in Aachen, durch den richtigen Mann, nämlich den Erzbischof von Köln, gekrönt. Philipp dagegen wurde am falschen Ort, in Mainz, gekrönt, und nur durch einen burgundischen Erzbischof, aber er empfing die echten Reichskleinodien, die in staufischem Besitz waren. Da keine der beiden Parteien zum Einlenken bereit war, kam es zur Machtprobe und zum Bürgerkrieg, der alte Feindschaften wieder aufriss und für das Reich »viel Elend und Unglück« brachte, wie es das Gespenst an der Mosel prophezeit hatte. Der Papst als Schiedsrichter im deutschen Thronstreit
Papst Innozenz III. verhielt sich angesichts der deutschen Doppelwahl zunächst nach außen hin neutral und vermied es, sich für den einen oder den anderen der beiden Gewählten offen auszusprechen. Er hatte Zeit, seine Stellung in Italien auszubauen und zu festigen. Der Tag, an dem er von den beiden als Schiedsrichter angerufen würde, musste ohnehin kommen. Er konnte es sich leisten, das Schreiben Ottos IV., das die Anzeige seiner Krönung enthielt, und die Bitte, den Rivalen Philipp zu bannen, monatelang unbeantwortet zu lassen, das entsprechende Schreiben Philipps wurde überhaupt keiner Antwort gewürdigt. Erst als eine Versammlung staufischer Parteigänger unter den Fürsten 1199 zu Speyer die päpstliche Politik in Italien zurückwies und den Anspruch Philipps auf die Kaiserkrone unterstützte, erklärte sich Innozenz offen für den Welfen Otto. Gegenüber den Abgesandten Philipps betonte er mit einer seit Papst Gregor VII. und den Tagen des Investiturstreits nicht mehr vernommenen Schärfe den Vorrang des Papstes vor den weltlichen Fürsten: »Dem göttlichen Gesetz gemäß werden wohl die Könige und die Priester gesalbt, aber die Könige von den Priestern, nicht die Priester von den Königen. Wer salbt, ist größer als der, welcher gesalbt wird …« Damit beansprucht Papst Innozenz III. nicht nur die Schiedsrichterrolle im deutschen Thronstreit, sondern auch in dem noch nicht entschiedenen Machtkampf zwischen England und Frankreich, bei dem es um die Vorherrschaft in Westeuropa ging und der mit dem deutschen Streit durch aktuelle Interessen und überkommene Bündnisse aufs engste verflochten war. Der Papst fühlte sich als Herr über Völker und Fürsten.

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Info 26.09.2017 - 00:19
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