Kampf um den deutschen Thron

In einer Rede vor den Kardinälen im Jahr 1200 legte Innozenz III. seine Politik im deutschen Thronstreit unverhüllt dar. Er ging dabei von drei gewählten deutschen Königen aus, denn schließlich war ja auch das Kind Friedrich von Sizilien von den Fürsten vor Jahren rechtmäßig erhoben worden. Scheinbar objektiv setzte er sich mit den Ansprüchen und Rechten der drei Bewerber auseinander, erörterte, welcher von ihnen aus welchen Gründen zu unterstützen oder abzulehnen sei, und kam, nicht überraschend, zu dem Schluss, dass es »geziemend und nützlich sei, dem Otto die apostolische Huld zuzuwenden«. Die unmittelbaren Folgen waren die Bannung des Staufers Philipp und seiner Anhänger und ein massives Vorgehen gegen die stauferfreundlichen Bischöfe. Diese schroffe Haltung änderte sich indessen, als sich im Kampf um Deutschland mehr und mehr die staufische Partei durchzusetzen begann. Die Entwicklung wurde begünstigt durch den vorläufigen Ausgang des französisch-englischen Kriegs. Mit der englischen Niederlage in Frankreich und der Flucht des englischen Königs Johann ohne Land, dem Bruder Richard Löwenherz, verloren der Weife Otto IV. und sein Anhang eine wichtige Stütze, während die französischen Erfolge die staufische Partei ermutigten. Die Reihen Ottos IV. lichteten sich, die wichtige Geldquelle aus England war versiegt, sein eigener Bruder fiel von ihm ab, und selbst Philipps hartnäckigster Gegner, der Erzbischof von Köln, erklärte sich für den Staufer, wenn er sich nochmals von ihm krönen lasse. Ottos IV. Stern schien vollends im Sinken begriffen, als Innozenz III. von seiner englandfreundlichen Politik abrückte und ganz offen mit Philipp Verbindung aufnahm. Obwohl Philipp nichts von seinen Rechten in Italien preisgab, gingen die Verhandlungen zügig voran. Es war bereits die Rede von der Lösung aus dem Bann und von der Kaiserkrone, und man erwog die Heirat zwischen einem Neffen des Papstes und einer Tochter des Stauferkönigs. Der Ausgleich schien nahe. Da wurde Philipp, der »junge süeze man«, kaum über 30 Jahre alt, am 21. Juni 1208 völlig überraschend vom Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordet – heimtückisch und ohne politische Motive, einzig und allein aus dem Gefühl persönlicher Kränkung, das aus fehlgeschlagener Heiratspolitik herrührte. Zehn Jahre lang hatte nach der unglücklichen Doppelwahl von 1198 der Bürgerkrieg Deutschland erschüttert und enorme Energie gekostet. Auch die Mächtigen im Land waren kriegsmüde geworden und suchten den Kampf beizulegen. Ebenso waren die meisten staufertreuen Großen friedenswillig und sahen keinen Grund mehr, Otto IV. die Anerkennung zu verweigern. Am 11. November wurde er in Frankfurt noch einmal, diesmal einstimmig, gewählt. Der Friede wurde schließlich besiegelt, indem sich Otto IV. mit Beatrix verlobte, der Tochter des Ermordeten, und damit den generationen alten Hader zwischen den beiden Dynastien aus der Welt schaffte. Wegen der Jugend der Braut wurde erst 1212 geheiratet. Philipps Waffenmeister Heinrich von Kalden tat seinem toten Herren den letzten Dienst und erschlug dessen Mörder Otto von Wittelsbach. Dann schloss auch er sich dem neuen König an. Welfisches Intermezzo
Auch Papst Innozenz III. musste mit dieser Wendung der Dinge zunächst höchst zufrieden sein, denn Otto IV. beeilte sich, alle früheren Zugeständnisse in kirchenpolitischer und territorialer Hinsicht zu erneuern und zu erweitern. Dann brach er mit seinem Heer nach Italien auf, um in Rom die ersehnte Kaiserkrone zu empfangen. Bereits auf dem Weg dorthin zeigte es sich indessen, dass er nicht mehr der gehorsame und fügsame Anhänger des Papstes war. Wie seine staufischen Vorgänger suchte er allenthalben die Rechte des Reiches wieder herzustellen und sich die Einkünfte in Italien zu sichern, ohne sich um seine früheren Zugeständnisse zu kümmern. Den Ermahnungen des Papstes hielt er entgegen, dass diese Zugeständnisse ohne die Zustimmung der Fürsten zustande gekommen und somit allesamt nichtig seien. Mochte Innozenz III. diese neuen Töne seines früheren Schützlings auch ungern hören, im Augenblick hatte er Otto IV. nichts entgegenzusetzen und sah sich genötigt, die Krönung am 4. Oktober 1209 vorzunehmen. Wie wenig alle Versprechungen galten, stellte sich bald nach der Kaiserkrönung heraus, als Otto IV. in Italien zu schalten und zu walten begann wie einst die Staufer in den Tagen ihrer Machtfülle. Dem Papst waren die Hände gebunden, denn er konnte sich nicht öffentlich auf fragwürdige Geheimabkommen berufen, er musste Otto IV. zunächst gewähren lassen und konnte nur hoffen, dass künftige Verhandlungen die Lage erträglicher gestalteten. Doch damit nicht genug. Bereits gegen Ende des Jahres 1209 knüpfte Otto IV. Beziehungen nach Unteritalien und Sizilien. Vereinzelt hielten sich dort noch immer deutsche Garnisonen in entlegenen Felsennestern, und Pisa bot in der Hoffnung auf günstige Handelsverträge dem Kaiser eine Flotte an. Als Otto IV. im November 1210 die Grenze nach dem Süden überschritt, regte sich kaum ernsthafter Widerstand. Bis zum Sommer 1211 war Unteritalien bis zur Meerenge von Messina erobert, die Schiffe zur Überfahrt nach Sizilien lagen bereit, und König Friedrich, der Sohn Heinrichs VI. und Konstanzes, rüstete sich, wie es heißt, bereits zur Flucht nach Afrika. Doch weiter sollte Otto nicht kommen. Mit dem Feldzug gegen Sizilien hatte er einen feierlichen Eid gebrochen, den er bei der Kaiserkrönung in Rom geleistet hatte, er griff nach dem Reich, dessen oberster Lehnsherr der Papst selbst war, und war auf dem besten Weg, das deutsch-sizilische Großreich Heinrichs VI. wiederherzustellen, das Innozenz III. als tödliche Bedrohung des Kirchenstaats in Mittelitalien betrachten musste. Der Papst hatte seine Gegenmaßnahmen getroffen. Noch vor dem Aufbruch Ottos IV. hatte er mit Philipp II. August von Frankreich, dem alten Feind der welfisch-englischen Partei, und mit deutschen Fürsten Verbindung aufgenommen, und als der Kaiser die Grenze überschritt, schleuderte er den Bann gegen ihn. Die Erfolge des Kaisers täuschten zunächst über den Ernst seiner Lage hinweg. Während er Apulien und Kalabrien gewann, gelang es der päpstlichen Diplomatie, einige wichtige deutsche Fürsten zu gewinnen. Auf einer Versammlung in Nürnberg sagten sie sich von Otto IV. los und wählten mit der Zustimmung des Papstes den 16jährigen Friedrich II. von Sizilien zum Kaiser! Dieser Schritt kam einer kleinen Revolution gleich. Gewiss war es dem Papst nicht leichtgefallen, denn auch Friedrichs II. Erhebung konnte zur unerwünschten Vereinigung des Deutschen Reiches mit Sizilien führen. Aber Friedrichs Position war wenigstens im Augenblick schwach, schwächer als die Stellung Ottos IV., und zudem erkannte er uneingeschränkt die päpstliche Lehnsoberhoheit über Sizilien an. Dass auch Frankreich sich für Friedrich II. einsetzte, bestärkte Innozenz III. in seiner Entscheidung. Da Friedrich II. von seiner um mehr als zehn Jahre älteren Gemahlin Konstanze von Aragon bereits einen Sohn Heinrich hatte, bestand immerhin die Möglichkeit, die Reiche in Zukunft auf Vater und Sohn aufzuteilen. Viele Berater des jungen Königs sprachen sich gegen die Annahme der Wahl aus, und auch Friedrich II. selbst zögerte zunächst. Doch dann entschied er sich für das Wagnis, als Unbekannter in das unbekannte Reich seiner Väter zu ziehen, und der Erfolg gab ihm recht. Text der Zeit – Die Ermordung Philipps von Schwaben 1208
Als König Philipp in Bamberg weilte, kam es zu einem beklagenswerten und unerwarteten Zwist zwischen ihm und dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach. Philipp wollte seine Tochter mit Otto verloben, da dieser aber blutdürstig und grausam war, hatte der König seine Absicht wieder geändert. Als der Pfalzgraf das erfuhr, bemühte er sich um die Hand der Tochter des Herzogs von Polen. [Er erbat sich von Philipp ein Empfehlungsschreiben, das dieser ihm versprach. In Wirklichkeit riet er aber von einer Heirat ab.] Als der Pfalzgraf den Brief empfangen hatte, ging er zu einem seiner Vertrauten und sprach zu ihm: »Öffne mir den Brief, damit ich seinen Inhalt erfahre!« Als dieser den Brief gelesen hatte, erschrak er und sagte: »Ich bitte Euch, zwingt mich nicht, Euch den Brief vorzulesen«, … doch der Pfalzgraf drang so lange in den andern, bis er endlich den Inhalt erfuhr. Voll Wut sann er nun nur noch auf den Tod des Königs. Vorerst aber verheimlichte er seinen Grimm und kam mit fröhlichen und dankenden Worten zum König. Als nun eines Tages Philipp an beiden Armen zur Ader gelassen war und zurückgezogen in seinem Gemach verweilte, schritt der Pfalzgraf mit entblößtem Schwert scheinbar spielend im Vorzimmer auf und ab. Dann näherte er sich dem Schlafgemach des Königs, klopfte heimlich und trat ein. Doch behielt er auch vor dem König das bloße Schwert in der Hand. Daraufhin sagte Philipp: »Lege dein Schwert ab, denn dafür ist hier nicht der Ort!« Otto aber entgegnete: »Hier ist schon der richtige Ort, und du sollst für deine Treulosigkeit büßen.« Sogleich traf er ihn mit einem Hieb in den Nacken, ohne ihm noch eine weitere Wunde beizufügen. Da die Anwesenden ihn ergreifen wollten, schaffte er sich gewaltsam freie Bahn durch die offene Tür und entfloh. Philipp aber hatte nicht ohne Grund den Brief verändern lassen, denn das Mädchen, das Otto heiraten wollte, war durch ihre Mutter mit dem König verwandt und daher missfiel diesem, dass ein so gottloser und unverschämter Mann die Hand einer so hochgeborenen Jungfrau erhalten sollte.
Aus: Arnoldi Chronica Slavorum VII, 14 (Slawenchronik des Arnold von Lübeck).

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Info 26.09.2017 - 21:53
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