Friedrich II. – Königsherrschaft nach 20 Jahren Bürgerkrieg

Nach außen hin schien Friedrich II. die gleiche Machtfülle in Händen zu halten wie sein Vater. Aber der Schein trog. Denn in zwanzig Jahren Bürgerkrieg war ein großer Teil der Reichsgüter und der staufischen Hausgüter aufgezehrt oder unwiederbringlich verschleudert worden. Vor allem aber hatte Friedrich II. selbst auf seinem ersten Reichstag in Eger 1213 nach seinen ersten Erfolgen über Otto IV. noch einen Teil der königlichen Rechte geopfert. Offen und unter Zustimmung der Fürsten hatte er der Kirche alle Zusicherungen gegeben, die Otto IV. vorher nur im geheimen zugestanden und dann widerrufen hatte. Fortan verzichtete er auf die königlichen Rechte gegenüber der Kirche in Deutschland, erkannte die päpstlichen »Rekuperationen« (Gebietserwerbungen) in Mittelitalien an, gelobte staatliche Hilfe bei der päpstlichen Ketzerbekämpfung. Dass all diese Konzessionen reichsrechtliche Gültigkeit bekamen, bedeutete den endgültigen und unwiderruflichen Verzicht auf die Möglichkeiten, die das Wormser Konkordat 1122 den Königen gegenüber der Kirche eingeräumt hatte. Auch die Stellung der Fürsten, der geistlichen wie der weltlichen, wurde wesentlich gestärkt. Erklärlich wird diese Politik der Zugeständnisse, wenn man bedenkt, dass Friedrich II. sich in erster Linie als Herrscher von Sizilien fühlte, und um sich den Rücken freizuhalten, brauchte er Ruhe in Deutschland. Dort mochten die Fürsten schalten und walten, solange er in Italien und auf Sizilien ungestört blieb. Den Hauptgewinn aus dieser jüngsten Entwicklung zog Innozenz III. Sein Mündel hatte im Kampf triumphiert und war trotzdem bereit, die Kirche und ihr Oberhaupt zu ehren und mit weltlichen Gütern und Rechten auszustatten. Das vierte Laterankonzil
Den glanzvollen Höhepunkt der päpstlichen Machtentfaltung brachte das vierte Laterankonzil im Jahre 1215. Für einen geschichtlichen Augenblick war Rom die Hauptstadt der christlichen Welt, gingen die Herrschaftsansprüche Innozenz’ III. in Erfüllung. Angeblich kamen 1300 Prälaten und zahllose Gesandte weltlicher Fürsten zusammen, um über Fragen der Kirchenorganisation zu beraten. Zu den Beschlüssen gehörten der verschärfte Kampf gegen Ketzer und diskriminierende Bestimmungen für Juden. Sie wurden gezwungen, spitze Hüte oder farbige Stofffetzen, eine Art Judenstern, zu tragen. Darüber hinaus wurden auch die Grundlagen für einen neuen Kreuzzug gelegt. Der Vierte Kreuzzug, der 1202-1204 während des Pontifikats von Innozenz III. stattgefunden hatte, hatte sich als blamables Geschäftsunternehmen im Dienst der Republik Venedig entpuppt und die Kreuzzugsidee aufs schwerste kompromittiert. Gegen den Willen des Papstes war das Kreuzfahrerheer dazu missbraucht worden, im Interesse Venedigs die Stadt Zara in Dalmatien und anschließend Byzanz zu erobern und zu plündern. Die Chancen für einen neuen Zug ins Heilige Land waren um so größer, als Friedrich II. unmittelbar nach seiner Krönung in Aachen dort am Sarkophag Karls des Großen überraschend das Kreuz genommen und die Mächtigen im Reich aufgefordert hatte, ihm zu folgen. Ob Innozenz III. mit diesem doch recht eigenwilligen Vorgehen ganz einverstanden war, mag bezweifelt werden, denn es ließ weitere Eigenmächtigkeiten Friedrichs II. befürchten. Diese Befürchtungen betrafen die Situation in Italien. Wenn Friedrich II. die Kronen von Deutschland und Sizilien vereinigte, dann geriet der Kirchenstaat in die Klemme und der Papst konnte zum Werkzeug des Kaisers werden. Bis zuletzt versuchte Innozenz III. diese Vereinigung zu verhindern. Doch als er am 16. Juli 1216 starb, war dieses Problem noch nicht gelöst. Seine Nachfolger mussten, wenn sie die vorläufigen Erfolge des großen Innozenz III. halten wollten, noch einmal zum Entscheidungskampf gegen die Staufer antreten.