Friedrich II. – Vollkommene Diplomatie

Mit dem Kreuzzugsgedanken verband Friedrich II. allerdings auch politische Pläne. Nach dem Tod seiner ersten Gemahlin Konstanze schloss er mit päpstlicher Zustimmung eine neue aussichtsreiche Verbindung. Er heiratete Isabella von Brienne, die Tochter des Titularkönigs von Jerusalem. Sie war, wenigstens in den Augen der Christen, die legitime Erbin des Königreichs Jerusalem. Allerdings war dieses Reich bis auf einen schmalen Küstenstreifen in der Hand der Moslems. Isabella war erst vierzehn, als sie gegen ihren Wunsch dem Kaiser zugeführt wurde, und was auf sie wartete, war ein kurzes, freudloses Dasein auf einem Schloss in Unteritalien, fern von ihrem Gemahl, der seine Gunst ihrer schönen Kusine zuwandte. Mit sechzehn starb sie an der Geburt ihres Sohnes Konrad, der später der Nachfolger Friedrichs II. werden sollte. Den Erbanspruch auf das Königreich Jerusalem hinterließ sie dem Kaiser. Als Friedrich II. 1227 endlich in See stach, da traf ihn ein Unglück von weittragenden Folgen. Nach wenigen Tagen brach unter den Kreuzfahrern eine Seuche aus, die die Flotte zur Umkehr zwang. Da auch der Kaiser erkrankte, war das Unternehmen zunächst gescheitert. Vielleicht hätte Honorius III. Verständnis für die neue Situation gehabt. Aber Honorius starb im gleichen Jahr, und sein Nachfolger Gregor IX. war ein Mann vom Geist Innozenz’ III. Er zögerte nicht, den Kaiser sofort mit dem Bann zu belegen – womit er nicht nur seinen Unmut über den jahrelang versprochenen Kreuzzug dokumentierte, sondern auch Friedrichs II. Machtpolitik einzudämmen versuchte. Trotzdem trat der Kaiser die Kreuzfahrt im nächsten Jahr noch einmal an. Unterwegs legte er in Zypern an, um die Lehnsoberhoheit seines Vaters zu erneuern. Dann landete er in Akkon, wo er von den anwesenden Pilgern, von den Ritterorden und selbst vom Patriarchen Gerold von Jerusalem freudig begrüßt wurde. Doch dieser verheißungsvolle Auftakt war trügerisch. Der Papst blieb unversöhnlich und beantwortete die Bitte um Aufhebung des Bannes damit, dass er gegen den Kaiser predigen ließ und die Christen im Heiligen Land gegen ihn aufzuwiegeln begann. Da die militärische Schwäche des Kreuzfahrerheeres ein energisches Vorgehen gegen Jerusalem verbot, suchte Friedrich II. sein Ziel auf dem Verhandlungsweg zu erreichen. Dabei kam es ihm zugute, dass er seit seiner Jugend in Palermo mit der Sprache und Mentalität der Orientalen und der geistigen Welt des Islam vertraut war. Trotzdem wäre er auch damit nicht weitergekommen, wenn er nicht in dem Sultan Malik al Kamil einen Partner gefunden hätte, der ebenfalls eine friedliche Verständigung dem blutigen Gemetzel früherer Kreuzzüge vorzog. Die beiden Herrscher traten sich nie persönlich gegenüber. Zwischen ihnen vermittelte der gelehrte Emir Fahred-Din, dessen Verhandlungsgeschick schließlich alles Misstrauen und vor allem die Quertreibereien von christlicher Seite überwand. Das Ergebnis war ein Vertrag, der den Christen einen zehnjährigen Waffenstillstand und, mit gewissen Einschränkungen in Jerusalem, den Besitz der heiligen Stätten und einen Zugang von der Küste her zugestand. Kein Wunder, dass viele Moslems mit diesem Vertrag nicht einverstanden waren, denn der Sultan gab alle Eroberungen Saladins ohne Schwertstreich heraus, die Friedrich II. mit Waffengewalt nie hätte gewinnen können. Weniger begreiflich ist die feindselige Haltung der Christen, allen voran des Patriarchen von Jerusalem. Man warf dem Kaiser Doppelzüngigkeit vor, kritisierte seinen vertrauten Umgang mit Moslems und nahm Anstoß an seinem Lebenswandel. Ungeachtet aller Feindseligkeiten und Widerstände, die vom Patriarchen geschürt wurden, setzte sich der gebannte Kaiser am 18. März 1229 in der Grabeskirche selbst die Königskrone von Jerusalem auf -für die Mitwelt ein sensationeller Vorgang! Danach hatte es Friedrich II. eilig, nach Hause zurückzukehren und nach dem Rechten zu sehen. Das Oberhaupt der Christenheit hatte nicht nur Friedrichs II. Absetzung und Neuwahlen in Deutschland betrieben, sondern auch den Kreuzzug genutzt und die Länder des Kaisers in Süditalien militärisch besetzen lassen. »Wer könnte diese Dinge recht betrachten ohne Klage und Abscheu! Scheinen sie doch ein furchtbares und wunderbares Zeichen für den Fall der Kirche zu sein«, klagte damals der stauferfreundliche Probst Burchard von Ursperg in seiner Chronik. Nach wenigen Monaten war Friedrich II. wieder Herr der Lage, das Heer des Papstes vertrieben, die vom Papst geschürte Empörung niedergeworfen. Jetzt war auch der Papst zum Frieden geneigt. Durch die Vermittlung des Hochmeisters des Deutschen Ordens Hermann von Salza kam im Sommer 1230 der Friedensvertrag von San Germano und wenig später die Versöhnung zwischen Kaiser und Papst zustande. Am 1. September empfing Gregor IX. im Papstpalast von Anagni den Kaiser mit dem Friedenskuss als »unseren geliebten Sohn«. Nachträglich billigte er den Vertrag mit al Kamil und wies die Christen im Heiligen Land an, den Frieden zu halten. Allerdings musste sich Friedrich zu einer Reihe von Zugeständnissen bequemen, die u. a. die Stellung des Klerus in Sizilien verbesserten, und er musste die Grenzen des Kirchenstaates anerkennen – im ganzen eine Unterwerfung, die aber Friedrichs II. Ansehen nicht schmälerte, da der erfolgreiche Kreuzzug alles andere in den Schatten stellte. Die Versöhnung mit dem Papst – eigentlich nur ein Waffenstillstand für rund neun Jahre – gab dem Kaiser die Möglichkeit, sich den Herrscheraufgaben in seinen Reichen zu widmen. Es entstanden die »Konstitutionen von Melfi« (1231), ein Gesetzeswerk, das die zentralistische Herrschaftsordnung in Sizilien für Jahrhunderte festschrieb. Weniger erfolgreich war Friedrich II. bei dem Versuch, die alten Königsrechte in Oberitalien wiederherzustellen. Die Städte der Lombardei weigerten sich, auf einem Reichstag in Ravenna zu erscheinen, und waren auch dann noch nicht zum Nachgeben bereit, als der Papst die kaiserlichen Forderungen für legitim erklärte. Auch Gregor IX. hatte seine Sorgen mit den lombardischen Städten, wo sich, besonders in Mailand, ›ketzerische‹ Bewegungen regten. In dieser Situation war er auf die Hilfe des Kaisers angewiesen, der die Gesetze gegen die Ketzer verschärfte und staatliche Einrichtungen zu ihrer Verfolgung bereitstellte. Noch hielt das ungewohnte gute Einvernehmen zwischen Kaiser und Papst an, als die Vorgänge in Deutschland Friedrichs II. ganze Aufmerksamkeit beanspruchten.

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Info 18.01.2018 05:01
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