Der Kampf um Schlesien und das Habsburger-Reich

Im Herbst des Jahres 1740 begab sich Kaiser Karl VI., wie er es seit Jahren zu tun pflegte, auf sein Schloss Halbthurn östlich des Neusiedler Sees, um zu jagen. Da befiel ihn ab 13. Oktober starkes Fieber, das von heftigem Erbrechen begleitet war. Man brachte ihn eilends nach Wien; aber alle Kunst der Ärzte war vergebens. Am 20. Oktober 1740 starb der Kaiser, erst 55jährig – der letzte männliche Spross des Hauses Habsburg. Das Erbe trat seine 23jährige Tochter Maria Theresia an. Merkwürdigerweise hatte man es versäumt, die junge Frau auf ihr schweres Amt vorzubereiten und in die Welt der Politik einzuführen, sei es, weil der Kaiser noch auf einen männlichen Nachfolger – Sohn oder Enkel – hoffte, sei es, weil man in Wien den Übergang der Herrschaft auf die Kaisertochter durch Gesetz und Verträge für hinreichend gesichert hielt. Früh genug hatte Kaiser Karl VI. vorgesorgt, das habsburgische Erbe seinem Stamm auch in der weiblichen Linie zu erhalten: Unmittelbar nach dem Tod seines älteren Bruders und Vorgängers, Kaiser Josephs I. († 1711), hatte er Vorkehrungen getroffen, die auch eine Nachfolge seiner – damals noch ungeborenen – Töchter ermöglichten, wenn ihm ein männlicher Erbe versagt sein sollte. Damit wurden etwaige Ansprüche der beiden Töchter Josephs I., Maria Josepha und Maria Amalia, beiseite geschoben. Da Karl VI. zu diesem Zeitpunkt erst 26 Jahre alt war, bestand allerdings noch Aussicht auf Kindersegen; und wäre ein männlicher Erbe geboren worden, hätten sich die komplizierten Erbschaftsregelungen, ein jahrzehntelanger diplomatischer Eiertanz und vielleicht mancher blutige Krieg vermeiden lassen. Erbschaftsregelung durch die »Pragmatische Sanktion«
Kaiser Karl VI. war immer noch kinderlos, als er, um allen Zwistigkeiten in der Familie und Schlimmerem vorzubeugen, eine endgültige Regelung traf. Am 19. April 1713 wurde in der Geheimen Ratsstube in der Wiener Hofburg den versammelten Ministern und Geheimräten die »Pragmatische Sanktion« (Immerwährende Festsetzung) verkündet, mit der die neue Erbfolge bestimmt wurde: Sollte der Kaiser kinderlos sterben, ging das ungeteilte Erbe an die Töchter seines älteren Bruders und Vorgängers Josephs I. und deren Nachkommen nach dem Erstgeburtsrecht; sollte der Kaiser söhnelos sterben, fiel das Erbe an seine eigenen Töchter und deren Nachkommen, ebenfalls jeweils nach dem Erstgeburtsrecht. Erst nach dem Erlöschen beider Linien kamen weibliche Seitenlinien für die Nachfolge in Betracht. Die Hoffnungen, die sich in Wien an die Geburt des Erbprinzen Leopold knüpften (1716), mussten noch im gleichen Jahr mit dem Kind zu Grabe getragen werden; zu einem Zeitpunkt allerdings, als die Kaiserin bereits wieder guter Hoffnung war. Am 13. Mai 1717 wurde die Erbin Maria Theresia geboren. In den folgenden Jahren heirateten die Töchter Josephs I., Maria Josepha den Kurprinzen August von Sachsen und Maria Amalia den Kurprinzen Karl Albert von Baiern, nachdem die Schwestern ausdrücklich und feierlich allen Ansprüchen auf das Erbe Karls VI. entsagt hatten. Da aber die »Pragmatische Sanktion« mehr war als ein Hausgesetz zum familieninternen Gebrauch, sondern auch ein Gesetz, das die Unteilbarkeit der habsburgischen Länder festsetzte, musste die Zustimmung der Stände in allen Ländern der Monarchie eingeholt werden. Das wurde bis zum Jahr 1724 erreicht. Damit nicht genug. Die »Pragmatische Sanktion« war auch ein Vertragswerk von eminenter außenpolitischer Bedeutung und von höchstem Interesse für die Fürsten des Reichs und für die Großmächte Europas. Kaiser Karl VI. wollte um fast jeden Preis verhindern, dass sein Reich einst verteilt werde wie das spanische Reich nach dem Tod des letzten spanischen Habsburgers, Karl II. Nicht weniger wichtig als die Anerkennung der weiblichen Erbfolge war ihm die unverletzliche Einheit der Gesamtmonarchie. Das Streben nach einer europäischen Anerkennung der »Pragmatischen Sanktion« bestimmte fortan seine gesamte Außenpolitik und forderte zum Teil recht schmerzliche Opfer. Bis zum Jahre 1732 gewann der Kaiser, freilich nicht ohne Rückschläge, die Zustimmung der Mehrheit der Reichsstände, wobei ihm vor allem die kaisertreue Politik des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. den Weg ebnete. Der Anerkennungsbeschluss des Reichstags kam allerdings ohne die Zustimmung Baierns zustande, und die Anhänglichkeit Preußens verscherzte sich Wien in den folgenden Jahren durch eine Politik, die die Interessen Preußens missachtete. Die Anerkennung der »Pragmatischen Sanktion« durch die Großmächte
Inzwischen hatte auch England die Erbfolgeregelung anerkannt und garantiert; als Gegenleistung musste Österreich auf seine Ostindische Handelskompanie verzichten, mit der man nicht ohne Erfolg versucht hatte, sich am Handel in Indien und Afrika zu beteiligen. Noch war aber der wichtigste unter den europäischen Staaten nicht gewonnen, Frankreich, der alte Rivale des Hauses Habsburg. Im Jahre 1733 kam es wegen der Frage der polnischen Thronfolge zu einem Streit zwischen Frankreich und Österreich, in dessen Verlauf der Kandidat Frankreichs, Stanislaus Leszczjnski, der zugleich Schwiegervater des französischen Königs Ludwig XV. war, aus Polen vertrieben wurde. Österreich erklärte sich, um von ihm die Garantie der »Pragmatischen Sanktion« zu erlangen, für den Kurfürsten August von Sachsen und forderte damit Frankreich heraus. Der folgende polnische Thronfolgekrieg enthüllte die militärische Schwäche Österreichs erbarmungslos. Nichts war geblieben von den ruhmreichen Tagen des Prinzen Eugen. Vielmehr musste sich Österreich, besiegt an allen Fronten, zu einem verlustreichen Friedensschluss in Wien (1735) bequemen, der ganz im Zeichen des über 80jährigen Kardinals Fleury, des Leiters der französischen Außenpolitik, stand. Der Vertrag bestimmte, dass Stanislaus Leszczjnski auf die Krone Polens verzichtete und mit dem Herzogtum Lothringen entschädigt wurde. Nach seinem Tod sollte das Herzogtum an Frankreich fallen. Der Herzog Franz Stephan von Lothringen – der spätere Kaiser Franz I. – wurde für den Verlust seines Stammlandes mit dem Großherzogtum Toscana abgefunden, nachdem dort 1737 die Medici ausgestorben waren. Österreich selbst verlor Neapel und Sizilien an Spanien und erhielt dafür Parma und Piacenza in Oberitalien und, vor allem, die Zustimmung Frankreichs zur Erbfolgeregelung; allerdings, bezeichnenderweise, mit der Einschränkung »Mit Vorbehalt der Rechte Dritter«, womit alle Türen für spätere Interventionen offen blieben. Die folgenden Ereignisse zeigten, dass Prinz Eugen recht hatte, als er sagte, eine starke Armee und ein wohlgefüllter Schatz seien die beste Garantie für die »Pragmatische Sanktion«; noch dazu in einer Zeit, in der selbst der fromme und bislang kaiserfreundliche preußische König Friedrich Wilhelm bemerkte: »Garantie hin, Garantie her, wird wohl sein Tag eine einzige halten? Eine Garantie ist ein Traktat und heute wird kein Traktat mehr erfüllt.« Ein prophetisches Wort! Inzwischen fand eine andere, ebenfalls hochpolitische Frage, die die europäischen Höfe beschäftigt hatte, die Frage nach dem künftigen Gemahl der jungen, hübschen Kaisertochter und Universalerbin Maria Theresia, eine überraschende Antwort: Kaiser Karl VI. hatte die Heirat mit dem spanischen Thronerben, Prinz Eugen die Heirat mit dem baierischen Kurprinzen erwogen, beides Verbindungen rein politischer Art, wie sie unter den Fürstenhäusern Europas üblich waren. Doch Maria traf allen politischen Plänen zum Trotz eine höchst persönliche Wahl, als sie sich für den soeben aus seinem Stammland vertriebenen Franz Stephan von Lothringen entschied, für den Mann, den sie seit ihren Kindertagen kannte und den sie liebte. Am 12. Februar 1736 fand die Vermählung statt, aus der die neue Dynastie Habsburg-Lothringen hervorging. Thronwechsel in Berlin und Wien und die Folgen
Am 31. Mai 1740 starb König Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Ihm folgte, jung und tatendurstig, sein Sohn Friedrich II. (1740-1786), der entschlossen war, Preußen groß zu machen und dafür auch das vom Vater geschaffene Machtinstrument der preußischen Armee einzusetzen. Sein Hauptaugenmerk richtete sich auf die österreichische Provinz Schlesien, wobei als rechtliches Alibi ungeklärte Ansprüche Brandenburgs auf einzelne Teile Schlesiens dienen mussten. Noch ehe diese Überlegungen konkrete Formen annehmen konnten, trat in Wien ein Ereignis ein, das Europa den Atem anhalten ließ. Wie schon zu Beginn des Kapitels erwähnt, starb am 20. Oktober 1740 Kaiser Karl VI. Der Augenblick war gekommen, wo sich sein Lebenswerk, die »Pragmatische Sanktion«, bewähren sollte oder, besser, hätte bewähren müssen. Schnell entschlossen und ohne sich um Verträge und juristische Deduktionen zu kümmern, brach Friedrich II. an der Spitze seines Heeres auf zum »Rendez-vous des Ruhmes«, wie er keck den Friedensbruch nannte, und eröffnete mit der Besetzung Schlesiens im Dezember 1740 den »Ersten Schlesischen Krieg«. Der Gewaltakt erregte schon unter den Zeitgenossen Empörung. Friedrich II. selbst ahnte in diesem Augenblick nicht, dass er die Kräfte seines Staates und seine eigenen Energien auf viele Jahre binden und Preußen mehr als einmal in eine schwere Krise stürzen würde. Gleichzeitig mit dem Überfall ließ Friedrich II. Wien wissen, dass er für die Abtretung Schlesiens bereit sei, den Bestand des Habsburgerreiches zu garantieren und seine brandenburgische Kurstimme bei der Kaiserwahl für Franz Stephan abzugeben. Das Ansinnen wurde von Maria Theresia zurückgewiesen, obwohl es angesichts der Schwäche Österreichs in Wien genug Stimmen gab, die eine Annahme des Angebots empfahlen. Schließlich war nach den letzten unglücklichen Kämpfen Karls VI. der Staatshaushalt zerrüttet und die Armee geschwächt. Dazu regten sich die alten Gegner des Hauses Habsburg, die bei der von ihnen erwarteten Teilung des Reiches nicht zu kurz kommen wollten: Kurfürst Karl Albert von Baiern ließ aus seinen Archiven Verträge aus dem 16. Jahrhundert hervorholen, um Ansprüche auf Oberösterreich zu untermauern; die spanischen Bourbonen blickten auf italienische Reichsteile; und vor allen Dingen gewann in Frankreich langsam die Kriegspartei unter dem Marschall Belle-Isle an Einfluss, denn man witterte jetzt die Möglichkeit, den alten Rivalen Habsburg endgültig auszuschalten. Als Nachfolger Karls VI. in der Kaiserwürde hielt man den baierischen Kurfürsten Karl Albert bereit. Nur zögernd machte sich der greise Kardinal Fleury diese Pläne zu eigen. Ihm war zu diesem Zeitpunkt nicht an Krieg gelegen, noch dazu an der Seite des unberechenbaren, sprunghaften preußischen Monarchen Friedrich II. So blieb der preußische Störenfried zunächst allein und hatte die Stimmung in den maßgeblichen europäischen Kabinetten, vor allen in England, gegen sich. Die allgemeine Spannung und das vorsichtige Abwarten hatten ein Ende, als am 10. April 1741 die preußische Armee, genauer die von Friedrich Wilhelm I. so trefflich geschulte preußische Infanterie, bei Mollwitz in Schlesien einen bedeutenden Sieg über die Österreicher davontrug. Unter dem Eindruck dieses Erfolgs, an dem übrigens Friedrich II. überhaupt keinen persönlichen Anteil hatte, kamen nun die Bündnisse zwischen Spanien und Baiern und Frankreich und Preußen zustande, denen bald die Taten folgten. Der schlesische Konflikt erweiterte sich zum europaweiten »Österreichischen Erbfolgekrieg«. Maria Theresia im Kampf um ihr Erbe: Der »Österreichische Erbfolgekrieg«
Österreich und Maria Theresia standen einer Welt von Feinden gegenüber; aber die Königin von Ungarn und Böhmen, wie sich Maria Theresia in den ersten Regierungsjahren nannte, war bereit, um ihr Erbe zu kämpfen. In einer berühmt gewordenen Szene gewann sie, den kleinen Thronfolger Joseph auf dem Arm, in Preßburg die Herzen und die Hilfe der Ungarn (11. September 1741). Ein vorübergehender Waffenstillstand mit Preußen (Geheimkonvention von Klein-Schnellendorf, 9. Oktober 1741) verschaffte ihr etwas Luft. Dennoch musste sie es hinnehmen, dass baierische und französische Truppen am 26. November 1741 Prag erstürmten und Karl Albert von Baiern sich als König von Böhmen huldigen ließ. Höhepunkt dieser Entwicklung war die einstimmige Wahl Karl Alberts zum Kaiser am 14. Januar 1742. Er nannte sich Karl VII. Doch dieses feierliche, mit altmodischem Pomp vollzogene Ereignis hatte etwas Unwirkliches an sich. Am Tag der Krönung Karls VII. war dessen Stammland Baiern von österreichischen Truppen überflutet, war München von Panduren besetzt. Erbarmungswürdig klingt, was Karl VII. seinem Tagebuch anvertraute: »Meine Krönung ist gestern vor sich gegangen, mit einer Pracht und einem Jubel ohnegleichen, aber ich sah mich zur gleichen Zeit von Stein- und Gichtschmerzen angefallen. Krank, ohne Land, ohne Geld, kann ich mich wahrlich mit Job, dem Mann der Schmerzen, vergleichen [...].« Wie war es, nach den glänzenden Anfangserfolgen der antiösterreichischen Koalition, dahin gekommen? Karl Albert, nunmehr Kaiser Karl VII., hatte sich gänzlich unvorbereitet in dieses Abenteuer seines Lebens gestürzt. Die französische Hilfe wurde, nachdem der erste Angriff verpufft war, nur noch zögernd gewährt, und die französisch-baierische Heerführung versagte völlig. Vor allem aber schwenkte England unter dem neuen Leiter der Außenpolitik, Lord Carteret, wieder auf die traditionelle antifranzösische Linie ein, um auf Europas Schlachtfeldern Frankreich zu binden, mit dem es in koloniale Gegensätze und Kämpfe verwickelt war. Dazu brauchte England, wenn schon keine große antifranzösische Koalition wie im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) zu haben war, wenigstens den Frieden zwischen Österreich und Preußen. Doch Maria Theresia war noch nicht bereit, den Frieden mit Preußen durch die Preisgabe Schlesiens zu erkaufen. Erst der preußische Sieg bei Chotusitz (17. Mai 1742) führte die Entscheidung herbei. Englische Vermittlung führte zum »Frieden von Breslau«, durch den Schlesien an Preußen fiel. Erbitterung herrschte in Frankreich, tiefe Enttäuschung bei dem hilf- und heimatlosen Kaiser Karl VII. über den Preußenkönig, der zum zweiten Mal die Koalition verließ. Doch damit war der »Österreichische Erbfolgekrieg« nicht beendet. Er trat in ein neues Stadium, da Österreich nunmehr den Rücken frei hatte und sich mit ganzer Kraft gegen die Franzosen und Baiern wenden konnte. Böhmen wurde zurückgewonnen, Baiern abermals besetzt, die Vertreibung der Wittelsbacher aus ihrem Stammland erwogen; und schließlich erschien 1743 Georg II. von England an der Spitze der sogenannten »Pragmatischen Armee« zur Unterstützung Österreichs auf deutschem Boden und besiegte die Franzosen bei Dettingen am Main (27. Juni 1743). Die Schlacht brachte keine Entscheidung, im Gegenteil: sie zwang Frankreich zu entscheidenden Taten. Neue Rüstungen und diplomatische Aktivitäten und ein groß angelegter Feldzug sollten Frankreich aus seiner Verlegenheit befreien. Dennoch konnten die Franzosen nicht verhindern, dass ein österreichisches Heer unter dem Schwager Maria Theresias, Karl von Lothringen, den Rhein überschritt und das Elsass und Lothringen zurückzuerobern drohte. Der »Zweite Schlesische Krieg«
Da griff Friedrich II. von Preußen abermals an. Er fürchtete, ein siegreiches Österreich werde ihm Schlesien wieder streitig machen. Mit seinem Einmarsch in Böhmen eröffnete er im August 1744 den »Zweiten Schlesischen Krieg« und zwang Karl von Lothringen, über den Rhein zurückzukehren. Eine Entscheidung fiel zunächst nicht, da die Österreicher die Schlacht verweigerten und Friedrich II. zu einem höchst verlustreichen Rückzug aus Böhmen nötigten. Von den 80000 Mann der preußischen Armee gingen allein durch Fahnenflucht 17.000 verloren. Indessen rückten die Österreicher auf der einen Seite in Schlesien ein, auf der anderen in Baiern. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre ihnen Kaiser Karl VII. in die Hände gefallen, wenn ihn nicht am 20. Januar 1745 der Tod von seinem leidvollen Kaisertum erlöst hätte. Sein Sohn Max III. Joseph (1745-1777) erhielt im »Frieden von Füssen« (22. April 1745) Baiern zurück, nachdem er auf alle Erbansprüche auf Österreich verzichtet hatte. Wie schon unter Max Emanuel während des »Spanischen Erbfolgekrieges« war das baierische Volk der Leidtragende der verfehlten Großmachtpolitik seines Fürstenhauses: Es hatte bittere Opfer an Menschen und Gut erbringen müssen. Da Baiern sich zurückzog, die Franzosen am Rhein verharrten und die Großmächte Russland und England den Frieden forderten, geriet Preußen in eine bedenkliche Isolation und in die Gefahr, Schlesien, wenn nicht mehr, zu verlieren. Da retteten die Siege des Jahres 1745 bei Hohenfriedberg über die unter Karl von Lothringen kämpfenden Österreicher und Sachsen sowie die von Soor und Kesselsdorf die mühsam erkämpfte Beute. Im »Frieden von Dresden« am 25. Dezember 1745 musste Maria Theresia zum zweiten Mal die Abtretung Schlesiens an den verhassten Preußenkönig bestätigen. Dafür erkannte Friedrich ihren von der Mehrheit der Reichsfürsten im September 1745 zum Kaiser gewählten Gatten als Kaiser Franz I. an. Zwei Großmächte auf dem Boden des Deutschen Reichs
Der Übergang Schlesiens an Preußen bedeutete mehr als den bloßen Wechsel der Herrschaft über eine Provinz. Der Verzicht Österreichs und der Erfolg Preußens bedeuteten die Etablierung einer neuen Großmacht im Norden des Reiches, die Anerkennung des preußischen Emporkömmlings durch die alte habsburgische Kaisermacht. Damit wurde der deutsche Dualismus begründet, d. h. der Zustand der Spannung oder auch des gelegentlichen Zusammenwirkens zwischen zwei sich gleichberechtigt dünkenden Mächten auf dem Boden des Reichs, ein Zustand, der über 120 Jahre anhalten sollte. Auch nach dem »Frieden von Dresden« war der »Österreichische Erbfolgekrieg« noch nicht beendet, wenn es auch in den Kämpfen der folgenden Jahre, bis 1748, kaum mehr um die Frage der österreichischen Thronfolge ging, sondern vielmehr um den Machtkampf zwischen England und Frankreich, der seinen Ursprung in den kolonialen Rivalitäten (Kämpfe in Indien) hatte. Österreich wurde gegen seinen Willen und gegen seine Interessen als Bundesgenosse Englands mehr und mehr in diesen Kampf hineingezogen, während Friedrich II. von Preußen, belehrt durch die Erfahrungen der »Schlesischen Kriege«, allen Angeboten widerstand. Der »Friede von Aachen« (30. April 1748) war am Ende ein Friede, den Schwäche und Erschöpfung den kriegführenden Mächten geboten. Die Ergebnisse muten, wenn man die unmittelbaren Folgen von acht Kriegsjahren in Betracht zieht, denkbar geringfügig an; ein paar Grenzveränderungen in Europa (Parma und Piacenza an Spanien, die französisch besetzten Österreichischen Niederlande zurück an Wien, ein Teil des Herzogtums Mailand an Sardinien) sowie eine Verschiebung in den Kolonien. Preußen erhält den Besitz von Schlesien und Glatz bestätigt. Doch das ist nicht alles. Von weittragender Bedeutung war die Tatsache, dass die »Pragmatische Sanktion« allgemein anerkannt wurde und dass das Habsburgerreich dank der Entschlossenheit seiner Herrscherin im Kern erhalten blieb. Sein Fortbestehen bedeutete zugleich ein Fortbestehen des Gleichgewichts der europäischen Mächte im 18. Jahrhundert. Der Umsturz der Bündnisse vor dem Hintergrund weltweiter Kolonialkriege
Als Friedrich II., »der Große«, wie er seit 1745 von vielen Zeitgenossen genannt wurde, siegreich aus dem »Zweiten Schlesischen Krieg« heimkehrte, wünschte er gewiss nicht, noch einmal Krieg um die zweimal gewonnene Provinz führen zu müssen. Zwar enthält sein Testament von 1752 Überlegungen, welche territorialen Gewinne zur Abrundung Preußens in der Zukunft wünschenswert seien; konkrete Pläne, besonders für die eigene Regierungszeit, hatte er indessen zu diesem Zeitpunkt nicht. Allerdings blickte er stets begehrlich auf Sachsen. Maria Theresia hatte den Verlust Schlesiens keineswegs verschmerzt, aber die allgemeine politische Lage und der Zustand ihrer Staaten verboten jeden Gedanken an eine Revision. Noch war die Zeit nicht reif für einen Umsturz des europäischen Bündnissystems, wie er in Wien bald nach dem »Frieden von Aachen« erwogen wurde. Wenzel Graf Kaunitz, der Berater Maria Theresias und zeitweise österreichischer Geschäftsträger in Versailles, entwickelte die Idee, den alten Gegensatz zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich zu überwinden und die Karten im diplomatischen Spiel neu zu mischen. Aber in Versailles winkte man zunächst noch ab und hielt an den Beziehungen zu Preußen fest. Kaunitz kehrte nach Wien zurück und wurde der Kanzler Maria Theresias. Da brachten die wachsenden Spannungen zwischen England und Frankreich in Nordamerika, in Indien und Afrika neue Bewegung in die europäische Szene. Seit 1754 drohte ein neuer Krieg zwischen den Kolonialmächten, und England fürchtete, auch auf dem europäischen Kontinent angegriffen zu werden, vor allem aber seinen hannoverschen Besitz zu verlieren. Österreich wäre bereit gewesen, den Schutz Hannovers zu übernehmen, wenn England Hilfsgelder für den Kampf gegen Preußen gewährt hätte. Als sich die Verhandlungen zerschlugen, wandte sich England an Friedrich den Großen und fand bei ihm Gehör, denn Friedrich fürchtete eine Annäherung Englands an Russland, dessen Herrscherin Elisabeth I. ihn bitterlich hasste. So kam es am 16. Januar 1756 zur »Westminsterkonvention«, durch die sich England und Preußen verpflichteten, sich gegenseitig nicht anzugreifen und jeden Angriff einer fremden Macht in Deutschland gemeinsam zurückzuweisen. Friedrich II. mochte hoffen, sich auf diese Weise aus dem bevorstehenden großen Konflikt heraushalten zu können. In Wahrheit machte er durch die Hinwendung zu England den für unmöglich gehaltenen Wechsel der Allianzen erst möglich. Der französische König Ludwig XV. war zutiefst gekränkt, seine Beraterin und leitende Mätresse, Madame Pompadour, hasste Friedrich den Großen ohnehin, seitdem ihr sein Spottwort von den »Huren auf den Thronen Europas« hinterbracht worden war. Der Wechsel der Allianzen wurde durch das »Abkommen von Versailles« am 1. Mai 1756 vollzogen. Frankreich und Österreich sicherten sich Neutralität zu und für den Fall, dass eine der beiden Mächte angegriffen würde, auch bewaffnete Hilfe. Der Vertrag war vor allem das Werk des Grafen Kaunitz, den der englische Historiker und Biograf Friedrichs des Großen »den klügsten Diplomaten [...] vielleicht überhaupt den größten Diplomaten des 18. Jahrhunderts« nennt. Doch damit nicht genug. Kaunitz gewann auch die Zarin Elisabeth von Russland, mit der sowieso seit 1746 ein gegen Preußen gerichtetes Bündnis bestand, zu einer gemeinsamen Front gegen Preußen, ja, er musste ihren Kriegseifer sogar noch zügeln, da er hoffte, zunächst durch weitere Verhandlungen Frankreich noch enger an die österreichischen Interessen binden zu können. Überfall auf Sachsen: Der Schritt in den »Siebenjährigen Krieg«
Angesichts der diplomatischen Geschäftigkeit, hinter der sich eine große antipreußische Allianz abzuzeichnen schien, suchte Friedrich der Große sein Heil in der Flucht nach vorne. Gegen den Rat der meisten Generale und auch seiner Brüder entschloss er sich im Jahre 1756 zum Präventivkrieg, selbst auf die Gefahr hin, damit Frankreich endgültig auf die Seite Österreichs zu drängen. So stand Friedrich II., als er in Sachsen einrückte, trotz aller öffentlichen Selbstrechtfertigung abermals als Friedensbrecher da. Er lieferte damit selbst Frankreich, Russland und Schweden den Grund, sich 1757 mit Österreich zu verbünden, ja selbst die meisten Reichsstände stellten sich auf Drängen Österreichs und Frankreichs auf die Seite Österreichs und erklärten auf dem Reichstag von Regensburg den »Reichskrieg«, während Preußen nur in England einen zunächst recht lauen Bundesgenossen und bei einigen kleineren Reichsfürsten Unterstützung fand. Der überfallartige Einmarsch in Sachsen und ein Vorstoß gegen Böhmen sicherte der preußischen Armee bis zum Jahresende 1756 die Ausgangsbasis für die Offensive, die im nächsten Jahr Österreich niederwerfen sollte, noch ehe Russen und Franzosen eingreifen konnten. Im Frühjahr 1757 drang Friedrich II. tief nach Böhmen ein und schlug die Österreicher in einer blutigen Schlacht bei Prag. Aber der strategische Erfolg blieb aus, denn Prag selbst fiel nicht. Verheerender für Friedrich II. war es aber, dass es dem österreichischen Feldherrn Graf Daun gelang, den bis dahin in offener Feldschlacht Unbesiegten in der Schlacht bei Kolin zu schlagen. Die Preußen mussten Böhmen räumen und sich unter hohen Verlusten nach Sachsen zurückziehen. Mit der Niederlage von Kolin war die strategische Gesamtkonzeption Friedrichs II. zerstört, der Überraschungseffekt verpufft und die Initiative an die Gegner gegangen. Inzwischen nahten von Westen die Franzosen und die Reichsarmee; bei Hastenbeck in Westfalen unterlagen britisch-hannoversche Truppen, und Hannover musste den Franzosen übergeben werden; Ostpreußen ging an die Russen, Niederschlesien an die Österreicher verloren, in Pommern fielen die Schweden ein, und ein österreichisches Streifkorps drang gar bis Berlin vor. So war schon im zweiten Kriegsjahr die Situation Friedrichs des Großen außerordentlich prekär. Da befreiten ihn noch vor dem Ende des Jahres 1757 zwei seiner glänzendsten Siege aus der augenblicklichen Bedrängnis. Am 5. November traf er bei Roßbach bei Merseburg im Bezirk Halle auf das französische Heer und die Reichsarmee, die zusammen fast doppelt so stark waren wie die Preußen. Nach anderthalb Stunden hatte die preußische Kavallerie unter General von Seydlitz die Verbündeten vom Feld gefegt, so dass sie erst am Main bzw. am Harz wieder zum Halten kamen. Die Preußen hatten nach den Angaben des Königs nicht mehr als 70 Tote zu beklagen. Nicht nur in Preußen, sondern weithin in Deutschland feierte man den Sieg über die Franzosen als ein nationales Ereignis. Dass der gekrönte Reichsrebell aus Preußen auch die Armee des Reiches gedemütigt hatte, focht die Menschen wenig an. Vielmehr fand der Spottvers weite Verbreitung:
»Und kommt der große Friederich und klopft nur auf die Hosen, so läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen.«
Übrigens machte der Sieg von Roßbach Friedrich den Großen auch in England zu einem populären Helden, dem, wie berichtet wird, damals zahlreiche Wirtshausschilder mit der Aufschrift »The King of Prussia« huldigten. Genau einen Monat nach Roßbach, am 5. Dezember 1757, kam es zum Treffen mit den Österreichern bei Leuthen in Schlesien. Wieder war der Gegner Friedrich II. an Zahl weit überlegen. Aber der österreichische Feldherr Karl von Lothringen erkannte den genialen Schlachtplan des Preußenkönigs zu spät. Als der Tag zu Ende ging, waren die Österreicher von den Truppen unter der Führung Moritz’ von Anhalt-Dessau und der Kavallerie der Generale Ziethen und Drießen geschlagen und zogen ab. Nach dem Urteil Napoleons hätte diese eine Schlacht genügt, um Friedrichs Namen unsterblich zu machen. Damit endete das Jahr 1757 trotz allem für Friedrich den Großen so erfolgreich, dass er sich der Hoffnung auf einen günstigen Frieden hingab. PlanNiederlage der Österreicher. Plan der Schlacht von Leuthen vom 5.12.1757. Durch diesen Sieg gelang Friedrich II. die Rückeroberung Schlesiens. Aufmarschplan der Zeit. Darmstadt, Bibliothek. Ermutigend für ihn war auch der inzwischen eingetretene Wandel in der Haltung Englands. Der Leiter der englischen Außenpolitik, der geniale William Pitt der Ältere, ließ nach den Misserfolgen des Sommers 1757 ein neues britisch-hannoversches Heer unter Herzog Ferdinand von Braunschweig aufstellen, das fortan die Franzosen vom österreichisch-preußischen Kriegsschauplatz fernhielt. Außerdem fand man sich in London zu einer »Zweiten Westminsterkonvention« bereit, die beträchtliche Hilfsgelder für Preußen vorsah. Obwohl sich also die Lage Preußens nach den Erfolgen des ausgehenden Jahres 1757 stabilisiert hatte, zerschlugen sich alle Hoffnungen auf einen Frieden. Maria Theresia und Kaunitz blieben unbeugsam; Frankreich stand treu zu seinem Bündnis; und Russland hatte nach den ersten erfolgreichen Angriffen in Ostpreußen 1757 und nach der Besetzung Königsbergs noch gar nicht auf dem Hauptkriegsschauplatz eingegriffen. Abnutzungskämpfe bis zur Erschöpfung 1758/59
Zu Beginn des Jahres 1758 entschloss sich Friedrich der Große zum letzten Mal zur Offensive. Er begann den Feldzug mit einem Angriff auf Mähren, aber der Vorstoß tief in das habsburgische Territorium traf ins Leere, da Daun die Schlacht verweigerte. Der Rückzug war für die Preußen unvermeidlich und angesichts einer neuen Bedrohung dringend erforderlich: denn nun erschienen die Russen vor Küstrin an der Oder. Zwar gelang es Friedrich dem Großen, den neuen Gegner am 25. August 1758 bei Zorndorf nördlich Küstrin zu schlagen, aber der Sieg war durch hohe Verluste teuer erkauft. Hatte Friedrich schon die Standhaftigkeit der Russen unterschätzt, so unterschätzte er im gleichen Jahr auch die Entschlusskraft und Beweglichkeit des österreichischen Feldherrn Daun, den er als Zauderer verspottete. Die verlustreiche Niederlage der Preußen bei Hochkirch in der Gegend von Bautzen (Sachsen) am 14. Oktober 1758 war die Quittung für die Unvorsichtigkeit und Überheblichkeit des Königs. Dennoch räumten die Österreicher im Spätherbst Schlesien und Sachsen. So schien die Partie nach wie vor unentschieden zu stehen. Aber in Wahrheit hatte Friedrich nach den verlustreichen Feldzügen der Jahre 1757 und 1758 nicht mehr die Kraft zu einer Offensive und zur Entscheidung im Feld. Der Krieg nahm mehr und mehr den Charakter eines Abnutzungs- und Erschöpfungskrieges an, und unter diesen Umständen musste Preußen über kurz oder lang der weit überlegenen Koalition erliegen. Das Ende schien bereits gekommen, als es im Sommer 1759 den Russen und Österreichern gelang, sich an der Oder zu vereinigen und Friedrich dem Großen bei Kunersdorf am 12. August 1759 die schwerste Niederlage beizubringen. Das preußische Heer wurde zerstreut, der König selbst suchte den Tod in der Schlacht und dachte an Selbstmord. Die Mark Brandenburg und der Weg nach Berlin standen den Siegern offen. Aber die verbündeten Heere trennten sich, da es zu Unstimmigkeiten kam; der entscheidende Stoß, vielleicht der Todesstoß für Preußen, unterblieb – eines der »Mirakel des Hauses Brandenburg«, von denen der König gelegentlich sprach. Noch vor Ende des Jahres erlitt Preußen eine weitere bittere Schlappe, die auch auf den Verfall der alten preußischen Disziplin schließen lässt. Der von Österreichern unter Daun eingeschlossene preußische General Finck kapitulierte bei Maxen ohne Gegenwehr mit 10.000 Mann, ein Ereignis, das als »Finkenfang von Maxen« viel verspottet wurde. Niederlage PreußensSchwerwiegende Niederlage Preußens (14. 8. 1758). Gemälde von F. P. Findenigg. Unter diesen Umständen hatte ein Angebot von Friedensverhandlungen in Wien und St. Petersburg keine Chancen. Im Gegenteil: die beiden Kaiserinnen einigten sich auf die Zerstückelung Preußens; Ostpreußen wurde den Russen zugesprochen. Das Jahr 1760 brachte wechselnde Erfolge, darunter einen Sieg der Österreicher unter Laudon über die Preußen bei Landeshut in Schlesien und den Sieg Friedrichs II. über Laudon bei Liegnitz. Am meisten aber erschütterte die kurze Besetzung Berlins durch Österreicher und Russen. Ein Sieg, den Ziethen bei Torgau über die Österreicher erringen konnte, war zu verlustreich, um als Triumph empfunden zu werden. Vor allem bedenklich für die Lage Preußens aber war der Thronwechsel in England, wo mit dem Regierungsantritt Georgs III. (1760-1820) die Stellung Pitts zu wanken begann und die Bereitschaft, Preußen im Stich zu lassen, zunahm. Denn für England war nach den überwältigenden Erfolgen der Jahre 1759 und 1760 der Krieg gegen Frankreich praktisch zu Ende. Kanada wird britisch – Kolonialkriege zwischen England und Frankreich 1755 bis 1763
Wir erinnern uns, dass England und Frankreich bereits im »Österreichischen Erbfolgekrieg« in Europa und Übersee in Kämpfe verwickelt waren, den Krieg aber aus Erschöpfung in Aachen beendet bzw., da in den Kolonien keine Entscheidung gefallen war, bis auf weiteres verschoben hatten. Seit 1755 wurde in den Kolonien Nordamerikas, Indiens und Afrikas wieder gekämpft. Der Siegespreis war die Anwartschaft auf das größte Kolonialreich der neueren Geschichte. Nach anfänglichen Misserfolgen entfaltete England seine ganzen Energien, als der schon erwähnte William Pitt die Leitung der Außenpolitik und der Kriegführung 1756 übernahm. Er trieb die englische Rüstung zu Land und zur See voran, förderte das Bündnis mit Preußen und konzentrierte die Kräfte des Staates auf den Kampf um Nordamerika, während der Krieg in Indien im wesentlichen der privaten Ostindischen Kompanie und dem energischen und rücksichtslosen Robert Clive überlassen blieb. In Nordamerika lebte die Masse der englischen Siedler eingeengt zwischen den Bergen der Appalachen und der Atlantikküste. Die Franzosen, deren Zahl weitaus geringer war, versperrten die Zugänge zu den endlosen Territorien des Westens, nach Kanada und Louisiana. Erste große Erfolge errangen die Engländer mit dem Durchbruch ins obere Ohiotal und der Eroberung von Fort Duquesne, das nun den Namen Pittsburgh erhielt (1758). Das Jahr 1759 war das Jahr, in dem nach einem Wort des Schriftstellers Horace Walpole die Glocken Englands dünn wurden vom vielen Siegesläuten. Konzentrische Angriffe zielten zu Land vom Hudsontal und zu Wasser den St.-Lorenzstrom aufwärts gegen das Zentrum der französischen Position in Kanada, gegen Quebec und Montreal. Obwohl Frankreich Anstalten zu einer Landung in England selbst traf, ließ sich Pitt von seinem großen Plan nicht abbringen. Er zog kein Schiff von der amerikanischen Flotte ab und überließ es der Heimatflotte, die französische Invasionsflotte in zwei großen Seeschlachten zu zertrümmern. Frankreich war am Ende seiner Kraft. Am 18. September 1759 fiel die Festung Quebec, das Tor zu den großen Seen stand offen. Rund ein Jahr später, am 8. September 1760, wehte die englische Flagge über Montreal. Das französische Kolonialreich in Kanada hatte aufgehört zu existieren. Abwärts ging es auch mit dem französischen Kolonialreich in Ost- und Westindien. Robert Clive, der im Dienst der Ostindischen Kompanie stand, zielte mit seinen Aktionen auf Kalkutta und damit auf das reiche Bengalen. 1756 war die Stadt an den Herrscher von Bengalen verloren gegangen. 1757 wurde sie von den Engländern zurückgewonnen und im gleichen Jahr gegen Franzosen und Bengalen in der Schlacht von Plassey verteidigt. Mit nur 3000 Mann, davon 1000 Engländern, besiegte Clive das angeblich 68 000 starke Heer des Bengalenfürsten und das kleine französische Hilfskontingent. Damit begann die englische Herrschaft über den indischen Subkontinent. Kanada – Gewonnen in Schlesien
Gewiss hatte Pitt mit seinem Wort, dass Kanada auf den Schlachtfeldern Schlesiens erobert worden sei, in gewisser Weise recht; und solange er an der Macht war, flossen auch die englischen Hilfsgelder nach Preußen, dessen König mit seinem Krieg ja einen Teil der französischen Macht auf sich gezogen hatte. Als aber Pitts Stellung, wie bereits erwähnt, nach dem Regierungsantritt Georgs III. von England zu wanken begann und erst recht, als Pitt im Jahre 1760 gestürzt wurde, interessierte man sich in London kaum mehr für die Ereignisse in Schlesien, Sachsen oder Pommern. Hinter den Triumphen in Amerika, in Indien und zur See vergaß man den mühseligen und ereignisarmen Krieg der recht schäbig gewordenen Heere auf dem europäischen Kontinent. Friedrich der Große hätte den Frieden von Maria Theresia und weitere englische Subsidiengelder haben können, wenn er sich dem Wunsch von Pitts Nachfolger Lord Bute gefügt und Schlesien herausgegeben hätte. Doch das lehnte er ab. Statt dessen griff er in seiner Geldnot zu dem höchst bedenklichen Mittel der Münzverschlechterung, d. h., er ließ Münzen mit einem geringeren Gehalt an Edelmetallen prägen. Damit verschaffte er sich zwar für den Augenblick viele Millionen Taler. Diese Maßnahme traf aber auch, und zwar auf lange Sicht, die Bevölkerung und die gesamte Wirtschaft empfindlich. Andere, fast verzweifelt anmutende Pläne kreisten um ein Eingreifen der Türken und Tataren … Das ›Mirakel‹ des Hauses Brandenburg
Da trat ein Ereignis ein, das mit einem Schlag die Kriegslage veränderte. Am 5. Januar 1762 starb Zarin Elisabeth, die ärgste Feindin des Preußenkönigs. »Tot ist die Bestie, tot ist das Gift«, schrieb er in böser Freude. Was man in Wien und Paris befürchtete, trat ein. Der neue Zar, Peter III. aus der deutschen Dynastie Holstein-Gottorf, seit langem ein glühender Bewunderer Friedrichs des Großen, wünschte sich nichts sehnlicher als den preußischen Schwarzen-Adler-Orden, den er auch erhielt. Er beeilte sich, Frieden zu schließen, alle eroberten Gebiete herauszugeben und schließlich sogar ein Bündnis mit Preußen einzugehen. Zwar bedeutete das Bündnis nicht viel, denn Zar Peter wurde wenig später von seiner Gemahlin Katharina aus dem Haus Anhalt-Zerbst, der späteren Katharina der Großen, gestürzt und bald darauf von einer Offiziersclique ermordet. Aber den Frieden hielt die neue Herrscherin, wenn sie auch das Bündnis löste. Die preußischen Kriegserfolge des Jahres 1762 bei Burkersdorf und Freiberg in Sachsen lähmten den ohnehin schwindenden Kriegs- und Siegeswillen Österreichs und der Reichsfürsten vollends. Schweden trat aus der großen Koalition aus. Die kriegführenden Kontinentalmächte waren am Ende ihrer Kräfte, finanziell ausgeblutet, wirtschaftlich ruiniert und militärisch heruntergekommen, und in England hatte sich mit dem Sturz Pitts die Friedenspartei durchgesetzt. Friedensschlüsse
Im »Frieden von Paris« vom 10. Februar 1763 zwischen England, Frankreich, Portugal und Spanien brachte England reiche Ernte in die Scheuern. Es gewann den Grundstock seines Weltreichs in Nordamerika und Indien, dazu die konkurrenzlose Macht auf allen Meeren. Eindeutiger Verlierer war Frankreich in den Kolonien, zur See und auch in Europa. Der Wechsel des Bündnisses 1756 hatte sich für Frankreich nicht ausgezahlt: es hatte durch seine Allianz mit Österreich seine Kräfte zersplittert, seine Finanzen ruiniert und ein Weltreich verloren. Die Folgen reichen bis ins 20. Jahrhundert. Im gleichen Monat kam es auch zum Friedensschluss in Mitteleuropa: Am 30. Dezember 1762 waren auf sächsische Vermittlung die Unterhändler Preußens und Österreichs auf Schloss Hubertusburg bei Leipzig zusammengetreten, um die Friedensbedingungen festzusetzen, und am 15. Februar wurde der »Friede von Hubertusburg« unterzeichnet. Er änderte an den territorialen Verhältnissen nichts. Schlesien blieb preußisch. Die Gegenleistung Preußens war die Zusicherung, der Wahl Josephs, des ältesten Sohns Maria Theresias, zum Römischen König zuzustimmen. Kein Sieger also, sondern zwei zu Tode erschöpfte Gegner, von denen keiner etwas in den schweren Kriegsjahren gewonnen hatte. War das das Ende so vieler Kriegsjahre mit all ihren Begleiterscheinungen? Äußerlich gesehen, ja. Aber die Bedeutung reichte tiefer. Preußen sah sich fortan nicht nur im Reich als zweite Großmacht bestätigt, wie bereits nach den beiden »Schlesischen Kriegen«, die den deutschen Dualismus begründeten; Preußen wurde vielmehr von da an auch als neue, ehrgeizige Macht von europäischem Rang anerkannt, nicht geliebt, aber respektiert und von vielen bewundert, wie zum Beispiel von Maria Theresias Sohn Joseph. Friedrich der Große selbst aber war zu einem der berühmtesten und populärsten Fürsten seines Zeitalters geworden:

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Info 22.11.2017 17:27
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