Friedrich der Große und Preußen

»Nun habe ich gesehen, dass es auf der Welt einen Fürsten gibt, der als Mensch denkt, einen fürstlichen Philosophen, der die Menschen glücklich machen wird«, schrieb Voltaire 1736 an den preußischen Kronprinzen Friedrich, der den brieflichen Dialog mit dem literarischen Fürsten des Zeitalters, dem gefeiertsten Vertreter der europäischen Aufklärung eröffnet hatte. Bei aller gegenseitigen Schmeichelei, es machte Voltaire gewiss auch Freude, mit einem jungen, literarisch und philosophisch gebildeten Intellektuellen von hohem Rang zu korrespondieren und zu erkennen, dass der künftige preußische König von den Ideen der Aufklärung durchdrungen war und darauf brannte, sie in die Tat umzusetzen. So kam es, dass Voltaire und andere aufgeklärte Geister die Thronbesteigung Friedrichs II. 1740 mit großen Hoffnungen verbanden. Das Gerücht, das damals in Paris umging, Voltaire sei bereits auf dem Weg nach Berlin, um dort Erster Minister des Königs zu werden, erwies sich zwar alsbald als haltloser Unsinn. Es deutet aber an, was damals viele für möglich hielten, den Einzug der Philosophie in die Politik. Flötenkonzert Friedrichs II. in SanssouciDer Königliche Musikliebhaber und Komponist zum Bild des aufgeklärten Fürsten Friedrich II., vielfach verdunkelt durch Kriege und despotische Entscheidungen, gehört, neben der philosophischen und literarischen Belesenheit mit ihrer Neigung für das Französische, seine Vorliebe für die Musik. Der Berliner Musizier-Kreis um Friedrich II. zu dem auch ein Johann Joachim Quantz zählte, verdient bei aller Neigung zu einem Konversationsstil Erwähnung neben der bedeutenden »Mannheimer Schule« des Johann Stamitz, und so manche Sonate für Flöte Friedrichs des Großen wird noch heute gern gespielt. – »Flötenkonzert Friedrichs II. in Sanssouci« (1852), Gemälde von A. Menzel. Berlin, Staatliche Museen, Nationalgalerie. Reformen im Zeichen der Aufklärung
Die ersten Regierungsmaßnahmen Friedrichs II. fanden überall Beifall. So ließ er die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung im Kriminalprozess abschaffen; er milderte die Strafen für Kindsmörderinnen; er gewährte ferner, allerdings nur vorübergehend, eine gewisse Pressefreiheit; und er verfügte vor allem in einer seiner berühmtesten Randbemerkungen religiöse Toleranz: »Die Religionen müssen alle toleriert werden, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.« In seiner Auffassung vom Herrscheramt folgte Friedrich II. der aufgeklärten Lehre, wonach sich Herrschaft nicht auf göttlichen Auftrag begründet, sondern auf den »Gesellschaftsvertrag«, eine stillschweigende, freiwillige Unterwerfung der Menschen unter einen Souverän, von dem sie als Gegenleistung Frieden und Wohlfahrt erwarten. Theoretisch wird Herrschaft im Auftrag der Beherrschten ausgeübt. Der Herrscher ist, wie es Friedrich II. selbst formulierte, »der erste Diener des Staates«. Das Amt schließt als Aufgaben Fürsorge und den Willen zu Reformen im Sinn der Aufklärung ein. Allerdings konnte auch unter einem aufgeklärten Fürsten des Zeitalters, wie Friedrich II. keine Rede von einer Mitwirkung der Regierten sein. Absolutismus blieb Absolutismus, mochte er auch noch so aufgeklärt sein. Der König verordnete und erzwang, was er für richtig hielt. Das Friedensjahrzehnt zwischen den »Schlesischen Kriegen« und dem »Siebenjährigen Krieg« war für Friedrich II. »den Großen«, wie er seit dieser Zeit genannt wurde, persönlich die glücklichste Epoche seiner Regierungszeit. Es entstand das Lustschloss Sanssouci bei Potsdam, wo sich um den königlichen »Philosophen von Sanssouci« die Tafelrunde versammelte, deren glänzender Mittelpunkt neben dem König seit 1750 Voltaire war, freilich nicht als Minister, sondern nur als Kammerherr. Die Umgangssprache der Tafelrunde war das Französische, wie auch die zahlreichen Schriften Friedrichs des Großen in französischer Sprache verfasst waren. Französisch geprägt war auch die von Friedrich erneuerte Akademie der Wissenschaften, zu deren erstem Präsidenten der französische Mathematiker Pierre-Louis Moreau de Maupertuis (* 1698, † 1759) ernannt wurde. Zwar nahm die Akademie auch die Arbeiten deutscher Gelehrter an, aber sie mussten zuerst ins Französische übersetzt werden. Dass in den vierziger Jahren auch Gotthold Ephraim Lessing (* 1729, † 1781) in Berlin lebte und schrieb und dass sich in Berlin eine bürgerlich literarische Aufklärung regte, davon dürfte der Große König kaum Notiz genommen haben. Friedrich der Große und seine TafelrundeDer Monarch des aufgeklärten Absolutismus. Friedrich der Große und seine Tafelrunde; links vorgebeugt Voltaire. Gemälde »Die Tafelrunde Friedrichs d. Gr.« von A. Menzel (1850) 1945 vernichtet. Verbesserte Rechtspflege – Innere Kolonisation
Zu den bemerkenswertesten Leistungen der Staatsverwaltung im Jahrzehnt zwischen den Kriegen gehörte die Reform der Rechtspflege, die Friedrich II. durch den Großkanzler Samuel Freiherr von Cocceji (* 1679, † 1755) in Angriff nehmen ließ. Dem rechtsuchenden Bürger sollte durch eine Beschleunigung des schleppenden Prozesswesens und eine klare Gerichtsverfassung mit einem geordneten Instanzenweg gedient werden. Dazu bedurfte es eines gründlich gebildeten und unabhängigen Richterstandes. Im Prinzip wurde die Kabinettsjustiz des Souveräns eingeschränkt und die Bindung der Verwaltung an die Gesetze angestrebt. In der Praxis sah es freilich gelegentlich noch anders aus, wie noch 1779 der Prozess des Müllers Arnold zeigte, in den der König eingriff, weil er zu Unrecht glaubte, das Recht werde zugunsten der Mächtigen und zum Nachteil des kleinen Mannes gebeugt. Als eine besondere Ruhmestat betrachtete der König selbst die innere Kolonisation. Weite Sumpfgebiete, etwa im Oderbruch, ließ er nutzbar machen und mit Siedlern aus nicht preußischen Ländern besetzen. Rund 900 Dörfer entstanden auf diese Weise. Der König gewann auch im Frieden eine Provinz und neue Untertanen. In diesem Zusammenhang sei auch die Erschließung des Landes durch Kanalbauten zwischen Elbe und Havel, Havel und Oder erwähnt; all dies Maßnahmen, die im Rahmen der herkömmlichen Wirtschaftspolitik des Absolutismus standen. Religiöse Toleranz
Die Integration der neuen, großenteils katholischen Provinz Schlesien wurde durch die in Brandenburg längst traditionelle tolerante Religionspolitik erleichtert. Der Grundsatz, dass ein jeder nach seiner Fasson selig werden solle, galt – trotz gelegentlicher Reibereien mit dem Klerus – auch hier. Welche Bedeutung man im 18. Jahrhundert, wo religiöse Toleranz noch keineswegs selbstverständlich war, gerade diesem Problem zuwandte, dafür mag ein Wort des Philosophen Immanuel Kant (* 1724, † 1804) aus seiner Schrift »Was ist Aufklärung?« stehen. »Ein Fürst«, heißt es da, und gemeint ist Friedrich der Große, »der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: dass er es für Pflicht halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, [...] ist selbst aufgeklärt und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit wenigstens von Seiten der Regierung entschlug. [...]« Dass der König in Schlesien den Jesuitenorden weiterwirken ließ, als er durch den Papst aufgehoben worden war (1773), hatte allerdings auch bildungspolitische Gründe. Die vorzüglichen Jesuitenschulen sollten dem Staat erhalten bleiben. Auf wenig Toleranz konnten die Juden rechnen. Gewiss, sie wurden nicht verfolgt, aber sie blieben wie im »Generaljudenreglement« von 1750 diskriminiert und standen mit Ausnahme einiger wohlhabender ›Schutzjudenfamilien‹ mit auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Rangordnung. Den königlichen Schutzbrief erhielt auf Bitten des französischen Marquis d’Argens, der zur Tafelrunde von Sanssouci gehörte, auch der Jude Moses Mendelssohn (* 1729, † 1786), der aus Dessau zugewandert war. In der Freundschaft mit Lessing und durch seine eigenen Schriften hatte er sich einen geachteten Platz im Berliner Geistesleben errungen. Durch eine kritische Bemerkung über die französischen Gedichte des Königs zog er die allerhöchste ungnädige Aufmerksamkeit auf sich, blieb aber dank seiner Geistesgegenwart vor dem König unbehelligt. Eine besondere Genugtuung für Moses Mendelssohn war es, als im Jahre 1763 die Berliner Akademie der Wissenschaften eine von ihm eingereichte Arbeit mit dem ersten Preis auszeichnete. Merkantilismus des 17. und 18. Jahrhunderts
Unter diesem Begriff (von frz. mercantile = kaufmännisch) fasst man eine Gruppe wirtschaftlicher Theorien des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen, die gemeinsam haben, die Einnahmen des absolutistischen Staates durch Staats- und Privatunternehmer zu steigern, vor allem auf der Basis eines Exportüberschusses gegenüber den Importen. Um dies zu erreichen, fördert der Staat den Export durch Zuschüsse (Subventionen), Privilegien, Steuervorteile und Steuererlass, notfalls durch Übernahme der Exportbetriebe. Die Einfuhr wird durch hohe Schutzzölle gedrosselt oder, wenn das Produkt im eigenen Land erzeugt wird, verboten. Da die Staaten am meisten beim Import von Luxusgütern an Barmitteln einbüßen, versuchen sie, diese Waren (z. B. Spiegelglas, Porzellan, Fayencen, Schmuck) selbst herzustellen. Während die Staaten ihre Gewinne in die Staatskasse einbringen, wünscht man, dass die Unternehmergewinne wieder in die Firmen gesteckt werden, was durch die Einräumung weiterer Vorteile geschieht. Eine zu hohe Besteuerung entzieht das Firmenkapital.
Wiederaufbau nach den Kriegen: Noch im Stil des Merkantilismus
Am 30. März 1763 kehrte Friedrich der Große aus dem »Siebenjährigen Krieg« nach Berlin zurück. Vorzeitig gealtert, von der Gicht gebeugt, bitter und voll Menschenverachtung, wies er alle Glückwünsche von sich. »Der schönste Tag des Lebens ist der, an dem man es verlässt«, soll er damals bemerkt haben. Doch am 1. April empfing er bereits die Landstände der Mark Brandenburg, um ihnen die Anweisungen für die Friedensarbeit zu geben. Damit begann der Wiederaufbau (»Retablissement«) in den Provinzen, der allen Bevölkerungsschichten zugute kommen sollte. Die Mittel des Staates wurden durch eine Wirtschaftspolitik beschafft, die den inzwischen nicht mehr ganz modernen Gesetzen des Merkantilismus folgten. Danach galt es, möglichst viel Bargeld durch Exportförderung ins Land zu holen und durch Drosselung des Imports möglichst wenig hinauszulassen. Die Überschüsse wurden, vornehmlich als Kriegsschatz für den Bedarf der Armee, gehortet und dem Kreislauf der Wirtschaft entzogen. Durch diese Wirtschaftspolitik fanden allerdings moderne Unternehmungen, etwa die Seiden- und Wollindustrie und die Berliner Porzellanmanufaktur, staatliche Förderung, und das Hüttenwesen in Oberschlesien und in der Grafschaft Mark an der Ruhr nahm einen ansehnlichen Aufschwung. Das staatliche Monopol auf Tabak und Kaffee brachte allerdings mehr Verärgerung unter der Bevölkerung als lohnende Gewinne. Vom Fortschritt der Wiederaufbauarbeiten überzeugte sich der König alljährlich bei seinen ausgedehnten und vielfach gefürchteten Inspektionsreisen durch die Provinzen. Die ›formierte‹ Gesellschaft des »Alten Fritz«
Je älter Friedrich II. wurde, desto misstrauischer wurde er allen seinen Staatsdienern, auch den Ministern gegenüber. Aus Ratgebern wurden Befehlsempfänger. Man müsse schon ihn selbst bestechen, wenn man etwas über seine Absichten erfahren wolle, äußerte er gelegentlich. Er war allwissend und allgegenwärtig, oder wollte es wenigstens sein, mit der Folge, dass bei den Staatsdienern aus Furcht vor dem König Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative erstickt wurden. Der Staat wurde nach militärischen Grundsätzen gelenkt durch Kabinettsorder von oben. Bezeichnenderweise trug Friedrich in seinen späten Jahren fast ausschließlich seine (übrigens recht ungepflegte) Uniform und den militärischen Dreispitz. In diesem Kleid ging Friedrich der Große in die Geschichte auch als der »Alte Fritz« ein. In der Gesellschaftspolitik ging der König ungeachtet seines aufgeklärten Denkens und Bekennens nicht von den Bahnen ab, die seine Vorgänger gewiesen hatten. Die strenge Gliederung der Bevölkerung in Stände wurde nicht angetastet; die Vorrangstellung des Adels blieb unberührt. Das Bürgertum führte sein eigenes Leben, widmete sich dem Erwerb und seiner geistigen Bildung und überließ das Regieren dem König. Noch weniger direkte Bindung an den Staat hatten die Bauern, an deren Abhängigkeit vom Adel der König nichts ändern wollte. Nur auf den Staatsdomänen traten leichte Verbesserungen ein. Eine große Leistung aus der Spätzeit Friedrichs des Großen hatte zukunftweisende Bedeutung, die Kodifikation des preußischen Landrechts, die der Großkanzler Carmer im Auftrag des Königs in Angriff nahm und 1794, also erst nach dem Tod des Königs, abschloss. »Die Gesetze binden alle Mitglieder des Staates ohne Unterschied des Standes, Ranges und Geschlechtes. Jeder Einwohner des Staates ist Schutz für seine Person und sein Vermögen zu fordern berechtigt«, eine »Art Grundrechtkatalog«, wie Hans-Joachim Schoeps, einer der Geschichtsschreiber Preußens, bemerkt. Jedenfalls befand sich Preußen mit der Verkündigung des Allgemeinen Landrechts auf dem Weg zum Rechtsstaat, und Friedrich der Große hatte durch seinen Auftrag den Weg dorthin gewiesen.