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Das Militärwesen im Absolutismus

Die eigentlichen Schöpfer des modernen Militärwesens waren die Franzosen. Große Namen umgaben den »Sonnenkönig« Ludwig XIV. (1661-1715): Le Tellier und Louvois, die Kriegsminister des Königs, gestalteten die Armee um. Das französische Heer – das stärkste in Europa – wurde nach Beendigung eines Krieges nicht mehr aufgelöst, sondern stand dauernd unter Waffen: Ein stets einsatzbereites und schlagkräftiges Instrument des Königs nach außen und im Innern, auf den Herrscher persönlich vereidigt und nur ihm unterstehend. Die Soldaten wurden einheitlich bewaffnet und in Uniformen gekleidet. Gegliedert nach Kompanien und Regimentern, durch Exerzieren und Marschieren einem harten Drill unterworfen, hatten sie kaum etwas gemein mit den herkömmlichen Landsknechts- und Söldnerhaufen. Was jetzt vor allem im Soldatenberuf galt, war eiserne Disziplin. Auch das Bild des Heerführers wandelte sich. Die »Kriegsunternehmer«, die auf eigene Rechnung Söldner anwarben, um sie an kriegführende Herrscher gegen Gewinn zu vermieten, verschwanden. An ihre Stelle traten Berufsoffiziere, Staatsdiener auf Lebenszeit, die um die Gunst des Königs wetteiferten. Berühmte Feldherren kamen aus diesem Offizierskorps: Condé, Turenne, Vendôme, Luxembourg, um nur einige der wichtigsten zu nennen. Marschall Vauban, der große Militäringenieur, baute Städte zu uneinnehmbaren Festungen aus. Die Militärwissenschaft blühte auf und wurde zum Steckenpferd aller – mehr oder weniger – absolut regierenden Fürsten in Europa. Die Sprache der Militärs – wie übrigens auch die der Diplomaten – wurde damals Französisch. Auch in Deutschland unterhielten nun die großen und auch kleineren Territorialherren »stehende Heere«. Sie dienten in vielen Fällen weniger machtpolitischen Zielen als der Schaustellung deutscher Fürstengröße: Kein barocker Landesherr, der sich nicht eine Garde besonders strammer Soldaten leistete, war sein Land auch noch so arm! Paraden und Manöver, ein Gefolge hoher Offiziere und laute Militärkapellen gehören fortan zum Glanz eines jeden Fürstenhofes, von Wien bis Petersburg, von Bayreuth bis Pirmasens. Die meisten stehenden Heere dieser Zeit waren noch reine Söldnerheere, beruhten also auf der – meist gewaltsamen – Werbung in- und ausländischer Berufssoldaten und kannten weder eine listenmäßige Erfassung von dienstpflichtigen Untertanen noch eine geregelte Militärdienstzeit. Diesen Schritt der Mobilisierung breiter Massen für den Waffendienst vollzog zuerst Brandenburg-Preußen, das sich so eine der schlagkräftigsten Armeen Europas schuf. Die Geschichte der deutschen Armee beginnt im Hohenzollernstaat. Soldaten 1740Infanteristen »Ihro Röm. Apostolis. K. K. Majest«. Illustration eines Werbeplakats für das vom Fürsten zu Anhalt-Zerbst um 1740 neu errichtete Infanterie-Regiment. Aus: G. Liebe, »Soldat und Waffenhandwerk«, Leipzig 1899. Das Modell Preußen: Mobilisierung aller Stände für eine starke Armee
Preußen war im 18. Jahrhundert im Gegensatz zum bevölkerungsreichen Frankreich dünn besiedelt und eine wirtschaftlich unterentwickelte Region. Unter den europäischen Dynastien zählten die Hohenzollern zu den ärmsten. Um dennoch Macht und Geltung eines absoluten Königtums beanspruchen zu können, musste das ganze Leben des Staates auf einen Zweck abgestimmt werden: die Förderung der Armee. Die Entscheidung für den Ausbau der Militärmacht und militärische Expansion fiel bereits unter dem »Großen Kurfürsten« Friedrich Wilhelm (1640-1688), aber erst sein Enkel König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) schuf die Voraussetzungen für eine energische Machtpolitik: Durch äußerste Sparsamkeit – der preußische Staat gab für seine Armee alljährlich vier- bis fünfmal soviel aus wie für andere Staatsausgaben – brachte Friedrich Wilhelm I. sein Heer von 40000 auf 83 000 Mann. Damit besaß Preußen die viertstärkste Armee in Europa, obwohl der Staat nach Gebietsumfang erst an zehnter und nach der Bevölkerungszahl an dreizehnter Stelle rangierte. Das Konzept des Königs lief darauf hinaus, alles das, was Preußen an Land, Geld und Leuten fehlte, um eine militärische Großmacht zu werden, durch soldatische Tugenden zu ersetzen. Nicht zufällig trug der Monarch, der schon vom Aussehen her einem ›Drillsergeanten‹ ähnelte, den Beinamen »Soldatenkönig«. Viele Geschichten erzählen von der derben Art, mit der Friedrich Wilhelm I. seine Untertanen zu unbedingtem Gehorsam, Fleiß und Sparsamkeit, der sprichwörtlich berüchtigten »strammen Haltung«, antrieb. Das im Land vorhandene Reservoir an wehrfähigen Männern musste voll ausgeschöpft werden, denn im Ausland Söldner anzuwerben, war kostspielig. Aus diesem Grund führte der König 1733 eine neue Aushebungsordnung ein, die auf die nie aufgehobene, aber in Vergessenheit geratene »Landwehr« zurückgriff. Das Königreich wurde in fest abgegrenzte Aushebungsgebiete, Kantone genannt, eingeteilt. Im Alter von zehn Jahren wurde jeder Untertan »enrolliert«, d. h. in Listen eingetragen und einem bestimmten Truppenteil zugeteilt. Jeder Wehrfähige musste fortan den Püschel am Hut oder eine rote Halsbinde tragen. Die zweijährige Ausbildung begann im allgemeinen mit dem 20. Lebensjahr, ursprünglich galt lebenslängliche Dienstpflicht, später wurde die Dienstzeit auf 20 Jahre reduziert. Ein Teil der Truppe war ständig in Dienst, ein anderer Teil war zehn Monate im Jahr in die Heimat beurlaubt, musste aber auch dort Uniform tragen. Die Kompaniechefs stellten großzügig vom Dienst frei, da sie die Beurlaubten ja nicht bezahlten. Die meisten »Kantonisten« waren Bauernsöhne. Die Söhne der Adeligen und der Eltern, die ein Vermögen von mehr als 10000 Thalern besaßen, waren von vornherein vom Militärdienst befreit. Ausnahmen wurden für ganze Berufsgruppen, Städte und Landstriche gewährt, um die Wirtschaft des Landes nicht zu stark zu belasten. Schaffung eines Militäradels
Um aus den Scharen der zum Dienst gepressten Bauernsöhne eine zuverlässige Truppe zu schmieden, machte der preußische König die »Junker«, also den landsässigen niederen Adel, zu seinen Offizieren. Seit Generationen herrschten die Junker auf ihren Landgütern als unumschränkte Herren über ihre erbuntertänigen Bauern. Sie waren die geborenen Führer für eine Armee, die auf Zwang und Unterordnung beruhte. Die Landbevölkerung geriet nun in eine doppelte Abhängigkeit vom Adel: Der Bauer oder Tagelöhner war der Herrschaft des Gutsherrn unterstellt, der bäuerliche »Kantonist« der Befehlsgewalt des adeligen Offiziers. Häufig waren Gutsherr und Kompaniechef ein und dieselbe Person, in jedem Fall entstammten sie derselben Schicht. Das Militärwesen wurde auf diese Weise in die bestehende Feudalordnung eingebunden, ein Prozess der wechselseitigen Durchdringung von Armee und Gesellschaft, den moderne Historiker als »soziale Militarisierung« bezeichnen. Ursprünglich sträubten sich viele alte Adelsfamilien, vor allem in Ostpreußen, ihre Söhne zum Offiziersberuf heranziehen zu lassen. Aber: der Dienst in fremden Heeren wurde dem Adel untersagt, und Friedrich Wilhelm I. schickte seine Werber auf die Landgüter, um die jungen Adeligen gewaltsam in die Kadettenanstalt, seine Offiziersschule, zu holen. Seinem Sohn Friedrich II. schrieb der König 1722: »Mein lieber Sucessor [Thronfolger] wird den Vorteil haben, das der ganze Adel in eure Diensten von Jugend auf darinnen erzogen werden und keinen Herren kennen als Gott und den König in Preußen.« Rauh, amusisch und dürftig ging es auf diesen »Pflanzschulen« des Offizierskorps zu. Außer Reiten, Fechten und Exerzieren lernten die Kadetten nur wenig. Aufschlussreich ist der Etat des Kadettenkorps: Der Stallmeister, der den Reitunterricht erteilte, hatte neben freier Wohnung 1000 Thaler im Jahr, der Schulmeister 4 Thaler im Monat, nur einen Thaler mehr als die Frau, der die Reinigung der Perücken oblag. Schon unter Friedrich Wilhelm I. galt es als Ehre, den »Königs Rock« zu tragen. Eine Reihe von Sonderrechten und -pflichten hob den Offizier als eigenen Stand aus Armee und Gesellschaft heraus. So wurde der Offiziersberuf fast ganz zum Vorrecht des Adels. Soweit überhaupt bürgerliche Offiziere geduldet wurden, setzte man sie in den geringer geachteten Truppenteilen, z. B. der Artillerie, ein. Um 1800 lag der Anteil des Adels am Offizierskorps – damals 7000 Mann – bei 90 Prozent. Altpreußische Adelsfamilien stellten noch 1890, also in der preußisch-deutschen Armee Wilhelms II., 69 Prozent der Generalität. Selbst noch in Hitlers Wehrmacht hielten sie Schlüsselstellungen inne. Eine stattliche Anzahl von ihnen findet sich unter den Namen, die auf der Ehrentafel der Opfer des Attentates auf Hitler am 20. Juli 1944 verzeichnet sind: von Witzleben, von Dohna, Yorck von Wartenburg, von Moltke, von Schwerin, von Kleist, von Lynar, von der Schulenburg. Brandenburg-preußische Heeresstärke
1650 rund 8000 Mann
1690 rund 30000 Mann
1750 rund 80000 Mann
1800 rund 90000 Mann Bevölkerungs- und Heeresstärken Europas um 1750 (abgerundet)
Baiern B. 700000 H. 10000
England B. 8000000 H. 40000
Frankreich B. 20000000 H. 200000
Österreich B. 13000000 H. 100000
Preußen B. 2500000 H. 100000
Russland B. 20000000 H. 180000
Sachsen B. 1800000 H. 25000 Staatseinnahmen und -ausgaben Brandenburg-Preußens um 1750 (abgerundet)
Einnahmen: 7 Mio. Thaler
Ausgaben: Militär 6 Mio. Thaler, Hof und Verwaltung 1 Mio. Thaler. MilitärjustizDisziplin durch die Härte der Militärstrafen. Darstellung der Militärjustiz aus H. F. v. Flemings »Der vollkommene Teutsche Soldat«, Leipzig 1726. Pflichtgefühl und Treue, für den eigenen Leib keine Sorge
Friedrich Wilhelm I. führte die Uniform anstelle der bis dahin üblichen femininen Kleidung bei Hofe ein. Der König trug den gleichen Rock wie seine Hauptleute und Leutnants. Kein Offizier trug besondere Rangabzeichen, mit Ausnahme des Generals, der eine weiße Straußenfeder und im allgemeinen die besondere Uniform seines Regiments zu tragen pflegte. Die Uniform diente so als ein Band, das den König mit seinen Offizieren sowie die Offiziere untereinander einte. Was die preußischen Könige von ihren Offizieren vor allem verlangten, hat der preußische General Friedrich August Ludwig von Marwitz (1777-1837) mit den Worten beschrieben: »Entsagung jedes persönlichen Vorteils, jedes Gewinns, jeder Bequemlichkeit, ja jeder Begehrlichkeit, wenn ihm [dem Offizier] nur die Ehre blieb! Dagegen jede Aufopferung für diese, für seinen König, für sein Vaterland, für die Ehre der preußischen Waffen! Im Herzen Pflichtgefühl und Treue, für den eigenen Leib keine Sorge.« Ein Offizier, der vor der Übermacht der Feinde kapitulierte, ohne sich bis zum Letzten geschlagen zu haben, war undenkbar. Sofern er versagte, verwirkte er seine Ehre und mit ihm sein Regiment oder Korps. Der abgedankte Offizier musste auf Ruhestandsgelder und zivile Posten verzichten. Die meisten adeligen Offiziere wurden dem Heer als Knaben von 12 oder 14 Jahren einverleibt, dort wurden sie alt! Um 1806 waren von den 142 Generälen der preußischen Armee vier über 80 Jahre alt, aber auch ein Viertel der Regiments- und Bataillonskommandeure hatte die 60 überschritten. Über den Maßstab, nach dem der preußische König seine Offiziere beförderte, berichtet ein Zeitgenosse: »Auch wenn ein General kaum seinen Namen schreiben konnte, galt er nicht als ungebildet. Wer mehr konnte als das, wurde als Pedant, Tintenkleckser und Federfuchser abgestempelt.« Der extreme Kult um Ehre und selbstlose Hingabe schloss persönliche Bereicherung nicht aus. Wenn der Offiziersanwärter nach etwa 15 Dienstjahren den Kapitänsrang [den Rang eines Hauptmanns] erreicht hatte, also Chef einer Kompanie der Infanterie oder einer Schwadron der Kavallerie geworden war, dann ergaben sich vielfältige illegale [aber geduldete] Nebeneinkünfte. Von der Königlichen Kriegskasse bekam der Kompaniechef eine feste Summe, das sogenannte »Pauschquantum«, für Werbung, Ausrüstung, Beköstigung und Löhnung der Mannschaften. Wie bereits erwähnt, wurden die Soldaten bis zu zehn Monate im Jahr beurlaubt. Die Kompaniechefs sprachen diese Beurlaubungen großzügig aus, denn die eingesparten Gelder flossen in ihre eigene Tasche. Die beurlaubten Mannschaften mussten entweder als »Freiwächter« in Handwerksbetrieben oder Manufakturen arbeiten oder gingen als Tagelöhner auf die Felder der Gutsherren. Es entsprach gängiger Praxis, dass der Kompaniechef als Arbeitsvermittler auftrat und die Soldaten gegen hohe Geldsummen an die Arbeitgeber vermietete. Der König tolerierte diese Auswüchse der Kompaniewirtschaft in der Absicht, den Adel auch wirtschaftlich an die Krone zu binden. Besonders verlockend für den Adel waren die zivilen Posten, die dem verabschiedeten Offizier in Aussicht gestellt wurden. Der preußische Adel war in seiner Mehrzahl arm und schon von daher auf den Staatsdienst angewiesen. Die hohen Posten in der Staatsverwaltung – z. B. die Landratsämter – wurden jetzt mit verabschiedeten Offizieren besetzt. Ausgediente oder invalide Unteroffiziere wurden, anstatt versorgt zu werden, in niedere Beamtenstellungen oder als Schulmeister übernommen, auch wenn sie kaum lesen und schreiben konnten. Ausgediente Unteroffiziere und Offiziere sorgten so dafür, dass auch in den Amtsstuben und Schulzimmern den soldatischen Tugenden der nötige Respekt erwiesen wurde. In den vielen kleinen Garnisonsstädten hatte ohnehin der Kommandant mehr zu sagen als der Bürgermeister. Ein Freikorporal, der niedrigste Offiziersdienstgrad, konnte, wenn er im Feld gedient hatte, dem höchsten bürgerlichen Zivilbeamten übergeordnet sein. Berühmt ist folgende Anekdote: Einem Grafen, der Kammerherr werden wollte, soll Friedrich der Große erklärt haben: »In meinem Staat kommt jeder Leutnant vor einem Kammerherrn!« Soldatenwerbung und Soldatenhandel
Neben den bäuerlichen »Kantonisten«, die bis zur Hälfte der Truppenstärke ausmachten, musste Preußen wie alle stehenden Heere der Zeit Söldner anwerben. Preußische Werbeoffiziere durchstreiften ganz Europa. Die Methoden, mit denen junge Männer zum Militärdienst gepresst wurden, waren vielfältig. Bevorzugter Tummelplatz der Werbeoffiziere war das Wirtshaus. Die Werber mischten sich unter die Gäste, spielten den Großmütigen und animierten arme Teufel, die sie zu ihren Opfern ausgewählt hatten, zu Wein oder Schnaps. Wenn einer erst sternhagelvoll war, dann war es leicht, ihm das Handgeld in die Tasche zu schieben, also einen Vertragsabschluss vorzutäuschen. In Städten, wo viele Reisende und fahrendes Volk anzutreffen waren, so in Frankfurt am Main, errichteten Werber aller Staaten in Eigenregie Vergnügungslokale, die Bordell und Musterungsbehörde unter einem Dach waren. »Freiwillig« gingen nur wenige Männer zum Militär: Abenteurer, Flüchtlinge, verkrachte Existenzen, die in der Anonymität der Uniform unterzutauchen suchten, Kleinbauernsöhne und Handwerksgesellen, wenn der Hunger sie dazu zwang. Gewalt war eine gängige Werbemethode. Mit ihren Bajonetten drangen die Werber in Häuser ein, durchstocherten Stroh und Bett oder stürmten gar, begleitet vom Wehgeschrei der Weiber und Kinder, den sonntäglichen Gottesdienst, um junger Männer habhaft zu werden. Besonders gefährlich lebten hochgewachsene Gestalten, vorzüglich die mit breiten Gesichtern, seit Friedrich Wilhelm I. »lange Kerls« für sein »Regiment von nutzlosen Riesen« aufstöbern ließ. »Wachse nicht, dich fangen die Werber«, warnten bekümmerte Eltern ihre Kinder. Weder Doktorgrad noch geistliche Würde boten Schutz vor den Häschern des Königs, wenn nur die Körperlänge stimmte: Nicht unter sechs Fuß war die Gardegröße. Johann Christoph Gottsched, ein Dichter und Philosoph von ansehnlicher Größe, floh vor den Werbern des »Soldatenkönigs« aus Preußen. Stehendes Heer – Miliz
Seit Ende des 17. Jahrhunderts, also in der Zeit des Absolutismus, wurden von den Fürsten in immer größerem Umfang Soldaten ständig in Kriegsbereitschaft gehalten. Dieses sogenannte »stehende Heer« (Berufsheer, Söldnerheer) wurde aus geworbenen Freiwilligen gebildet, die sich gegen Entlohnung zu langjährigem Militärdienst verpflichteten. Die Folgen waren:
1. Militärisch Erhöhung der offensiven Schlagkraft durch schnell einsetzbare, hochqualifizierte Truppen, die nur durch Drill und äußerste Disziplin zusammengehalten werden konnten; die innere Kampfbereitschaft fehlte.
2. Wirtschaflich Belastung der Staatshaushalte durch enorme Militärausgaben, die nur durch den Aufbau einer umfassenden Steuer- und Finanzverwaltung aufgefangen werden konnte.
3. Sozial scharfe Trennung von Zivil und Militär, und
4. Politisch Machtgewinn der absoluten Fürsten, die nun über militärische Druckmittel verfügten.
Die Merkmale des Milizsystems (lat. militia = Kriegsdienst, Gesamtheit der Soldaten) sind:
1. Verpflichtung aller tauglichen Staatsbürger zum Waffendienst.
2. Ausbildung der Soldaten in Friedenszeiten in kurzen, periodisch sich wiederholenden Militärübungen ohne Besoldung. Seit der Französischen Revolution erklärte man die allgemeine Wehrpflicht als Verpflichtung, das Vaterland und die Freiheitsrechte der Bürger zu verteidigen. Das Bürger und Volksheer bildete so ein Gegenmodell zum stehenden Heer der Fürsten. Gassenlaufen 1726»Das ehrliche Gassenlaufen«, Illustration von Daniel N. Chodowiecki in Basedows »Elementarwerk«. Text der Zeit
Soldatenhandel 1776 – Subsidienvertrag zwischen Großbritannien und Waldeck

1. Der Durchlauchtigste Fürst von Waldeck tritt seiner Britischen Majestät ein Korps von 670 Mann Infanterie ab, das zur vollständigen Verfügung des Königs von Großbritannien stehen wird zwecks Verwendung in seinem Dienst in Europa und Nordamerika. [...]
2. Der Durchlauchtigste Fürst verpflichtet sich, das Korps vollständig auszurüsten, so dass es am 6. Mai dieses Jahres oder später marschbereit ist. [...]
3. Der Durchlauchtigste Fürst verpflichtet sich, die jährlich notwendig werdenden Rekruten zu liefern. Sie werden dem Beauftragten seiner Britannischen Majestät fertig ausgebildet und vollständig ausgerüstet übergeben werden. Seine Hoheit wird alles in seinen Kräften Stehende tun, dass alles zu der von Seiner Majestät festgesetzten Zeit am Einschiffungshafen eintrifft. [...]
4. [...]
5. [...]
6. [...]
7. Der König gewährt dem Korps den ordentlichen und außerordentlichen Sold sowie alle Zuwendungen an Futter, Verpflegung, Winterquartieren, Erfrischungen etc., wie sie die Königlichen Truppen erhalten. [...] Die Kranken und Verwundeten des Korps werden in den Königlichen Lazaretten versorgt und in dieser Hinsicht wie die Truppen seiner Britannischen Majestät behandelt werden. Die nicht mehr dienstfähigen Verwundeten werden nach Europa gebracht, in einem Weserhafen ausgeschifft und auf Kosten des Königs in ihre Heimat zurückgeschickt werden. [...]
8. Als Aushebungsgebühr werden Seiner Hoheit für jeden Infanteristen und Kanonier 30 Taler gezahlt. [...]
9. Wie üblich werden drei Verwundete für einen getöteten Mann gerechnet. Ein Gefallener wird entsprechend der Aushebungsgebühr vergütet. Sollte eine Kompanie des Korps ganz oder teilweise aufgerieben werden [...], so wird Seine Majestät der König von Großbritannien die Kosten für die notwendigen Ersatzmannschaften zahlen. [...]
10. [...] Das Korps wird seiner Britannischen Majestät den Fahneneid leisten, unbeschadet des Eides, den es seinem Souverän bereits geleistet hat. [...]
11. [...]
12. [...]
13. Seine Britannische Majestät gewährt dem Durchlauchtigsten Fürsten während der ganzen Zeit, wo das Korps im Sold Seiner Majestät steht, eine jährliche Subsidie von 25050 Talern. [...]

Aus: Davenport, F. G.: European Treaties bearing on the history of the United States. Bd. 4, Washington 1937. Das Geschäft mit Soldaten
Eine allgemein übliche Finanzpraxis deutscher Fürsten war der Handel mit Soldaten in Form von Subsidienverträgen. Fremde Kriegsherren wurden mit eigens für diesen Zweck geworbenen und ausgerüsteten Regimentern – gegen vertraglich festgelegte Zahlungen – beliefert. Zu den Soldatenhändlern zählten u. a. der Markgraf von Ansbach-Bayreuth, der Herzog von Braunschweig, die Grafen von Hessen-Kassel und Hessen-Hanau und die Fürsten von Hessen-Waldeck sowie von Anhalt-Zerbst. Insgesamt 28 875 Mann verpachteten diese von 1775 bis 1783 an England. Von hier wurden die Soldaten in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verschickt. Viele von ihnen ließen sich nach dem Krieg in Amerika nieder. Damals ließ sich auch der Dichter Johann Gottfried Seume von den Werbern des Landgrafen von Hessen-Kassel anwerben und hatte, wie er selbst grimmig schreibt, die Ehre, dem englischen König zu helfen, die amerikanischen Provinzen zu verlieren. Im »Siebenjährigen Krieg« kämpften die Truppen des Herzogs Karl-Eugen von Württemberg im Sold Frankreichs gegen Friedrich den Großen, den Oheim und Erzieher des Herzogs. Dass deutsche Männer als »Schlachtopfer« fremder Kriegsherren ins Feld zogen, machte nur Patrioten wie Christian Friedrich Schubart zornig, der in seiner »Teutschen Chronik« (1776) die Missstände beim Namen nannte. Aber er wurde auf Befehl des Herzogs Karl Eugen verhaftet und ohne Gerichtsurteil mehr als zehn Jahre inhaftiert. Ein preußischer Infanterist erhielt unter Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) 2 Thaler in 5 Tagen. Davon musste er sich nicht nur beköstigen, sondern auch seine Waffen, die Ausrüstung und sich selbst in Ordnung halten. Kein Wunder, dass die meisten Soldaten Nebenbeschäftigungen ausführen mussten, z. B. Spinnen in der Kaserne oder Handlangerdienste, zumal viele verheiratet waren, also für Frau und Kinder zu sorgen hatten. Die Ledigen hatten fast alle ihr Liebchen und waren aus diesem Grund in Geldnöten. Ein guter Teil des Soldes musste für Schuhwachs, Öl für die Waffen, Puder und Seife ausgegeben werden, denn Mann und Montur, alles hatte spiegelblank geputzt zu sein. Selbst der kleinste Schmutzfleck wurde mit Prügeln bestraft. Tarnfarben und Kampfanzüge sind die Erfindungen einer späteren Zeit! In Preußen wurde erst 1907 der feldgraue Rock als Felduniform eingeführt. Noch 1913 wurden bunte Uniformen im Manöver getragen. Disziplin und Schlagkraft durch Drill und Exerzierkunst
Unter Friedrich Wilhelm I. verwandelten sich die königlichen Parks in Berlin und Potsdam in Exerzierplätze. Zusammen mit seinem Drillmaster, dem Generalfeldmarschall Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (* 1676, † 1747, bekannt bis heute unter dem Namen der »Alte Dessauer«), entwickelte er das Exerzieren zu einer Vollkommenheit, die Weltberühmtheit erlangte. Alle Bewegungsabläufe des Soldaten, die im Feuergefecht nötig waren, mussten auf dem engen Exerzierplatz mit uhrwerkhafter Perfektion gedrillt werden. Die damals übliche Fechtweise der Infanterie war die Lineartaktik. Man kämpfte in geschlossenen Formationen, denn nur so war es möglich, Massendesertionen der zum Kampf wenig motivierten Soldaten zu verhindern. Lange Angriffsreihen von drei Gliedern schoben sich, Schulter an Schulter, teils schießend, teils vorwärtsgehend, bis auf 200 Schritt an den Feind heran. Ohne Deckung feuernd versuchten beide Seiten, den Gegner durch rasches Aufschließen der eigenen Reihe zum Weichen zu zwingen. Gelang dies nicht, so folgte der Nahkampf mit dem Bajonett. Die alten Musketen, unhandliche ›Schießprügel‹, die mit einer brennenden Lunte gezündet werden mussten, waren längst durch das Steinschlossgewehr ersetzt worden, das viel schneller zu laden war und stärkere Schlagkraft besaß. Verbesserte Feuerwaffen machten so das Handwerk des Soldaten immer blutiger, während gleichzeitig die Kriegsleiden der zivilen Bevölkerung in Grenzen gehalten wurden. Natürlich bekam sie die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu spüren. Plünderungen und Brandschatzungen, die Schrecken des »Dreißigjährigen Krieges«, wiederholten sich jedoch nicht oder nur in abgeschwächter Form. Die Feldherren des Barock mieden Gehöfte, Dörfer und Städte, weil die geschlossenen Formationen und langen Linien Ansiedlungen gar nicht in Ordnung und ausgerichtet durchschreiten konnten. Um die Disziplin der Truppe aufs äußerste anzuspannen, erfand Prinz Leopold auch den Gleichschritt. Die Infanterie wurde zu einer wandelnden Feuerlinie geformt. Bei der kurzen Schussentfernung der Gewehre (150 Schritt) hatte die meiste Aussicht auf Erfolg, wer möglichst viele Salven abfeuern konnte. Das schnelle Laden wurde erleichtert durch die Einführung des eisernen Ladestockes. Dennoch erforderte ein Gewehr zu laden und es abzuschießen, über 100 Einzelgriffe. Die preußische Infanterie erreichte fünf Salven in der Minute! Dazu gehörten eiserne Disziplin und Drill. Der preußische König machte die Furcht vor dem Offizier zum Kern der militärischen Disziplin. Noch nach dem »Siebenjährigen Krieg« forderte Friedrich II. in seinem Testament (1768), die Soldaten sollten »ihre Offiziere mehr fürchten als alle Gefahren«. »Kerls, wollt ihr ewig leben?« soll der »Alte Fritz« in einer kritischen Minute gerufen haben. Die preußischen Soldaten hätten wohl gern geantwortet: »Jawoll, Majestät!« Ein österreichischer Offizier beschreibt die preußische Infanterie in der Schlacht von Mollwitz (1741): »Ihre Haltung war bewundernswert trotz dem unausgesetzten Feuer, das sie unsererseits auszuhalten hatten; sie formierte sich trotzdem in der schönsten Ordnung. [...] Diese ganze, große Front schien wie von einer einzigen Triebkraft bewegt. Sie rückte Schritt für Schritt mit überraschender Gleichförmigkeit vor, [...] sobald sie in richtiger Schussweite waren, verstummte ihr Gewehrfeuer keinen Augenblick und glich dem unaufhörlichen Rollen des Donners. Sobald sie in unserem Gesichtskreis Bewegungen machten, führten sie diese mit solcher Schnelligkeit und Genauigkeit aus, dass es eine Freude zu sehen war; sobald ein Mann fiel, trat ein anderer an seine Stelle, kurz sie haben ihre Sache gut gemacht. [...]« Harte Strafen gegen die Träume vom Desertieren
Die Strafen bei Verstößen gegen die Disziplin waren damals besonders hart. Äußerer Zwang musste die innere Bereitwilligkeit ersetzen, die bei den zum Dienst gepressten, jeder Freiheit beraubten Soldaten schwerlich vorhanden war. Man lese, was Ulrich Bräker, der Verfasser der »Lebensgeschichte des armen Mannes in Tockenburg« (1789) über das Elend des Soldatenlebens zu berichten hat: Auf dem Exerzierplatz »war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. [...] Es tat uns in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber jahrein, jahraus so kujoniert zu sehen: oft ganzer 5 Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stund und alle Augenblicke wie unter Kabisköpfe drein zu hauen drohte.« Fast jeder Soldat träumte vom Desertieren, was im Frieden durch ein ausgeklügeltes Überwachungssystem schier unmöglich war, wohl aber leichter im Getümmel der Schlacht. War ein Soldat desertiert, wurde die Sturmglocke geläutet. Bürger und Bauern mussten Brücken, Kreuzungen und Straßen überwachen; wer den Deserteur lebend oder tot zurückbrachte, erhielt eine Prämie. Zwar stand vielfach auf Desertion die Todesstrafe, bevorzugt wurden aber Strafen, die den Soldaten im Dienst beließen. Je nach Schwere des Delikts kannte man verschiedene Militärstrafen: Ehrenstrafen wie das Reiten auf dem »Esel«, einem dachförmigen Holzgerät mit spitzem First und einem Eselskopf, Prügelstrafen oder das »Spießrutenlaufen«: Der Delinquent wurde dabei durch die »Gasse« seiner Kameraden getrieben, die ihm den Rücken mit Spießruten (Weidenruten) blutig schlugen. Ulrich Bräker schildert einen solchen »Gassenlauf«: »Fast alle Wochen hörten wir neue ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viel List gebraucht, sich in Schiffer und andere Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mussten wir zusehen, wie man sie durch 200 Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken – wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mussten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Blutes ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen wir uns zitternd und todblass an und flüsterten einander in die Ohren: ›Die verdammten Barbaren!‹« Die Erlösung des Soldaten aus dem Stand der Rechtlosigkeit und der unmenschlichen Unterdrückung vollzog sich zuerst in Frankreich. Die Verkündigung der Menschenrechte (August 1789) infolge der Revolution machte aus den Untertanen Staatsbürger. Scharen von Freiwilligen eilten begeistert zu den Waffen, um die Ideale der Revolution und das Vaterland zu verteidigen (Kriegserklärung an Österreich am 20. 4. 1792). Die schlecht oder gar nicht ausgebildeten, von Hunger geplagten Revolutionsheere überrannten die organisierten, aber nur durch Drill zusammengehaltenen Fürstenheere, weil ihr Feldherr Napoleon an den Patriotismus appellieren konnte. Preußen bezog 1806 die deutlichste Lektion, dass sein altes Militärwesen am Ende war, als seine Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen wurde. Mit den preußischen Reformen begann auch in Preußen eine neue Ära der Militärgeschichte, deren Losung der Heeresreformer Gneisenau (* 1760, † 11831) formulierte: »Es ist billig und staatsklug zugleich, dass man den Völkern ein Vaterland gebe, wenn sie ein Vaterland kräftig verteidigen sollen.«

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