Die Reichsverfassung im 17. und 18. Jahrhundert

»Das liebe heil’ge Röm’sche Reich, wie hält’s nur noch zusammen?« Als einer der lustigen Gesellen in Auerbachs Keller zu Leipzig im ersten Teil von Goethes »Faust« diesen Gesang anstimmt, wird er von einem seiner Zechkumpane brüsk zurechtgewiesen: »Ein garstig Lied! Pfui, ein politisch Lied! Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, dass ihr nicht braucht fürs Röm’sche Reich zu sorgen! Ich halt’ es wenigstens für reichlichen Gewinn, dass ich nicht Kaiser oder Kanzler bin.« Die innere und äußere Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation konnte in den letzten Jahrhunderten seines Bestehens in der Tat Anlass zu trübsinnigen Betrachtungen liefern. Zwar hatte es angesichts des offenkundigen Niedergangs der kaiserlichen Zentralgewalt im ausgehenden Mittelalter nicht an Versuchen gefehlt, das Reich auf der Grundlage seiner Stände neu zu organisieren. Doch kam die auf dem Wormser Reichstag von 1495 beschlossene Reichsreform über einige hoffnungsvolle Ansätze (z. B. Reichskammergericht, Reichskreise) nicht hinaus. Kaiser Karl V. (1519-1556) verkörperte als Erbe der habsburgischen Lande, Burgunds, der Niederlande, Neapels, Aragóns, Kastiliens und der neuentdeckten »westindischen« Gebiete in seiner Person und in seinem Programm noch einmal die ehrwürdige Idee eines von Gott zur Führung der christlichen Völker Europas berufenen Kaisertums. Aber schon vor seiner Wahl hatten ihm die Kurfürsten neben gewaltigen finanziellen Zuwendungen auch eine vertragliche Verpflichtung abgepresst, die seine Regierungsgewalt auf deutschem Boden erheblich einschränkte. Solche »Wahlkapitulationen« gehörten fortan zu den Grundbedingungen einer jeden Kaiserwahl. Trotzdem hätte die Übermacht des Herrschers über »ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging«, zweifellos auch eine dauerhafte Stärkung der Kaisergewalt bewirkt, wenn nicht die Glaubensspaltung alle hochfliegenden Pläne vereitelt und die Einheit des christlichen Abendlandes zerbrochen hätte. Folgen der Glaubensspaltung
Für lange Jahrzehnte bestimmten nun die konfessionellen Gegensätze den Gang der Reichspolitik. Die protestantischen Stände um den Kurfürsten Moritz von Sachsen waren eher bereit, die seit jeher zum Reich gehörigen Städte Metz, Toul und Verdun dem französischen König auszuliefern, als ihre »fürstliche Libertät« (Freiheit) der »viehischen spanischen Servitut« (Knechtschaft) des Kaisers unterzuordnen. Der »Augsburger Religionsfriede« von 1555 stellte den verzweifelten Versuch dar, unter Verzicht auf die Einheit im Glauben wenigstens die politische Einheit des Reiches zu retten. Aber abgesehen davon, dass damit der universale Anspruch des Kaisertums auf die Führung der Christenheit aufgegeben wurde, enthielt die nunmehr gefundene Kompromissformel »cuius regio, eius religio« (d. h. der Landesherr bestimmt die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen) so viel Zündstoff, dass der Weg in den »Dreißigjährigen Krieg« vorgezeichnet war. In den ersten Phasen dieses tragischen Bruderkriegs stieg die Macht des Kaisers vor allem dank Wallensteins Erfolgen auf einen nie zuvor erreichten Höhepunkt, so dass ein kaiserlicher Absolutismus (also seine unumschränkte Herrschaft) in greifbare Nähe gerückt zu sein schien. Ja, als nach dem Schlachtentod Gustav Adolfs und der Ermordung Wallensteins eine allgemeine Erschöpfung die kriegführenden Parteien lähmte, konnte Kaiser Ferdinand II. (1619-1637) im Jahre 1635 den »Frieden von Prag« diktieren, in dem den Ständen die Verfügungsgewalt über ihre Truppen entzogen und eine Reichsarmee unter dem alleinigen Oberbefehl des Kaisers aufgestellt wurde. Der offene Kriegseintritt Frankreichs machte diese letzte Chance einer monarchischen Lösung der deutschen Verfassungsprobleme zunichte. Der »Westfälische Friede« – Wachsende Unabhängigkeit der Stände
Frankreich und Schweden, die sich zur Sicherung ihrer Kriegsbeute zu Verteidigern der »deutschen Freiheiten« aufwarfen, zwangen den Kaiser schließlich dazu, den Reichsständen die selbstständige Teilnahme an den Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück und damit die völkerrechtliche Gleichberechtigung einzuräumen. Der »Westfälische Friede« von 1648 brachte zwar das ersehnte Ende der Religionskriege, indem der Besitzstand der Konfessionen auf das »Normaljahr« 1624 festgeschrieben und der Grundsatz »cuius regio, eius religio« aufgehoben wurde, zementierte aber auch die konfessionellen Fronten durch die Bestimmung, dass der Reichstag in allen die Religion berührenden Fragen nach Konfessionen getrennt abzustimmen habe. Da ein Beschluss nur durch gütliches Einvernehmen zwischen dem »Corpus Catholicorum« und dem »Corpus Evangelicorum« zustande kommen konnte, hatten die Stände seither ein probates Mittel zur Hand, unter einem religiösen Vorwand bei Bedarf den gesamten Gang der Reichstagsarbeit lahmzulegen. Der Kaiser wurde durch den Friedensvertrag in der Außen-, Sicherheits- und Finanzpolitik auf ein Zusammenwirken mit den im Reichstag vertretenen Ständen verpflichtet, so dass eine einheitliche Führung des Reiches kaum mehr möglich war. Es hing vielmehr allein vom diplomatischen Geschick des Kaisers und seiner Räte ab, den Reichstag von Fall zu Fall zum Handeln zu bewegen. Krönender Abschluss des jahrhundertelangen Unabhängigkeitsstrebens der Reichsstände war das ihnen nunmehr eingeräumte Recht, wie souveräne Staaten untereinander und mit fremden Mächten Bündnisse abzuschließen, die freilich »nicht gegen Kaiser und Reich« gerichtet sein durften. Diese Klausel war aber das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stand. Denn im Vollgefühl ihrer wiedergewonnenen Wehrhoheit und ihrer nahezu vollständigen Souveränität schlossen die Stände zahlreiche Sonderbünde (»Assoziationen«), die dem Reich in der Regel großen Schaden zufügten. So hielt etwa Brandenburgs »Großer Kurfürst« auch dann noch an seinem Bündnis mit Frankreich fest, als die brutale Eroberungspolitik Ludwigs XIV. (1681 Raub Straßburgs) das ganze Reich in helle Aufregung und Angst versetzte. Und die wittelsbachischen Kurfürsten-Brüder von Baiern und Köln trieben das Zusammenspiel mit Frankreich im »Spanischen Erbfolgekrieg« so weit, dass der Kaiser mit Zustimmung des Reichstags über sie die förmliche Reichsacht aussprechen musste (1706). Am verhängnisvollsten aber wirkte sich die Tatsache aus, dass die Sieger des »Dreißigjährigen Krieges«, Frankreich und Schweden, durch die Verträge von Münster und Osnabrück einen Freibrief erhielten, sich unter dem Vorwand des Schutzes der ständischen Freiheiten jederzeit in die Reichsangelegenheiten einzumischen. Um die seit Jahrhunderten anstehende Reform der Reichsverfassung dennoch von auswärtigen Einflüssen möglichst freizuhalten, setzte der Kaiser ihre Verschiebung auf den nächsten Reichstag durch. Dieser Reichstag, der 1653/54 letztmals in der herkömmlichen Form einer Versammlung der Reichsfürsten unter dem Vorsitz des Kaisers in Regensburg beriet, vermochte die ihm gestellte Aufgabe jedoch nicht zu lösen. So bot das Reich nach dem »Dreißigjährigen Krieg« ein verwirrendes Bild, das auch die zeitgenössischen Staatsrechtler kaum zu deuten wussten. »Es bleibt also nichts übrig«, schrieb 1667 Samuel von Pufendorf, »als Deutschland, wenn man es nach den Regeln der (aristotelischen) Politik klassifizieren will, einen unregelmäßigen und einem Monstrum ähnlichen (Staats-) Körper zu nennen, der sich im Laufe der Zeit durch die träge Nachgiebigkeit der Kaiser, durch den Ehrgeiz der Fürsten und die Ruhelosigkeit der Geistlichen aus einer Monarchie zu einer so ungeschickten Staatsform umgestaltet hat. Jetzt ist daher Deutschland weder eine Monarchie, nicht einmal eine beschränkte, wenn auch in gewisser Weise der äußere Schein darauf hindeutet, noch auch, genau genommen, eine aus mehreren Staaten zusammengesetzte Föderation, sondern vielmehr ein Mittelding zwischen beiden. Dieser Zwitterzustand aber verursacht eine auszehrende Krankheit und andauernde innere Umwälzungen [...].« Das Reichsoberhaupt und die Kurfürsten
Nach der politischen Theorie und dem höfischen Zeremoniell war der »allerdurchlauchtigste, großmächtigste und unüberwindlichste römische Kaiser, auch in Germanien König, allergnädigste Kaiser und Herr Herr« – so die offizielle Anrede – als Träger der vornehmsten Krone der Christenheit auch im 18. Jahrhundert noch der Inhaber höchster Machtvollkommenheit. Die Verfassungswirklichkeit entsprach diesem stolzen Anspruch freilich seit langem nicht mehr. Durch verschiedene Reichsgesetze, die »Wahlkapitulationen« und die Festlegungen des »Westfälischen Friedens« war der Kaiser in allen wichtigen Reichsangelegenheiten an die Mitwirkung und Zustimmung der Reichsstände gebunden, vor allem an die der Kurfürsten. Zwar verblieb die Krone des Reiches – abgesehen von dem kurzen Zwischenspiel des Wittelsbachers Karl VII. (1742-1745) – seit 1438 beim Hause Habsburg (bzw. Habsburg-Lothringen), doch wurde das kurfürstliche Wahlrecht niemals angetastet. Die Wahl und (seit 1562) auch die Krönung des Kaisers erfolgten entsprechend den Bestimmungen des Reichsgrundgesetzes der »Goldenen Bulle« vom Jahre 1356 in Frankfurt am Main. War es dem regierenden Kaiser gelungen, seinen Sohn zum »Römischen König« wählen zu lassen, so konnte dieser nach dem Ableben des Vaters unmittelbar die Nachfolge antreten. Andernfalls führten die Kurfürsten von der Pfalz und von Sachsen als Reichsvikare die Geschäfte bis zur Wahl eines neuen Reichsoberhaupts. Der Kaiser – Einigende Macht und Bollwerk gegen Willkür
Wirkliche Macht besaß der Kaiser als Herr der österreichischen Monarchie, die in der Abwehr der Türkengefahr zur europäischen Großmacht aufstieg. Die Kaiserstadt Wien zog von überallher die besten Kräfte an und wurde so im Zeitalter des Barocks und Rokokos zu einem Mittelpunkt der bildenden Künste und zur Welthauptstadt der Musik. Ihr imperialer Glanz strahlte auf das ganze Reich aus und förderte einen Reichspatriotismus, der vornehmlich in den Klein- und Mittelstaaten im deutschen Süden und Westen und in den Reichsstädten tief verwurzelt war. Insbesondere die geistlichen Fürstentümer verehrten im Kaiser den Garanten ihrer Existenz und gestalteten ihre Politik im engen Anschluss an den Wiener Hof. Die Kaiser wussten diese Anhänglichkeit ihrerseits zu schätzen und waren bemüht, ihren Einfluss auf die Reichskirche zu wahren. In den prachtvoll ausgestalteten Kaisersälen und Kaiserappartements der fürstbischöflichen Residenzen der Barockzeit feierte die Reichsidee ihre höchsten Triumphe. Für die Reichsstädte und Reichsdörfer war der Kaiser unmittelbarer Oberherr, der sie gegen Eingliederungsgelüste ihrer fürstlichen Nachbarn schützte, aber auch gelegentlich energisch in ihre innere Ordnung eingriff, indem er kaiserliche Kommissionen zur Schlichtung von Streitigkeiten entsandte. Die Steuerkraft der Reichsstädte erleichterte der stets in Geldnöten steckenden kaiserlichen Regierung die Erfüllung ihrer Aufgaben. Auch die in Kantone gegliederte Reichsritterschaft (um 1750 etwa 350 Familien), die auf dem Reichstag nicht vertreten war, stand durch das Lehnsband in einer besonderen Beziehung zum Kaiser, dem sie ihre Unabhängigkeit durch persönliche Dienste und freiwillige Beisteuern dankte. Überhaupt bildeten lehnsrechtliche Bindungen an das Reichsoberhaupt eine nicht zu unterschätzende Klammer der Reichseinheit. In den Türkenkriegen zogen Reichsfürsten wie Karl von Lothringen, Max Emanuel von Baiern oder Ludwig Wilhelm von Baden ganz in der Art mittelalterlicher Vasallen an der Spitze ihrer Truppen für den Kaiser ins Feld. Auch ein so selbstbewusster Herrscher wie der preußische »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I. fühlte sich als Kurfürst von Brandenburg dem Kaiser zeitlebens zu persönlicher Treue verpflichtet. Wenn auch die bei jedem Thronwechsel in den Territorien neu einzuholende kaiserliche Belehnung meist nur noch formaler Natur war, so war man sich ihrer Bedeutung doch stets bewusst. Für die kaiserliche Finanzkammer aber brachten die bei Belehnungen ebenso wie bei der Erteilung von Privilegien oder Standeserhöhungen anfallenden Gebühren nicht unerhebliche Einnahmen. Aber nicht nur unmittelbare Glieder des Reiches suchten die Anlehnung an den Kaiser. Auch die Untertanen landesfürstlicher Gewalten sahen im Reichsoberhaupt ein festes Bollwerk gegen Willkür und Rechtsbeugungen ihrer Herren und Landgerichte. Während aber beispielsweise die württembergischen und mecklenburgischen Landstände ihre verbrieften Freiheiten gegenüber ihren Herzögen mit kaiserlicher Rechtshilfe behaupten konnten, setzte der »Soldatenkönig« in Preußen die Besteuerung und die Militärdienstpflicht des landsässigen Adels trotz dessen Einspruchs beim Reichshofrat durch. Der Reichstag zu Regensburg – Struktur und Arbeitsweise
Seit dem 16. Jahrhundert war Regensburg wegen seiner Nähe zur Kaiserresidenz Wien bevorzugte Stätte großer Reichsversammlungen. Die protestantische Reichsstadt an der Donau umschloss in ihren Mauern mit dem Dombezirk des Fürstbischofs, den gefürsteten Abteien St. Emmeram, Obermünster und Niedermünster, dem Hof der baierischen Herzöge und einer Niederlassung des Deutschen Ordens nicht weniger als sechs katholische Reichsstände und konnte daher als Verhandlungsort beiden Religionsparteien genehm sein. Die Ausstattung des ehrwürdigen Reichssaales im Alten Rathaus lässt noch heute die Zusammensetzung des Reichstags erkennen, der seit 1594 regelmäßig in diesem Saal tagte. An der Stirnwand steht unter einem Baldachin mit dem kaiserlichen Doppeladler auf einem von vier Stufen gebildeten Podium der Thron des Kaisers. Zwei Stufen tiefer erstrecken sich zu beiden Seiten die Bänke der Kurfürsten, deren Zahl durch die »Goldene Bulle« auf sieben festgelegt war. Nach der Übertragung der pfälzischen Kurwürde auf Baiern (1623) war 1648 für die Pfalz eine achte Kur errichtet worden, der 1692 eine neunte für Hannover folgte. Die Längsseiten des Saales nehmen die auf einer Stufe stehenden Bänke der Reichsfürsten ein. Auf der »geistlichen Bank« saßen neben 33 geistlichen Fürsten auch die Herzöge von Österreich und Burgund, während auf der »weltlichen Bank« 59 Fürsten Platz fanden. In der Saalmitte befinden sich vorne zwei Bankreihen für je einen Stimmführer für 23 schwäbische und 19 rheinische Prälaten und je einen Vertreter von 25 wetterauischen, 24 schwäbischen, 17 fränkischen und 33 westfälischen Grafen, deren gemeinschaftlich geführte »Kuriatstimmen« von den einzeln zählenden »Virilstimmen« der Fürsten unterschieden wurden. Im Rücken der Prälaten- und Grafenbänke folgen die beiden Bänke für die Reichsstädte, von denen die rheinische 14 und die schwäbische 37 Städte umfasste. Der Kaiser berief die zum Besuch des Reichstags berechtigten Stände mindestens alle zehn Jahre ein und eröffnete die Versammlung mit einer »Proposition« (Regierungsvorlage). Nach getrennter Beratung in den Kollegien der Kurfürsten, Fürsten und Städte, wo jeweils Mehrheitsentscheid galt, verglichen die Vorsitzenden der »Kollegien« (Kurmainz, Österreich im Wechsel mit Salzburg, Regensburg) die Voten (Stimmabgaben), worauf der Kurfürst von Mainz als Erzkanzler das Reichsgutachten erstellte, das durch kaiserliche »Konfirmation« (Zustimmung) zum »Reichsschluss« (Gesetz) wurde. Zum Ende des Reichstags wurden alle Reichsschlüsse zum Reichsabschied zusammengefasst und feierlich verkündet. Der »Immerwährende Reichstag«: Frühe parlamentarische Institution
Als sich auf dem 1663 eröffneten Reichstag die Vertreter der Stände nicht auf einen »Reichsabschied« einigen konnten, reiste Kaiser Leopold I. (1658-1705) ab. Es zeugt nun von der Machtverschiebung im Reich und dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Reichsstände, dass sie nicht mehr gewillt waren, ihre Zusammenkünfte und deren Tagesordnung vom Willen des Kaisers abhängen zu lassen. In der Folge konstituierte sich der »Immerwährende Reichstag« als ein ständiger Kongress weisungsgebundener Gesandten der Stände bis zum Ende des Reiches. Das Reichsoberhaupt wurde durch den »Prinzipalkommissar« vertreten, der seit 1748 aus dem fürstlichen Hause Thurn und Taxis (seit 1595 Inhaber des Postregals) kam; das Reichstagsdirektorium (Geschäftsführung und Protokoll) hatte Kurmainz inne. Jeder Reichsstand besaß das Recht zur Gesetzesinitiative. Obwohl auf dem Reichstag nur die bestehenden Obrigkeiten vertreten waren, viel Zeit auf konfessionellen Hader und protokollarische Rangstreitigkeiten verschwendet wurde und zahlreiche Probleme aus egoistischen Interessen, Unfähigkeit zum Kompromiss oder infolge fremder Einmischung »auf die lange Bank« geschoben wurden, wird man doch gerechterweise über diese erste gesamtdeutsche parlamentarische Einrichtung nicht zu hart urteilen dürfen. Denn abgesehen davon, dass der »Immerwährende Reichstag« für die Rechts-, Finanz-, Sozial-und Wirtschaftsordnung im Reich bedeutsame Gesetze erlassen hat, wirkte er als ein Forum des beständigen Dialogs zwischen den Ständen untereinander und mit dem Kaiser ausgleichend und friedewahrend und stellte so ein einigendes Band für die deutsche Nation dar. StändepyramideSchichtung der Gesellschaft. »Die Ständepyramide«, zeitgenössische symbolische Darstellung des Gesellschaftsaufbaus im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Die Reichskreise: Element des Föderalismus
Die von Ludwig XIV. ausgehende Bedrohung der deutschen Westgrenze durch Frankreich und der Aufmarsch der Türken im Südosten des Reiches beschleunigten die im »Westfälischen Frieden« vorgesehene Wiederbelebung der unter Maximilian I. (1493-1519) eingerichteten Reichskreise. Die Reform der Reichskriegsverfassung von 1681, die der Reichstag auf Initiative des Kaisers endlich verabschiedete, übertrug den Kreisen die Aufstellung und den Unterhalt einer Reichsarmee, zu der die kreisangehörigen Stände bestimmte Kontingente stellen sollten. Obwohl die Organisation auf vielfache Schwierigkeiten stieß, bestanden die schließlich doch zusammengetrommelten Truppen des Schwäbischen und des Fränkischen Kreises bei der Verteidigung des Oberrheins im »Spanischen Erbfolgekrieg« eine erste Bewährungsprobe. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts freilich sank die Reichsarmee aufgrund mangelnder Opferbereitschaft der Stände zur Bedeutungslosigkeit, ja zum Gespött herab. Dagegen gewannen die Reichskreise als Selbstverwaltungskörperschaften im Rahmen der Reichsverfassung zunehmend an Bedeutung. Sie übten die Polizeigewalt bei der Durchführung von Reichsschlüssen und der Vollstreckung reichsgerichtlicher Urteile aus, trugen Sorge für Landfrieden und öffentliche Ordnung und wurden auf den Gebieten der Wirtschafts-, Verkehrs- und Gesundheitspolitik tätig. Die politische Organisation der Reichskreise funktionierte allerdings nur dort, wo kein übermächtiger Territorialstaat die kleineren Kreismitglieder an die Wand drückte. Der Fürst, der das Kreisdirektorium innehatte, schrieb die Kreistage aus, auf denen die Gesandten der kreisangehörigen Stände über anstehende Probleme berieten. Der Geschäftsgang der Verhandlungen orientierte sich an der Praxis des Reichstags, doch gab es keine nach Konfessionen getrennte Abstimmung. Ein kaiserlicher Kommissar, der auch den Ehrenvorsitz führte, hielt die Verbindung zum Reichsoberhaupt aufrecht. Als Mittelinstanz zwischen »Kaiser und Reich« haben die Kreise wichtige Aufgaben wahrgenommen und den Gedanken des Föderalismus im Bewusstsein der Deutschen fest verankert. Zentralbehörden: Reichskammergericht, Reichshofrat, Reichskanzlei
Unter den wenigen zentralen Reichsbehörden, die sich trotz des Fehlens eines eigenen Beamtenapparats entwickeln konnten, kam dem Reichskammergericht die größte Bedeutung zu. Dieses Gericht, das 1495 ins Leben gerufen worden war und seinen Sitz seit 1693 in Wetzlar hatte, war zuständig für die Klagen aller unmittelbaren Glieder des Reiches und für Landfriedensbruch; außerdem war es Berufungsinstanz gegen Entscheidungen der landesherrlichen Gerichte, soweit dem nicht wie im Falle der Kurfürstentümer besondere Privilegien entgegenstanden. Sein Präsident, der hochadelige Kammerrichter, wurde vom Kaiser ernannt; die Beisitzer (»Assessoren«) stellten die Kurfürsten und die Reichskreise nach dem Konfessionsproporz. Da die zur Besoldung der Richter ausgeschriebenen sogenannten »Kammerzieler«, die einzige ständige Reichssteuer, nur schleppend eingingen, waren statt der vorgesehenen 50 Assessoren höchstens die Hälfte, oft auch nur 13 tätig. Überdies war die Arbeit des Gerichts durch konfessionelle Streitigkeiten und den häufigen Missbrauch des Rechtsmittels der Revision stark belastet, so dass sich zahllose Prozesse jahrzehnte- oder gar jahrhundertelang hinschleppten. Als der junge Goethe 1772 in Wetzlar praktizierte, lagen dort nicht weniger als zwanzigtausend unerledigte Rechtsfälle. Aber trotz seiner vielbespöttelten Schwerfälligkeit leistete das Reichskammergericht einen wesentlichen Beitrag zur Rechtssicherheit der Untertanen gegenüber ihren Landesherren. Durch seine Orientierung am Römischen Recht und seine Verfahrensordnung, die von den landesherrlichen Gerichten als vorbildlich übernommen wurde, wirkte es im Sinne einer Vereinheitlichung des deutschen Gerichtswesens und stützte so die Reichseinheit nicht wenig. Neben dem Reichskammergericht und teilweise in Konkurrenz zu ihm war am Sitz des Kaisers der »Reichshofrat« als zweites, gleichrangiges Reichsobergericht tätig. Ihm oblagen vor allem Gnadensachen, Fälle des Lehnsrechts und der Privilegien sowie Angelegenheiten, die Reichsitalien betrafen. Der Kaiser allein ernannte das Präsidium und die 18 Mitglieder (darunter 6 evangelische) dieses Hofgerichts, dessen Geschäftsbereich infolge der geschilderten Missstände am Reichskammergericht immer mehr anwuchs. Geborenes Mitglied des Reichshofrates war auch der »Reichsvizekanzler«, den der Kaiser im Einvernehmen mit dem Kurfürsten von Mainz berief. Dieser einzige Reichsminister vertrat den Kurerzkanzler am Kaiserhof und suchte als Leiter der Reichskanzlei mit wechselndem Erfolg Einfluss auf die kaiserliche Außenpolitik zu nehmen. Nach der Errichtung einer eigenen österreichischen Hofkanzlei (1620) sah sich die Reichskanzlei mehr und mehr in die Rolle eines bloßen Verbindungsbüros gedrängt. Doch leistete ein energischer Mann wie Friedrich Karl von Schönborn, der spätere Bischof von Bamberg und Würzburg, als Reichsvizekanzler von 1705 bis 1732 Bedeutendes für die Stärkung des Reichsgedankens und die Verteidigung spezifischer Reichsinteressen gegenüber österreichischen Übergriffen. Der Untergang des »Heiligen Römischen Reiches«
Trotz aller Schwerfälligkeit seiner Institutionen hatte das »Heilige Römische Reich« der deutschen Nation doch für viele Jahrhunderte eine politische Heimat gegeben, die ihrem Stolz wohltat, und bis weit in das 18. Jahrhundert hinein erstaunliche Energien entwickelt. Erst als seine beiden größten Gliedstaaten, Österreich und Preußen, weit über die Ostgrenzen des Reiches hinauswuchsen und zu europäischen Großmächten aufstiegen, wurde der Rahmen der Reichsverfassung durch diesen deutschen »Dualismus« gesprengt. Die mit elementarer Gewalt über die Grenzen flutenden französischen Revolutionsarmeen gaben schließlich dem alten Reich den Todesstoß. Der »Reichsdeputationshauptschluss« vom Jahre 1803 brachte eine radikale Änderung der deutschen Landkarte und schuf anstelle von nahezu zweitausend kleinen und kleinsten Territorien eine Reihe mittelgroßer Staaten. Als einziges geistliches Fürstentum blieb noch für wenige Jahre der Staat des Kurerzkanzlers erhalten, dem mit Regensburg und Wetzlar zwei Zentren des staatlichen Lebens im alten Reich zugewiesen wurden. Von den Reichsstädten konnten sich nur Augsburg (bis 1806), Frankfurt, Nürnberg (bis 1806) und die Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck vor der Mediatisierung retten. Obwohl Säkularisation (Enteignung des Kirchenbesitzes) und Mediatisierung (Aufhebung reichsunmittelbarer Fürstentümer) den Bau des Reiches von Grund auf erschüttert und ihn seiner tragenden Idee als Schutzgemeinschaft beraubt hatten, schien der Reichstag in gewohnter Weise weiterarbeiten zu wollen. Neue Reichsstände nahmen auf den Bänken des Reichssaales Platz, ja es wurden sogar neue Kurfürstentümer geschaffen (Baden, Württemberg, Salzburg, Hessen-Kassel). Aber als es Napoleon im »Frieden von Preßburg« (1805) gelang, Österreich gänzlich aus Deutschland hinauszudrängen, war das Ende gekommen. Baiern, Sachsen und Württemberg wurden zu Königreichen, Baden und Hessen-Darmstadt zu Großherzogtümern von Napoleons Gnaden. Am 12. Juli 1806 schlossen sich sechzehn süd- und westdeutsche Staaten zum »Rheinbund« unter französischem Protektorat zusammen und erklärten am 1. August förmlich ihren Austritt aus dem Reich. RheinbundGründung des Rheinbundes. Huldigung der 16 deutschen Fürsten, die ihre Trennung vom Reich erklärten und sich dem Protektorat des französischen Kaisers unterstellten, an Napoleon. Lithographie von C. Motte. Paris 1806. Angesichts dieser Lage und unter massivem Druck Napoleons legte daher Kaiser Franz II., der vorsorglich schon 1804 den Titel eines Kaisers von Österreich angenommen hatte, am 6. August 1806 die ehrwürdige Krone Ottos des Großen nieder, erklärte Amt und Würde des Reichsoberhauptes für erloschen und entband alle Reichsangehörigen von ihren Pflichten gegen Kaiser und Reich. So endete eine tausendjährige politische Lebensform des deutschen Volkes wenig rühmlich und ohne erkennbare Anzeichen schmerzlicher Betroffenheit. Aber schon nach wenigen Jahren träumte die Romantik von einer Wiederauferstehung der verflossenen Kaiserherrlichkeit des Mittelalters, und der Gedanke an ein neues Reich wurde zum Leitstern zahlloser Patrioten des 19. Jahrhunderts.