Aufklärung in Deutschland

Dass Kriege nur dann verhindert würden, wenn Aufklärung, internationaler Handel und vernünftige sittliche Staatspolitik allmählich alle Völker von Misstrauen und feindseligen Instinkten befreiten – davon gingen schon vor rund 200 Jahren Männer wie Immanuel Kant, Gotthold Ephraim Lessing, Voltaire, Diderot und John Locke aus. Sie alle prägten eine Epoche deutscher Geistesgeschichte, die im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte und das moderne wissenschaftliche und politische Denken bis in unsere Tage entscheidend geprägt hat. Ohne unmittelbare Vorläufer in Frankreich, England, den Niederlanden und der Schweiz wären Forderungen nach Toleranz und Wahrheit, vernünftigem Denken und Handeln nie laut geworden, hätte der Glaube an Reform und Rationalität, Vernunft und Verstand, das Gute im Menschen und die Verbesserungsfähigkeit sogar der Staaten und ihrer Lenker nie entstehen können. Ehe der Funke der Aufklärung in Deutschland zünden konnte, mussten erst die Grundfesten des mittelalterlichen Denkens erschüttert werden. Dies geschah in einem langsamen Prozess, der schon im 13. Jahrhundert mit der Entwicklung der Warenwirtschaft und der zunehmenden Arbeitsteilung begann. Neue wissenschaftliche und technische Errungenschaften und Umwälzungen, geografische Entdeckungen, der wachsende Seehandel und der damit verbundene Kolonialismus, und nicht zuletzt die Kapitalisierung der gewerblichen Produktion taten das ihre. Im Verlauf dieser Veränderungen löste die industriell-kapitalistische Wirtschaftsform die feudalistisch-agrarische ab, womit ganz allmählich das Bürgertum wirtschaftlich und politisch den Adel verdrängte. Diese wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen erschütterten das mittelalterliche Weltbild und Denken, das ja bislang im Banne einer festgefügten, von Gott so gewollten Ordnung gestanden hatte. Im 18. Jahrhundert befreien sich Wissenschaft, Religion und Ethik von der Vormundschaft der Theologie. Die scholastische Theologie insbesondere verliert ihre vorherrschende Stellung, alles bislang allein an Kirche und Glauben orientierte Denken richtet sich nun mehr und mehr auf die Welt aus und fragt nach dem Menschen und den Bedingungen seines Lebens. Man spricht deshalb von der Säkularisierung, d. h. Verweltlichung des Denkens. Es entstand damit ein gesteigertes Interesse am Menschen, das Glück des Menschen in dieser Welt wurde zum Gegenstand aufgeklärten Denkens und in zweiter Linie auch staatlichen Handelns. Die Zeiten, als man sich noch vollkommen ernsthaft darüber im Gelehrtendisput erhitzte, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten, waren endgültig überwunden. Renaissance und Reformation: Wegbereiter der Aufklärung
Im Mittelalter hatten die Theologen und Philosophen die Welt noch mit Methoden gedeutet, die ihnen die katholische Heilslehre und der Offenbarungsglaube an die Hand gegeben hatten. Ewig gültige »Wahrheiten« standen hinter ihren Überlegungen und lenkten das Denken in entsprechende Bahnen. Im Zeitalter der Renaissance änderte sich dies radikal: Die Wissenschaft konkurrierte jetzt mit den traditionellen sakralen, kirchlich-theologischen Methoden und – was viel wichtiger ist! – sie führte zu jeweils unterschiedlichen Ergebnissen. Diese sind an der praktischen Vernunft (lat.: ratio, Rationalismus) ausgerichtet, da sie nämlich nicht über vorher festgelegte »Wahrheiten« (Axiome), sondern über Experiment und Erfahrung gefunden werden. Auf der Suche nach neuen Wegen der Wahrheitsfindung kamen die Philosophen der Renaissance zur Erkenntnis der »wahren Natur«, des »wahren Gottes« und des »wahren Glücks« – der Mensch löste Gott, den bisherigen Mittelpunkt des Denkens, endgültig ab. Die katholische Kirche hatte schon durch diesen »Humanismus« wichtige Bastionen eingebüßt. Durch die Reformation 1517-1555 sollten die abendländische Kircheneinheit dann ganz gesprengt werden, neue kirchliche Gemeinschaften und mit dem Protestantismus sogar neue religiöse Haltungen entstehen. Die Reformation und Luthers vereinheitlichende deutsche (Bibel-) Sprache, die zunehmende Buchproduktion, ein allgemeiner Trend zu stärker auf das Weltliche hin orientierten Denk- und Lebensweisen veränderten das geistig-religiöse Klima, aber auch das wirtschaftlich-politische Leben noch mehr. Durch diese Umwälzung hatten immer mehr Menschen die Chance bekommen, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, sich zu bilden und Handel zu treiben. Mit ihren großen astronomischen und physikalischen Entdeckungen hatten schon der deutsche Astronom und Physiker Johannes Kepler (* 1571, † 1630) und der italienische Wissenschaftler Galileo Galilei (* 1564, † 1642) das überkommene Denken erschüttert. Nachdem dann der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon (* 1561, † 1626) Erfahrung (griech.: Empirie) und Induktion (schrittweise Schlussfolgerung vom einzelnen auf das Allgemeingesetzliche) zur Grundlage wissenschaftlicher Untersuchung erklärt, der englische Physiker und Mathematiker Isaac Newton (* 1643, † 1727) die Gesetze der Schwerkraft gefunden, der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler (* 1707, † 1783) die Grundlagen der Mathematik formuliert hatte und die Gesetze der Mechanik gefunden worden waren, konnte die Welt nun rational erklärt werden. Optik, Akustik, Chemie, Geologie, Zoologie, Physiologie und Medizin entwickelten sich im 17. und 18. Jahrhundert und waren auf dem Weg, sich zu eigenen universitären Disziplinen zu mausern. Mathematische Klarheit wurde zum Schlagwort der Epoche, die Mechanik faszinierte! Auf den großen Entdeckungsreisen im 15. und 16. Jahrhundert lernten die Europäer fremde Kulturen und Erdteile kennen, die auch ohne Christentum entwickelt und blühend waren. Dadurch kamen erste Zweifel an der Überlegenheit der christlichen abendländischen Kultur auf, die gerade in der Frage der religiösen Toleranz von den vermeintlichen »Wilden« einiges lernen konnte. Weithin wird mit dem Zeitalter der Entdeckungsfahrten und der Reformation daher auch der Beginn der Neuzeit angesetzt – in jedem Fall liegen hier wichtige Entstehungsbedingungen für den Erfolg, den die Aufklärung rund 200 Jahre später erringen konnte. Die deutsche Aufklärung ist ohne das Ausland undenkbar. Englische, besonders aber französische Philosophen gaben wichtige Impulse an die deutschen Aufklärer weiter, die sie unter den spezifisch deutschen Bedingungen des 17. und 18. Jahrhunderts aufgriffen und verarbeiteten. Das deutsche Bürgertum hatte sich wirtschaftlich und politisch ja langsamer und viel später als das englische und französische aus adeliger Bevormundung gelöst, da sein Land aus vielen kleinen, absolutistisch regierten Territorialstaaten bestand. Die Frühaufklärung im Zeichen des Rationalismus
Zwischen 1650 und 1725 regte sich aufgeklärte Kritik zuerst in den Handelsmetropolen Hamburg und Leipzig. Progressive Vertreter des Bürgertums entwickelten dort eigene Moralvorstellungen, an denen gemessen der lasterhafte Adel nur schlecht abschneiden konnte. In moralischen Wochenschriften (»Vernünftler«, »Patriot«) wurden bürgerliche Tugenden propagiert: Fleiß, Sparsamkeit und nüchternes Kalkül. Sogar die herkömmliche Rolle der Frau kam ins Wanken: die lesende, ja sogar die gelehrte Frau wurde zum Ideal aufgeklärter Männer – vorausgesetzt natürlich, die Lektüre war »nützlich« und das Lesen wurde mit gleichzeitigem Stricken verbunden. Nur wenige Männer hielten indes Frauen für gleichrangig und teilten die Einschätzung des deutschen Juristen und Philosophen Christian Thomasius (* 1655, † 1728), der tatsächlich davon ausging, dass »Weibes-Personen der Gelahrtheit sowohl fähig sind als Manns-Personen«. Weil er davon überzeugt war, dass man die Wahrheit eher in der Diskussion finden könne, als im gläubigen Akzeptieren vorgesetzter Normen, gründete Thomasius eine Zeitschrift, die er »Monatsgespräche« nannte. Sie erschien monatlich zwischen 1688 und 1689 – und zwar auf deutsch! Das war ebenso ungewöhnlich wie das Auftreten des Herausgebers in universitären Vorlesungen, wo er nämlich mit der lateinischen Vortrags- und Gelehrtentradition brach, der Verständlichkeit halber in der Muttersprache seiner Zuhörer redete und damit seinen Rausschmiss provozierte. Hauptsächlich hatte er diesen allerdings einer gewagten These zuzuschreiben, dass der Mensch nämlich ebenso mit der chinesischen Staats- und Sittenlehre des Konfuzianismus sein Glück finden könne! Wenig zimperlich formulierte Thomasius auch seine Kritik am Gottesgnadentum – das entsprechende Heft der Monatsgespräche wurde daraufhin in Kopenhagen öffentlich verbrannt. Ziel all seiner Schriften: Entwurf einer praktischen Philosophie, die allen Menschen zeigen kann, wie man vorurteilsfrei und gleichberechtigt leben kann. Thomasius ging nicht nur von der Gleichheit der Geschlechter aus, sondern von einem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz, auf den sich Liebe gründe und so – möglicherweise – sogar eine Abschaffung des Privateigentums erlaube. Aber das waren Utopien, denen der Philosoph nur in seiner Jugend anhing. Später wandte er sich Konkreterem zu, schrieb Traktate gegen Hexenverfolgung, Bestrafung von Ketzern und Körperstrafen. Zeitlebens hielt er an der Forderung nach selbstständigem Denken fest, an der Freiheit von der Theologie und der Unabhängigkeit von Autoritäten – zu Recht nannte man ihn den »Vater der Aufklärung«. Die Welt ist die beste aller Welten – Und sie wird noch besser, wenn man sie ordnet: Von Leibniz zu Wolff
Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz
Die gelehrte Welt stand um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert unter dem Einfluss des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (* 1646, † 1716). Dieser hatte ein neues Weltbild, eine Metaphysik (siehe unten) entworfen, in der es darum ging, auch das Böse in der Welt – angesichts eines gütigen Gottes eigentlich ein Widerspruch – zu erklären. Leibniz findet die Antwort im optimistischen Entwurf einer Welt, die nicht dem Walten blinder Mächte unterworfen ist, sondern auf einer vorgegebenen Harmonie beruht, die ein ständiges Fortschreiten der Menschen zum Besseren ermöglicht. Die Welt ist als »beste aller möglichen Welten« auf die Möglichkeit zur steten Verbesserung hin angelegt – damit war die Idee von der göttlichen Güte und Vorsehung gerettet, Leibniz ein Mann zwischen überkommenen Gedanken und revolutionären Vorstellungen. Metaphysik (griech.: meta ta physika: nach der Physik. Gemeint sind in der Anordnung der aristotelischen Schriften die hinter der Physik eingeordneten Themen)
Die philosophische Lehre vom Übersinnlichen, von den letzten Gründen und Zusammenhängen des Seins. Sie fragt nach dem, was jenseits der materiellen Welt existiert und beschreibt dann damit das Wesen des Seienden. Im Grunde befasst sie sich also mit »Gott und der Welt«. Christian Wolff
Christian Freiherr von Wolff
Durch die systematischen Arbeiten des deutschen Philosophen Christian Wolff (* 1679, † 1754) wurden seine Überlegungen rasch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aufgrund dieser Popularität war es Wolff, der die Phase der Frühaufklärung zwischen 1720 und 1750 prägte. Diese Popularität nahm nach seiner Vertreibung von der Universität Halle (theologische Kollegen hatten sie betrieben, der preußische König vollzogen) noch zu. Rene Descartes
René Descartes
Aber die Beliebtheit der Wolffschen Schriften hat noch andere Gründe: sein denkerisches System ist an der Mathematik ausgerichtet, Erkenntnis findet nur da statt – und hier zeigt sich Wolff als gelehriger Schüler des französischen Philosophen Descartes -, wo Erfahrungen auf eindeutige Weise definiert und nach vorgegebenen Regeln unzweifelhaft geltenden Prinzipien zugeordnet werden können. Genauigkeit hält damit Einzug in die deutsche Philosophie: Denken und Sprechen werden reglementiert, Regelhaftigkeit bleibt oberstes Ziel. Mit rationalen Kriterien wird wild wuchernde Spekulation von ehedem gezähmt – was in Handel und Wirtschaft längst ehernes Gesetz und Erfolgsgarantie ist, hält spätestens seit Wolff Einzug in das Denken. Gerade dieser perfekte Ordnungsentwurf macht die Faszination seines Rationalismus aus. Analog zu dieser Methode stellte Johann Christoph Gottsched (* 1700, † 1766) eine »Kritische Dichtkunst« auf, die wie Wolffs Metaphysik buchstabengetreu und fast pedantisch angewandt wurde. Wolffs geschlossenes, logisch konsequentes System, Gesellschaft, Natur und Religion umfassend, vertrieb die Metaphysik (= Lehre vom Übernatürlichen) endgültig von den Universitäten und inspirierte die großen enzyklopädischen Zusammenfassungen von Wissen (z. B. Johann Heinrich Zedlers »Großes vollständiges Universallexikon«). »Eifer für die Wahrheit« und »Liebe zur Verbannung verderblicher Irrtümer«
Unter diesem Motto erschien zwischen 1783 und 1796 die »Berlinische Monatsschrift«, ein Forum für die hellsten Köpfe der Zeit – bald wenig liebevoll als »Aufklärungsclique« tituliert: Immanuel Kant (* 1724, † 1804), Moses Mendelssohn (* 1729, † 1786), Friedrich Nicolai (* 1733, † 1811), Christian F.D. Schubart (* 1739, † 1791), Christian Garve (* 1742, † 1798), Karl Wilhelm Ramler (* 1725, † 1798) und die Amerikaner Benjamin Franklin (* 1706, † l790), Thomas Jefferson (* 1743, † 1826) sowie viele andere mehr gehörten zu den Autoren. Nicolai, Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing (* 1729, † 1781) waren Zentrum dieser Aufklärung von »praktisch-verständlichem Charakter und spezifisch berlinischem Geiste«, wie der Historiker Ernst Troeltsch im 19. Jahrhundert anerkennend formulierte. Friedrich Nicolai
Aufgeklärtes Bürgertum. Friedrich Nicolai, bedeutender Schriftsteller und Verlagsbuchhändler seiner Zeit, im Kreis seiner Familie. Gemälde von Daniel N. Chodowiecki. Rasch hintereinander erschienen in dieser Zeitschrift zwei programmatische Beiträge aus der Feder führender Philosophen. Moses Mendelssohn und Immanuel Kant beantworteten 1784 die ein Jahr zuvor in einer Fußnote gestellte Frage: »Was ist Aufklärung?« Sie hielten diese Frage für fast so wichtig wie die Frage nach Wahrheit. Moses Mendelssohn
Moses Mendelssohn
Mendelssohn war den deutschen Juden jahrzehntelang die Symbolfigur schlechthin für die Verbindung von Aufklärung, Judentum und Judenemanzipation. Als Philosoph war er ungemein fruchtbar, unermütlich tätig für die Propagierung fortschrittlicher Ideen, in mancher Hinsicht sogar Anreger für manche Thesen Lessings und Kants. Aufklärung ist für ihn wie Kultur ein Teil der Bildung, wobei Kultur »Güte, Freiheit und Schönheit in Handwerken, Künsten und Geselligkeitssitten [...], Fertigkeit, Fleiß und Geschicklichkeit« umfasst. Aufklärung dagegen beziehe sich mehr auf das Theoretische, »auf vernünftige Erkenntnis [...], die Fertigkeit zum vernünftigen Nachdenken«. Ganz klarsichtig benennt Mendelssohn auch, wohin Missbrauch dieser Fertigkeiten führen kann: »Zu Hartsinn, Egoismus, Irreligion und Anarchie«. Weitaus berühmter wurde Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«, die mit der bekannten, unvergleichlich präzisen Definition beginnt: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen«. Was ist Aufklärung? Von Immanuel Kant
Immanuel Kant
Immanuel Kant
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Lenkung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Zu dieser Aufklärung wird aber nichts weiter gefordert als Freiheit, und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen [...]. Wenn gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Dass die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen, schon imstande wären, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein dass jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung oder des Ausganges aus selbstverschuldeter Unmündigkeit allmählich weniger werden, davon haben wir deutliche Anzeichen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter ein Zeitalter der Aufklärung oder das Jahrhundert Friedrichs. [...] Wenn denn die Natur [...] den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volkes (wodurch dies der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.
Aus: »Was ist Aufklärung?« von Immanuel Kant (1784). In: Kants Ges. Schriften. Berlin 1812. Bd. VIII Vorbedingung aller Aufklärung ist für Kant Freiheit – allerdings nicht schranken- oder gesetzlose Freiheit, erreicht durch Revolution, die er theoretisch ablehnt – sondern Freiheit zur Aufklärung der Öffentlichkeit durch die Minderheit der »Selbstdenkenden«. Das heißt konkret: Recht der freien Meinungsäußerung in Wort und Schrift, primär im akademischen Bereich. Reform also durch die anfeuernde Wirkung öffentlicher wissenschaftlicher Diskussion, welche die Monarchen zur Einsicht in die notwendige Veränderung der Verhältnisse bewegen kann! Diese Aufklärung »von oben« wirkte dann in letzter Instanz dialektisch auf das Volk zurück und entfaltete so eine erhebliche Breitenwirkung. Was hinter dieser Argumentation steckt, ist ungebrochener Optimismus, gipfelnd in der Ermutigung »Sapere aude« – »Trau dich, selbst kritisch nachzudenken – den eigenen Verstand zu benutzen!« »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« – Radikale politische Positionen innerhalb der Aufklärung
Zentrales Problem war für viele Aufklärer die Revolution eigentlich erst seit ihrem Sieg in Frankreich – vorher standen die fortschrittlichen Geister im großen und ganzen auf dem Boden des aufgeklärten Absolutismus und sahen in ihren eigenen Prinzipien (»der Mensch ist frei geboren«, »der Mensch ist von Natur aus gut«) und absolutistischer Herrschaft zumindest theoretisch keinen Widerspruch. Die siegreiche Erstürmung der Bastille 1789 gab den wenigen Radikalaufklärern in Deutschland Auftrieb. Der Republikaner Johann Benjamin Erhard (* 1766, † 1827) gehört zu den wenigen deutschen Jakobinern (benannt nach den radikalen französischen Republikanern). Er hielt auch die terroristische Phase der französischen Revolution für gerechtfertigt und arbeitete politisch für die Republik in Süddeutschland. Oberste Maxime seines Denkens: Gerechtigkeit und Menschenrechte. Und wo diese nicht gewährt werden, hat das Volk ein moralisches Recht auf Revolution. Damit widersprach er entschieden Kant und bediente sich doch dessen Terminologie der »selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Obwohl Erhard beileibe kein »Berufsrevolutionär« war und auch Reformpolitik gelten ließ, wurde sein Buch schon im Erscheinungsjahr 1795 verboten … Wie kommen die Gedanken der Philosophen in die Köpfe der Menschen?
oder provokanter gefragt – Kommen sie überhaupt jemals dorthin? Gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte nur eine Minderheit lesen und schreiben, noch weniger besaßen überhaupt Bücher. Der selbstbewusste Anspruch, mit den Strahlen der aufgehenden Sonne die Dunkelheit überkommener Kultur und Tradition zu vertreiben, sollte zumindest dort schwer zu verwirklichen sein, wo Bauern und Handwerker in den gewohnten Lebensformen lebten, das heißt ohne Berührung mit der gebildeten Welt und ihrem Schrifttum. Mögliche Vermittlungsinstanzen konnten nur Schule und Kirche sein. Predigten und Erbauungsschriften transportierten unter dem Einfluss der deutschen Aufklärung eine Reihe der neuen Gedanken ins Volk, naturgemäß in popularisierten Form und thematisch eng an Glaubensfragen orientiert. Sie brachten einen spürbaren Wandel zum Ausdruck, der sich innerhalb der protestantischen Theologie allmählich vollzogen hatte: Die inzwischen eingetretene Starrheit der lutherischen Theologie, ihre fehlende Flexibilität und Fähigkeit, auf Fragen zu antworten, die den Gläubigen bewegten, hatten die Suche nach neuen Frömmigkeitsformen initiiert. So entstand (vor allem im protestantischen Norddeutschland, aber auch in Württemberg) der sogenannte »Pietismus«. Er schmälerte den bisherigen Einfluss von Pastoren, Kirche und Orthodoxie, zunächst natürlich bei den Gebildeten. Diese gaben die neuen pietistischen Ideale (Herzensfrömmigkeit, Mitmenschlichkeit, Selbstbeobachtung und Selbstständigkeit in Denken und Fühlen) in Predigt, Kirchenlied, Volksschule und pietistischen Zirkeln weiter und leisteten damit einen fruchtbaren Beitrag zum facettenreichen Spektrum der Aufklärung. Denn der Pietismus war nicht nur gegen theologische Autoritäten gerichtet, sondern auch gegen den Rationalismus eines Descartes. Dafür verfocht er eine ›Art Pansophie‹ – die Verehrung Gottes in allen Erscheinungen der Welt -, gepaart mit ungemein leistungs- und zweckbezogenen, utilitaristischen Lebensidealen. Aufklärung, Pietismus, Rationalismus und Empfindsamkeit – diese scheinbar konträren Bereiche gehen im 18. Jahrhundert Hand in Hand und haben alle einen gemeinsamen Fluchtpunkt, den Menschen nämlich praktisches und ideologisches Rüstzeug an die Hand zu geben, in einer zunehmend stärker leistungsorientierten Gesellschaft sich behaupten und die individuelle Existenz als glücklich und am höheren Ziel orientiert empfinden zu können. Den Menschen bilden, heißt ihn bessern – Der pädagogische Optimismus der Aufklärung
Zu wichtigen Agenturen der neuen Inhalte und Erkenntnisse wurden die Universitäten, insbesondere die zum Teil neugegründeten landesherrlichen wie etwa Halle, Göttingen und Leipzig. Der hier wehende freie Geist förderte die Reform der wissenschaftlichen Methoden und ihre Vermittlung. Wie magisch angezogen, bildeten sich an diesen Orten Gruppen bürgerlicher Intellektueller mit geradezu unbezwingbarer Bereitschaft, sich mit aufgeklärtem Bildungsgut zu beschäftigen. Die Bürgerlichen waren dabei stets die sogenannten »gesitteten Stände«, während von einer durchgehenden Volksbildung noch keine Rede sein konnte. Die über 70 Prozent Analphabeten am Ende des 18. Jahrhunderts sprechen eine deutliche Sprache. Nahm man eine Ausweitung der Aufklärungsidee in allen Volksschichten ernst, musste der steinige Weg umfassender Volksbildung beschritten werden. Hilfreiche Grundannahme bildete dabei die These von der nahezu grenzenlosen Bildbarkeit des Menschen. Universität GöttingenZentrum fortschrittlicher Wissenschaft: Universität Göttingen. Bibliothek und ursprünglich zugleich das Hauptgebäude. Stammbuchkupfer vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach den Vorstellungen des Schweizer Schriftstellers und Philosophen Jean-Jacques Rousseau (* 1712, † 1778) konnte der von Natur aus gute Mensch überhaupt nur durch Bildung zu seiner eigentlichen Bestimmung gelangen. In diesem Sinne ist der Erziehungs- und Bildungsoptimismus der Aufklärung zu verstehen, der das ganze Menschengeschlecht sittlich bessern wollte. Von den großen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (* 1746, † 1827), Joachim Heinrich Campe (* 1746, † 1818) und Johannes Bernhard Basedow (* 1724, † l790) wurden schließlich weitreichende Reformansätze entwickelt, die an die Stelle von »totem Wissen«, inhaltslosen Formeln und Phrasen die Förderung von Geist und Persönlichkeit ins Zentrum pädagogischer Bemühungen rückten. Vor allem das sogenannte »Philantropium«, 1774 von Basedow in Dessau als eine »Werkstatt der Menschenfreundlichkeit« gegründet, genoss als Modell die Sympathien vieler Fürsten, Philosophen und Literaten. Unterrichtsgegenstände wurden nach ihrer praktischen Nützlichkeit ausgewählt; Willensbildung, Körpererziehung, Ehrgeiz und spielerisches Lernen sollten menschliche Haltungen, allgemeine »Brüderlichkeit« befördern und sichern. Trotz pädagogischer Impulse durch Pietismus und Aufklärung sowie zahlreicher Verordnungen über den Schulbesuch ist das Angebot an öffentlichen Schulen für die einfache Bevölkerung noch am Ende des 18. Jahrhunderts mangelhaft. Es gelang also nicht, den Widerspruch zwischen Realität und Anspruch zu lösen, wenngleich sich durch Veränderung der Bildungsinhalte, insbesondere bei den neuen Realschulen, die Schwerpunkte in Richtung auf mehr praxisbezogene Ausbildung verlagerten. Das wohlwollende Verständnis der Herrschenden gegenüber der durch und durch utilitaristischen Pädagogik kann in ihrem betont ökonomischen, auf praktische Nützlichkeit ausgerichteten Grundzug seine Erklärung finden. Konnte man mehr verlangen als einen sparsamen, tugendhaften und auf seine Arbeitsleistung stolzen Untertanen? Mit diesem Ziel vor Augen trug der Volksaufklärer Rudolf Zacharias Becker (* 1752, † 1822) in seinem »Nutz- und Hilfsbüchlein« Nützliches in leicht verständlicher Form zusammen. 1798, zehn Jahre nach Erscheinen des Werkes, erreichte es bereits 150 000 Exemplare, später sogar eine Million. Ein Erfolgsgeheimnis: manche Fürsten versorgten ihre Untertanen auf eigene Rechnung kostenlos mit dieser Broschüre. Turmhoch über dieser löblichen, doch zweifellos stark eingeschränkten Variante aufgeklärter Bemühungen standen die philosophischen und literarischen Neuansätze, deren Distanz zu den Niederungen utilitaristischer Volksaufklärung unüberwindbar schien. Den vielleicht lebhaftesten Einblick in die rege geistige Auseinandersetzung und den Wissensdurst der Zeit gewährt die rasch zunehmende Anzahl von Zeitschriften. Für 1790 wird eine Zahl von 3500 deutschsprachigen Blättern angegeben. Lag der Schwerpunkt in der ersten Jahrhunderthälfte noch auf erbaulichen Inhalten, so weitete sich danach das Spektrum in alle Bereiche von Wissenschaft, Literatur und bürgerlicher Kultur. Die Wege zu einer freien Gesellschaft – Der lange Weg vom Kopf zur Realität
Es konnte nicht ausbleiben, dass die in den verschiedensten Disziplinen und Bereichen des öffentlichen Lebens nach vorn drängende Bewegung auch dazu führte, Rechtfertigung und Form staatlicher Herrschaften neu zu überdenken. In dem Maß, wie dieser Prozess den absoluten Herrschern aufgeklärte Grundsätze vertraut machte, eröffnete er gleichzeitig den Anliegen der Aufklärer ein weites Betätigungsfeld. Bereits die absolutistische Staatstheorie gründete darauf, dass der Staat und seine Ordnung nicht göttlichen Ursprungs, sondern aus menschlicher Vernunft hervorgegangen seien. Diese etwa von dem englischen Philosophen Thomas Hobbes (* 1588, † l679) entwickelte Herleitung bot in sich den Ansatzpunkt, darüber nachzudenken, welche Forderungen ein auf Vernunft gegründetes Staatswesen zu erfüllen habe. Früh tat dies in Deutschland der Philosoph Samuel Pufendorf (* 1632, † 1694) und wurde damit zu einer Art Wegbereiter der politischen Aufklärung hierzulande. Schon 1689 hatte der englische Denker John Locke (* 1632, † 1704) formuliert, die Vernunft lehre, alle Menschen seien gleich und unabhängig. Er folgerte daraus, dass sie daher in ihrer Persönlichkeit unantastbar seien und gegebenenfalls ein Widerstandsrecht in Anspruch nehmen könnten, wenn eine ungesetzliche Gewalt ihr Vertrauen missbrauche. Hintergrund dieser Gedanken war der englische Verfassungsstaat. In kürzester Zeit beherrschten Lockes Sätze die staatstheoretische Diskussion in Europa. Den gleichen Weg wiesen der französische Philosoph Charles de Secondat Montesquieu (* 1689, † 1755), der für eine angstfreie, menschliche Gesellschaft eintrat, die Teilung und gegenseitige Kontrolle der staatlichen Gewalt forderte, sowie Jean-Jacques Rousseau. In seiner richtungweisenden Abhandlung »Der Gesellschaftsvertrag« (1762) resümiert er: »Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf seine Menschlichkeit, die Menschenrechte [...] verzichten.« Diese Forderungen und Einsichten blieben freilich in einer Zeit des voll funktionsfähigen Absolutismus zunächst Entwürfe ohne die Chance einer raschen und vollständigen Verwirklichung. Dennoch bahnten sie den Weg für den modernen ›Toleranzstaat‹ in Deutschland. Dass sie auch für das 18. Jahrhundert nicht unerreichbar bleiben sollten, bewiesen die amerikanische Verfassung und die Erklärung der Menschenrechte im Anschluss an die Französische Revolution. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehren sich die aufgeklärten Geister unter den Herrscherpersönlichkeiten. Der Historiker Rudolf Vierhaus bemerkt allerdings: »Auch der sogenannte aufgeklärte Absolutismus ist Absolutismus geblieben.« Die von oben anerkannte Verpflichtung gegenüber den Untertanen war weiterhin verknüpft mit einer göttlichen oder naturrechtlichen Ausnahmestellung des Fürsten, dessen vernünftige Regierung einen Reformkurs steuern sollte. Friedrich II. König von Preußen, bereits den Zeitgenossen ein Idealbild aufgeklärter Herrschertugenden, sah sich als »erster Diener seines Staates«, der »alles für das Volk, nichts durch das Volk« entschied. Der in den aufgeklärten Köpfen der Herren eingetretene Sinneswandel musste den teilweise recht eingeschüchterten Untertanen begreiflich gemacht werden, die ja häufig bis dahin hilflos einer Willkürherrschaft ausgeliefert waren. 1777 erhielt der Dichter Matthias Claudius (* 1740, † 1815) den Auftrag, für den Landgrafen von Hessen einen Erlass zu verfassen, in dem mögliches Misstrauen der Landeskinder zerstreut werden sollte. Der Landgraf beteuerte »im Angesicht des ganzen Landes« durch seine »feierliche Zusage«, dass er sich nicht »unter dem Vorwand von gutem Rat und Verbesserung in der Stille den Weg zu neuen Steuern, Auflagen und Belästigungen des Untertanen« ebnen wolle, sondern es vielmehr sein Wunsch sei, »sein ganzes Leben froher, seinen Himmel blauer, ihn stolz auf sein Vaterland, zufrieden mit sich selbst und dankbar gegen seinen Fürsten zu machen«. Die Zukunft gehört der vernünftigen Planung – Wer klug ist, wagt den Blick über die Grenzen
Fragt man sich nach dem Weg, den die Gedanken der politischen Aufklärung – und nicht nur sie! – nahmen, so sind nicht von ungefähr England und Holland als Ursprungsländer zu nennen, in denen wesentliche Forderungen beispielhaft verwirklicht werden. Wirtschaftlich und sozial viel weiter fortgeschritten, blickten beide auf ein tonangebendes, flexibles und selbstbewusstes Bürgertum, dessen politische Forderungen und ökonomischer Erfolg gegenüber dem absolutistischen Europa deutlich überlegen waren. Welthandel und Warenumschlag ähnlich effektiv zu betreiben, die Vorzüge von Technik und Wissenschaft gleichermaßen zu nutzen, nötigten das absolutistische Europa, sich den Neuerungen und Einflüssen der aufgeklärten Staaten, wenn auch zögernd, zu öffnen. So vielfältig wie die politische Landschaft war denn auch die von den Fürsten gewagte Ankoppelung an die neue Zeit, stets unter der Prämisse obrigkeitsstaatlicher Kontrolle. Ausmaß und Intensität politischer und gedanklicher Öffnung waren leicht zu zügeln, da ein mächtiges Bürgertum, ausgestattet mit nationaler Identität, in Deutschland noch nicht vorhanden war. Dennoch verbreitete sich unter den Gebildeten das Gefühl eines Aufbruchs, der konkret in der Lockerung feudaler Standesschranken, in der Aufwertung von Technik und Wissenschaften oder in der Gewährung von religiöser und wissenschaftlicher Freiheit spürbar war. Die nicht zu unterschätzende ökonomische Bedeutung dieser Öffnung mögen zwei Beispiele belegen. Es spricht für sich, wenn bereits 1652 Landgraf Karl Ludwig von der Pfalz in seinem vom Kriege völlig zerrütteten Land die Stadt Mannheim gründete und sie mit völliger Handels-, Gewerbe-, Zug- und Religionsfreiheit ausstattete. Die Vorbilder dazu fand er in Holland. Der bewunderte und taktisch ausgefuchste Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (* 1640, † 1688) half seinem armen und dünn besiedelten Land auf die Füße durch großzügige Aufnahme von Protestanten und Hugenotten. Aus seiner Hochachtung vor landwirtschaftlichen und technischen Errungenschaften aus Holland machte er nie einen Hehl. Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire! Kritik zu Nutzen und Frommen aller Bürger
Bereits weit vor der eigentlichen Epoche der Aufklärung haben also weitsichtige Fürsten in Deutschland an ihren Errungenschaften partizipieren wollen. Natürlich konnte dies auf die Dauer nicht geschehen, ohne mit der gesamten Bewegung konfrontiert zu werden. Gerade im wirtschaftlichen Bereich konnten die Bürger eine so große Bedeutung gewinnen, dass ihre Forderung nach einer »natürlichen«, nach freien Gesetzen funktionierenden Wirtschaft das starre System merkantilistisch geprägter Staatswirtschaft allmählich verdrängte. Mit der Idealvorstellung eines ungehemmten Wirtschaftskreislaufs wurde eine ökonomische Theorie entwickelt, die bis in die heutige Zeit von weitreichender wirtschaftlicher Bedeutung ist. Den ökonomischen Freiheiten (gerne gewährt, weil sie Steuerkraft und Wohlfahrt erhöhten) entsprachen keineswegs die politischen. Hier blieben die Grenzlinien eng gezogen, das heißt, man ging selten über allgemeine Religions- und Gewissensfreiheit hinaus. Bereits die nach dem Buchstaben des Gesetzes gesicherte Pressefreiheit in Preußen wurde in der Praxis nach Belieben beschnitten. Entsprechende Klagen, etwa des Dichters und Publizisten Gotthold Ephraim Lessing, belegen das. Überhaupt reagierte man in dem kritikfreudigen Jahrhundert sehr dünnhäutig auf Kritik, soweit sie sich auf noch lebende Personen der politischen Öffentlichkeit bezog. Über den Satiriker Christian Ludwig Liscow (* 1701, † 1760) wissen wir, dass er aus Dresden verbannt und entlassen wurde, weil er sich kritisch über den Zustand der sächsischen Staatsfinanzen geäußert hatte. Auch was unter dem weltoffenen Preußenkönig Friedrich II. erlaubt, ja sogar erwünscht war, über Nutzen und Grenzen der Aufklärung öffentlich nachzudenken, reichte unter seinem kleinlichen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (* 1744, † 1797) dazu, außer Landes gewiesen zu werden. So geschehen im Jahre 1793 im Fall des evangelischen Theologen Andreas Riem. Der Erziehungsminister des gleichen Königs war es auch, der über den Königsberger Philosophen Immanuel Kant ein Lehrverbot verhängte. Es wird deutlich, dass ohne institutionelle Sicherung Fortschritt und Bestand politischer Aufklärung von der Einsicht des Herrschers abhingen. In der Vorstellung, der aufgeklärte Fürst werde als Folge seiner Regierung das Volk allmählich durch Erziehung, Leitung und Gesetzgebung seiner glücklichen Zukunft zuführen, war die Möglichkeit einer Kritik von unten überhaupt nicht vorgesehen. Nur die wenigen gebildeten Aufklärer waren allenfalls berechtigt, sich vermittelnd oder mit konstruktiven Vorschlägen einzuschalten. Demzufolge vermisst man in der theoretischen politischen Diskussion freie und selbstständige Entwürfe, die vergleichbar wären mit den Schriften von John Locke und Montesquieu. Auch auf seiten der Herrscher bildete Friedrich II. mit seinen staatspolitischen Überlegungen eine Ausnahme. Seine politischen Zielsetzungen beleuchtet die Tatsache, dass er kurz nach Regierungsantritt Christian Wolff, den Hauptvertreter der rationalistischen Aufklärung, nach Berlin berufen hat. In der Regel bewegte sich die wissenschaftlich-publizistische Diskussion im engen Rahmen. Ja selbst die aufgeklärte Theologie, unter dem Schutz freier religiöser Entfaltung an den Universitäten gelehrt, fand nicht immer einen Weg auf die Kanzeln. Selbsternannte orthodoxe Wächter argwöhnten Abfall vom rechten Glauben und stemmten sich mit Macht gegen Neuerungen. Der Hamburger Hauptpastor Goeze, bekannt geworden durch seine Kontroversen mit Gotthold Ephraim Lessing, ist ein Musterbeispiel dafür. All diesen Einschränkungen zum Trotz bedeutete der aufgeklärte Staat nicht nur für eine kleine privilegierte Gruppe einen spürbaren Fortschritt in ihrem alltäglichen Leben. Das Preußen Friedrichs II. konnte immerhin für sich verbuchen, Religionsfreiheit und -gleichheit aller vor dem Gesetz verwirklicht zu haben. Von ähnlicher Bedeutung waren die Abschaffung von Folter und Hexenverfolgung in Preußen, die vernünftiger und humaner Gerichtsbarkeit widersprachen. Erkauft werden musste dies allerdings mit innenpolitischer Kritiklosigkeit und dem Ehrgeiz des Preußenkönigs, auf dem Schlachtfeld nach Großmachtehre zu streben. Bleibt zu bemerken, dass Kriege nach aufgeklärter Vorstellung im Grunde wider die Vernunft waren. Neben dem gern zitierten aufgeklärten Preußen und dem Österreich Josephs II. tritt oft in den Hintergrund, wie sehr manch anderer deutscher (Klein-)Staat vom neuen Geist durchdrungen war. Ein Schmuckstück unter deutschen Landen – Wo Vernunft, Sittlichkeit und Wohlfahrt sich paaren
Als Beispiel mag hier das Fürstbistum Würzburg unter Franz Ludwig von Erthal (* 1730, † 1795) stehen, über dessen wohlgeordnete Verhältnisse unvoreingenommene Reisende in höchstem Lob schwärmten. Ebenso rühmend erwähnt wurde die Person des Fürstbischofs, der, asketisch und streng gegen sich wie andere, sparsame Hofhaltung und aufrichtige Frömmigkeit als Herrschertugenden pflegte. Ein Blick in seine fürstliche Bibliothek beweist gleichzeitig, dass er wohl mit dem vertraut war, womit er sich auseinandersetzte. Kaum ein Werk aufgeklärter Literatur fehlte in seinen Regalen. Sein kleiner Staat sollte ein Muster an Tugend, Wohlfahrt und Bildung sein, darauf richtete er all sein Trachten. Dabei besaß er genug geistige Offenheit, um an seiner Universität die Schriften von Kant-Schülern gegen den Widerstand der Orthodoxie diskutieren zu lassen, aber auch genügend sittliche Strenge, um der Tugend willen Theateraufführungen in seinem Land zu unterbinden. Die Sorge um eine florierende Wirtschaft nahm er ebenso wichtig wie die Versorgung der Armen und die Errichtung von Waisenhäusern. Mancher bewunderte den hohen Standard der Lehrerbildung, die Maßnahmen zu Bildungsförderung auch auf dem Lande, ja selbst die Überarbeitung der Lehrpläne, um die er sich noch persönlich kümmerte. Aufklärung mit erhobenem Zeigefinger zur sittlichen Vervollkommnung der katholischen Landeskinder, was so weit gehen konnte, dass der Fürstbischof die Wirte der Stadt bei einer Audienz unter Strafandrohung warnte, keinen Alkohol an die Würzburger Gymnasiasten auszuschenken. Auch im zuletzt beispielhaft angeführten Fall zeichnet sich ein Grundproblem deutscher Aufklärung im 18. Jahrhundert ab. Der Aufbruch zur Befreiung des Menschen, in Angriff genommen mit Elan und Optimismus, verfing sich in den Fußangeln der politischen Realität. Hier lief er rasch Gefahr, durch Missgunst und kleinkarierte Zensur zu einer bloß gelehrten, das heißt rationalistischen Rechtfertigungsideologie zu verkommen. Der wirklich aufgeklärte Kopf auf dem Thron bleibt die Ausnahme, und selbst wo er auftritt, hält er das aufgeklärte Bürgertum im Vorhof der Macht. Ganz zu schweigen davon, dass der politische Respekt deutscher Aufklärer ein wirkliches Aufbegehren undenkbar erscheinen ließ. Mit der sich entfaltenden bürgerlichen Öffentlichkeit änderten sich zwar die sozialen Lebensformen der Bürger, die nun als denkende und fühlende Individuen miteinander verkehrten. Deutsche Politik blieb indessen seltsam unbeleckt von den Idealen der Toleranz und Humanität – wie anders sonst ließe sich so manche Katastrophe des 19. und 20. Jahrhunderts erklären.