Die bürgerliche Emanzipation

Kein deutscher Herrscher hatte im 18. Jahrhundert um seinen Thron zu bangen und dennoch bezeichnet man diese Epoche als die Zeit des Übergangs zur sogenannten bürgerlichen Gesellschaft. Was also verbirgt sich hinter dem Schlagwort, das moderne bürgerliche Zeitalter beginne in diesem Jahrhundert? Was damals als Lebensstil und Weltanschauung der Bürger um Anerkennung rang, sie schließlich auch erreichte, beansprucht noch heute vielfach ungebrochene Gültigkeit. Daniel N. Chodowiecki
Leben im Kreis der Familie. »Cabinet d’un peintre« – das Zimmer des Malers und Illustrators Daniel N. Chodowiecki mit seiner Familie. Kupferstich des Künstlers, 1771. Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett. Emanzipation ohne politisches Engagement
Als Begleiterscheinung der europäischen Aufklärung setzte sich die Emanzipation des deutschen Bürgertums wie so manche andere gesellschaftliche Entwicklung im europäischen Vergleich erst mit einiger Verspätung durch und nahm entsprechend der Besonderheit der deutschen Verhältnisse eine Wendung, die zunächst wenig direkten Einfluss auf die politischen Zustände auszuüben vermochte. Der aufgeklärte Satiriker Gottlieb Wilhelm Rabener (* 1714, † 1771) machte den politisch interessierten Bürger gar zum Gegenstand einer scharfen Attacke und mokierte sich über Leute, die »mit aufgestemmten Armen hinter dem Bierkruge dem Fürsten fluchen«. Nicht dass die Verhältnisse etwa keinen Anlass zu Kritik gegeben hätten, im Gegenteil. Zwar politisierte sich die Literatur, aber aus der intellektuellen Empörung sprang der Funke nicht über. Es bildete sich im Bürgertum des 18. Jahrhunderts kein übergreifendes oppositionelles Verhalten gegen die Träger der Herrschaft aus, wozu die Zersplitterung und Kleinräumigkeit der deutschen politischen Landschaft, die weitreichende Unterentwicklung und Provinzialität der städtischen Kultur und die stark pietistisch beeinflusste Aufklärungstradition ihren Teil beitrugen. Schließlich untergruben zahllose Zensurbestimmungen in den einzelnen Territorien die möglichen Ansätze zu politischer Kritik. Selbst im damals als fortschrittlich geltenden Preußen Friedrichs II. erlaubte der aufgeklärte Absolutismus lediglich »gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen als man will«. Damit sei es mit der gerühmten ›Berlinschen Freiheit‹ auch schon getan, stellte Gotthold Ephraim Lessing 1769 in einem Brief ernüchternd fest. Für gänzlich unmöglich hielt er es, »dem vornehmen Hofpöbel« die Wahrheit zu sagen, geschweige denn, in Berlin für die »Rechte der Untertanen« bzw. »gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme« zu erheben, »wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht«. Leicht vorstellbar ist es daher, wie unmöglich den meisten in noch weniger aufgeklärten deutschen Ländern politisches Engagement erscheinen musste. Als Konsequenz all dieser Bedingungen hielten die gebildeten Bürger eine politische Beteiligung für unerreichbar und richteten ihre Anstrengungen im Laufe des 18. Jahrhunderts vor allem auf kulturelle und ökonomische Emanzipation, wie es der Soziologe Jürgen Habermas herausgestellt hat. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren die Folgen dieses Rückzugs aus dem Bereich praktischer Politik zu spüren. Die Stadt, der Bürger und die Geschäfte
Wenn von selbstbewusst werdenden Bürgern die Rede ist, handelt es sich dabei stets nur um einen relativ geringen Teil der bürgerlichen Schichten innerhalb der Städte. Diese Gruppe nahm zwar zahlenmäßig zu, blieb aber begrenzt und hatte wenig gemein mit der anonymen städtischen Masse. Man war noch immer auf Standesunterschiede bedacht, nach außen am deutlichsten sichtbar durch die »Kleiderordnungen«, die Patriziern und reichen Kaufleuten eine Sonderposition einräumten. Eine bewusst gepflegte Trennung verhinderte weiterreichenden Kontakt zwischen den gehobenen Handels- und Kaufmannsfamilien und der Menge städtischer Kleinbürger, die nach heutigen Vorstellungen auf eine sehr bescheidene Art das ›mittelständische‹ Element vertraten. Meist handelte es sich um Handwerker oder kleine Kaufleute mit einer stark beschränkten Vorstellungswelt und geringer Bildung, gerade ausreichend, das Leben der Familie im engen Rahmen kirchlicher Gebote zu organisieren. Beeinflusst wurde die soziale Zusammensetzung der städtischen Gesellschaft, zu der ein sehr großer Anteil ›unterbürgerlicher‹ Gruppen gehörte, von der Größe und der Art der Orte. Die meisten Städte waren derart klein, unbedeutend und schmutzig, dass von einem wirklich städtischen Leben nichts zu erkennen war. Aus Reisetagebüchern und Briefen von Reisenden wissen wir, wie groß die Enttäuschung mitunter war, wenn sie an einem zumindest dem Namen nach ansehnlichen Ort der Kutsche entstiegen. Selbst das berühmte Weimar wurde von dem aufgeklärten Theologen und Kulturkritiker Johann Gottfried Herder (* 1744, † 1803) als ein »Mittelding zwischen Dorf und Hofstadt« charakterisiert. Mit 6500 Einwohnern eine Kleinstadt, die auf den Besucher armselig wirkte. Zwei Hotelbesitzer, zwei Bankiers und zwei Unternehmer waren die einzigen wirklich wohlhabenden Bürger der Stadt. Wer sonst zu Ansehen und Einkommen gelangen wollte, konnte dies hier nur als Hofbeamter. Überhaupt bestimmten die Bedürfnisse des Hofes das Leben der Residenzstädte und hielten sie in wirtschaftlicher Abhängigkeit. Nur allzu sinnfällig wurden den Bürgern dieser Städte die Chancen und Grenzen ihrer Entfaltung vor Augen geführt. In Konkurrenz zur landesherrlichen Wirtschaftsplanung, die nach merkantilistischen Gesichtspunkten ausgerichtet war und wenig Rücksicht auf die alten Handelsstädte nahm, fiel es den meisten Kommunen sehr schwer, an ihre frühere Bedeutung anzuknüpfen. Teilweise neue Handelsrouten, zahllose Zollschranken und eine Reihe hemmender patriarchalischer Strukturen brachten es mit sich, dass das Wirtschaftsbürgertum vor allem in Süddeutschland an Bedeutung verlor. In aufstrebenden Städten wie Hamburg, das vor Bremen als Einfuhrhafen für westeuropäische und koloniale Waren immer stärker hervortrat, bildete sich allmählich ein weltoffenes Bürgertum. Diese bürgerliche Oberschicht, mit Besitz und Selbstbewusstsein ausgestattet, fand man aber nur in wenigen See- und Handelsstädten. Generell erreichte das Finanzbürgertum erst gegen Ende des Jahrhunderts seine volle gesellschaftliche Bedeutung. Wer vertritt die neuen Ideale?
Die Impulse für neue soziale Einstellungen und Überzeugungen mussten von einer anderen bürgerlichen Gruppe ausgehen, die im Laufe des Jahrhunderts an die Spitze der Emanzipationsbewegung trat: von den ›Gebildeten‹. Anders als die wohlhabenden Bürger mit vorwiegend ökonomischen Interessen verfocht diese Gruppierung von bürgerlichen Gebildeten engagiert die aufkommenden Forderungen nach vernünftiger Herrschaft, Menschlichkeit, Natürlichkeit und Toleranz. Allerdings fehlte fast allen von ihnen die materielle Unabhängigkeit, was natürlich nicht ohne Einfluss auf ihre Durchschlagskraft blieb. Sie waren aufgestiegen im fürstlichen Dienst, der mit dem Ausbau der absolutistischen Verwaltung einen zahlenmäßig umfangreichen Apparat benötigte. In ihrer Qualifikation waren diese Bürgerlichen dem Adel gleichgestellt und traten zumindest beruflich ebenbürtig auf. Zu den fürstlichen Beamten gesellten sich Juristen, Ärzte, Professoren und Geistliche. Sie pflegten untereinander Kontakte, unterhielten Beziehungen zu Adeligen und traten in der Öffentlichkeit mit einem erkennbar eigenen Gruppenbewusstsein auf. Erfasst von humanistischen Idealen lenkten diese Kreise ihren Blick über die begrenzte Umgebung, um etwa die Frage nach der nationalen Zukunft des Reiches zu erörtern oder sich mit Ideen von Patriotismus und Weltbürgertum auseinanderzusetzen. Zusammen mit Schriftstellern, Künstlern und aufgeklärten Pädagogen schufen diese ›Bildungsbürgen‹ in ihren Zirkeln ein eigenes Kulturbewusstsein, das allerdings auf einige wenige Zentren beschränkt blieb. Als diese galten insbesondere die Handels- und Universitätsstädte. In Hamburg, Berlin, Halle, Göttingen, Frankfurt und Leipzig zum Beispiel kursierten aufgeklärte Schriften, sammelte sich die bürgerliche Intelligenz und bildete sich das aus, was schließlich mit Stolz als bürgerliche Lebenseinstellung dem Adel entgegengehalten werden sollte. Dass diese neue Haltung nicht standesgebunden war, ja nicht sein sollte, bewiesen viele Adelige, die im Laufe der Jahre selbst bürgerliche Lebensideale propagierten. Die Macht der Tugend: das Programm des Bürgertums
Die Attraktivität bürgerlicher Lebensart begann sich erst allmählich durchzusetzen. Noch 1687 hielt der Philosoph Christian Thomasius (* 1655, † 1728) in Leipzig eine Vorlesung – erstmals in deutscher Sprache – mit dem Titel: »Welcher Gestalt man denen Franzosen im gemeinen Leben und Wandel nachahmen solle.« Er stellte damit das galante Auftreten der höfischen Welt für den vornehmen Kavalier vor, das für Bürger wie Adel der Zeit gleichermaßen verbindliche Grundlage weltmännischer Haltung war. Am Beispiel der Selbstbiografie des Hamburger Patriziers Barthold Hinrich Brockes hat der Wissenschaftler Wolfgang Martens aufgezeigt, wie dieser als junger Mann nach den Regeln höfisch-galanten Lebens seine Tage verbringt und in müßiger Repräsentationssucht und Verschwendung aristokratische Kultur imitiert. Kaum zwanzig Jahre danach, er ist inzwischen zum Bürgermeister aufgestiegen, attackiert Brockes seine damalige unvernünftige und verwerfliche Lebensweise. Das erste Drittel des 18. Jahrhunderts war fast vorüber. Nicht von ungefähr verbreitete Brockes seine Gedanken in einer Moralischen Wochenschrift mit dem Namen »Patriot«. In dem aus England übernommenen neuen Zeitschriftentyp, der bald vielerorts in Erscheinung trat, hatte sich das aufgeklärte Bürgertum ein Medium geschaffen, mit dessen Hilfe in belehrender, erbaulicher Form das neue bürgerliche Selbstverständnis verbreitet werden konnte. Vor allem in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden so Vernunft, Religion und Tugend als erstrebenswerte bürgerliche Ideale gegenüber der Prinzipienlosigkeit der kalt berechnenden höfischen Welt hervorgehoben. Individualität und Gemeinsinn, Bürgerfleiß und Bescheidenheit, all dies sind Tugenden, die nun eine nachahmenswerte Lebensform charakterisieren und ihre Vertreter mit Stolz, ja dem Gefühl der Überlegenheit erfüllten. Doch diesen Parolen zum Trotz, dürfte nur in den wenigsten Fällen die Kluft zwischen den verschiedenen bürgerlichen Schichten mehr als verbal überwunden worden sein. Die große Masse der ökonomisch schlecht gestellten und kaum gebildeten Bürger steigerte zwar auch ihr Selbstwertgefühl, nahm aber, wenn überhaupt, nur passiv an den Veränderungen teil. Aufstieg und Anerkennung waren nur wenigen Kleinbürgern vergönnt, wenngleich im Zuge der Aufklärung Schulreformen und Bildungsenthusiasmus manchem zu einem Universitätsstudium verhalfen. Noch immer muss der Adel als die bestimmende Gruppe im Staat angesehen werden, obwohl vom gebildeten Bürgertum die gesellschaftlichen Initiativen mit weitreichender Signalwirkung ausgingen. Logen, Kaffeehäuser, Lesegesellschaften -Bürgerliche Öffentlichkeit oder: Wie man Interessen organisiert
Aus England kam die Anregung zur Gründung von Freimaurerlogen, deren bürgerliche und adelige Mitglieder neue Formen der Verständigung suchten und bei ihren gemeinsamen Unternehmungen die traditionellen Standesschranken durchbrachen. Es war damit ein Bereich geschaffen, in dem die Gebildeten von gesellschaftlicher Konvention nicht mehr eingeengt wurden. Ebenfalls englischen Ursprungs war die sich ausbreitende Kultur des Kaffeetrinkens. Engländer und Franzosen hatten im Kaffee ein neues Getränk entdeckt, das mit Vorliebe in Kaffeehäusern genossen wurde und diese so unversehens zu Orten bürgerlicher Öffentlichkeit und Geschäftigkeit werden ließ. Zwar fand man nur in Hamburg und Leipzig den ausländischen Vorbildern vergleichbare Kaffeehäuser, und selbst wenn das neue Getränk in Deutschland bald in der Privatheit und Gemütlichkeit der Familie seinen Platz fand, hatte es in der Anfangsphase durchaus eine soziale Bedeutung. Immerhin wussten die Kaffeetrinker, dass sie das Lieblingsgetränk der bewunderten weltmännischen englischen Bürger zu sich nahmen und das gewiss nicht ohne symbolische Bedeutung. Weiter verbreitet und folgenreicher war allerdings eine andere Form bürgerlicher Öffentlichkeit, die von bildungsbürgerlichen Kreisen ausging. Als sich 1774 in Bremen einige Bürger zusammentaten, um sich gemeinsam eine Reisebeschreibung zu kaufen, war nicht abzusehen, dass sie wenige Jahre später für die inzwischen erstandene Bibliothek ein eigenes Haus mieten würden. Unversehens war so eine ›Lesegesellschaft‹ geboren, wie wir sie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zu Hunderten finden. Sie verstanden sich als Orte der lehrreichen und unterhaltenden Aufklärung. Hier boten politische Zeitschriften und Bücher, gegen Mitgliedsbeiträge angeschafft, Grundlage für Geselligkeit und Kontroversen. Wenn solchen Gesellschaften mitunter die Aufgabe zugesprochen wurde, den »Geist einer republikanischen Verfassung zu beleben«, wenn sie Standesschranken übersprangen und Formen demokratischer Selbstverwaltung praktizierten, so ist auch der Argwohn verständlich, der ihnen entgegengebracht wurde: Zensurmaßnahmen beschnitten häufig ihre Entfaltung, falls die Obrigkeit nicht direkt ein Verbot aussprach, wie dies 1786 in Bayern geschah und im gleichen Jahr durch den Würzburger Fürstbischof. Die verbleibenden Vereinigungen verflachten unter der scharfen Aufsicht durch zunehmende Entpolitisierung zu mehr oder weniger geselligen Treffpunkten. So wurde staatlicherseits zielsicher verhindert, dass sie in großem Umfang zu Zentren werden konnten, in denen die Französische Revolution und ihre praktischen Konsequenzen für das deutsche Bürgertum diskutiert wurden. Vor allem in den genannten norddeutschen protestantischen Mittelpunkten städtischer Kultur hatte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts eine bürgerliche Öffentlichkeit gebildet, die sich im wesentlichen aus vielfach miteinander verbundenen privaten Vereinigungen, Lesezirkeln, wissenschaftlichen, landwirtschaftlichen und patriotischen Gesellschaften rekrutierte. Daneben waren die gebildeten und bildungshungrigen Kreise die Voraussetzung für eine sich enorm ausweitende Buchproduktion, über deren Zuwachs die Leipziger Messkataloge beispielsweise einen gewissen Einblick bieten. Verleger und Buchhändler befriedigten die Bedürfnisse eines aufgeklärten Publikums, dessen Interesse den bis dahin unbekannten Typus des freien Schriftstellers überhaupt erst ermöglichte. Der Historiker Rolf Engelsing hat die von den Zeitgenossen mitunter als verderblich bezeichnete ›Lesewuth‹ untersucht und dabei ihre gewaltige sozialgeschichtliche Bedeutung herausgestellt. So bewirkte das veränderte Leseverhalten nicht zuletzt, dass der exklusive Zirkel von Bildung und Gelehrsamkeit für weite Kreise allmählich aufgebrochen werden konnte. Bei fast unerschwinglichen Preisen war ein Zugang in die immer vielfältiger werdende Welt der Bücher für die meisten jedoch nur über Lesegesellschaften und Leihbüchereien möglich. Kant und seine TischgenossenFamilie Remy
Auch das deutsche Bürgertum emanzipiert sich. Unter dem Einfluss der von England und Frankreich ausgehenden neuen Ideen bilden sich auch in Deutschland Wissenschaftlerzirkel und bürgerliche Gesellschaften. Bild oben: »Kant und seine Tischgenossen«. Gemälde des 19. Jahrhunderts. – Bild unten: »Familie Remy in Bendorf«. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum. Der aufgeklärte Anspruch zwischen bürgerlichem Lebenserfolg und politischer Wirklichkeit
Die Bürger werden so zum eigentlichen Publikum, aber gleichzeitig auch zum Thema der modernen, aufgeklärten Literatur und Wissenschaft. Speziell das Theater stellte sich die Aufgabe, die Problematik bürgerlicher Emanzipation zu thematisieren. Dennoch oder gerade deshalb scheiterte in Hamburg der Versuch, ein deutsches Nationaltheater zu etablieren, mit dem der Schriftsteller und kritische Zeitgeist Gotthold Ephraim Lessing (* 1729, † 1781) die politische Zerrissenheit des Reiches durch eine nationale bürgerliche Theaterkultur zu überwinden versuchte. Bürgerlicher Geist bahnte sich auch seinen Weg in der neuen Musik, der Malerei und der Architektur. Individualität, Behaglichkeit und Betonung des Gefühls ersetzten die höfischen Ideale von unendlicher Perspektive, herrschaftlicher Größe und kalter Repräsentation. Untericht Elementarwerk
Aufklärerische Erziehung der Kinder. Unterricht im Naturalien-Kabinett. Illustration von Daniel N. Chodowiecki in Basedows »Elementarwerk«. Frankfurt/M. Universität, Institut für Jugendbuchforschung. Mit dem aufkeimenden Selbstbewusstsein und dem bürgerlichen Lebenserfolg entstand eine eigene Wohnkultur, die auf fantasievolle persönliche Ausstattung bedacht war. Der aufgeklärte Bürger liebte Geselligkeit mit Freunden und Familie, bei der auf die gespreizten Höflichkeitsfloskeln der Aristokratie verzichtet wurde. Statt dessen pflegte man einen möglichst natürlichen Umgang, wobei Frauen vielfach einen gleichberechtigten Part beanspruchten. Gerade über die Bildung und Erziehung der Mädchen wurde heftig debattiert. Es ging dabei um die Frage, ob sie für Haus und Herd verdorben oder durch geistige Beschäftigung ihr selbstverständliches Recht auf Bildung wahrnehmen würden. Nach verbreiteter Anschauung löste man dieses Problem meist im Sinne einer ausgesprochenen Nützlichkeitserziehung. Auch diese Fragestellung beschränkte sich natürlich auf die kleine Schicht gebildeter Familien, die ihren Haushalt möglichst durch Personal besorgen lassen konnten. Von Frau Rat Goethe, der Mutter Johann Wolfgang Goethes, wissen wir, wie so etwas ablief. Ihre Aufzeichnungen verraten, dass sie sparsam und mit Überblick den Haushalt organisierte, daneben noch Zeit fand für Musik, Gesellschaften und das Studium zweier Fremdsprachen. Der kleine Johann Wolfgang, von einem Privatlehrer unterrichtet, genoss die Vorzüge bürgerlicher Erziehung, die alle Anlagen des Kindes zu fördern suchte. Als Vorbereitung auf die bürgerliche Existenz erzog man die Kinder im Geiste der Vernunft und Leistungsbereitschaft: bis in unsere Tage eine der wichtigsten Erziehungsaufgaben der Familie. Ungeachtet der pädagogischen Begeisterung blieben die schulischen Zustände im 18. Jahrhundert für die meisten einfachen Bürgerkinder katastrophal. Auch hier wirkte sich aus, dass trotz aller Ansätze die bürgerlichen Eliten auf Abstand zur Masse des Kleinbürgertums hielten, das in trivialisierter Form seine Vorbilder nachlebte, selbstgenügsam und tugendhaft. Ohne je zu einem gemeinsamen politischen Bewusstsein gefunden zu haben, lief die große Politik an der Idylle des Spießbürgers vorbei. Die politisch bewussten Kreise litten darunter, »von außen zu bedeutenden Handlungen keineswegs angeregt, in der einzigen Aussicht, [...] in einem schleppenden, geistlosen, bürgerlichen Leben hinhalten zu müssen«. Mit diesen Worten schildert Johann Wolfgang von Goethe gegen Ende des Jahrhunderts die schlaffe Haltung der einstmals optimistischen aufgeklärten Bürger angesichts des lähmenden politischen Stillstandes in den deutschen Territorien.

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Info 23.11.2017 19:33
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