Der Protestantismus im 18. Jahrhundert

Die Einheit der orthodoxen protestantischen Kirche, also der nachreformatorischen lutherischen und reformierten Kirche (seit 1555) hatte das ganze 16. und 17. Jahrhundert hindurch nahezu unangefochten Bestand gehabt. Durch die neuen Bewegungen des Pietismus und der aufgeklärten Theologie zerbrach diese auch von innen her schon durch Erstarrung bedrohte Einheit: Es begann das Zeitalter der unterschiedlichen kirchlichen Richtungen, denn weder Pietismus noch Aufklärung erfassten die ganze Kirche; stets blieb daneben auch Lutherisch- bzw. Reformiert-Orthodoxes bestehen. Der Pietismus Philipp Jakob Speners
In der Universitätsstadt Halle an der Saale zeigte sich dieses Nebeneinander an zwei markanten Persönlichkeiten, die hier gleichzeitig einige Jahre wirkten, nämlich an August Hermann Francke (* 1663, † 1727), einem hervorragenden Vertreter des Pietismus, und an Christian Wolff (* 1679, † 1754), führender Philosoph und Theologe der Aufklärung. Von England und den Niederlanden kommend, hatte der Pietismus zuerst den westdeutschen Raum erreicht. Durch Philipp Jakob Spener (* 1635, † 1705) wurde er auch über Nord- und Süddeutschland verbreitet. Seine 1675 erschienene Schrift »Pia desideria« (»Fromme Wünsche oder: Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche, samt einigen dahin einfältig abzweckenden christlichen Vorschlägen«) wurde zur Initialzündung der pietistischen Bewegung. Philipp Jakob SpenersWegbereiter des Pietismus. Philipp Jakob Speners (* 1635, † 1705), dessen Schriften die Idee des Pietismus in ganz Deutschland verbreiteten. In seinem Werk empfiehlt Spener sechs christliche Heilmittel:
1. Ausbreitung des Wortes Gottes und häusliche Versammlungen zur Förderung gründlicher Schriftenkenntnis.
2. Aufrichtung des allgemeinen Priestertums und Zusammenarbeit der Laien mit den Pfarrern.
3. Ermahnung, dass zum Wissen im Christentum auch die tätige Ausübung der Liebe treten müsse.
4. Kein Diskutieren mit Un- und Falschgläubigen, sondern gewinnende herzliche Liebe und Gebet ihnen gegenüber.
5. Erziehung der künftigen Prediger auf Schulen und Universitäten zum fleißigen Studieren, vor allem aber zu einem gottgefälligen Leben.
6. Eine Art zu predigen, die den Glauben und dessen Früchte bestmöglich fördert. Aus diesen Reformvorschlägen lässt sich unschwer der Begriff »Pietismus« inhaltlich fassen als eine Bewegung zur Erneuerung frommen Lebens und als Reform der evangelischen Kirchen mit dem Ziel, eine neue Art von Frömmigkeit zu schaffen, die auf theologischem und sozialem Gebiet wirkt und eine neue innere Haltung ermöglicht. Für die Anhänger Speners wurde die Bezeichnung »Pietist« (von lat.: pietas = Frömmigkeit, kindliche Liebe, Mitleid) geprägt, eine Bezeichnung, die zeitweise den negativen Beigeschmack geheuchelter Frömmigkeit erhielt. Heute wird der Begriff allgemein wertneutral als Benennung der neuen religiösen Richtung angewendet. Die Bedeutung Speners liegt darin, dass er das theologische Lehrgebäude der Orthodoxie auf die biblischen Fundamentallehren beschränkte. Dabei ist die biblische Wahrheit nicht mit dem menschlichen Verstand zu erfassen, sondern nur durch göttliche Erleuchtung des wiedergeborenen Menschen. Die Heilige Schrift ist ihm Quelle des Glaubens und nicht vorwiegend Quelle theologischer Erkenntnis. Persönliche religiöse Erfahrung durch den Glauben wird ihm wichtiger als die Zustimmung zu Dogmen. Seine häuslichen Versammlungen (»collegia pietatis«) als Kreise von Laien, die unter Leitung der Pfarrer die Bibel und erbauliche Schriften lasen, sollten Luthers Vorschlag verwirklichen, »eine Gemeinde derer zu schaffen, die mit Ernst Christen sein wollen«, und der Aktivierung der Kirche dienen. Ziel kirchlicher Tätigkeit wurde der persönliche Glaube des einzelnen. Bekehrung und tätige Nächstenliebe: August Hermann Francke
Mit August Hermann Francke erhielt der Pietismus eine ›Erweckungs-Komponente‹. Schon früh ein Anhänger Speners, hatte Francke ein Bekehrungserlebnis, von dem her er allein zu verstehen ist: Bei der Vorbereitung einer Predigt über den ungläubigen Thomas (Joh. 20) im Jahre 1687 geriet er in schwere Zweifel über die Existenz Gottes: »In großer Angst legte ich mich am Sonntagabend auf meine Knie und rief an den Gott, den ich noch nicht kannte noch glaubte, um Rettung aus solchem elenden Zustande. [...] Da ich noch auf meinen Knien lag [...], erhörte er mich plötzlich. Denn wie man eine Hand umwendet, so waren alle meine Zweifel hinweg. Ich war versichert in meinem Herzen der Gnade Gottes in Christo Jesu.« Die Erfahrung einer absoluten Gottesgewissheit, sein Bekehrungserlebnis, prägte sein Leben und hatte starke Auswirkungen auf die pietistische Bewegung. In sie kam durch ihn als neues Element die Bekehrung, eine persönliche Entscheidung für Christus. Durch den Aufruf zur Buße und die Predigt von der Vergebung der Sünden im Namen Jesu sollte im Gläubigen der Entschluss geweckt werden, ein wahrhaft neues Leben zu beginnen und mit dem alten Wesen völlig zu brechen. Seit Franckes Bekehrungserlebnis wurde im deutschen Pietismus zwischen Bekehrten und Unbekehrten unterschieden. Nach der Berufung Franckes zum Professor an der neugegründeten Universität in Halle im Jahre 1692 erhielt der Pietismus nicht nur Zugang in den akademischen Bereich, sondern durch sein Wirken kam es zu einer Erweckungsbewegung, die diese Stadt für beinahe drei Jahrzehnte zum Zentrum des Pietismus’ machte. Als akademischer Lehrer führte Francke eine Neuordnung der theologischen Ausbildung durch, die das Studium der Bibel in den Vordergrund stellte; diese Neuordnung wurde für alle deutschen Universitäten vorbildlich. Die in Franckes Geist ausgebildeten Theologen brachten das pietistische Gedankengut natürlich auch in ihre Gemeinden und verbreiteten es dadurch. Zentrum ihrer Tätigkeit als Pfarrer war folgerichtig der Auftrag, Bekehrung zu erwirken als Grundlage für ein gottgefälliges, kraftvoll tätiges Leben. Das aktivistische Element des Pietismus wird hier spürbar. Von hier aus ist Franckes epochemachendes Engagement zu verstehen, das seinen Niederschlag in der Gründung der sogenannten »Franckeschen Anstalten« in Halle fand, die u.a. eine Armenschule, eine Bürgerschule, ein Waisenhaus sowie die »von Cansteinsche Bibelanstalt« umfassten. Auch eine Buchhandlung, eine Apotheke und die »Dänisch-Hallische Mission« in Indien gehen auf ihn zurück. Francke wollte das Evangelium in allen Ständen und Altersstufen zur Geltung bringen. Je mehr Menschen wiedergeboren wurden, um so näher müsse die Heilung der sozialen und politischen Missstände der Zeit liegen – davon ging Francke aus, dessen Glaubensziel die Reform der Welt durch religiöse Erweckung und Erziehung war. Franckes Adelspädagogium in Halle sollte die Söhne und Töchter des Herrenstandes speziell auf die Verantwortung hinweisen, die der Umgang mit Macht und Besitz erfordert. Der Lehrplan betonte die Durchführung religiöser Übungen, die die künftigen Herren über Ämter, Besitz und Untergebene binden sollten, alles zur Ehre Gottes zu tun. Mit seinen Erziehungsideen wirkte Francke auch in die anderen Stände hinein, denn er sah in ihnen allen grobe Missstände und Verderben. Durch Hinführung zu vorbildlichem, gottgefälligem Leben in seinen Anstalten wollte er zu einer allgemeinen Verbesserung des öffentlichen Lebens beitragen. In diesem auch staatsfördernden Bemühen fand er die volle Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., der zum Protektor Halles und seiner Anstalten wurde. Dadurch kam es zu einer Verbindung von Preußentum und Pietismus, die sich z. B. im Aufbau einer pietistischen Militärseelsorge zeigte. Das Berliner Kadettenhaus wurde ein militärisches Abbild des Halleschen Pädagogiums. Die »Brüdergemeine« der »Herrnhuter« unter Ludwig Graf von Zinzendorf
Vom Halleschen Pietismus wurden vorwiegend Theologen und Adelige erfasst. Unter ihnen ragt Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (* 1700, † 1760) hervor, der von 1710 bis 1716 in Franckes Adelspädagogium erzogen wurde. In seinem Elternhaus pietistisch beeinflusst, entschloss er sich schon als Fünfjähriger, für den Gottessohn zu leben, der sein Leben für ihn gelassen hatte, und andere zu Jesus zu führen. Nach dem Studium der Rechte wirkte er als Hof- und Justizrat in Dresden und gründete – nachdem er den Staatsdienst quittiert hatte – 1727 mit mährischen Flüchtlingen als Gutsbesitzer von Berthelsdorf (Oberlausitz) die Kolonie Herrnhut und die »erneuerte Brüderunität«. Verkündigung des Evangeliums und missionarischer Einsatz füllten das Leben des Mannes, der einmal gesagt hatte: »Ich habe nur eine Passion, und die ist Er, nur Er.« Die Predigt von Jesus und seinem Kreuz war sein zentrales Thema. Kennzeichnend für den Pietismus Zinzendorfscher Prägung ist das Streben nach Gemeinschaft: »Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft.« Jeder einzelne und alle Gemeindemitglieder, in brüderlicher Liebe vereint, sind mit Christus verbunden. Getragen von der Freude an der Gegenwart Christi und von der Liebe zu ihm, treten alle zu gemeinsamer Tätigkeit im Reiche Gottes an. Die Gemeinde wird bei Zinzendorf zur »militia christiana«, zur christlichen Kriegerschar, die begeistert missionarisch wirkt. Nikolaus LudwigErneuerung christlicher Gemeinschaft und weltweite Mission. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gab Emigranten der »Böhmischen Brüder« eine neue Heimat und begründete die »Herrnhuter Brüdergemeine«. Im Gegensatz zu Spener und Francke war für Zinzendorf eine enge Verbindung seiner Gemeinde mit der Kirche und dem Staat nicht wichtig. In der Form einer Art Freikirche wollte er alle wahrhaft Gläubigen ohne Unterschied der Konfession sammeln. Mehr Wert als auf die institutionellen Kirchen legte er auf die »unsichtbare Kirche« (»ecclesia invisibilis«), die überall da lebendig ist, wo von Herzen an die Botschaft vom Kreuz und der Versöhnung geglaubt wird. Und doch befruchtete Zinzendorf die Kirche durch die Betonung des schon von Luther vertretenen Grundsatzes des allgemeinen Priestertums der Gläubigen; er führte – wie Spener – die Laien als Mitarbeiter der Kirche zu. Zinzendorf gründete das Verhältnis des Menschen zu Gott stark auf das Gefühl. Innige, glaubensvolle Liebe zu Jesus und Freude an der Gegenwart Christi zu wecken und zu bewahren war ihm ein Anliegen, das missionarische Aktionen in vielen Teilen der Welt auslöste. Der südwestdeutsche Pietismus
Obwohl zeitweise fast ein Drittel der Herrnhuter Brüdergemeine Adelige waren, erreichte die Herrnhuter Evangelisationsarbeit in Deutschland auch Menschen aus den mittleren und unteren Bevölkerungsschichten. In dieser Breitenwirkung ist der Pietismus Zinzendorfscher Prägung dem südwestdeutschen Pietismus verwandt. In Württemberg erfasste die pietistische Bewegung vor allem Bürger und Bauern und gelangte so zu Volkstümlichkeit und voller Blüte. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die positive Einstellung von Staat und Kirche zum Pietismus, die sich z. B. im »Konventikelgesetz« von 1743 zeigte, das die Zusammenkunft von 15-20 Personen unter Leitung eines Pfarrers, die sogenannten »Stunden«, zuließ. Dem Hauptvertreter und Vater des württembergischen Pietismus, Johann Albrecht Bengel (* 1687, † 1752), war die Bibel Grundlage jeder theologischen Aussage. Ohne Vorbehalte nahm er alles, was in der Bibel stand, ernst und wichtig. Um das Verständnis der Bibel zu fördern, verfasste Bengel das erläuternde »Gnomon novi testamenti«. Zum pietistischen Schrifttum gehörten daneben auch Erbauungsblätter wie die 1730 in Berleburg erschienene »Geistliche Fama«, ferner Sammelbände von Predigten und Bibeldrucke. Neben der Cansteinschen Bibel sei noch die siebenbändige Berleburger Bibel erwähnt. Außerordentliches leistete der Pietismus auf dem Gebiet des Kirchenliedes. Noch heute gehören viele dieser Lieder zum festen Bestandteil der evangelischen Gesangbücher. Jesusinnigkeit, die Erfahrung der Nähe Gottes und persönliche Empfindung fanden in Bekenntnis- und Lobliedern Ausdruck. Der Pietismus trug Wesentliches zur Verlebendigung des Glaubens, zur Aktivierung des kirchlichen und zur christlichen Fundamentierung des öffentlichen Lebens bei. Dabei dürfen die Gefahren nicht übersehen werden, die sich aus der Individualisierung der Gottesbeziehung und aus der starken Betonung des Gefühls ergeben und zu schwärmerischen und separatistischen Erscheinungen geführt haben. Kirchengeschichtlich gesehen aber markiert der Pietismus einen Neuansatz, der den Protestantismus des 18. Jahrhunderts stark befruchtete. Die Welt als Uhrwerk – Ratio statt Glauben: Christian Wolff
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an erfuhr die pietistische Bewegung – zuerst in Norddeutschland, dann auch in den übrigen Teilen Deutschlands – durch die Aufklärung eine große Schwächung. In Preußen ist diese Wendung markiert durch den Regierungsantritt Friedrichs des Großen 1740. Den Aufklärungstheologen Christian Wolff (* 1679, † 1754), den der für den Pietismus aufgeschlossene Soldatenkönig vertrieben hatte, ließ Friedrich der Große in einer sechsspännigen Kutsche nach Halle zurückholen. Halle, Hochburg des Pietismus, wurde neben Berlin ein Zentrum der Aufklärung. Wolff wollte eine Verbindung zwischen dem naturwissenschaftlichen Weltbild seiner Zeit und Gott herstellen. Als Anhänger der mathematischen Methode versuchte er Gott mathematisch zu errechnen. Er vertrat die Ansicht, dass die Welt und der Mensch mechanisch als eine von Gottes Weisheit erdachte Maschine funktionieren. Das menschliche Denken ist in der Lage, die Gesetze dieser Schöpfung zu erfassen. Ihre Ordnung bewundert er als Zeichen für die Weisheit und Güte des Schöpfers. Die biblische Offenbarung lässt er aber nur soweit gelten, wie sie mit der Vernunft übereinstimmt. In seiner auf der Vernunft basierenden philosophischen Tugendlehre vertritt Wolff die Ansicht, dass moralische Haltung auch ohne Gottesglauben möglich ist. Suche nach dem Mittelweg zwischen Vernunft und Glauben: Georg Friedrich Seiler
Die drei klassischen Inhalte der deutschen Aufklärungstheologie »Gott, Tugend und Unsterblichkeit« werden von Georg Friedrich Seiler (* 1733, † 1807), der an der Erlanger Universität wirkte, aufgegriffen. Er ist ein Hauptvertreter der sogenannten »Neologie«, die zwischen Offenbarung und Vernunft, Glauben und Denken, Bekenntnis und Tradition, Zeitgeist und Fortschritt vermitteln will. Seiler denkt nicht rein rationalistisch. Vernunftsreligion und Moral sind ihm ohne biblische Offenbarung unvorstellbar. Das »helle Licht« der Vernunft bedarf der stetigen Erleuchtung durch den Geist Gottes. Er befürwortet auch eine dogmatische Basis für die Kirche und hält an der Confessio Augustana fest. Entgegen der in der Aufklärung üblichen radikalen Moralisierung des Christentums, die Arbeitsamkeit, Treue, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit als christliche Pflicht und Tugenden preist, setzt Seiler christlichen Glauben nicht einfach mit vernünftiger Moral gleich. So versucht er den rechten Mittelweg zu finden zwischen den »Dunkelheiten der Orthodoxie« und dem »Abweg des reinen Rationalismus«. Rationalismus: Die Bibel als Moralkodex Christus als Tugendlehrer
Dennoch löste der Rationalismus die Neologie ab. Obwohl auch die Rationalisten an der Bibel festhielten, wurde der Verstand (lat.: ratio) der alleinige Maßstab für die Annahme oder Ablehnung einzelner Wahrheiten der biblischen Botschaft. Nur was moralisch und praktisch verwertbar war, ließ man gelten. GesangbuchTreue zum evangelischen Bekenntnis. Links: Verordnung eines Dankfestes zum 200. Jahrestag des Augsburger Religionsfriedens. – Rechts: ›Neues‹ evangelisches Gesangbuch von 1748. Beide Bad Windsheim, Stadtbibliothek. Die radikale Moralisierung des Christentums stand in krassem Gegensatz zu der von Luther neu betonten Erlösung des Menschen allein durch den Glauben und allein durch Gnade. Die Kirche galt nicht mehr als Gemeinschaft der Erlösten und Wiedergeborenen, sondern als Anstalt für moralische Vervollkommnung. Jesus wurde nicht mehr als Weltheiland angesehen, er erschien jetzt als großer Tugendlehrer. In einem damals entstandenen Vorschlag für ein neues Glaubensbekenntnis heißt es von ihm: »Glaubend verehren wir Jesum Christum, der uns auf dem Pfade der Wahrheit zur Tugend und Seligkeit führt, unseren Geist beruhigt, unser Herz veredelt, und uns in Zeit und Ewigkeit Muster und Vergelter gottähnlicher Tugend bleibt.« Zeitgenössische Predigtthemen zeigen – und der Gegensatz zu den Anliegen des Pietismus wird hier deutlich -, dass es den Predigern der Aufklärungszeit darum ging, die öffentliche Moral zu heben, etwas für die Fortbildung des Verstandes, des Willens und Gefühls zu tun, und praktische Ratschläge für das tägliche Leben zu geben. Am 1. Advent predigte man etwa über den Holzdiebstahl (»Die andern hieben Zweige von den Bäumen«: Matthäus 21,8), am 1. Weihnachtstag über die Abhärtung der Hirten und Warnung vor dem Gebrauch der Pelzmützen, am l. Ostertag über die Gefahr des Lebendigbegrabenwerdens, über das Frühaufstehen, über die Gespensterfurcht, über vernünftige Regeln für Christen, wie sie ihre Leichen begraben sollten. Das Wort »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« gab Anlass, den Segen des Kartoffelanbaus zu erläutern. Auch das Kirchenlied sollte zur Vertiefung eines bürgerlich nützlichen Christentums beitragen. So wurden seit etwa 1770 Gesangbuchreformen üblich. Alte Glaubenslieder nahm man in die Neuausgaben nicht mehr auf oder dichtete sie um. Vor allem die Lieder Martin Luthers und Paul Gerhardts erschienen den Herausgebern als unbrauchbar. Im neuen Nürnberger Gesangbuch standen unter 731 Liedern nur mehr 11 Lutherlieder, 7 von ihnen waren dazu noch bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Schwerwiegender war der Versuch, bestimmte biblische Kernaussagen inhaltlich in Frage zu stellen. Aus dem Erlösungstod Jesu am Kreuz wurde ein Exempel der Pflichterfüllung. Auch der biblisch zentrale Begriff der Sünde des Menschen, die Gottes Zorn und Strafe herausfordert, erfährt eine Abwertung als unvermeidliche moralische Schwäche. Ein Gesangbuch aus Riga enthält unter 100 Liedern über den Menschen und seine Würde nur 4 Lieder über die menschliche Sünde, die mehrfach als »Schwäche« verharmlost wird. Das Heilige Abendmahl, in dem der Zuspruch der Vergebung der Sünden erfolgt, verliert seinen biblischen Gehalt und weiht die Teilnehmer ein »zu einer Gemeinde ächter Bekenner und Freunde der Wahrheit, der Tugend und der Menschheit«. Allgemein hält man an Gott als dem Schöpfer fest. Nach der mechanistischen Auffassung hat er den Weltgang auf die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung gegründet und wie ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt. PateFrommes protestantisches Brauchtum: Die christliche Kirche, vor allem die evangelische, kennt den Paten, der für den Täufling das Glaubensbekenntnis ablegt und sich verpflichtet, für eine christliche Erziehung des Täuflings zu sorgen, aber auch sein leibliches Wohl im Auge zu behalten. Neue Bewertung der Bibel
Die Heilige Schrift insgesamt erfährt eine andere Bewertung. Sie gilt nicht mehr als »Buch der Bücher«, sie wird als ein Werk unter vielen in die allgemeine Weltliteratur eingereiht. Ihre Auslegung ist nicht mehr abhängig von einer Erleuchtung durch den Heiligen Geist, sondern von philologischem Können und logischem Denkvermögen. Die Überzeugung, dass die Heilige Schrift von Gottes Geist gewirkt ist, geht verloren, Wunder und übernatürliche Offenbarung können vor der Vernunft nicht mehr bestehen. Der Aufklärungstheologe und -philosoph Hermann Samuel Reimarus (* 1694, † 1768) führt sogar das Christentum – insbesondere die Berichte von der Auferstehung Jesu -auf einen Betrug der Jünger zurück. Der Vorstellung, dass alles, was in der Bibel berichtet wird, erdichtet sei, stellt Johann Salomo Semler (* 1725, † 1791) die Ergebnisse seiner historisch-kritischen Bibeluntersuchungen entgegen. Er arbeitet heraus, dass christlicher Heilsglaube auf historischen Tatsachen beruht. Semler, seit 1753 Professor in Halle, hat dort 38 Jahre als Historiker und Theologe gewirkt. Die Klärung der zeitgeschichtlichen Tatbestände und ihrer Überlieferung hat er als bedeutsamen Forschungsgegenstand der Theologie erkannt. Bei Semler zeigt sich allerdings auch, dass sein historisch-kritischer Forschungsansatz den ›geistgewirkten‹ Charakter der Heiligen Schrift zurücktreten lässt. Die Gleichsetzung von Heiliger Schrift und Wort Gottes wird nicht mehr aufrechterhalten. Kirchengeschichtlich betrachtet unternimmt die Theologie der Aufklärungszeit den Versuch, den Menschen ihrer Zeit, die mit einem neuen naturwissenschaftlichen Weltbild konfrontiert waren und sich ihrer Fähigkeit zur Welterkenntnis und Weltgestaltung bewusst wurden, den Glauben in zeitgemäßer Auslegung nahezubringen. Dieses grundsätzlich berechtigte Anliegen führte aber dazu, dass sich die Theologie der Aufklärung allzusehr dem Zeitgeist auslieferte und die Wahrheit christlicher Botschaft in gefährlichem Ausmaß preisgab.

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Info 26.09.2017 - 22:03
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