Handel und Gewerbe im 18. Jahrhundert

Vom »Dreißigjährigen Krieg« und seinen Folgen erholte sich die deutsche Staatenwelt nur langsam. Es dauerte immerhin an die zehn Jahre nach Friedensschluss (1648), bis die Handelsstraßen gefahrlos zu benutzen waren, an die dreißig Jahre, bis die verwüsteten Städte und Marktflecken wieder aufgebaut waren, über sechzig Jahre, bis ein bescheidener Wohlstand geschaffen war, der einen Handel über den täglichen Bedarf hinaus anregte. Deutschland hatte in diesem Krieg nicht nur ein Drittel seiner Bevölkerung eingebüßt, durch Raub, organisierte Plünderung (Brandschatzung, Kontribution) und Kriegsentschädigung waren diesem Raum Geld und Edelmetall, in Jahrhunderten gespeichert, nahezu völlig entzogen worden. Da Deutschland überwiegend agrarisch war, der landwirtschaftliche Kredit aber auf teuren, rasch kündbaren Kapitalien beruhte, wuchs die Verschuldung schnell an. Zwar strebten die deutschen Staaten danach, durch Maßnahmen des »Merkantilismus« ihre Kassen und die ihrer Unternehmer zu füllen, doch konnte nie das Vorbild Frankreich erreicht werden. Dort war ein großer und geschlossener Wirtschaftsraum bereichert aus dem Krieg hervorgegangen, der sich einen wachsenden Rohstoff- und Absatzmarkt in überseeischen Kolonien sicherte, von Binnenzöllen nahezu verschont blieb und durch eine aggressive Außenpolitik für Handelsvorteile sorgte. Damit konnten die deutschen Mittelstaaten nicht konkurrieren. Sosehr sich auch Sachsen, Kurpfalz, Baden und Württemberg bemühten, durch merkantile Politik zu Wohlstand zu kommen, sie mussten sich, da politisch abhängig, mit Einzelaktionen begnügen und sich an größere Staaten anlehnen. Merkantilistische Sonderformen konnten nur die beiden Führungsmächte Preußen und Österreich entwickeln. Preußens innere Kolonisation – Der »Populationismus«
Der preußische Merkantilismus wurde durch den »Populationismus« gekennzeichnet, die Besiedlung der weiten und menschenarmen Ostgebiete des Staates, der keine Kolonien in Nordamerika besaß. So wurden die 1709 durch die Pest entvölkerten litauischen Bezirke mit fleißigen, staatsergebenen Siedlern besetzt, für die Gumbinnen und Stallupönen zu Städten ausgebaut wurden. In mehreren Wellen, vor allem 1732, wurden Lutheraner aus dem Erzbistum Salzburg aufgenommen, von denen man 16000 nach Ostpreußen umsiedelte. Kaufleute und Handwerker, die aus der Schweiz, Frankreich oder deutschen Staaten ihrer Religion wegen ausgewiesen wurden, erhielten das Bürgerrecht und königliche Patente. Zur Entwässerung der Havelbrüche 1718-1725 setzte das Preußen des »Soldatenkönigs« vor allem wasserbaukundige Holländer ein. Des »Soldatenkönigs« Sohn Friedrich II. hat diese innere Kolonisation durch die Entwässerung des Oderbruchs 1746-1763 weitergeführt und durch Eindeichung 270000 Morgen (68 850 ha) als »Provinz im Frieden« gewonnen. Hier wurden in 43 Dörfern 1150 ausländische Familien angesetzt und aus sieben Spinnerdörfern die königlichen Manufakturen in Berlin beliefert. Bis 1782 wurde der Warthebruch entsumpft und 32000 ha Siedlungsland urbar gemacht. Nach der Eingliederung Westpreußens 1772 und der Erschließung durch den Weichsel-Netze-Kanal wurden in rund 900 Dörfern 57475 Familien untergebracht, davon etwa 14900 in Ostpreußen und Litauen und 14000 im eroberten Schlesien. Die meisten Kolonisten siedelten auf Domänenland, kaum auf adeligem Boden. Sie waren daher weder leibeigen noch hörig, sondern genossen auf den Domänen (Gütern im Staatsbesitz) relativ viele Freiheiten, auch wenn man ihren Abzug zu verhindern trachtete. Berliner Apotheke 1770Am Vorabend industrieller Umwälzungen bieten Handel, Geschäftshäuser, Gewerbebetriebe Privilegien und materielle Vorteile für eine bürgerliche Schicht. In einer Berliner Apotheke, 1770. Unbekannter Künstler. Berlin, Berlin-Museum. Domäneneinkünfte für den Staatshaushalt und das Heer
Friedrich Wilhelm I. ließ nicht nur Bürgerliche als Domänenpächter zu, sondern kaufte laufend Rittergüter zur Vergrößerung des Domaniallandes auf. Schon 1713 lieferten die Domäneneinkünfte die Hälfte des Staatshaushaltes; 1740 waren sie auf 3,3 Millionen Taler gestiegen und erlaubten, ein stehendes Heer von 80000 bis 100000 Mann zu halten, was bei einer Bevölkerung von 2,5 Millionen überproportional war. Aus den Domäneneinkünften legte der Soldatenkönig auch jenen Staatsschatz an, der es seinem Sohne erlaubte, die drei »Schlesischen Kriege« durchzustehen, wenn auch englische Subsidien (Unterstützungsgelder) nachhalfen. Um die Getreidepreise zu sichern, wurde schon 1721/22 die Einfuhr aus Polen verboten, in Königsberg nur noch Transithandel erlaubt. Wie England führte auch Preußen eine flexible Preispolitik ein: bei guten Ernten wurde die Einfuhr, bei schlechten die Ausfuhr gesperrt. Genauso wichtig war das Wollausfuhrverbot 1718/19, um den Rohstoff für die subventionierten Wollmanufakturen billig zu halten, was vor allem zahlreiche Rittergüter traf. Um den Adel nicht noch mehr zu schädigen, verzichtete Friedrich Wilhelm I. auf eine »Bauernbefreiung«, zumal er die adeligen Söhne dringend als Offiziersnachwuchs benötigte. Königliche Tuchmanufakturen – Monopole mit Hilfe des Heeres
Gefördert wurde zunächst die Tuchmacherei durch Anlage von Wollmagazinen und das Einfuhrverbot 1718/19 für Baumwollzeug. Der König als größter Wollproduzent legte auch die größte deutsche Tuchmanufaktur, das »Lagerhaus« in Berlin, an, die 1716-1723 die ganze Armee mit Tuchen belieferte, allerdings mit Verlust arbeitete. Erst nach 40 Jahren ging das »Lagerhaus«, das zeitweise 1400 Meister in Hausindustrie beschäftigte und zugunsten des Militärwaisenhauses verwaltet wurde, in Privatbesitz über. Damals war die Feintuchherstellung in Cottbus, Luckenwalde und Potsdam auf privater Basis bereits erfolgreich tätig. In jeder Garnisonsstadt hatte das »Lagerhaus« Filialen, in denen auch Frauen und Kinder der Soldaten arbeiteten. Um den Lohn der Soldatenfamilien anzuheben, musste der private Tuchkäufer überhöhte Preise zahlen. Als der König 1722 auf teurer und z. T. fehlerhafter Ware sitzenblieb, bedrohte er die Juden der Neumark mit der Vertreibung, die sie nur abwenden konnten, nachdem sie sich verpflichtet hatten, jährlich für 10000 Taler fehlerhafte Stoffe vom Lagerhaus zu kaufen. Diese starre Staatsproduktion konnte ihren Absatz nur sichern, weil ein großes Heer zwangsweise kaufen musste und Konkurrenz ausgeschaltet wurde. Das Haus Splitgerber und Daum, das Waffen- und Metallwarenfabriken in Potsdam, Spandau und Eberswalde betrieb, war zwar in privater Hand, doch gänzlich auf das Wohlwollen und die Privilegien der Krone angewiesen. Ein reiner Privatunternehmer war nur der Schweizer Johann Wegely, der neben Textilfirmen 1751 die erste Porzellanmanufaktur in Berlin errichtete. Gewerbestruktur, Staatsaufsicht und preußische Kriegswirtschaft
Um die Gewerbstätigkeit zu kontrollieren, wurde 1733 eine Handwerksordnung erlassen, die alle Zünfte der Staatsaufsicht unterstellte, ihre Rechte stutzte, die Verbindung zu Nachbarstaaten untersagte, das Wandern der Gesellen kontrollierte und, zur Freude der Meister, den »Blauen Montag« der Gesellen abschaffte. Mit staatlicher Hilfe konnten tüchtige Meister zu Kleinfabrikanten werden, doch nicht zum freien Unternehmer, denn die Manufakturpolitik war maßgebend. Eine Ausnahme bildete die Seidenindustrie in Krefeld (das seit 1702 preußisch war), wo Reformierte und Mennoniten ungeschützt Holland- und Amerikahandel treiben mussten. Immerhin beschäftigte das Haus Von der Leyen 1768 an 4000 Arbeiter, vorwiegend an Maschinen, die zu einer »Arbeiterelite mit hohen Löhnen, Hausbesitz und niederländischer Sauberkeit« gehörten. In Berlin hingegen scheiterte nach 50 Jahren Subvention die Seidenproduktion, die einst mit Arbeitern aus Lyon in Gang gebracht worden war. Siedebetrieb 1760Ausnutzung von Solquellen. Siedebetrieb der Halleschen Pfännerschaft. Kupferstich von 1760. Die kräftigsten Aufträge gingen aber an das Haus Splitgerber und Daum, das nicht nur an Heeres- und Kriegslieferungen verdiente, sondern auch die englischen Subsidien nach Preußen schleuste und die Zahlungen Friedrichs II. an die Pforte (Osmanisches Reich) gegen Provision ausführte. Noch im »Siebenjährigen Krieg« wurde Splitgerber der erste Millionär Berlins. Als Zulieferer, vor allem von schwedischem Erz, waren zahlreiche Juden und Ausländer beteiligt. Um die hohen Kriegskosten aufzubringen, wurde durch Um- und Neuprägen unterwertiges Geld hergestellt, was eine Inflation erzeugte mit den bittersten Folgen für Kapitalbesitzer, Beamte und Rentiers. Die Münzverschlechterung, die dem Hoffaktor Ephraim (»Ephraimstaler«) angelastet wurde, brachte 33 Millionen Taler ein, womit 25 Prozent der Kriegskosten beglichen werden konnten. Durch das Münzedikt von 1764, durch das Barkapital 50-66 Prozent seines Nennwertes einbüßte, wurde zwar der Staatskredit wieder hergestellt, doch musste diese Vermögensvernichtung weder von der Krone noch den Grundbesitzern, sondern allein von der Schicht der Kaufleute, Fabrikanten, Gehalts- und Zinsempfängern getragen werden. Ohne englische Subsidien, die durch Münzverschlechterung ebenfalls um 50 Prozent erhöht worden waren, hätte Friedrich II. Schlesien nicht behaupten können. Preußen hat wie viele kleinere deutsche Staaten seit 1648 durch Annahme von Subsidien und Soldatenverkauf (ähnlich wie Hessen-Kassel, Ansbach-Bayreuth etc.) die passive Handelsbilanz gemindert. Die Gewerbe- und Handelspolitik Österreichs
Um 1700 war Österreich ein autarker Staat, der seinen Bedarf selbst herstellte, nur einige Luxuswaren (Kaffee, Tee, Tabak, Seide) einführen musste und zunehmend in die Länder Südosteuropas exportieren konnte. Der Staat gründete keine Manufakturen, er subventionierte sie, wie z. B. die Tuchfabrik mit Lehranstalt, die der Protestant J. J. Becher auf dem Tabor bei Wien 1676 eingerichtet hatte. Nach diesem Vorbild arbeiteten auch die Seidenfabrik von 1666 in Walpersdorf, die Linzer Tuchfabrik von 1672, die Spiegelglasfabrik von 1701 in Neuhaus, die Porzellanfabrik von 1718 in der Rossau zu Wien und die Zitz- und Kattunfabrik von 1723 in Wien-Schwechat. Die frühesten Manufakturen in den Provinzen verdankten ihre Existenz adeligen Großgrundbesitzern, die über abhängige Arbeitskräfte, Rohstoffe (Wolle, Erze, Flachs und Holz) und über Verbindungen zum Hof verfügten. Dort erlangten ihre Vettern und Neffen die erwünschten Subventionen und brachen den Widerstand der Zünfte gegen Verwendung von Meistern in ihren Fabriken. Seidenfärberei 1764Produktionsraum einer Seidenfärberei des 18. Jahrhunderts. Illustration von Macquer. Stellin b. Leipzig 1764. Noch vor dem endgültigen Verlust Schlesiens war durch adelige Unternehmer eine gleichwertige Textilindustrie in Böhmen errichtet worden. Adelige Initiative stand auch hinter der Gründung der Linzer Wollzeugfabrik, deren Meister aus Calw im Schwarzwald geholt wurden. Trotz staatlicher Unterstützung musste die Linzer Fabrik an das Wiener Armenhaus veräußert werden, erlitt als reines Arbeitsbeschaffungsunternehmen hohe Verluste und wurde 1754 vom Staat übernommen. Auf ihrem Höhepunkt 1762 beschäftigte sie an die 50000 Heimarbeiter in Oberösterreich, die Schwechater Baumwollfabrik an die 25 000 Heimarbeiter um Wien. Anregungen zur Industriegründung kamen häufig von Ausländern wie von R. Lightowler für die Metallverarbeitung und von M. Rosthorn für plattierte Waren in Wien. Nach diesen Engländern kam 1752 Johann Fries aus dem damals noch eidgenössischen Mülhausen/Elsass und gründete die Barchentfabrik in Wien-Friedau. In Böhmen hatten die kapitalkräftigen Familien der Kinsky, Auersperg, Waldstein, Rottenhann (Rotenhan), Windisch-Grätz, Colloredo und Harrach nicht nur die Garnspinnerei und Leinenweberei um Königgrätz, Weißwasser und Tschaslau begründet, sondern ließen auch Kohle und Eisenerz, Vitriol und Alaun, Ton- und Porzellanerde fördern und verarbeiten. Erst unter Maria Theresia errichteten bürgerliche Unternehmer in Braunau, Prag und Reichenberg Tuch- und Kattunfabriken sowie Leinendruckereien. Aus beiden Schichten kommen die Glasfabrikanten, die den Luxus- und Exportartikel des »Böhmischen Glases« neben Wald- und Spiegelglas produzieren ließen. Beim Tode Josephs II. (1790) war Böhmen mit 2,5 Millionen Einwohnern das Exportland der Monarchie mit dem höchsten Steueraufkommen vor Mähren mit 1 Million Einwohnern. Österreichischer Kolonial- und Levantehandel
Zweimal versuchte Österreich am einträglichen Kolonialhandel teilzunehmen. Auf Betreiben von Antwerpener Bankiers, die seit 1715 eine anwachsende Zahl von Schiffen unter kaiserlicher Flagge nach Ostindien hatten segeln lassen, wurde 1722 die »Kaiserlich Ostindische Kompanie« gegründet, die für 30 Jahre das Monopol des Handels nach Ost- und Westindien sowie mit Afrika erhielt. Für ihren Schutz nahm der Kaiser 3-6 Prozent der Gewinne in Anspruch. Bis 1730 hatte die Kompanie bereits 100 Prozent des Aktienkapitals von 6 Millionen Gulden verdient, doch musste ihr im Vertrag von Wien 1731 der kaiserliche Schutz entzogen werden, weil England sonst der »Pragmatischen Sanktion« nicht zugestimmt hätte. Nachdem der »Friede von Passarowitz« (1718) österreichischen Untertanen in der Türkei exterritorialen Status eingebracht und ihre Konsuln zu Richtern erhoben hatte, setzte ein lebhafter Handel mit dem >Feind der Christenheit ein. Um den Levantehandel (Handel mit den Ländern östlich des Mittelmeeres) zu fördern, erhob Kaiser Karl VI. 1719 Triest und Fiume zu Freihäfen, in denen der Transithandel (z. B. nach Ungarn) zollfrei blieb. Förderlich war der Bau der Straße über den Semmering (1728) und die Einrichtung einer wöchentlichen Fahrverbindung Triest-Wien (1730). Zur Belebung des Levantehandels wurde 1719 die Bildung einer »Orientalischen Kompanie« von Staats wegen angeordnet, die zudem in der Monarchie Fabriken und Magazine errichten sollte. Sie erhielt 1721 das Monopol zum Handels- und Kriegsschiffsbau an der Adria. Ruiniert wurde die Organisation, weil sie unterkapitalisiert war, vorübergehend die Linzer Zeugmanufaktur übernehmen musste und an staatlich verordneten Geldlotterien Kapital verlor. Ab 1740 wurde die Gesellschaft in mehreren Etappen aufgelöst. Als Maria Theresia 1740 die Regierung übernahm, hatte der Levantehandel 1739 im »Vertrag von Belgrad« eine schwere Schlappe erlitten, denn alle Vorrechte mussten aufgegeben werden. Mit Schlesien, »Österreichs Großfabrikant« genannt, wurde auch der industriell fortschrittlichste Landesteil verloren. Die Finanzkrise von 1743 und der Kriegsbedarf konnten nur teilweise durch die nach Vermögen gestaffeite Kopfsteuer von 1746 und die Einkommenssteuer, an der sich der Adel minimal beteiligen musste, bewältigt werden. Anders als in Preußen wurden die Kriegsschulden nicht durch eine brutale Abwertung, sondern zum großen Teil durch Veräußerungen des Hauses Habsburg gemindert; so wurde das Millionenvermögen des Kaisers Franz auf den Staat überschrieben.
Durch höhere Steuern und Zölle konnte ein weiterer Teil der hohen Staatsverschuldung abgebaut werden. Um Handel und Handwerk zu heben, ließ Maria Theresia Textilschulen einrichten, förderte die Einwanderung tüchtiger Werkmeister, wobei sie gegen ihre Überzeugung religiöse Toleranz üben musste, versuchte mit Subventionen und Zoll- bzw. Steuererleichterungen einen gewerblichen Mittelstand zu fördern, der neben den adeligen Manufakturen bestehen konnte. Mittelpunkt dieser kleingewerblichen Tätigkeit blieb Wien, das um 1750 an die 220000 Einwohner zählte und die einzige Großstadt Mitteleuropas war. Banken und Börsen Kredit für den Handel
Hier und in Triest saßen auch die Banken, die Handel und Gewerbe finanzierten, aber unter der ständigen Einflussnahme der überwachenden Bürokratie zu leiden hatten. Erst 1769/71 nahm das Bankwesen einen Aufschwung durch die Gründung der Wiener Börse nach dem Vorbild der Pariser Börse von 1724. Schon 1751 war die Brünner Lehensbank geschaffen worden, die an Kaufleute Kredite gegen Warensicherheit gab. Gegen kaiserlichen Widerstand eröffneten 1787 ein dänischer Bankier und Wiener Kaufleute mit Geldeinlagen des Adels eine Wechseldiskont- und Warenlombardbank, die 1790 zusammenbrach, als der Gründer nach Wechselfälschungen floh. Solide hingegen war die 1789 von den Fürsten Schwarzenberg und Colloredo sowie dem Grafen Nostitz gegründete Bank, die Warenlombardierung ablehnte und sich auf die Gründung von Industrieunternehmen spezialisierte. Wie weit der österreichische Kredit reichte, zeigte die Verbreitung des Maria-Theresia-Talers, mit dem die passive Handelsbilanz zu den orientalischen Staaten ausgeglichen wurde. Schmuckwert und konstanter Silbergehalt verdrängten die minderwertigen Münzen aus Ägypten und Arabien, denn selbst der französische Orienthandel bediente sich der Maria-Theresia-Taler, die bis heute für den Handel rings ums Rote Meer nachgeprägt werden. Die Verhältnisse in den deutschen Mittelstaaten
Die wirtschaftliche Lage dieser Staaten wie Bayern, Baden, Pfalz, Württemberg u. a. kennzeichnet ein Zeitgenosse so: »Ich sah sie große Schiffe bauen, sah sie mit Waren aller Art befrachten, aber ganz vergeblich auf die Ankunft eines Windes warten.« Dieser Wind hätte ein Kapitalstrom und ein beherzter Unternehmer sein müssen, um die vom Meer und von Kolonien abgeschnittenen Agrarstaaten vorwärtszubringen. Kleinliche Vorschriften einer allmächtigen Bürokratie und hohe Besteuerung der Unternehmer verhinderten neben Geldmangel eine industrielle Entfaltung. Selbst die zahlreichen Spiegelmanufakturen und die 21 Porzellan- und Fayencefabriken, die deutsche Fürsten privilegiert und bezuschusst hatten, um die teuren Importwaren zu ersetzen, gingen alle ein oder mussten als staatliche Defizitunternehmen weitergeführt werden. Kapitalmangel, unzureichende Fähigkeiten der Techniker und vor allem Absatzschwierigkeiten waren Ursachen des Niedergangs. Nur da, wo ein kapitalkräftiger Unternehmer sich entfalten konnte, blieben Gründungen von Bestand, so die durch J. H. von Schule begründete Augsburger Textilindustrie. In Baden bezuschusste zwar der Markgraf die in Pforzheim angesiedelte Bijouterieindustrie (Schmuckindustrie), doch mussten sich die Unternehmen, häufig von französischen Emigranten geleitet, bald selbst helfen. Eine fleißige und technisch begabte Bevölkerung war Voraussetzung für die nach 1730 aufblühende Uhrenindustrie, für die Textilmanufaktur Lörrach, 1745 von Kilian aus Bern begründet, und die Eisenindustrie, die der Basler Thurneisen aus kleinsten Anfängen entwickelt hatte. Das Scheitern übergroßer Staatsunternehmen erlebten die Untertanen beim »Pforzheimer Waisenhaus«, 1718 von Markgraf Karl Wilhelm gestiftet, das Zeug- und Seidenfabrik, Strumpf- und Hosenstrickerei mit dem Waisenhaus verband. Nach seiner Auflösung wurde die Industrieschule für Landleute eingerichtet, deren Leiter Goethes Schwager Johann Georg Schlosser wurde. Er hatte erkannt, dass von der Hebung der Textilindustrie und des Bergbaues der landwirtschaftliche Fortschritt abhängig war. Die Pfalz, in vielen Feldzügen verwüstet und ausgepresst, litt unter korrupten Beamten und einem solchen Steuerdruck, dass Bauern in hellen Scharen nach Nordamerika und Ungarn auswanderten. (Zu den Einwanderern in Ungarn gehörten allerdings auch Bauernsöhne aus Franken und Schwaben, Aufständische aus dem Hotzenwald, kriegsgefangene Preußen und Protestanten aus Kärnten und Oberösterreich.) Der Versuch, Mannheim durch Zoll- und Handelsfreiheiten zu einer führenden Manufakturstadt zu machen, wurde aus Geldnot bald aufgegeben und durch einen scharfen staatlichen Protektionismus ersetzt. Erst als Kurfürst Karl Theodor 1742 die Kurpfalz mit Jülich und Berg erhielt, wurde die Woll-, Seiden- und Keramikindustrie planmäßig gefördert, die Korruption unterbunden, die Landwirtschaft durch Obst-, Kastanien-, Mandel-, Nuss- und Maulbeerpflanzungen abgesichert und 1774 in Lautern eine »Kameral-Hohen-Schule« gegründet, um wirtschaftswissenschaftlich geschulte Beamte heranzubilden. In Frankenthal wurden unter Leitung des Italieners Fontanesi und mit jüdischem Kapital nach 1768 »Verlag und Manufaktur von Uniformtuchen für Militär und Beamte« so durch Monopol, Steuer- und Abgabenbefreiung, Straßen- und Kanalbau unterstützt, dass nicht nur bald 4000 Arbeiter beschäftigt werden konnten, sondern dass auch die Landwirtschaft litt: Getreideböden wurden in Schafweiden und Maulbeerpflanzungen verwandelt, was zu Getreideeinfuhr zwang. Die Finanzierung dieser Manufakturen wie der steigende Bedarf des Hofes und der zahlreichen Schlossbauten, bei deren Ausstattung man den Nachbarsouverän ausstechen wollte, übernahmen Hoffaktoren (höfische Verwalter, Unternehmer im Dienst des Hofes), die in der Regel Juden waren. Nur die engen, oft familiären Bindungen der Judengemeinden untereinander ermöglichten es, die immensen Summen für Schlossbau und Kriegführung zu beschaffen, deren Verzinsung und Tilgung durch Verpachtung von Steuer- und Zolleinnahmen, durch Abgabe von Privilegien und Bergwerksregalen, durch Soldaten- und Güterverkauf aufgebracht wurden. Auch geistliche Fürstentümer bedienten sich der jüdischen Hoffaktoren und Heereslieferanten. So war Baruch Simon, der Großvater des Publizisten Ludwig Börne (* 1786, 11837), Hoffaktor für Kurköln und Paderborn und zusammen mit den Familien Gundersheimer und Oppenheim auch in Münster. Joseph Süß Oppenheimer, genannt »Jud Süß«, wurde zum Symbol jüdischer Raffgier abgestempelt, nachdem er zunächst als gewandter Hoffaktor für Herzog Karl Alexander von Württemberg immer neue Geldquellen erschließen durfte, um die Wünsche seines verschwenderischen Herrn zu erfüllen. Zu Lotterie, Münzverfälschung und Ämterhandel verleitet, endete er 1737, schmählich im Stich gelassen, am Strang. Messe- und Seestädte
Messe- wie Seestädte hatten kein nennenswertes Territorium um sich, waren daher auf freien Handel wenigstens der Transitgüter angewiesen. Trotz schwerster Kriegslasten wuchs Leipzig zwischen dem Frieden von Hubertusburg (1763) und der Kontinentalsperre (1806) zum wichtigsten Messeplatz weit vor Frankfurt heran, von 5000 bis 7000 Händlern besucht, die auch Fabriken gründeten oder sich am Ort niederließen. Am einträglichsten war der Pelzhandel. Frankfurts Messe, erstrangig nur während der Kriege Preußens, hatte um die 1000 Besucher, die vor allem mit Textilien, Metallwaren, Leder, Bijouterie und Uhren handelten. An beiden Plätzen entwickelte sich zu Ende des Jahrhunderts auch der Buchhandel im größeren Stil. Um zwischen den abgeschlossenen merkantilen Wirtschaftsräumen existieren zu können, gab Hamburg 1727 den ›Gästehandel‹ frei, verzichtete also beim Transit auf Zoll und andere Abgaben. Sofort wuchs der Herings- und Ochsenhandel. Johann Bertram RittershausenBürgerliche Welt- Wohlstand durch Handel und Gewerbe. Bildnis des Frankfurter Handelsmannes Johann Bertram Rittershausen mit seinem Sohn vor verpackter Ware. Gemälde von P. E. Stroehling, Frankfurt, Historisches Museum. Da Preußen einseitig Stettin als Hafen nutzte, konnte Hamburg einen Ausgleich nur mit Handelsverträgen schaffen. So bezog Hamburg 1769 bis 1789 aus Frankreich riesige Mengen Kaffee, Zucker und Luxuswaren, seit 1781 Waren aus den eben von England getrennten USA. Für die Geschäftszunahme wichtig war die Gründung der ersten hamburgischen »Assekuranz-Kompanie« 1765, der bis 1806 weitere 30 Versicherungen folgten, die Amsterdam auf den zweiten Platz verwiesen. Nach der Reform der Girobank 1760 und dem Verfall der Amsterdamer Bank 1790 war Hamburg der führende Bank-, Wechsel- und Versicherungsplatz des Kontinents. Französische Emigranten brachten nach 1789, holländische nach 1795 zahlreiche Schiffe, ansehnliches Kapital und frischen Unternehmungsgeist nach Hamburg, das erst durch die Kontinentalsperre Napoleons eine Zäsur erlitt.